Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Gefühl kann man zu Markt nicht bringen, doch Manuskripte jederzeit

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Update zu Ein Nichts, ein Zwischenraum (Jedenfalls sie hattens nicht)
und Indessen Pasternak:

Dichter.
Ihr fühlet nicht wie schlecht ein solches Handwerk sey!
Wie wenig das den ächten Künstler zieme!
Der saubern Herren Pfuscherey
Ist, merk‘ ich, schon bey euch Maxime. […]

Wer läßt den Sturm zu Leidenschaften wüthen?
Das Abendroth im ernsten Sinne glühn?
Wer schüttet alle schönen Frühlingsblüten
Auf der Geliebten Pfade hin?
Wer flicht die unbedeutend grünen Blätter
Zum Ehrenkranz Verdiensten jeder Art?
Wer sichert den Olymp? vereinet Götter?
Des Menschen Kraft im Dichter offenbart.

Goethe: Vorspiel auf dem Theater, Vers 104 bis 107; 150 bis 157.

Elisabeta Zelenina, Knishniki, Novaja Gazeta, St. Petersburg, 31.  August 2015

Die Russen haben lange gebraucht, bis sie in ihre Literatur eine gewisse Leichtigkeit tragen konnten — eigentlich erst Puschkin in einem Jahrhundert, als deutsche Dichter mit ihrer ersten Décadence der Romantik beschäftigt waren. Alles davor war erdenschwere Religiosität und Panegyrik, und dann blühte praktisch alles zahlreich, üppig und wie über Nacht, quasi Barock, Klassik, Romantik und dämmernde Moderne auf einmal. Als Puschkin für seinen Eugen Onegin einen Vorspann zum 1. Kapitel suchte, fand er Anregung im deutschen Faust, genauer im Vorspiel auf dem Theater. Was die russische Seele halt so unter Leichtigkeit versteht.

Elisabeta Zelenina, Knishniki, Novaja Gazeta, St. Petersburg, 31.  August 2015

Unten folgt — meines Wissens als Internet-Premiere — die Übersetzung von Theodor Commichau 1916 nach der vergriffenen Insel-Ausgabe, die ihrerseits die DDR-Ausgabe bei Aufbau wiedergibt. Dieselbe Übersetzung verwendet auch die wohl seltenste und dabei, wie sich begründen lässt, wichtigste deutsche Puschkin-Ausgabe: die vierbändige Auswahl aus dem Verlag für fremdsprachige Literatur, Moskau 1950. Wladimir Neustadt, der als Herausgeber zeichnet, dessen voller Name aber ausschließlich im Klappentext der weit späteren Insel-Ausgabe preisgegeben wird, formuliert es in seinen Anmerkungen zum ersten Band Gedichte mit Klassenbewusstsein:

Das „Gespräch“ wurde erstmalig als Vorwort zur Einzelausgabe des „Eugen Onegin“ 1825 gedruckt.

Puschkin war einer der ersten Adligen in der russischen Literatur, der sein Leben auf die Einnahmen aus seinen literarischen Werken gründete, obwohl die Adelskreise damals mit großer Verachtung auf die Schriftsteller von Beruf hinabblicken. Dieses Gedicht ist zum Verständnis dee Haltung Puschlkins zur Poesie von großer Bedeutung. Puschkin betont die Freiheit und Unabhängigkeit seines Schaffens vom Geschmack des Mobs der Großen Welt.

Der Hinweis auf den Faust erscheint noch nicht in Moskau 1950, aber dann bei Aufbau, Ost-Berlin 1973, und mit nicht weniger real existierendem Sozialbewusstsein, das von Insel im westdeutschen Frankfurt übernommen wurde:

Als Vorspann zur Ausgabe des 1. Kapitels „Eugen Onegin“ gedacht. Puschkin, dem es auf die Unabhängigkeit der dichteischen Inspiration von jeglichem Mäzenatentum und der absolutistischen Staatsdoktrin ankam, verschloß nicht die Augen vor den unausweichlichen Auswirkungen einer voranschreitenden Kapitalisierung des Büchermarktes. Um die ihrem Inhalt nach gegen alle romantisierenden Illusionen gerichteten Schlußzeilen des Dialogs zu unterstreichen, verzichtete er bewußt auf die Versform. Eine Anregung zu seinem „Gespräch“ erhielt Puschkin durch Goethes „Vorspiel auf dem Theater“ zum ersten Teil des „Faust“.

