Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten

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Update zu And all I got’s a pocketful of flowers on my grave:

Internet-Premiere: Heine in der Werkstatt beim Skizzieren und Auspinseln seiner Reisebilder. Diese Versuche stehen in der historisch-kritischen Düsseldorfer und der zugänglicheren Hanser-Ausgabe und dann noch in einem Google-Book in Fraktur und verheerendem Zustand. Dazu erklärt Günter Häntzschel bei Hanser 1976:

Aus einer Handschrift Heines der „Reise von München nach Genua“ […] veröffentlichte Adolf Strodtmann in dem Supplementband zu seiner Heine-Ausgabe: Letzte Gedichte und Gedanken. Hamburg 1869, S. 273–305 diese Zusätze als „Nachträge zu den ‚Reisebildern'“. Die Skizzen wurden von Heine für die Druckvorlage der „Reise von München nach Genua“ ausgeschieden und sind teilweise später in veränderter Gestalt in „Die Bäder von Lucca“ und in „Die Stadt Lucca“ eingegangen. Strodtmann hat diese Zusätze den thematisch entsprechenden Stellen in den italienischen „Reisebildern“ zugeordnet; an diese Einordnung lehnen sich auch die Elstersche und die Walzelsche Ausgabe an. Die endgültigen Handschriftenverhältnisse dieser Stücke wird erst die historisch-kritische Ausgabe klären können.

Deswegen bestehe ich immer auf die großen, anständig kommentierten und möblierten Ausgaben. Durch die tastenden Wiederholungen innerhalb einer Traumsequenz gewinnt Heines Prosa etwas Lyrisches. Die freigegebene Endfassung der Reisebilder atmet nirgends mehr diesen Charme des Unfertigen.

——— Heinrich Heine:

Skizzen zu „Reise von München nach Genua“

zu: Reisebilder. Dritter Theil. Italien. 1828, Reise von München nach Genua, 1830,
in: Klaus Briegleb, Hrsg.: Heinrich Heine. Sämtliche Schriften,
Zweiter Band, herausgegeben von Günter Häntzschel, Carl Hanser Verlag, München 1976,
Nachlese, Seite 615 bis 620, hier ungekürzt:

Ich liebe keine Republiken — (ich habe einige Zeit in Hamburg, Bremen und Frankfurt gelebt) — ich liebe das Königtum — (ich habe Ludwig von Baiern gesehen) — außerdem werde ich als Poet eher bestochen von Taten der Treue, als von Taten der Freiheit, die minder Poetisch sind, da jene im dämmernden Gemüte, diese im mathematisch lichten Gedanken ihre Wurzel haben. Dennoch liebe ich die Schweizer mehr, als die Tiroler. Jene fühlen mehr die Würde der Persönlichkeit.

*

Albrecht Dürer, Das Schloss von Trient, 1495

Du willst wissen, lieber Leser, was diese närrischen Gedanken zu bedeuten haben, und ich muß Dir bei Deinem Eintritt in das sommerliche Italien noch nachträglich eine deutsche Geschichte erzählen, die an einem kalten Winterabende passiert ist, bei scharfem Nordwind und Schneegestöber. Aber das Gemach, worin sie passierte und worin ich mich mit Marien allein befand, war traulich und dämmernd, und der Kamin knisterte und flüsterte so voller Behagen. Sie saß am Flügel und spielte eine alte italienische Melodie. Ihr Haupt war niedergebeugt, und das Licht, das vor ihr stand, warf eine gar süßen auf ihre kleine Hand, jedes Grübchen, jedes Geäder der Hand, und unterdessen zogen die Töne so rührend und innig in mein Herz, und ich stand und träumte einen Traumvon unaussprechlicher Seligkeit. Und die Töne wurden immer siegend gewaltiger, dann wieder hinabschmelzend in besiegter Hingebung, ich starb, ich lebte, und starb wieder, Ewigkeiten rauschten an mir vorüber, und wie ich erwachte, stand sie milde vor mir und bat mich mit schaudernder Stimme, daß ich ihr die Ringe, die sie wegen des Klavierspiels abgelegt hatte, wieder an die Finger stecken möchte, und ich tat es und drückte ihre Hand an meine Lippen und …… warum, sprach ich, haben Sie mich gestern so hart behandelt? und sie antwortete: „Verzeihen Sie mir, ich war sehr unartig.“

