Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Als ich in Saarbrücken

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Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg. Viel mehr ist von ihm nicht ins kollektive Bewusstsein vorgedrungen.

Am 23. Jänner 1751 wurde er in einem Kuhdorf ganz oben im Kurländischen geboren (der gleichaltrige Herder, den er in Weimar treffen sollte, stammte immerhin noch aus der unweiten Metropole Riga), da wo es heute Livland heißt, ansonsten hat er ein Leben lang alles darangesetzt, Goethe zu sein — in einem Ausmaß, dass er vom echten Geheimrat Goethe, der allein von Alters wegen überall schon der Erste war, in Stadt und Herzogtum Weimar Hausverbot erhielt.

Friederike Brion in Elsässer Tracht um 1770Bei Goethes weiland Studentenliebchen Friederike Brion zu Sesenheim wurde, nach Ablauf zweier Jahre seinerseits im Studentenalter, auch Lenz vorstellig, um Goethes damalige Stelle einzunehmen. Leider war das Fräulein Friederike, nachdem es den Größten und Besten von allen geliebt, für alle anderen verdorben, und blieb zeitlebens Fräulein.

Lenz gehört dem Sturm und Drang an, heute rechnet man ihn wegen seiner Kompromisslosigkeit sogar als Vorläufer des Jungen Deutschland, darin dem gerade zwei Jahre älteren Goethe in seinem jugendlichen Aggregatzustand nicht unähnlich, den er als Fürstenliebling, führender Beamter für so ziemlich alles und eigens geadelter Baron allerdings alsbald hinter sich ließ. In Gestus und Absichten gleicht er viel eher Georg Büchner, den er offensichtlich mehr beschäftigte. Seine erste Gesamtausgabe — genau wie die aktuelle von Sigrid Damm 1985 in drei Bänden — wurde dann 1828 vom „König der Romantik“ Ludwig Tieck eingerichtet.

Lenzens Alliance mit seiner verflossenen Friederike nahm Goethe noch mit nachsichtigem Kopfschütteln hin und begrüßte ihn zu Weimar als einflussreichen Schauspieldichter, ja den „zweiten Zauberer“ (Heinrich Christian Boie) neben sich selbst und Freund, der bei Hofe einzuführen war — als er sich allerdings an Goethes derzeitige Liebe Charlotte von Stein pirschte, gar einige Wochen allein zu zweit mit ihr auf ihrem Landgut Kochberg verbrachte und Goethe vermutlich — der Briefwechsel ist auf geheimrätlichen Befehl vernichtet — in nicht hinnehmbarer Weise beleidigte, wurde das angeführte Stadt- und Landesverbot fällig.

Man möchte das gern als liebenswerte Schelmenstreiche, schlimmstenfalls eine etwas aus dem Ruder gelaufene Schwärmerei werten. Das greift aber zu kurz. Nach dem zu schließen, was Sigrid Damm im Nachwort zu ihrer Gesamtausgabe beschreibt, reicht da nicht einmal eine schwere Depression; aus heutiger Sicht wird Lenzens Benehmen übereinstimmend als Schizophrenie gedeutet. Ein recht freudenvolles Leben kann er nicht geführt haben, dafür ein kürzeres (1751–1792). Nach seiner Weimarer Zeit verlieren sich seine Spuren in den revolutionären Aufklärer- und Freimaurerzirkeln von Petersburg, zuletzt Moskau. 1781 dort angekommen, zählt er 30 Jahre, in Deutschland wird in einem Frankfurter Tollhaus vermutet, sein literarischer Erfolg hat ein Ende. Nach kurzer Obdachlosigkeit starb er nachts in einer Gasse, weil die verfolgten Freimaurer selbst in Gefahr lebten und sein eigenes Irresein andere gefährdete, „von wenigen betrauert, von keinem vermisst“ (Jenaische Allgemeine Literaturzeitung). Sein Grab ist unbekannt.

August Sauer, Hg., Stürmer und Dränger, 1883, Seite 217, Digitalisat der Forschungsstelle J.M.R. Lenz an der Universität MannheimSeinen möglicherweise lichtesten Moment hatte er trotzdem, als er Goethe wieder einmal besonders ähnlich sein wollte: Während seines Aufenthalt in Reichweite der Sesenheimer Pfarrersfamilie Brion mit nachmals allzu durchsichtigen Absichten verreiste die Pfarrersfrau Brion mit ihren beiden Töchtern ab 3. Juni 1772 kurz nach Saarbrücken. Nach ihrer Heimkunft schenkte Lenz das Gedicht Friederiken, die es mit der Überschrift „Als ich in Saarbrücken“ versah und — Ehre genug — zusammen mit der ihr hinterlassenen Sesenheimer Lyrik Goethes verwahrte — mit dem Heideröslein, Willkommen und Abschied und Verwandtem.

Aufgrund dieses Fundorts und stilistischer Gemeinsamkeiten wurde das Gedicht einschließlich Friederikes Überschrift zuerst ganz selbstverständlich dem jungen Goethe zugeschrieben, jedenfalls mehrmals so gedruckt. Das muss einer erst einmal schaffen, so versehentlich.

Ich zitiere es nach der Gesamtausgabe von Sigrid Damm bei Insel, somit nach einer Kollation mit der Kruseschen Abschrift des Sesenheimer Liederbuchs, weil all die ausgelassenen Satzzeichen, die in allen anderen Fassungen ergänzt sind, den Ton in anrührender Weise gleichsam verwehen lassen. Es ist eins von denen, die man gar nicht singen muss, damit sie eine Melodie ergeben. Es ist wunderschön.

——— Jakob Michael Reinhold Lenz:
Wo bist du itzt, mein unvergeßlich Mädchen
Sommer 1772, Militärfestung Fort Louis bei Sessenheim, gewidmet Friederike Brion,
Erstdruck in Blätter für literarische Unterhaltung, 5. Januar 1837, Handschrift vernichtet:

Wo bist du itzt, mein unvergeßlich Mädchen,
Wo singst du itzt?
Wo lacht die Flur? wo triumphiert das Städtchen
Das dich besitzt?

Seit du entfernt, will keine Sonne scheinen
Und es vereint
Der Himmel sich, dir zärtlich nachzuweinen
Mit deinem Freund

All unsre Lust ist fort mit dir gezogen
Still überall
Ist Stadt und Feld — Dir nach ist sie geflogen
Die Nachtigall

O komm zurück! Schon rufen Hirt und Herden
Dich bang herbei.
Komm bald zurück! sonst wird es Winter werden
Im Monat Mai.

Paul Theodor Falck, Friederike Brion von Sesenheim 1752--1813. Eine chronologisch bearbeitete Biographie nach neuem Material aus dem Lenz-Nachlasse. Berlin, Kamlah'sche Buchhandlung, 1884 via erlesenes -- Antiqu@riat und Buchhandlung, Österreich

Bilder: Friederike Brion in Elsässer Tracht um 1770;
August Sauer (Hg.): Stürmer und Dränger, 1883, Seite 217, Digitalisat der Forschungsstelle J.M.R. Lenz an der Universität Mannheim;
Paul Theodor Falck: Friederike Brion von Sesenheim (1752–1813). Eine chronologisch bearbeitete Biographie nach neuem Material aus dem Lenz-Nachlasse. Berlin, Kamlah’sche Buchhandlung, 1884 via „erlesenes“ — Antiqu@riat und Buchhandlung, Österreich: 85 Euro + Versand.

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Written by Wolf

23. Januar 2014 um 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Sturm & Drang

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