Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

4. Advent: Der Spielmann

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Update zum Bäumlein, das spazieren ging:

Zu Weihnachten 1813 schenkte der 25-jährige Friedrich Rückert seiner kleinsten, damals dreijährigen Schwester Maria eine Sammlung aus fünf selbstgemachten Gedichten, die er innerhalb einer einzigen Nacht ausgearbeitet und niedergeschrieben hatte. Maria starb 1835, als sie ihrerseits 25 war.

——— Friedrich Rückert:

Fünf Märlein zum Einschläfern für mein Schwesterlein.

Zum Christtag 1813:

4 von 5

Der Spielmann

Frances Benjamin Johnston, Miss Apperson Playing Banjo, 1895 via Berry-Flavored FrescaDer Spielmann stimmt seine Geigen
Und spricht zu ihr:
„Du sollst dein Kunststück zeigen,
Komm, geh mit mir!“
Der Spielmann geht mit ihr vor ein Schloß;
’s ist Nacht, der Spielmann fiedelt drauf los.
Der Spielmann sagt: „’s ist nicht genug,
Ich muß fiedeln noch einen Zug.“

Vor dem Schloß ist ein Garten,
Mit Bäum‘ und Pflanzen;
Die können die Zeit nicht erwarten,
Zu tanzen.
Der Spielmann fiedelt vor dem Schloß,
Die Bäume tanzen alle drauf los.
Der Spielmann spricht: „’s ist nicht genug,
Ich muß fiedeln noch einen Zug.“

Im Garten ist ein Weiher,
Darin sind Fisch‘;
Die hören auch das Geleier
Und tanzen frisch.
Der Spielmann fiedelt vor dem Schloß,
Die Bäum‘ und die Fische tanzen drauf los.
Der Spielmann spricht: „’s ist noch nicht genug,
Ich muß fiedeln noch einen Zug.“

Im Schlosse drin sind Mäuse,
Der Spielmann spielt auf;
Die Mäuse hören leise,
Sie wachen auf.
Der Spielmann fiedelt vor dem Schloß;
Bäume, Fisch‘ und Mäuse tanzen drauf los.
Der Spielmann spricht: „’s ist noch nicht genug,
Ich muß fiedeln noch einen Zug.“

Im Schloß sind Tisch‘ und Bänke,
Die werden wach,
Sie kommen aus dem Gelenke
Und tanzen nach.
Der Spielmann fiedelt vor dem Schloß;
Bäume, Fische, Mäuse, Bänke tanzen drauf los.
Der Spielmann spricht: „’s ist noch nicht genug,
Ich muß fiedeln noch einen Zug.“

Sind denn keine Menschen vorhanden?
Der Spielmann spricht:
„Ich spiele mich schier zu schanden,
Sie hören nicht.“
Bäume, Fische, Mäuse, Bänke tanzen drauf los;
Wollen die Menschen nicht aus dem Schloß?
Der Spielmann spricht: „’s ist noch nicht genug,
Ich muß fiedeln noch einen Zug.“

Da wird das Schloß auf einmal ganz
Lebendig,
Es stellt sich auf die Spitz‘ und tanzt
Unbändig.
Der Spielmann spielt, es tanzt das Schloß,
Die Menschen schlafen noch immer drauf los.
Der Spielmann spricht: „’s ist noch nicht genug,
Ich muß fiedeln noch einen Zug.“

Da tanzt das Schloß bis in Stücken es geht
Mit Krachen;
Nun hören es endlich die Menschen im Bett
Und erwachen;
Sie hören den Spielmann spielen vorm Schloß
Und tanzen nun auch mit dem andern Troß.
Der Spielmann spricht: „Nun ist es genug;
Doch will ich fiedeln noch einen Zug.“

Das Kind fragt:

Warum denn noch einen?

Antwort:

Wegen des Männleins in der Gans.

Das Kind fragt:

Muß das auch an den Tanz?

Das Kind fragt:

Wird gleich erscheinen.

Bild: Frances Benjamin Johnston: Miss Apperson Playing Banjo, 1895;
Spielleute: Hilary Hahn auf Heinrich Wilhelm Ernst: Grand Caprice für Violine allein: Der Erkönig, op. 26;
Rhonda Vincent & the Rage auf Ervin T. Rouse: Orange Blossom Special, 1938/2011.

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Written by Wolf

21. Dezember 2014 um 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Schall & Getöse

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