Знамя народное пусть от победы к победе ведёт. Wo Puschkin in seinem Gedicht auf die Versform verzichtet, und auf welche Grundlage ihm das als bewusstes Tun unterstellt werden kann, wird der anmerkende Herausgeber Harald Raab hoffentlich selber verstehen. Dieser „Vorspann“ erscheint weder in allen russischen noch gar den deutschen Ausgaben vom Onegin, aber umso zuverlässiger, weil exemplarisch für Puschkins Kunstauffassung, in den Gedichtsammlungen.

Elisabeta Zelenina, Knishniki, Novaja Gazeta, St. Petersburg, 31.  August 2015

Puschkins Inspiration datiert vom 26. September 1824. Die erste deutsche Übersetzung stammt von Dr. Robert Lippert in: Alexander Puschkin’s Dichtungen, zweiter Band, Verlag von Wilhelm Engelmann, Leipzig 1840, Seite 1 bis 13. Mit Goethes Vorspiel auf dem Theater verbindet Puschkin der Konflikt zwischen Idealismus des künstlerischen Schaffens und kommerzieller Verwertbarkeit, den weder Goethe, Puschkin noch der nachfolgende russische Kommunismus lösen konnte. Der Kapitalismus übrigens auch nicht.

Das Bildmaterial (für das ich im Dienste des Layouts lieber drei Hochformate gefunden hätte, aber mach was) zeigt die Inhaber unabhängiger Buchhandlungen in Sankt Petersburg via Elisabeta Zelenina für die örtliche Novaja Gazeta vom 31. August 2015.

Besonderer Dank für ihre Aufmerksamkeit, Anteilnahme und Auswahl-Ausgabe aus dem Verlag für fremdsprachige Literatur ergeht an die Hochhaushex!

Elisabeta Zelenina, Knishniki, Novaja Gazeta, St. Petersburg, 31.  August 2015

——— Alexander Sergejewitsch Puschkin:

Gespräch zwischen Buchhändler und Dichter

Razgovor knigoprodavca a poetom, 26. September 1824,
teilweise verwendet in der Vorrede zu Eugen Onegin,
übs. Theodor Commichau 1916,
nach: Gesammelte Werke 1: Gedichte, Insel Verlag Frankfurt am Main 1973, Seite 197 bis 203:

Buchhändler
Euch bringt das Dichten wahrlich Segen:
Ein bißchen Müh so nebenher,
Und schon hat Fama allerwegen
Hinausposaunt die frohe Mär:
Ein groß Poem sei Euch gelungen,
Entsprossen aus Genie und Fleiß;
Ich bin gespannt auf Äußerungen,
Wohlan denn, stellt mir Euren Preis.
Ich tausche Eure Musenfrüchte
Geschwind in blanke Münze ein
Und kaufe jedes Blatt Gedichte
Für einen guten Kassenschein.
Ihr seufzt, mein Lieber? Darf man fragen
               Weshalb?

Dichter
Mir träumt‘ von fernen Tagen:
Ich dachte jener schönen Zeit,
Da ich, von Schaffenslust getrieben,
Ein freier Sänger, gottgeweiht,
Aus Neigung, nicht um Sold geschrieben.
Ich sah im Geist mein Bergasyl,
Das Obdach einsam süßer Stunden,

