Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Wenn man etwas Bildung hat (Die Moritat vom jungen Friedrich Kolbe)

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Update zur Eskimojade:

Mein lyrisches Frühwerk hat sich immer wie Wilhelm Busch angehört, weshalb ich es heute nicht mehr eigens verbreiten muss. Besonders beeindruckt hat mich in den zwei Bänden Was beliebt, ist auch erlaubt und Und die Moral von der Geschicht, die es seit 1959 unverändert mit dem Vorwort von Theodor Heuss gibt, Trauriges Resultat einer vernachlässigten Erziehung, das ich zehnjährig für einen echten Krimi gehalten hab. Allein der Formulierung der Überschrift nach zu schließen, ist es aber eher die Parodie auf eine Moritat und tatsächlich auf so ziemlich jede Melodie cantabile. — Und was heißt hier überhaupt, die haben Sie nicht, die einzige Gesamtausgabe, die wirklich überall hingehört, wo jemand wohnt, der lesen kann? Klick und kaufen, aber zügig!

Wilhelm Busch hat sich durchgehend mit einiger Koketterie als Kauz und „eingefleischten Junggesellen“ — was zeitweise eine feine Umschreibung für „schwul“ war — dargestellt. Die Moritat schrieb er mit 28 Jahren, da klang er, man weiß nicht, mit wie viel Ironie, geradezu frühvergreist. Trotzdem ist sie deutlich ein Steinbruch an Motiven für das spätere Max und Moritz, 1865: Der Schneider heißt Böckel statt später Böck, wird aber ebenfalls mit „Meck, meck, meck“ gemobbt; Antiheld Fritzchen hat Pausbacken und Strubbelfrisur der späteren Max-Figur und die Hosen von Moritz, die hier allerdings eine handlungstragende Rolle spielen (siehe Gudrun Schury: Ich wollt, ich wär ein Eskimo. Das Leben des Wilhelm Busch. Aufbau Verlag, Berlin 2007, als Taschenbuch in: Aufbau-Taschenbücher Nr. 7071, Berlin 2010).

Die vermittelten moralischen Werte — weil „Moritat“ entweder von „Moralität“ oder „Mordtat“ kommt — erscheinen heute fragwürdig. Das ist ja gerade die Gaudi. Ich bringe den Text korrigiert nach der Erstveröffentlichung in den Fliegenden Blättern, die sich von den erhältlichen, gefällig geglätteten am stärksten in der Zeichensetzung unterscheidet.

——— Wilhelm Busch:

Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung

in: Fliegende Blätter 33.1860, Nr. 783—808, Seite 108 bis 111., 1860:

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergAch, wie oft kommt uns zu Ohren,
Daß ein Mensch was Böses that,
Was man sehr begreiflich findet,
Wenn man etwas Bildung hat.

Manche Eltern sieht man lesen
In der Zeitung früh bis spät ;
Aber was will dies bedeuten,
Wenn man nicht zur Kirche geht ?

Denn man braucht nur zu bemerken,
Wie ein solches Ehepaar
Oft sein eig’nes Kind erziehet,
Ach, das ist ja schauderbar !

Ja, zum In’stheatergehen,
Ja, zu so was hat man Zeit,
Abgeseh’n von and’ren Dingen,
Aber wo ist Frömmigkeit ?

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergZum Exempel, die Familie,
Die sich Johann Kolbe schrieb,
Hatt‘ es selbst sich zuzuschreiben,
Daß sie nicht lebendig blieb.

Einen Fritz von sieben Jahren
Hatten diese Leute blos,
Außerdem, obschon vermögend,
Waren sie ganz kinderlos.

Nun wird mancher wohl sich denken :
Fritz wird gut erzogen sein,
Weil ein Privatier sein Vater ;
Doch da tönt es leider : Nein !

Alles konnte Fritzchen kriegen,
Wenn er seine Eltern bat,
Äpfel=, Birnen=, Zwetschgenkuchen,
Aber niemals guten Rath.

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergDas bewies der Schneider Böckel,
Wohnhaft Nr. 5 am Eck ;
Kaum, daß dieser Herr sich zeigte,
Gleich schrie Fritzchen : meck, meck, meck !

Oftmals, weil ihn dieses kränkte,
Kam er und beklagte sich,
Aber Fritzchens Vater sagte :
Dieses wäre lächerlich.

Wozu aber soll das führen,
Ganz besonders in der Stadt,
Wenn ein Kind von seinen Eltern
Weiter nichts gelernet hat ?

So was nimmt kein gutes Ende. —
Fast verging ein ganzes Jahr,
Bis der Zorn in diesem Schneider
Eine schwarze That gebar.

