Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

3. Advent: Vom Bäumlein, das spazieren ging

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Update zum Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt:

Zu Weihnachten 1813 schenkte der 25-jährige Friedrich Rückert seiner kleinsten, damals dreijährigen Schwester Maria eine Sammlung aus fünf selbstgemachten Gedichten, die er innerhalb einer einzigen Nacht ausgearbeitet und niedergeschrieben hatte. Maria starb 1835, als sie ihrerseits 25 war.

——— Friedrich Rückert:

Fünf Märlein zum Einschläfern für mein Schwesterlein.

Zum Christtag 1813:

3 von 5

Vom Bäumlein, das spazieren ging

Daniel Chodowiecki in Hg. Olga Amberger, Zeitgenossen Chodowieckis. Lose Blätter schweizerischer Buchkunst, Rhein-Verlag, Basel 1921, Seite 45Das Bäumlein stand im Wald
In gutem Aufenthalt;
Da standen Busch und Strauch
Und andre Bäumlein auch;
Die standen dicht und enge,
Es war ein recht’s Gedränge;
Das Bäumlein mußt‘ sich bücken
Und sich zusammen drücken;
Da hat das Bäumlein gedacht
Und mit sich ausgemacht:
„Hier mag ich nicht mehr stehn,
Ich will wo anders gehn
Und mir ein Örtlein suchen,
Wo weder Birk‘ noch Buchen,
Wo weder Tann‘ noch Eichen
Und gar nichts desgleichen;
Da will ich allein mich pflanzen
Und tanzen.“

Das Bäumlein das geht nun fort
Und kommt an einen Ort,
In ein Wiesenland,
Wo nie ein Bäumlein stand,
Da hat sich’s hingepflanzt
Und hat getanzt.

Dem Bäumlein hat’s vor allen
An dem Örtlein gefallen;
Ein gar schöner Bronnen
Kam zum Bäumlein geronnen;
War’s dem Bäumlein zu heiß,
Kühlt’s Brünnlein seinen Schweiß.
Schönes Sonnenlicht
War ihm auch zugericht‘;
War’s dem Bäumlein zu kalt,
Wärmt‘ die Sonn‘ es bald.
Auch ein guter Wind
War ihm hold gesinnt,
Der half mit seinem Blasen
Ihm tanzen auf dem Rasen.

Das Bäumlein tanzt‘ und sprang
Den ganzen Sommer lang;
Bis es vor lauter Tanz
Hat verloren den Kranz.
Der Kranz mit den Blättlein allen
Ist ihm vom Kopf gefallen;
Die Blättlein lagen umher,
Das Bäumlein hat keines mehr;
Die einen lagen im Bronnen,
Die andern in der Sonnen,
Die andern Blättlein geschwind
Flogen umher im Wind.

Wie’s Herbst nun war und kalt,
Da fror’s das Bäumlein bald;
Es rief zum Brunnen nieder:
„Gib meine Blättlein mir wieder,
Damit ich doch ein Kleid
Habe zur Winterszeit.“
Das Brünnlein sprach: „Ich kann eben
Die Blättlein dir nicht geben;
Ich habe sie alle getrunken,
Sie sind in mich versunken.“

Da kehrte von dem Bronnen
Das Bäumlein sich zur Sonnen:
„Gib mir die Blättlein wieder,
Es friert mich an die Glieder.“
Die Sonne sprach: „Nun eben
Kann ich sie dir nicht geben;
Die Blättlein sind längst verbrannt
In meiner heißen Hand.“

Da sprach das Bäumlein geschwind
Zum Wind:
„Gib mir die Blättlein wieder,
Sonst fall‘ ich tot darnieder.“
Der Wind sprach: „Ich eben
Kann dir die Blättlein nicht geben;
Ich hab‘ sie über die Hügel
Geweht mit meinem Flügel.“
Da sprach das Bäumlein ganz still:
„Nun weiß ich, was ich will;
Da haußen ist mir’s zu kalt,
Ich geh‘ in meinen Wald,
Da will ich unter die Hecken
Und Bäume mich verstecken.“

Da macht sich’s Bäumlein auf
Und kommt im vollen Lauf
Zum Wald zurück gelaufen,
Und will sich stell’n in den Haufen.
’s fragt gleich beim ersten Baum:
„Hast du keinen Raum?“
Der sagt: „Ich habe keinen!“
Da fragt das Bäumlein noch einen,
Der hat wieder keinen;
Da fragt das Bäumlein noch einen:
Es fragt von Baum zu Baum,
Aber kein einz’ger hat Raum.
Sie standen schon im Sommer
Eng in ihrer Kammer;
Jetzt im kalten Winter
Stehn sie noch enger dahinter.
Dem Bäumchen kann nichts frommen,
Es kann nicht unterkommen.

Da geht es traurig weiter
Und friert, denn es hat keine Kleider;
Da kommt mittlerweile
Ein Mann mit einem Beile,
Der reibt die Hände sehr,
Tut auch, als ob’s ihn frör‘.
Da denkt das Bäumlein wacker:
„Das ist ein Holzhacker;
Der kann den besten Trost
Mir geben für meinen Frost.“

Das Bäumlein spricht schnell
Zum Holzhacker: „Gesell,
Dich friert’s so sehr wie mich
Und mich so sehr wie dich.
Vielleicht kannst du mir
Helfen und ich dir.
Komm, hau‘ mich um
Und trag‘ mich in deine Stub’n,
Schür‘ ein Feuer an,
Und leg‘ mich dran;
So wärmst du mich
Und ich dich.“

Das deucht dem Holzhacker nicht schlecht,
Er nimmt sein Beil zurecht;
Haut’s Bäumlein in die Wurzel,
Umfällt’s mit Gepurzel;
Nun hackt er’s klein und kraus
Und trägt das Holz nach Haus
Und legt von Zeit zu Zeit
In den Ofen ein Scheit.

Das größte Scheit von allen
Ist uns fürs Haus gefallen;
Das soll die Magd uns holen,
So legen wir’s auf die Kohlen;
Das soll die ganze Wochen
Uns unsre Suppen kochen.
Oder willst du lieber Brei?

Das Kind sagt:

Das ist mir einerlei.

btrachtn

Bilder: Daniel Chodowiecki in Olga Amberger (Hg.):
Zeitgenossen Chodowieckis. Lose Blätter schweizerischer Buchkunst; Rhein-Verlag, Basel 1921, Seite 45;
Btrachtn.

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Written by Wolf

14. Dezember 2014 um 00:01

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