Wo einst so gern sich eingefunden
Die Muse zum Gedankenspiel.
Nur Harmonie war dort mein Ziel;
Dort, mir gesandt von Zaubermächten,
Umschwebte lockend Bild um Bild,
Von himmlisch reinem Glanz erfüllt,
Mich in begeistrungsvollen Nächten.
Und alles rief Entzücken wach:
Der Mond, die Flur im Duft der Ähren,
Das Sturmgeheul ums morsche Dach,
Der greisen Pflegerin Wundermären.
Ein Dämon lenkte mich empor
Aus meiner Muße, meinen Spielen,
War um mich stets und sang dem Ohr
Süßheimlich Melodien vor –
Und sehnsuchtschweres, warmes Fühlen
Durchwogte meine volle Brust.
Ihr tiefstes Wunder ward erschlossen:
In schwungvoll klaren Rhythmen flossen
Die Worte mir – wie unbewußt
In schönem Gleichmaß hingegossen.
Wetteifernd stritt mit meinem Sang
Der Frühlingssturm, des Waldes Rauschen,
Der Meerflut nächtlich dunkler Drang,
Des frischen Bächleins muntres Plauschen.
Damals, im Schoß der Einsamkeit
Still schaffend, war ich nicht bereit,
Mein Kleinod an den Plebs zu wagen
Und was der Muse Kuß geweiht
Für schnödes Geld zu Markt zu tragen.
Ich wahrte treu mein höchstes Gut,
Gleichwie des Jünglings Herz in Glut
All seine Liebe, sein Entzücken
Verborgen hält in stolzer Hut
Vor unrein pöbelhaften Blicken.

Buchhändler
Je nun, der Ruhm ersetzte Euch
Das stille Glück im Idealen;
Ihr seid bekannt, an Ehren reich,
Derweil sich hier in Staubregalen
Zu Haufen Vers und Prosa staut
Und ganz umsonst nach Lesern schaut,
Davon die meisten schlecht bezahlen.

Dichter
O glücklich, wer im Herzensschrein,
Verschlossen hielt der Musen Gabe,
Wunschlos, jemals bedankt zu sein
Von seiner Mitwelt, seinem Grabe;
O glücklich, wer in edler Scham,
Von keinem Ruhmesdorn umschlungen
Und sicher vor den Lästerzungen
Als Namenloser Abschied nahm!
Trug, blinder noch als Hoffnungsträume,
Was ist denn Ruhm? Des Lesers Gunst?
Der Albernheit Entzückungsschäume?
Des läst’gen Laffen blauer Dunst?

Buchhändler
Byron wie auch Shukowski fanden
Gleich bittre Worte schon; trotzdem
Hat alle Welt ihr Glanzpoem
Gewürdigt und für Geld erstanden.
Ja, Euer Los ist Neides wert:
Bald züchtigt, bald bekränzt der Dichter,
Zerschmetternd trifft sein Flammenschwert
Mit ew’gem Fluch die Bösewichter;
Dem Helden singt er schönsten Lohn,
Und auf Cytherens goldnem Thron
Erhöht er seiner Liebsten Füße.
Lobpreisen langweilt Euch zwar schon,
Allein der Weiber Herz braucht Süße.
Kurz, schreibt für sie; ihr Ohr entzückt
Anakreons galantes Kosen:
Der Kranz von Helikon beglückt
Die Jugend weniger als Rosen.

Dichter
O frühen Irrwahns tiefe Schmach,
Verblendung junger Eigenliebe!
Einst lief auch ich im Weltgetriebe
Den Spuren hübscher Weiber nach.
Mit Lächeln hat auf meine Lieder
Die holde Wimper Dank getaut,
Von weichen Lippen klingt er wider,
Bestrickend, mein Verführerlaut.
O still davon! Solch Opfer bringen
Kann ich nicht mehr, ihr Sklave nur;
Mag doch das Schoßkind der Natur,
Der geile Jüngling sie besingen.
Was sind sie heut mir? Still dahin,
Vertieft in Andacht, fließt mein Leben;
Der ernsten Leier Weisen schweben
Hoch über eitlem Flattersinn.
Unkeusch ist ihr Gefühl, ihr Denken,
Und nimmermehr verstehn sie mich:
Begeistrung, wie sie Götter schenken,
Ist ihnen fremd und lächerlich.
O wenn mitunter zum Entsetzen
Solch Lied im Ohr mir widertönt,
Erkenn‘ ich schaudernd, welchen Götzen
Einst meine Lüsternheit gefrönt!
Ich Narr, wonach hab‘ ich gerungen?
Für wen den stolzen Geist entehrt?
Für welch Idol mich sinnbetört
Zu Jubelhymnen aufgeschwungen?

