Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Inwendig Ochsenfleisch, auswendig Kuhhaut! Und so einer will Kind Gottes sein!

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Update zu Anständig essen:

Aus meiner Jugendzeit entsinne ich mich keiner großen emotionalen Reaktionen auf Bücher. Ich hab mich immer — übrigens auch bei Filmen — absichtlich kalt wie Hundeschnauze gehalten, weil ich dergleichen von Anfang an selber können und hinter den Erzählapparatus blicken wollte. Funktioniert hat der Tränenfluss nur einmal bei Peter Rosegger; die archaische Unschuld, die man dem lebenslangen Waldbauernbuben selbstverständlich in jedem Satz abnimmt, macht’s.

Mehr Argumente für eine vegane Lebensweise braucht’s nicht — oder wenigstens für einen bedachtsamen Umgang mit Sachen, die man aus Mitgeschöpfen herstellt, wie ich ihn seit einigen Jahrzehnten befürworte. Die Geschichte tut weniger weh als eine Fernsehreportage über Massentierhaltung und Viehtransporte; Gemüter, die nur ein Häuchlein zarter sind als mein gestriges Jungbullengulasch, planen trotzdem für die nächsten paar Tage kein Essen, dem man den Tierkadaver noch ansieht.

——— Peter Rosegger:

Das Schläfchen auf dem Semmering

aus: Waldheimat. Erzählungen aus der Jugendzeit. Band 2: Der Guckinsleben,
Verlag Gustav Heckenast, Preßburg 1877:

Das Mittagsmahl war vorüber. Den Rest der Milchsuppe hatte der Kettenhund bekommen, der dankbar mit dem Schweife wedelnd die Schüssel so blank leckte, daß die roten und blauen Blumen, sowie die Zahl des Geburtsjahres der geräumigen Tonschüssel klar zum Vorscheine kam. Der Hund beleckte, gleichsam zum Danke, dann auch noch die Blumen und die Jahreszahl, und gut war’s. Den Rest der Schmalznocken hatte die Bäuerin dem alten Zottentrager (Lumpensammler) verehrt, der auf der Ofenbank saß bei seinem großmächtigen Bündel, in welchem alle alten Fetzen von Alpel beisammen waren und der Papiermühle harrten. Der Zottentrager nahm weder die „Zotten“ umsonst, noch die Schmalznocken, er tat ein Täschlein auseinander und bot der Bäuerin zur Gegengabe drei Ellen blaue Schürzenbänder und ein paar englische Nadeln. Der Großknecht nannte ihn trotzdem einen Lumpenkerl.

Tina Sosna, Restless Wind, 15. September 2014Als wir vom Tische aufstanden, um wohlgesättigt wieder dem Tagwerke nachzugehen, steckte der Großknecht Rochus einen Ballen Tabak in den Mund. Trotzdem vermochte er noch zu reden und zum Hausvater das Wort zu sagen: „Bauer, brauchst du heute das Bendel?“ Bendel, das ist nämlich der geringschätzige Ausdruck für einen nichtigen kleinen Buben, der den Leuten unter den Beinen umherschlupft, wenn er beim Vieh nichts zu tun hat. Das Wort Bendel mußte auf mich passen, weil der Zieselhofbauer, bei dem ich damals als Schafhirt angestellt war, auf mich herabschaute und die Achseln zuckte. Er brauche mich nicht. Die Schafe seien ja in der eingezäunten Halde.

„Wenn du ihn nicht brauchst, so brauch‘ ich ihn,“ sagte der Knecht. „Wenn ich morgen ins Österreichische hinaus soll mit dem Leab, so muß das Vieh heut‘ ein paar Stunden umgetrieben werden auf dem Anger.“

Der Leab, das war durchaus kein „Vieh“, wie der Knecht in seiner Grobmauligkeit sagte, sondern das war unser falbes Öchslein, der Liebling des Hauses. Es mußte besonders brav sein, denn es wurde besser gehalten, als die anderen Rinder, es bekam Heu statt Stroh und Salzrübenbräu statt Spreufutter. Warum die Bevorzugung? Weil der Leab eben ein lieber Kerl war, der auch so schön jodeln konnte. Wenn er satt war und vor dem Stalle stand, so begann er zu lauten, die Töne, die er in kurzen Zwischenräumen ausstieß, waren wie heller Juchschrei, der drüben im Wald klingend widerhallte. Die anderen konnten es bei weitem nicht so. Ich wußte damals noch gar vieles nicht, unter anderem auch, warum der Leab so schön jauchzte. War es, weil es gar so lustig ist auf dieser Welt, wenn man nicht an den Pflug muß und so guten Salzrübenbräu kriegt, oder war es, weil er Genossen und Genossinnen herbeirufen wollte von den Weiden, oder war es, weil der Wald sein Jauchzen so munter beantwortete. Kurz, es machte sich alles so sein und nett mit dem Leab, und das war nicht bloße Höflichkeit, wenn es hieß, daß er sehr gut aussehe. Mit diesem lieben Öchslein nun sollte der Knecht Rochus am nächsten Tage ins Österreicherland reisen, über den Semmering hinüber. Man sprach gar von Wien, wo der Leab, wie es hieß, sein Glück machen sollte.

