Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Denkst du denn nicht an den Loup Garou?

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Update zu Des Maies Wonneschlingen:

Die Droste überrascht. War in der Schule Die Judenbuche noch so freudlos wie jeder andere Schulstoff, der mit Juden zu tun hatte, auch, trifft man sie in der Frühzeit des Bloggens mit ihren gesammelten Briefen als Gewinnerin des Grimme-Online-Preises wieder, und den notorisch galligen, weil fränkischen Zeichnern Greser & Lenz war sie im jungen Jahrtausend ein so anzügliches, dabei glaubwürdiges Nacktbild wert, dass man es hierher, liebe minderjährige Stoffsammler für den Deutschunterricht, gar nicht verlinken kann.

Und plötzlich gestaltet sie ihre Dezimen fünf- statt, wie im pyrenäischen Spanien üblich, vierhebig und wechselt sie so formsicher mit refrainhaltigen Stanzen ab, dass man darauf tanzen und sie in die Nähe der verwegensten Spielereien von Brentano rücken möchte. Aber vorerst nur ganz kurz.

Die Pyrenäen waren im Biedermeier ungefähr eine Saison lang ein beliebtes Thema fiktiver Gestaltung. In der äußeren Wirklichkeit kann „Bagneres“ für das französische Bagnères-de-Bigorre oder Bagnères-de-Luchon stehen; eine nennenswert bewallfahrene „Heilige Frau von Embrun“ konnte ich in der Embruner Kathedrale nicht feststellen, aber Notre-Dame-du-Réal stammt aus dem 12. Jahrhundert und sieht sehr romanisch-gotisch ehrwürdig und vor allem einladend aus – genau nebenan gibt’s bestimmt ein Glas eisgekühlten Pastis mit genug Leitungswasser, damit es einen heißen Urlaubsnachmittag lang reicht –, wenn es einen schon wegen einer übermütigen Gruselballade mal in die Pyrenäen verschlüge.

——— Annette von Droste-Hülshoff:

III. Der Loup Garou

für: Kölnische Zeitung, 1844/45,
in: Letzte Gaben. Nachgelassene Blätter. Hrsg. v. Levin Schücking. Hannover, 1860,
Volksglauben in den Pyrenäen:

Werwölfe mit Schaf aus Dr. Urbanus Rhegius, Wie man die falschen Propheten erkennen, ja greiffen mag, Wittenberg 1539       Brüderchen schläft, ihr Kinder, still!
       Setzt euch ordentlich her zum Feuer!
       Hört ihr der Eule wüst Geschrill?
       Hu! im Walde ist’s nicht geheuer.
       Frommen Kindern geschieht kein Leid,
       Drückt nur immer die Lippen zu,
       Denn das böse, das lacht und schreit,
       Holt die Eul‘ und der Loup Garou.

Wißt ihr, dort, wo das Naß vom Schiefer träuft
Und übern Weg ’ne andre Straße läuft,
Das nennt man Kreuzweg, und da geht er um,
Bald so, bald so, doch immer falsch und stumm,
Und immer schielend; vor dem Auge steht
Das Weiße ihm, so hat er es verdreht;
Dran ist er kenntlich und am Kettenschleifen,
So trabt er, trabt, darf keinem Frommen nahn;
Die schlimmen Leute nur, die darf er greifen
Mit seinem langen, langen, langen Zahn.

       Schiebt das Reisig der Flamme ein,
       Puh! wie die Funken knistern und stäuben!
       Pierrot, was soll das Wackeln sein?
       Mußt ein Weilchen du ruhig bleiben,
       Gleich wird die Zeit dir Jahre lang!
       Laß doch den armen Hund in Ruh‘!
       Immer sind deine Händ‘ im Gang,
       Denkst du denn nicht an den Loup Garou?

Vom reichen Kaufmann hab‘ ich euch erzählt,
Der seine dürft’gen Schuldner so gequält,
Und kam mit sieben Säcken von Bagneres,
Vier von Juwelen, drei von Golde schwer;
Wie er aus Geiz den schlimmen Führer nahm,
Und ihm das Unthier auf den Nacken kam.
Am Halse sah man noch der Kralle Spuren,
Die sieben Säcke hat es weggezuckt,
Und seine Börse auch, und seine Uhren,
Die hat es all zerbissen und verschluckt.

       Schließt die Thür, es brummt im Wald!
       Als die Sonne sich heut verkrochen,
       Lag das Wetter am Riff geballt,
       Und nun hört man’s sieden und kochen.
       Ruhig, ruhig, du kleines Ding!
       Hörst du? — drunten im Stalle — hu!
       Hörst du? Hörst du’s? kling, klang, kling,
       Schüttelt die Kette der Loup Garou.

Doch von dem Trunkenbolde wißt ihr nicht,
Dem in der kalten Weihnacht am Gesicht
Das Thier gefressen, daß am heil’gen Tag
Er wund und scheußlich überm Schneee lag;
Zog von der Schenke aus, in jeder Hand
‚Ne Flasche, die man auch noch beide fand;
Doch wo die Wangen sonst, da waren Knochen,
Und wo die Augen, blut’ge Höhlen nur;
Und wo der Schädel hier und da zerbrochen,
Da sah man deutlich auch der Zähne Spur.

Cover Leonie Swann, Garou, Goldmann 2010       Wie am Giebel es knarrt und kracht!
       Caton, schau auf die Bühne droben
       — Aber nimm mir die Lamp‘ in Acht —,
       Ob vor die Luke der Riegel geschoben.
       Pierrot, Schlingel! das rutscht herab
       Von der Bank, ohne Strümpf‘ und Schuh‘!
       Willst du bleiben! tapp, tipp, tapp,
       Geht auf dem Söller der Loup Garou.

Und meine Mutter hat mir oft gesagt
Von einem tauben Manne, hochbetagt,
Fast hundertjährig, dem es noch geschehn
Als Kind, daß er das Scheuel hat gesehn,
Recht wie ’nen Hund, nur weiß wie Schnee und ganz
Verkehrt die Augen, eingeklemmt den Schwanz,
Und spannenlang die Zunge aus dem Schlunde,
So mit der Kette weg an Waldes Bord,
Dann wieder sah er ihn im Tobelgrunde,
Und wieder sah er hin — da war er fort.

       Hab‘ ich es nicht gedacht? es schneit!
       Ho, wie fliegen die Flocken am Fenster!
       Heilige Frau von Embrun! wer heut
       Draußen wandelt, braucht keine Gespenster;
       Irrlicht ist ihm die Nebelsäul‘,
       Führt ihn schwankend dem Abgrund zu,
       Sturmes Flügel die Todteneul‘,
       Und der Tobel sein Loup Garou.

Bilder: Dr. Urbanus Rhegius: Wie man die falschen Propheten erkennen/ ja greiffen mag/
Ein Predig zu Mynden jnn Westphalen gethan/ durch D. Urbanum Rhegium:

Die Hirten sind zu Narren worden/ und fragen nichts nach Gott/ Darumb können sie auch nichts rechts leren/ sondern zerstrewet die Herd, Wittenberg. M. D. XXXIX

Wittenberg 1539;
Leonie Swann: Garou: Ein Schaf-Thriller, Goldmann, München 2010.

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Written by Wolf

23. Juli 2015 um 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Das Tier & wir

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