Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Ein holprichtes Lied mit tiefer und rauher Stimme

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Update zu O komm ein Engel und rette mich!:

In unserer nicht enden wollenden Reihe „Unterschätzte Klassiker“ folgt der Romantiker Karl Leberecht Immermann. Bekannt durch seine Version von Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken 1838 f., saß er zuvor schon viel länger an Die Epigonen. Familienmemoiren in neun Büchern 1823–1835: 1823 bis zur Erscheinung 1836.

Danse macabre, Skeleton kissingWie oft Immermann seinen Roman in Teilen und zur Gänze umgeschrieben hat, steht am genauesten in der bis heute einzigen zurechnungsfähigen Ausgabe von Peter Hasubek bei Winkler 1981, die mit ihren 823 Seiten (davon Text: 640 Seiten) immer noch keinen historisch-kritischen Anspruch erheben kann.

Mir ist die beim Oxfam rein zufällig für lasche drei Euro zugelaufen; so viel schlägt, mit Verlaub, Amazon allein an Porto automatisch auf jede 1-Cent-Bestellung drauf. Ein echter alter Winkler aus Persia-Bibeldruckpapier, das so erotisch ist, dass sie meinethalben sogar den Witiko draufdrucken könnten (was sie leider seit 1949 auch tun), der Schutzumschlag leicht abgewetzt, für drei Steinchen? Mein Gott, in München ist der Cappuccino teurer, wird viel schneller kalt, und von der Bedienung schwach anreden muss man sich auch noch lassen, also nix wie mit. Wenn man sich dann an einen 200-jährigen obskuren Roman traut, entdeckt man eine ausufernde Schrulle auf dem Niveau der besten Momente bei Ludwig Tieck — und Tieck will bei mir was heißen. Ende des Angeberteils. — Ich verspreche mir noch viel Spaß von der Mignon-Figur „Flämmchen“, die so jemand zwischen der Goethischen Friederike Brion (nicht seiner Mignon, die wäre zu traurig) und Pippi Langstrumpf sein muss, aber wie immer steht das Interessanteste im Anhang.

Der ist ausführlich genug, um das Hin und Her der Versionen im Laufe der dreizehn Entstehungsjahre erahnen zu lassen, und bringt einige Outtakes, die, wie es oft so geht, gerne schon mal besser sind als die Endfassung. Wir kriegen den jetzt noch öfter, daher gibt’s heute nur eine aussortierte Neufassung des Schnitterlieds aus dem Wunderhorn, das in seiner bestechend volksliedhaften Kürze viel besser, abermals mit Verlaub: in die Fresse haut — und weil es von einem sinistren alten Weib gesungen wird. — Ich zitiere es in einem selbst konstruierten, aber sinnvollen Zusammenhang, der sonst nirgends so erscheint.

Short Tailed Snails: Es ist ein Schnitter heißt der Tod, „aufgenommen 2014 in unserem Kurzschwanzschneckenstudio (mit einem original Kurzschwanzschneckenstudioaufnahmegerät selbstverständlich)“.

——— Karl Immermann:

Die Epigonen

Erstes Buch: Klugheit und Irrtum, Neuntes Kapitel, 1836:

„Laß dein angelerntes Geschwätz! Alle diese konfusen Dinge gehören in einen Roman, und nicht in das Leben“, erwiderte Hermann. „Ich werde mich dadurch nicht abhalten lassen, einer Unglücklichen beizustehen. Vermutlich hast du, Betrügerin, die Not der Armen benutzt, ihr den letzten Pfennig abgenommen, und dafür ihr Gehirn mit aberwitzigen Dingen erfüllt.“

„Nur aus der Hand, auf der etwas Blankes liegt, läßt sich wahrsagen“, versetzte die Alte. „Sie hat bezahlen müssen, was Recht ist. Wer gibt Euch die Befugnis, mich auszuschelten?“

In diesem Augenblick trat der Mond hinter eine finstre Wolke, und bei der Dunkelheit, die hierdurch entstand, gewahrte Hermann durch die Bäume den Schimmer eines schwachen Lichts. Der Mondschein hatte vorher das spärliche Leuchten überstrahlt. Er schloß aus diesem Umstande auf die Nähe einer menschlichen Wohnung, und da er seiner Meinung nach von dem Städtchen weit verschlagen sein mußte, die Alte aber fest dabei verblieb, daß sie ihm den Ort, wohin sie Flämmchen geschickt, nicht bezeichnen könne, so entschloß er sich, auf den Schein loszugehn, und den guten Willen der Bewohner um ein Obdach anzusprechen.

Er verließ die Alte ohne Abschied. Diese hob, wir wissen nicht, ob zu ihrer Erbauung, oder zum Zeitvertreibe, ein holprichtes Lied an, und sang mit tiefer und rauher Stimme Strophen durch die Nacht, deren Worte Hermann nicht verstehen konnte.

Der größte Schnitter ist der Tod,
Denn seine Sense gab ihm Gott;
Die Ernte sind wir allesamt,
Was von dem ersten Paare stammt.

Auch junge Reiser schneidet er,
Ist hinter alten Dornen her,
Schwertlilien, Rittersporn er bricht,
Die Kaiserkrone schreckt ihn nicht.