„Sodl, jetzt komm einmal, Bendel, nichtiges!“ Also hat der Knecht mich geworben. „Jetzt führ‘ den Leab aus dem Stall auf den Anger und treib‘ ihn ein paar Stündlein langsam herum. Na, hast mich verstanden?“

Iris Gassenbauer, Semmering, Eselstein, 15. September 2015Nun war das vom Leab eine besondere Gefälligkeit. Wenn ich ein gesunder starker Ochs bin, wie der Leab, so lasse ich mich nicht von einem Jungen, den sie das Bendel heißen, mir nichts dir nichts auf dem Anger umhertreiben. Entweder ich gebe ihm einen Deuter mit dem Hinterbein, daß er mich in Ruh lassen soll, oder ich tauche ihn mit dem gehörnten Kopf zu Boden. Mein Leab aber erkannte mir die Oberhoheit zu, oder es war ihm nicht der Mühe wert, einem winzigen Knirps sich zu widersetzen; er ließ sich gutmütig treiben. Etwas schwerfällig trottete er auf dem Rasen dahin, ich trappelte barfuß hinter ihm drein und wenn er stehenbleiben wollte, um sich zu lecken oder eine Schnauze voll Gras zu sich zu nehmen, so versetzte ich ihm mit der Gerte einen leichten Streich an den Schenkel, daß er weiter ging. So hatte es der Knecht angeordnet. Ich wußte nicht, was das Herumtrotten heute zu bedeuten hatte und mein Leab wußte es wahrscheinlich auch nicht. Der Mensch, wenn er so etwas nicht weiß, macht sich Sorgen darob, der Ochs nicht, trotzdem kam letzterer genau so weit als ich – etwa fünfzigmal um den Anger herum.

Am Abend, als wir müde und mit steifen Beinen in den Stall gingen, habe ich’s erst erfahren, weshalb die Rundreise verhängt worden war. Der Leab mußte sich für seine bevorstehende Fußpartie ins Österreicherland eingehen, weil er das Marschieren nicht gewohnt war. Bei mir stand die Sache nicht viel anders, denn auch ich war auserlesen, die Reise mitzutun.

Am nächsten Frühmorgen hatten wir, der große Knecht Rochus und der kleine Bendel, unser Halbfeiertagsgewand angelegt, ich auch mein neues Paar Schuhe, dann aßen wir Sterz und Milch, und der Leab bekam noch einmal seinen Salzrübenbrei. Während er mit Behagen sein Frühstück verzehrte, ahnungslos, daß es das letzte war in der Heimat, striegelte ihm der Ziegelhofbauer noch die Haare glatt und betastete mit Wohlgefallen den rundlichen Leib.

„Unter hundertsechzig treibst ihn wieder heim,“ sagte er dann zum Knecht. Das war mir nicht ganz verständlich, der Rochus aber nickte seinen Kopf. „Geh‘ nur her, Öchsel!“ sprach er und legte dem Genannten den Strick um die Hörner. Ich stand hinten mit der Gerte. Als wir so zu dreien durch das Hoftor hinaus davonzogen, brüllten die anderen Rinder des Stalles, und der Leab stieß ein paarmal sein helles Jauchzen aus. War ihm wirklich so wohl ums Herz, weil es jetzt in die helle Fremde ging, oder hatte der Arme nur einen einzigen Laut für Freud und Leid? Die Hausleute schauten uns nach, bis der Weg sich verlor im Schachen.

Tina Sosna, Restless Wind, 15. September 2014Anfangs ging’s etwas rostig, es waren uns die Beine noch steif von der gestrigen Angerwanderung, aber schon über dem Alpsteige wurden wir gelenkiger, und im Mürztale trabten wir zu acht Füßen ganz rüstig fürbaß.