Was ich Dir, lieber Leser, hier erzählt, das ist kein Ereignis von gestern und vorgestern, es ist eine uralte Geschichte, und Jahrtausende, viele Jahrtausende werden dahinrollen, ehe sie ihren Schluß erhält, einen guten Schluß. Wisse, die Zeit ist unendlich, aber die Dinge in dieser Zeit sind endlich; sie können zwar in die kleinsten Teilchen zerstieben, doch diese Teilchen, die Atome, haben ihre bestimmte Zahl, und bestimmt ist auch die Zahl der Gestalten, die sich, Gott selbst, aus ihnen hervorbilden; und wenn auch noch so lange Zeit darüber hingeht, so müssen, nach den ewigen Kombinationsgesetzen dieses ewigen Wiederholungsspieles, alle Gestalten, die auf dieser Erde schon gewesen, wieder zum Vorschein klmmen, sich wieder begegnen, anziehen, abstoßen, küssen verderben, vor wie nach. — Und so wird es einst geschehen, daß wieder ein Mann geborenwird, ganz wie ich, und ein Weib geboren wird, ganz wie Maria, nur daß hoffentlich der Kopf des Mannes etwas weniger Torheit, als jetzt der meinige, und das Herz des Weibes etwas mehr Liebe, als das ihrige enthalten mag, und in einem besseren Lande werden sich beide begegnen und lange betrachten, und das Weib wird endlich dem Manne die Hand reichen und mit weicher Stimme sprechen: „Verzeihen Sie mir, ich war sehr unartig.“

*

Albrecht Dürer, Trintperg. Der Dosso von Trient, 1495

Die Kleine mochte wohl bemerkt haben, daß ich, während sie sang und spielte, mehrmals nach ihrer Rose hingesehen, und sie lächelte mit schlauem Blick, als ich hernach ein nicht allzu kleines Geldstück auf den zinnernen Teller warf, womit sie ihr Honorar einsammelte.

Die Nacht war unterdessen hereingebrochen, und das Dunkel brachte Einheit in meine Gefühle. Die Straße wurde leer, und der Himmel füllte sich mit Sternen. Diese blickten herab so durftig, so keusch, so rein, daß mir selbst zu Mute wurde wie einem reinen Stern. Da nahte sich mir unversehens die kleine Harfenistin, und halb schüchtern, halb keck frug sie: ob ich ihre Rose haben wolle.

Ich war gestimmt wie ein reiner Stern, und ich antwortete Nein. Die Rose aber wurde bleich, das Mädchen errötete, aus der Harfe erklang ein leiser, ein einzelner Ton, so schmerzlich wie aus der Tiefe einer todwunden Seele — und ich hatte schon einmal diesen Ton gehört, eben so vorwurfsvoll. Eine traurige Erinnerung überschauerte mich plötzlich. Es war wieder die dämmernd braune Stube, die Lampe flimmerte wieder so ängstlich, ich hob die blau gesteifte Gardine von dem stillen Bette, küßte die Lippen der toten Maria, und aus ihrem Winkel ertönte von selber die verlassene Harfe, und es war derselbe Ton —

Erschrocken sprach ich zu der kleinen Harfenistin: Na, na! liebes Kind, gib mir deine Rose. Wenn sie auch schon zur Welklichkeit übergegangen und nicht mehr ganz so frisch duftet, und wenn auch eine Rose ohne Duft einem Weibe ohne Keuschheit zu vergleichen ist, so hat das doch nichts zu sagen bei einem Manne, der schon seit Jahren den Stockschnupfen hat.