Er hat sich nie zur Rast gesetzt,
Er hat die Sense nie gewetzt,
Die Sense mäht von Dorf zu Stadt,
Sie wird nicht stumpf, er wird nicht matt.

Bruno Héroux, Ein Totentanz. Und wenn der Teufel Hochzeit hält, so lad ich mich zu Gaste, 1939--1943, Stadtgeschichtliches Museum LeipzigDie Vorlage kannte Immermann vermutlich aus Des Knaben Wunderhorn, dem 1. Band schon von 1806. Lieder-Mitsammler Clemens Brentano hatte es schon 1801 im Godwi zitiert, aufgelesen in seinem Lieblingsbuch von Martin von Cochem: Allgemeines Gesang-Buch von 1705, dort Seite 354 bis 356. Die Kommentierte Gesamtausgabe des Wunderhorns, herausgegeben vom verdienstreichen deutschen Ober-Märchenonkel Heinz Rölleke bei Reclam 1987 (immer noch in verschiedenen Aggregatzuständen erhältlich!) führt aus:

Vor der Schlußstrophe sind drei Strophen ausgelassen; im übrigen beschränkt sich die Barbeitung fast ausschließlich auf metrische und sprachliche Verdeutlichungen. Der älteste deutsche Beleg dieses weit verbreiteten und bis heute bekannten Liedes ist ein Fliegendes Blatt aus dem Jahr 1638 mit der handschriftlichen Notiz: „Schnitterlied, gesungen zu Regenspurg da ein hochadelige junge Blumen ohnversehens abgebrochen im Jenner 1637, gedichtet im Jahr 1637“. Ausgangspunkt ist das im Alten Testament (Jer. 9,21) begegnende Bild vom Tod als Schnitter, dem auch die apartesten Blumen […] zum Opfer fallen.

Persönlich wundert mich erstens, dass der Urtext aus Regenburg stammen soll, nachdem mich spätestens der Reim „Liljen“ auf „austilgen“ nach Niederdeutschland verwiesen hätte.

Zweitens wundert mich die offenbar doch recht langlebige Verwendung als Kirchenlied. Es mag an mir liegen, aber eine Kirchengemeinde, die — vor allem zu Traueranlässen — andächtig aus ihrem Gesangbuch strophenweise Blumenarten absingt, ist mir eine skurrile bildliche Vorstellung. Hierzu noch einmal Röllekes Kommentar:

Goethes seltsam umschriebene Hochschätzung ist angesichts seiner sonstigen Ablehnung dieses Liedgenres besonders bemerkenswert: „Katholisches Kirchen-Todeslied. Verdiente protestantisch zu seyn.“

——— N. N.:

Erndtelied.

Katholisches Kirchenlied.

Volkslied, 17. Jahrhundert, Version Clemens Brentano für Des Knaben Wunderhorn, Mohr und Zimmer, Heidelberg 1806:

William Strang, Danse Macabre, ca. 1893, British Museum via Love Like CancerEs ist ein Schnitter, der heißt Tod,
Hat Gewalt vom höchsten Gott,
Heut wezt er das Messer,
Es schneidt schon viel besser,
Bald wird er drein schneiden,
Wir müssens nur leiden.
Hüte dich schöns Blümelein!

Was heut noch grün und frisch da steht,
Wird morgen schon hinweggemäht:
Die edlen Narcissen,
Die Zierden der Wiesen,
Die schön‘ Hiazinten,
Die türkischen Binden.
Hüte dich schöns Blümelein!

Viel hundert tausend ungezählt,
Was nur unter die Sichel fällt,
Ihr Rosen, ihr Liljen,
Euch wird er austilgen,
Auch die Kaiser-Kronen,
Wird er nicht verschonen.
Hüte dich schöns Blümelein!

Das himmelfarbe Ehrenpreiß,
Die Tulipanen gelb und weiß,
Die silbernen Glocken,
Die goldenen Flocken,
Senkt alles zur Erden,
Was wird daraus werden?
Hüte dich schöns Blümelein!

Ihr hübsch Lavendel, Roßmarein,
Ihr vielfärbige Röselein.
Ihr stolze Schwerdliljen,
Ihr krause Basiljen,
Ihr zarte Violen,
Man wird euch bald holen.
Hüte dich schöns Blümelein!

Trotz! Tod, komm her, ich fürcht dich nicht,
Trotz, eil daher in einem Schnitt.
Werd ich nur verletzet,
So werd ich versetzet
In den himmlischen Garten,
Auf den alle wir warten.
Freu‘ dich du schöns Blümelein.

Rudolf Bonvie. Danse macabre, 6. April 2014

Druck-Version: Der Bote: Es ist ein Schnitter, heißt der Tod, 2007:

Hüte dich schöns Blümelein: Emily Hubbard: Crying for the Moon 3. Juni 2013;
Bruno Héroux: Ein Totentanz: „Und wenn der Teufel Hochzeit hält, so lad ich mich zu Gaste …“,
Radierung auf Papier, 1939 bis 1943, 25,5 cm x 19,7 cm, via Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Inventarnummer H 424g;
William Strang: Danse macabre, ca. 1893, Radierung, British Museum, London;
Rudolf Bonvie: Danse macabre, 6. April 2014.

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Written by Wolf

17. Juni 2016 um 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

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