„Sodl,“ sagte der Knecht, „bis die Sonne abi geht, müssen wir z’Gloggnitz sein. Heimfahren können wir morgen auf dem Dampfwagen, ist sicherer mit dem Geld.“

Und kam es jetzt auf, was der Rochus im Sinn hatte. Den Leab wollte er verkaufen. Zu Gloggnitz an einen Viehhändler, der ihn dann nach Wien führen würde. – Nein, das konnte dem Knecht nicht ernst sein. Verkaufen, den Leab! Derselbe Knecht hatte früher einmal am Feierabend eine Geschichte erzählt, wie ein Mann seinen Bruder an die Juden verkauft hatte… Und stimmte denn das mit dem, was meine Mutter daheim oftmals gesagt hatte, nämlich, daß auch das liebe Vieh unserem Herrgott gehöre, und daß Ochs und Esel die ersten gewesen, die beim Christkind Wache gehalten? –

Weil die Straße so breit und glatt vor uns da lag und das Öchslein so willig fürbaß ging, so konnten wir plaudern. Daheim plaudert kein Knecht mit dem Schafbuben, am wenigsten der ruppige Großknecht mit dem Bendel, aber in der Fremde schließen die Menschen sich nahe aneinander, selbst wenn ein Ochs dazwischen ist.

„Was wird er denn nachher machen, der Leab, z’Wien?“ fragte ich.

„Der wird totgeschlagen,“ antwortete der Knecht. Ich lachte überlaut, weil ich das grobe Wort für einen seinen Witz hielt.

„Übermorgen um die Stund hängt er schon an den Hinterbeinen beim Fleischhacker,“ setzte der Knecht bei. Mir ward plötzlich bange, ich schaute dem Leab ins Gesicht, das glotzte harmlos drein; er hatte nichts verstanden, gottlob. – Fleischhacker! Man hatte den Namen übrigens schon gehört. Als daheim die Mutter einmal schwer krank gewesen war, hatte der Arzt ein Pfund Suppenfleisch verordnet, zum Kraftmachen. Das war auch beim Fleischhacker geholt worden.

„Hi, Leab!“ sagte der Rochus und zog am Strick.

Dann fuhr er fort, wunderlich zu sprechen: „Das beste Fleisch geht allemal nach Wien. Wenn unsereiner auf der Kirchweih beim Fleischhacker im Dorfe ein Stückel kauft, kriegt man ein wiedenzähes Luder.“ – Was er nur da redet!

Iris Gassenbauer, Semmering, Eselstein, 15. September 2015Als wir beim jungen Lärchenwald am Anfang des Semmeringberges waren, wußte ich alles. Es war ganz unerhört. – Zurückführen nach Alpel konnte ich den armen, armen Leab nicht, ich hätte mit dem Knecht darum bis auf den Tod raufen müssen. Der Knecht Rochus hatte ja vom Bauern den Auftrag, den Leab in Gloggnitz dem Fleischhacker zu überantworten! Dann sollte das gute Ochsl zur Schlachtbank geführt, dort mit einer großen Hacke niedergeschlagen und hernach mit einem langen Messer erstochen werden. Alsdann sollten ihm die schönen schwarzen Hörnlein vom Haupte geschlagen und die Haut herabgezogen werden. Dann sollten ihm die Eingeweide herausgerissen und das Fleisch in tausend Stücke zerschnitten werden. Und diese Stücke würden gekocht, gebraten, von den Wienern verzehrt, so wie der Wolf das Schaf frißt, und die Katze die Maus! – Mir ward blau vor den Augen, ich taumelte hin an den Rain. Der Rochus steckte mir einen Bissen Brot in den Mund.

Später, wieder zu mir gekommen, schaute ich den Leab an. Der biß einen Grasschopf ab und kaute ihn mit aller Behaglichkeit hinein. Er weiß von nichts. Er hat’s gehört, aber nicht verstanden. O, argloses Gottesgeschöpf! – Ich hub an, laut zu brüllen.

Der Rochus lachte und gab mir zu bedenken, daß ich selbst schon Ochsenfleisch gegessen hätte! Ich selbst? Das war noch schöner! – Ja! Am Leihkauftag, wie uns der Bauer beim Wirt Braten mit Salat gezahlt. Das sei so etwas gewesen. – Mir wurde übel. Braten hatte ich freilich gegessen, er war sogar sehr gut gewesen, aber daß das ein Stück Tierleib sollte gewesen sein, der vorher geradeso warm gelebt, und vielleicht so hell gejauchzt hatte, wie der Leab! – Und daß die Menschen so etwas tun!