Da lachte die Kleine und gab mir ihre Rose, und das geschah auf der Straße zu Trient, vor der Botega, der Albergo della Grande Europa gegenüber, im Angesicht von vielen tausend entdeckten und noch mehreren unentdeckten Sternen, die mir alle bezeugen müssen, daß die Geschichte nicht auf meinem Zimmer passiert und keine Allegorie ist.

Ja, denk dir nichts Böses, teurer Leser — die Sterne sahen so hell und keusch vom Himmel herab, und schienen mir so tief ins Herz. Im Herzen selbst aber zitterte die Erinnerung an die tote Maria. Ich hatte lange nicht an sie gedacht, und jetzt in Trient, wo ich eben den Fuß auf italienischen Boden gesetzt, tauchte ihr Bild, mit wundersamem Schauer, in meiner Seele wieder hervor, und es war mir, als als träte sie leibhaftig vor mich hin und spräche: „Warum haben Sie mich nicht mitgenommen nach Italien, wie Sie mir einst versprachen?“ — Liebes Kind, Sie sind ja tot, sprach ich träumend. — „Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten.“ — Aber wie kommen Sie hierher? Ich glaubte erst nach vielem Millionen Jahren das Vegnügen zu haben, Sie wieder zu sehen. Oder sind diese vielen Jahre schon verflossen? Gott, wie vergeht die Zeit! —

Ach nein, lieber Leser, es war nicht Maria selber, die im Dome gebeichtet; ich bin nicht so abergläubisch, als daß ich glauben könnte, die Toten stiegen aus den Gräbern, um die letzten geringen Liebessünden, die sie nicht einmal selbst verschuldet, abzubeichten. Auf jeden Fall aber ist es sonderbar, daß deutsche Liebe selbst dem vernünftigsten Menschen bis in Italien nachspukt, und daß ich eben, lieber Leser, gleich bei meiner Ankunft im warmen, blühenden Italien dir eine Geschichte erzählen muß, die an einem deutschen Winterabend passiert, wo kalter Nordwind im Schornstein pfiff und Schneegestöber an die Fenster schlug. Aber das Gemach, worin die Geschichte passiert und worin ich mich allein mit Maria befand, ach! da war es duftig warm, der Kamin flackerte traulich, dämmernde Blumenköpfe ragten aus blanken Vasen, nickende Heiligenbilder bedeckten die Wände, Maria aber saß am Flügel und spielte eine altitalienische Melodie. Ihr Haupt war niedergebeugt, das Licht, das vor ihr stand, warf einen gar süßen Schein auf ihre kleine Hand, und ich stand ihr gegenüber, betrachtete die bewegte Hand, jedes Grübhcne, jedes Geäder der Hand — Unterdessen zogen die Töne so warm und innig in mein Herz, ich stand und träumte einen Traum von unaussprech.icher Seligkeit, die Töne wurden immer siegend gewaltiger, dann und wann wieder hinab schmelzend in besiegter Hingebung, ich starb, ich lebte und starb wieder, Ewigkeiten rauschten vorüber, und als ich erwachte, stand sie milde vor mir und bat mich mit schaudernder Stimme, daß ich ihr die Ringe, die sie wegen des Klavierspielens abgelegt hatte, wieder an die Finger stecken möchte. Ich tat es, und sagte ihr ein Denkwort bei jedem Ring. Bei dem Rubinring sagte ich: Lieben Sie mich nur unbedingt; bei dem Saphir sagte ich: Sein Sie mir nur immer treu; bei dem Diamanten sagte ich: Sein Sie mir nur immer rein wie jetzt, und endlich drückte ich die ganze Hand an meine Lippen und sprach: Maria, warum sind Sie mir gestern im Konzerte beständig ausgewichen, und haben nie nach mir hingesehen? Und sie antwortete mit weicher Stimme: „Laßt uns gute Freunde sein.“