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergUnter Vorwand eines Kuchens
Lockt er Fritzchen in sein Haus,
Und mit einer großen Scheere
Bläst er ihm das Leben aus.

Kaum hat Böckel dies verbrochen,
Als es ihn auch schon schenirt,
Darum nimmt er Fritzchens Kleider,
Welche grün und blau karirt.

Fritzchen wirft er schnell ins Wasser,
Daß es einen Plumpser thut,
Kehrt beruhigt dann nach Hause,
Denkend : So, das wäre gut !

Ja, es setzte dieser Schneider
An die Arbeit sich sogar,
Welche eines Tandlers Hose
Und auch sehr zerrissen war.

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergDazu nahm er Fritzchens Kleider,
Weil er denkt : dich krieg‘ ich schon !
Aber ach ! ihr armen Eltern,
Wo ist Fritzchen, euer Sohn ?

In der Küche steht die Mutter,
Wo sie einen Fisch entleibt,
Und sie macht sich große Sorge :
Wo nur Fritzchen heute bleibt ?

Als sie nun den Fisch aufschneidet,
Da war Fritz in dessen Bauch. —
Todt fiel sie in’s Küchenmesser
Fritzchen war ihr letzter Hauch.

Wie erschrack der arme Vater,
Der g’rad‘ eine Prise nahm ;
Heftig fängt er an zu niesen,
Welches sonst nur selten kam.

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergStolpern und durch’s Fenster stürzen,
Ach, wie bald ist das gescheh’n !
Ach ! und Fritzchens alte Tante
Muß auch g’rad‘ vorüber geh’n.

Dieser fällt man auf den Nacken,
Knacks ! da haben wir es schon !
Beiden theuren Anverwandten
Ist die Seele sanft entfloh’n.

D’rob erstaunten viele Leute
Und man munkelt allerlei,
Doch den wahren Grund der Sache
Fand die wack’re Polizei.

Nämlich Eins war gleich verdächtig :
Fritz hat keine Kleider an !
Und wie wäre so was möglich,
Wenn es dieser Fisch gethan ?

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergLange fand man keinen Thäter,
Bis man einen Tandler fing,
Der, es war ganz kurz nach Ostern,
Eben in die Kirche ging.

Ein Gensdarm, der auf der Lauer,
Hatte nämlich gleich verspürt,
Daß die Hose dieses Tandlers
Hinten grün und blau karirt.

Und es war ein dumpf‘ Gemurmel
Bei den Leuten in der Stadt,
Daß ’ne schwarze Tandlersseele
Dieses Kind geschlachtet hat.

Hochentzücket führt den Tandler
Man zur Exekution ;
Zwar er will noch immer mucksen,
Aber Wupp ! da hängt er schon. —

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergNun wird Mancher hier wohl fragen :
Wo bleibt die Gerechtigkeit ?
Denn dem Schneidermeister Böckel
Thut bis jetzt man nichts zu leid.

Aber in der Westentasche
Des verstorb’nen Tandlers fand
Man die Quittung seiner Hose
Und von Böckel’s eig’ner Hand.

Als man diese durchgelesen,
Schöpfte man sogleich Verdacht
Und man sprach zu den Gensdarmen:
Kinder, habt auf Böckel acht !

Einst geht Böckel in die Kirche.
Plötzlich fällt er um vor Schreck,
Denn ganz dicht an seinem Rücken
Schreit man plötzlich : Meck, meck, meck !

Dies geschah von einer Ziege ;
Doch für Böckel war’s genug,
Daß sein schuldiges Gewissen
Ihn damit zu Boden schlug.

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergEin Gensdarm, der dies verspürte,
Kam aus dem Versteck herfür,
Und zu Böckel hingewendet
Sprach er : Böckel geh‘ mit mir !

Kaum noch zählt man 14 Tage,
Als man schon das Urtheil spricht :
Böckel sei auf’s Rad zu flechten.
Aber Böckel liebt dies nicht.

Ach ! die große Schneiderscheere
Ließ man leider ihm, und Schnapp !
Schnitt er sich mit eig’nen Händen
Seinen Lebensfaden ab.

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergJa, so geht es bösen Menschen.
Schließlich kriegt man seinen Lohn.
Darum, o ihr lieben Eltern,
Gebt doch Acht auf Euern Sohn.

Bilder: Universitätsbibliothek Heidelberg: Heidelberger historische Bestände — digital. Abermals danke, danke, danke für dieses Projekt samt den sorgfältigen Scanner — den viereckigen wie den zweibeinigen — in einem anständigen Kontrast:

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek Heidelberg

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek Heidelberg

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek Heidelberg

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Written by Wolf

4. März 2016 um 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Vier letzte Dinge: Tod

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