Als mir das erstemal die Gewißheit ward, daß alle Menschen sterben müssen, auch ich – da war mir nicht so abscheulich weh ums Herz, als an diesem Tage, wie ich erfahren, daß der Mensch das Tier ißt, mit welchem er vorher so zutraulich beisammen gelebt hat.

„Was ist denn das?“ fragte der Rochus und stupfte mit dem Stock auf meinen Fuß. „Ist das nicht ein Schuh?“

„Das ist mein Feiertagsschuh,“ gab ich artig zurück.

„Gelt, und mit dem gehst du in die Kirche und betest fleißig. Sag‘ mir schön, hast du die Scheckige noch gekannt, die unser Bauer im vorigen Jahr für ein Kalb umgetauscht hat?“

„Die scheckige Kuh, die mit dem Melkstuhl geschlagen worden ist von der Stallmagd, weil sie keine Milch geben hat wollen?“

„Richtig. Und geben hat sie keine wollen, weil sie keine mehr im Euter hat gehabt, und deswegen hat sie unser Bauer fortgetauscht. Was meinst, Schafhalterbub, wo wird sie sein jetzt, die scheckige Kuh?“

Riet ich: „Auf der Fischbacher Alm.“

Sagte er: „O, Tschapperl, auf der Fischbacher Alm! Wo du jetzt in ihrer Haut steckst!“ Und tippte wieder auf meine Schuhe. – Mich machten diese Offenbarungen ganz verwirrt. Inwendig Ochsenfleisch, auswendig Kuhhaut! Und so einer will Kind Gottes sein?! –

Tina Sosna, Restless Wind, 15. September 2014Auf der Semmeringhöhe, wo die grünen Matten waren, wollte unser Leab auf einmal nicht weiter, sondern setzte sich nieder.

„Das ist gar nicht so dumm!“ meinte der Rochus und setzte sich auch in den Schatten einer Lärche, denn es war heiß geworden. Ich hockte ebenfalls hin und lugte heimlich auf das Rind. Das tat gemütlich wiederkauen, der Knecht tat’s auch an seinem Tabak, und dabei kratzte er das Tier zärtlich hinter den Ohren. Der Leab war dessen froh und streckte traulich den großen Kopf so zurecht, daß der Rochus gut krauen konnte. Und jetzt dachte ich: Wie doch der Mensch so falsch sein kann! – Ich meinte damit den Knecht und mich und alle, die ein Haustier so liebhaben, daß sie es endlich zur Schlachtbank führen und aufzehren. Endlich hatte der Leab sein schweres Haupt auf den Rasen hingelegt und machte die großen runden Augen zu. Der Rochus lehnte sich an den Baumstamm und duselte auch ein. Jetzt schliefen sie beide – aber den Schlaf des Gerechten sicherlich nur einer. Der Knecht hatte den Strick noch schlafend um die Hand gewunden, mit dem er das ahnungslose Schlachtopfer hielt. Ich war voller Betrübnis.

Kam des Weges her, den wir gekommen, ein großes graues Bündel, unter denselben gebückt der alte Zottentrager, der tags zuvor in unserem Hause gewesen. Der stand still, streckte seinen langen braunen Hals nach mir vor und fragte flüsternd: „Was hat’s denn, Bübel?“

Schluchzend stand ich auf und vertraute dem weltfremden Menschen meinen Schmerz.

„Das Öchsl tut mir so viel derbarmen, weil es zum Fleischhacker muß.“

„So, so! zum Fleischhacker!“ flüsterte der Alte und verzog sein runzeliges Gesicht zu einer schrecklich lächerlichen Larve. Aber ich konnte nicht lachen, mußte immer noch heftiger weinen aus Erbarmnis, weil der liebe gute Leab so arglos und unschuldig schlummerte.

„Ist das nit dem Zieselhofer von Alpel sein Knecht?“ fragte dann leise der Zottentrager, auf den Rochus deutend, „Ist schon gut. Der hat mich gestern mit einem Lumpenkerl angemurmelt. Lumpenkerl, der bin ich, gewiß auch noch, daß ich’s bin. Weil ich ein Kerl bin, der Lumpen tragt. Aber anmurmeln laß ich mich nit so. Gesagt ist’s! Heute wird er die Lumpen nit verachten, wenn sie ihm der Viehhändler als nagelneue Hunderter auf die Hand tut. Aber wart, altes Murmeltier, so gut sollst es nit haben! Gesagt ist’s! Dem kleinen Edelmann da tut eh‘ der Ochs leid. Mir auch. Schlaf süß, du holdseliger Bauernknecht, du kotzengrober! Der Ochs soll in den grünen Wald gehen, und nit zum Fleischhacker. Gesagt ist’s und –“ mit dem Taschenmesser schnitt er den Strick durch – „getan ist’s.“

