Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

O komm ein Engel und rette mich!

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Update zu Als ich in Saarbrücken:

Zum unrunden, aber gefahrlos begehbaren 222. Todestag des glücklosen Lenz (nach russisch-julianischer Zeitrechnung jedenfalls, westlich-gregorianisch wäre erst der 4. Juni) empfehle ich warm, noch einmal das Gedicht Wo bist du itzt und dessen sorgsame Einrichtung vom Januar durchzulesen: Nicht nur ist das eins der allerschönsten Gedichte zwischen Aufklärung und Romantik (wir rechnen es mitsamt dem Dichter unter Sturm und Drang), dort hab ich auch das beeindruckendste Wissenswerte über Lenz versammelt, damit es für Schulreferate genauso taugt wie zum absichtslosen Ergötzen.

Nach Anlass und Inhalt wäre es passender gewesen, im Januar das nachstehende Gedicht zu verbreiten, weil es teilweise von Engeln handelt, und dafür Wo bist du itzt itzt, weil es teilweise vom Mai handelt, nach der Stimmung passt es aber durchaus so, wie es jetzt geworden ist. Der Lenz, er ruhe sanft und nicht vollends vergessen.

Die Demuth schrieb Lenz in seiner Straßburger Zeit, das Thema der Demut beschäftigte ihn schon in Moralische Bekehrung eines Poeten — und sinnigerweise in seiner Gastpredigt in der Sesenheimer Pfarrkirche, deren Turm er hauptsächlich umschlich, um sich von großer Hoffart getrieben an die Pfarrerstochter Friederike Brion, Goethes Ex, zu pirschen. Das Manuskript ging auf einem Straßburgbesuch im Juni 1774 an Johann Kaspar Lavater und ist seitdem nicht weiter nachweisbar.

Die bisherigen Versionen im Internet schreiben vermutlich eine von der anderen allzu gerne „Ich kroch empor wie das geschmeide Ephen“ ab; ich verbessere nach der Gesamtausgabe von Sigrid Damm auf „Epheu“, was „Efeu“ heißt. Das gibt Sinn.

Serge Marshennikov

——— Jakob Michael Reinhold Lenz:

Die Demuth

1774, Erstdruck in: Johann Konrad Pfenningers Christliches Magazin,
IV. Band, 1. Stück, Zürich und Winterthur 1779:

Ich wuchs empor, wie Weidenbäume
Von manchem Nord geschlenkt
Ihr niedrig Haupt in lichte Wolken heben,
Wenn nun der Frühling lacht.

Serge MarshennikovIch kroch empor wie das geschmeide Epheu
Durch Schutt und Mauern Wege findt,
An dürren Stäben hält und höher
Als Sie, zum Schutt an ihren Füßen
Hinunter sieht.

Ich flog empor, wie die Rakete
Verschlossen und vermacht, die Bande
Zerreißt und schnell, sobald der Funken
Sie angerührt, gen Himmel steigt.

Ich kletterte wie junge Gemsen,
Die nun zuerst die Federkraft
In Sehn’n und Muskeln fühlen, wenn sie
Die steile Höh‘ erblicken, empor.

Hier häng ich itzt aus Dunst und Wolken
Nach dir furchtbare Tiefe, nieder —
Giebts Engel hier? O komm ein Engel
Und rette mich!

O wenn ich diesen Felsengang stürzte,
Wo wär, ihr Engel Gottes! mein Ende?
Wo wär ein Ende meiner Thränen
Um dich, um dich verlorne Demuth?

Dich der Christen und nur der Christen
Einziger, allerhöchster Seegen
Heiliger Balsam! der die Wunden
Des schwingeversengenden Stolzes heilt.

Serge MarshennikovEinzige Lindrung edler Gemüther,
Wenn in der trostlosen, heißen, öden,
Heißen, öden, verzehrenden Wüste
Eitler Ehre sie sich verirrt.

Wann sie schmachteten und nicht fanden
Wo sie den Durst der Hölle stillten
Der ihr Gebein verzehrte.

Wann sie, verzweifelnd um Schatten, wählten
Wege nach Morgen, nach Mittag, nach Abend
Und nicht fanden, nicht fanden, nicht fanden
Wo ein Schatten sie kühlete.

Wenn sie auf unmitleidigen Sand hin-
ab sich stürzten und strekten und weinten.
Ach die Thränen rolleten auf und nieder
So heiß war der Sand.

Komm der Christen Erretter und Vater,
Komm du Gott in verachteter Bildung!
Komm und zeige der Demuth geheime
Pfade mir an.

Führe mich weit und nieder hinunter
In ihre dunkeln Schattenthale
Voll lebendiger springender Brunnen,
Wo die Einsamkeit oder die Freude
Also lispelt:

Komm‘ gerösteter Laurentius
Unglükseeliger Sterblicher!
Ruh‘ von deinem Streben nach Unglük,
Ruhe hier aus.

Oder wenn von glüklicherm Streben
Du zu ruhen, Beruf in dir fühlest,
Wenn deine Flügel sinken,
Wenn deine Federkraft sich zurüksehnt,
Du die Gebeine nur fühlst, der Geister
All entledigt — Gerippe —
Ruhe hier aus!

Horch! hier singen die Nachtigallen,
Auch Geschöpfe, wie du, und beßer,
Denn ein Gott hat sie singen gelehrt
Und sie dachten doch nie daran, ob sie
Beßer sängen als andre.

Hier, hier Sterblicher! sieh hier rauschen
Quellen in lieblichen Melodien,
Jede den ihr bezeichneten Weg hin
Ohne Gefahr.

Serge MarshennikovSieh hier blühen die Blumen wie Mädgen
In ihrer ersten Jugend-Unschuld,
Unverdorbene Lilien-Mädgen;
Ja sie blühen und lächeln und buhlen
Ungesehen und unbewundert
Mit den Winden der lauen Luft!

Lerne von ihnen, für wen blühn sie?
Für den Gott, der sie blühen machte
All in ihrer unnachahmlichen
Blumen Naivetät.

Sieh den Weg an! irrte hier jemals
Ein animalischer Fuß?
Blüh’n doch, blühen dem guten Schöpfer
Der sie gemacht.

Hier, hier Sterblicher! hier wo Jesus,
Als er ein Knabe war,
Hier wo Jesus, dein Jesus geschlummert
Bis ins dreißigste Jahr.

Hier wo Er aus dem Getümmel der tollen
Plumpen Bewundrer sich hergestohlen,
Hier seinen reinen Athem dem Vater,
Seufzend über die Thorheit und Mühe
Menschlicher Grillen, zurükgeschikt hat;

Hier, hier Sterblicher! hier wo Jesus
Von seinen Gottesthaten geruht,
Hier, hier ruhe von den Spielen
Deiner dir anvertrauten Kindskraft.

Serge Marshennikov

Zu Lenzens Ehre zeige ich einige Gemälde von unverdorbenen Lilien-Mädgen aus seiner kurisch-russischen Gegend, die ihm, wenn man die wenigen überlieferten Bilder von Friederike Brion kennt, gewiss zugesagt hätten, von Serge Marshennikov.

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Written by Wolf

24. Mai 2014 um 00:01

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