Was ich dir aber, lieber Leser, hier erzählt, das ist kein Ereignis von gestern und vorgestern, und Jahrtausende, viele tausend Jahrtausende werden dahin rollen, ehe sie ihren Schluß erhalten, einen gewiß guten Schluß! Denn wisse, die Zeit ist unendlich, aber die Dinge in dieser Zeit, die faßlichen Körper, sind endlich; sie können zwar in die kleinsten Teilchen zerstieben, doch diese Teilchen, die Atome, haben ihre bestimmte Zahl, und bestimmt ist auch die Zahl der Gestaltungen, die sich gottselbst aus ihnen hervor bilden; und wenn auch noch so lange Zeit darüber hingeht, so müssen doch, nach den ewigen Kombinationsgesetzen dieses ewigen Wiederholungsspiels, alle Gestaltungen, die auf dieser Erde schon gewesen sind, sich wieder begegnen, anziehen, abstoßen, küssen, verderben, vor wie nach. — Und so wird es einst geschehen, daß wieder ein Mann geboren wird, ganz wie ich, und ein Weib geboren wird, ganz wie Maria, nur daß hoffentlich der Kopf des Mannes etwas weniger Torheit enthalten mag, und in einem besseren Lande werden sie sich Beide begegnen, und sich lang betrachten, und das Weib wird endlich dem Manne die Hand reichen und mit weicher Stimme sprechen: „Laßt uns gute Freunde sein.“

Aber ach! es geht doch dabei viel Zeit verloren, dacht ich schon damals, als ich vor dem Bette stand, worauf die tote Maria lag, der schöne, blasse Leib, die sanften, stillen Lippen. Ich bat die alte Frau, die bei der Leiche wachen sollte, sich im Nebenzimmer schlafen zu legen, und mir unterdessen ihr Amt zu überlassen; denn es war schon über Mitternacht, und so eine alte Frau mit roten Augenlidern bedarf der Ruhe. Ich weiß nicht, was der Seitenblick bedeutete, den sie mir zuwarf, als sie zur Tür hinaus ging; aber ich erschrak darob im tiefsten Herzen. Die kleine Flamme der Lampe zitterte, die Nachtviolen, die auf dem Tische im Glase standen, dufteten immer ängstlicher —

Ich muß mich heut durchaus dazu bequemen, ein Materialist zu sein; denn sollte ich anfangen zu denken, daß die Toten nicht so viel Millionen Jahre nötig haben, ehe sie wieder kommen können, und daß sie uns schon in diesem Leben nachreisen, und daß es wirklich die tote Maria war, die im Dome zu Trient die letzte Sünde gebeichtet — Genug davon! ich will ein neu Kapitel anfangen und dir erzählen, was ich noch außerdem in Trient geträumt habe.

*

Albrecht Dürer, Ansicht von Trient vom Norden, 1495

Bilder: Albrecht Dürer: Erste Italienreise gen Venedig: seine drei überlieferten Ansichten vom Ort der Handlung Trient, 1495:

  1. Das Schloß von Trient, British Museum, London;
  2. Trintperg (Der Doss Triento bei Trient), Museum für Kunst und Landesgeschichte Hannover;
  3. Ansicht von Trient vom Norden, Kunsthalle Bremen, seit 1945 verschollen.

Soundtrack: Heilige Messe in der Cattedrale di San Vigilio zu Trient, 4. November 2012:

Bonus Track: Shakespears Sister: Hello (Turn Your Radio On), aus: Hormonally Yours, 1992. Das ist weder besonders südtirolerisch noch sonst gebirgig, noch heißt eine der Schwestern Maria — es lohnt sich aber, nach all den Jahren einmal dezidiert der Klavierstimme zuzuhören, und natürlich wie schon all die Jahre, der blasseren Schwester beim Bildschirmputzen zuzuschauen. Also bitte volle Lautstärke und wegen der üppigen Videodetails Vollbild:

And if I taste the honey, is it really sweet,
And do I eat it with my hands or with my feet?
Does anybody really listen when I speak,
Or will I have to say it all again next week?

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Written by Wolf

1. November 2017 um 00:01

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