Das alles war im Flüsterton herausgestoßen, nun rüttelte er den Ochsen bei den Hörnern: „Steh‘ eilends auf, Herr Ochs, und fliehe!“

Der Leab glotzte ob solcher Belästigung etwas verblüfft umher, dann stand er schlotterig auf, zuerst mit den Hinter-, dann auch mit den Vorderfüßen und ließ sich vomZottentrager in den Wald führen. Der alte Spitzbube zischelte mir noch zu: „Du schlafst auch, Jüngling, und weißt von nichts.“ Dann rückte er sein Bündel mieder auf und huschte davon.

Iris Gassenbauer, Semmering, Eselstein, 15. September 2015Ein junger Mensch ist bald verführt, wenn er verführt sein will. Ich streckte mich auf den Rasen, drückte meine Augen zu und wartete, bis der Knecht Rochus die seinen ausmachte. – Das wird ein schreckliches Erwachen merden! Ich bangte davor und war höllisch neugierig drauf. Ich blinzelte zwischen den Augenwimpern wohl doch ein wenig auf ihn hin. Er schlief so arglos, wie früher der Leab. Jetzt tat mir der Knecht leid, wie früher der Ochs. Fest um die Hand gewickelt hielt er den abgeschnittenen Strick. Jetzt zuckte er ein wenig mit derselben Hand, als wollte er das Tier an sich ziehen. Das gab keinen Widerstand. Er riß die Augen auf, warf den Kopf, sprang empor: „Der Ochs!“ Ein wahrhaftes Angstgebrüll: „Bub, wo ist der Ochs!“

Ich tat, als wäre ich eben auch erst erwacht, streckte die Arme aus, gähnte und sagte mit der ganzen Niederträchtigkeit eines Zottentragers: „Hast du den Leab schon verkauft?“

„Gestohlen! Geraubt! Weggeraubt!“ schrie der Knecht und schoß umher wie ein scharf losgelassener Kreisel. Die Faust, um welche der Strick noch geschlungen war, streckte er gegen Himmel, und an mir vorüber rasend, schien es einen Augenblick, als wollte er sie auf mich niedersausen lassen. Mir war nicht zum Lachen, und die Freude an dem geretteten Leab löste sich in eine schreckliche Angst vor dem schnaubenden Großknecht. Seine Fäuste lösten sich bald in flache Hände auf, mit denen er sich jammernd den Kopf hielt. Das viele Geld! Auf Jahre hinaus der Dienstlohn weg, auf viele Jahre hinaus! Der Bauer werde ihm nichts schenken. Vielmehr strafen werde er ihn für die Fahrlässigkeit. Auf fremden Straßen einzuschlafen! Es sei auch zu pflichtvergessen! Zu pflichtvergessen! „Mein Bübel,“ rief er mir zu, in seiner Verzweiflung zärtlicher als je, „lauf du zurück auf der Straßen, wo wir hergekommen, vielleicht derwischest du den Dieb! Ich werde auf die Österreicherseiten hinaus. Weit kann er ja noch nicht sein. O, mein liebes Geld, mein liebes Geld!“

So wollten wir uns ausmachen zur Verfolgung des Wichtes, der uns den Leab gestohlen, da hub es im nächsten Dickicht an in hellen Stößen zu lauten…

O, Ochs, du jauchzest dich in den Tod hinein! – Drei Stunden später hat zu Gloggnitz der Händler den Leab übernommen und ihn dem großen Mastviehtransport einverleibt, der nach Wien ging.

Tina Sosna, Restless Wind, 15. September 2014

Die Bilder: Iris Gassenbauer: Semmering // Eselstein, 15. September 2015 und
Tina Sosna: Restless Wind, 15. September 2014
verlinken, weil mir an allen etwas liegt, zu:

  1. Slow Food Deutschland statt Österreich;
  2. Animals‘ Angels Deutschland statt international;
  3. die Datenbank historischer Kochrezepte Allerhandt neue Kocherey des Oberösterreichischen Landesmuseums;
  4. die Tipps zum Einstieg ins vegane Leben von PETA;
  5. Mythologie rund ums Rind der Rindfleischerzeugung in Österreich;
  6. den Volltext Peter Rosegger: Waldheimat und
  7. 205 Ochsenrezepte.
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Written by Wolf

5. Februar 2016 um 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Realismus

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