Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Damals gab es keine

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Update zu Das gotische Mahl-Stüblein:

Offiziell bin ich zugereister Frankenbeutel immer noch in der Communitas Monacensis e. V.; jedenfalls wurde ich nach immer noch keiner Mitgliederversammlung, ordentlich oder außerordentlich, rausgeschmissen. Voraussichtlich werde ich austreten müssen, wenn ich endlich die aufgelaufenen Jahresbeiträge nachbegleichen soll – es heißt nicht „Jahrzehntbeitrag“ –, aber bis jetzt lassen sie mich, weil ich meine klandestine Mitgliedschaft nie missbrauche, um mir freien Eintritt zu den üblichen Mittelaltermärkten zu ergaunern.

Sooft ich auf unseren Reenactments dabei war, hab ich nur die besten Erinnerungen davongetragen. „Erlebte Geschichte von 1158 bis 1330, die Spaß macht. Mit uns kann man das hochmittelalterliche München noch einmal in seiner gesamten Pracht erleben“, steht in der Eigendarstellung des Vereins. Die Hauptsache waren mir aber immer die freundlichen, ganz und gar grundguten Menschen, die es in einen Mittelalterverein treibt, der seine authentische Darstellungsweise dermaßen hochhält, dass er vor lauter A nicht mal mehr zum Münchner Stadtfest, dem Hochfest des Hochmittelalters in der eigentlichen Communitas Monacensis, eingeladen wird und es nicht bedauert: Solche sind Dickbrettbohrer. Einer hat sich mal dafür entschuldigt, dass er die Holznadel, mit der er seine Gewandung genäht hat, leider nur mit einem industriell gefertigten Messer schnitzen konnte.

Die Wölfin hat sich immer geweigert beizutreten, weil sie selbstständig schafft und praktisch keine Wochenenden hat – und weil sie das Mittelalter missbilligt – jawohl, alle elfhundert Jahre –, seit sie gehört hat, dass es damals keine Tampons gab.

Wie ja überhaupt die meisten Sätze, mit denen der verarmte Schreiber, den ich aus Gründen darzustellen beliebe (ungefähr so einen wie Paul Bettany als Geoffrey Chaucer in A Knight’s Tale von 2001, bloß nicht so laut), Marktbesuchern das Mittelalter und vor allem die eigenen Vereinsaktivitäten erklären muss, anfangen mit: „Damals gab es kein/-e/-n“ – Zutreffendes einsetzen, das eigentlich beliebig ist: Geglaubt wird einem Gewandeten an dieser Stelle alles.

Meine Lieblingsfragen waren von Anfang an: „Ist das Essen echt?“ und „Brennt das Feuer wirklich?“ Gerade wegen der touristischen Leichtgläubigkeit wird der verantwortungsvolle Gewandete mit seinem Bildungsauftrag in einem gemeinnützigen Verein davon Abstand nehmen, Irrtum und Unwissenheit unter den Besuchern aus Zores noch zu befördern. Darum sagt man nicht: Nö, rohen Stangensellerie kann man doch nicht essen und was wie Apfelschorle aussieht, ist natürlich eine Simulation auf Bierbasis, rülps, oder: Nein, damals gab es noch kein richtiges Feuer, das musste man immer ganz, ganz umständlich holographisch erzeugen, sondern: Ja, aus gemahlenem Getreide kann man richtiges Brot machen und es hinterher essen, und das Feuer brennt in echt, nicht mit dem Finger hineinstochern, und in meine Tintenfässer bitte auch nicht, schönen Tag noch.

Die wenigsten Gegenstände, die es zwischen Frühmittelalter und Spätmoderne nicht gab, waren jemals ein Verlust.

Kurt Tucholsky, Living History, 13. Juli 2015

——— Peter Panter, i. e. Kurt Tucholsky:

Schnipsel

in: Die Weltbühne Nr. 25, 21. Juni 1932, Seite 937:

Die Leute blicken immer so verächtlich auf vergangene Zeiten, weil die dies und jenes „noch“ nicht besaßen, was wir heute besitzen. Aber dabei setzen sie stillschweigend voraus, dass die neuere Epoche alles das habe, was man früher gehabt hat, plus dem Neuen. Das ist ein Denkfehler.

Es ist nicht nur vieles hinzugekommen. Es ist auch vieles verloren gegangen, im guten und im bösen. Die von damals hatten vieles noch nicht. Aber wir haben vieles nicht mehr.

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Blumenmädchen: Living History, 13. Juli 2015;
Moderne Mädchen: Mariano Vargas: Soltanto Madonne, 2012.

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Written by Wolf

14. August 2015 um 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Hochmittelalter

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