Buchhändler
Wie prächtig grollt so ein Poet!
Respekt vor Euren tiefren Gründen,
Doch – sollte gar kein Herz sich finden,
Das ausnahmsweise Euch versteht?
Kein Wesen, wert des Dichterdranges,
Das Euren Liebesdurst erquickt
Und mit den Blüten Eures Sanges
Die eignen vollen Reize schmückt?
Da schweigt Ihr nun.

Dichter
               O schont den Schlummer,
Dem mein Poetenherz sich weiht;
Erinnrung weckt nur neues Leid.
Was fragt die Welt nach meinem Kummer?
Ich bin ihr fremd. Birgt meine Brust
Ein teures Bildnis, treu beschlossen?
Hab‘ ich um Liebe je gewußt?
Je Tränen still für mich vergossen,
Wenn sehnsuchtskrank die Seele war?
Wo ist sie, deren Blick noch eben
Mir zugelächelt himmlisch klar?
Zwei kurze Nächte – war’s mein Leben?…
.   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .
Was soll’s? Mein Seufzer rührt ja nicht,
Und was mein Weh in Worten spricht,
Gleich irrem Stammeln eines Toren.
Ein Herz zwar lebt, das mich vernimmt,
Doch ach, nur bebend, schmerzverloren.
So war’s vom Schicksal vorbestimmt.
Wem weih ich nun die edlen Triebe?
Nur eine gab’s, vor ihr allein
Erschloß in heil’ger, lautrer Liebe
Des Sängers Brust sich keusch und rein.
Sie hätte mir, mich aufzuraffen,
Die frische Jugend neu geschenkt,
Die Phantasie zum frohen Schaffen
In freie, lichte Bahn gelenkt!
Sie hätte, sie allein, mir sinnig
Gedeutet mein verworren Lied
Und mir im Herzen hell und innig
Als heilger Liebesstern geglüht.
Doch ach, umsonst war Wunsch und Bangen!
Kein Flehen, keine Schwüre drangen
Zu ihres Busens stolzer Wehr:
Sie lieh dem irdischen Verlangen,
Gleich einer Gottheit, kein Gehör …

Buchhändler
Und so, von Amor schnöd betrogen,
Enttäuscht durch unbelohnte Müh,
Habt Ihr Euch leider viel zu früh
Der Pflege Eurer Kunst entzogen.
Und nun, entrückt der lauten Welt
Und deren Sucht nach Modeneuheit,
Was habt Ihr nun erkoren?

Dichter
                    Freiheit.

Buchhändler
Sehr schön. Doch laßt Euch, wenn’s gefällt,
Von meinem klügren Rate leiten:
In unsern rücksichtslosen zeiten
Gibt’s keine Freiheit ohne Geld.
Und Ruhm, was ist’s? Ein bunter Flicken,
Auf Dichters Bettelrock genäht.
Gold, Gold, nur Gold kann uns beglücken,
Drum jagt nach Gold von früh bis spät!
Nein, kommt mir nicht mit andren Dingen,
Euch Herrn Poeten kenn ich gut:
Ihr prahlt mit Eures Werks Gelingen,
Solang im Rausch der Schaffensglut
Gedanken kühn dem Hirn entspringen;
Doch kaum zerrinnt die tolle Flut,
Lähmt Überdruß Euch gleich die Schwingen.
Drum kurz und bündig zum Bescheid:
Gefühl kann man zu Markt nicht bringen,
Doch Manuskripte jederzeit.
Was zaudert Ihr? Die Leser harren,
Mich überläuft das Publikum,
Reimschmiede, Journalisten scharren
Vor meiner Ladentür herum;
Der braucht, wovon sein Herz was hätte,
Und der ist auf Kritik bedacht:
Mit Eurer Leier wird, ich wette,
Noch wunderschön Profit gemacht.

Dichter
Sie haben vollkommen recht. Hier mein
Manuskript. Schließen wir gleich ab.

Elisabeta Zelenina, Knishniki, Novaja Gazeta, St. Petersburg, 31.  August 2015

Sankt Petersburger Buchhändler/-innen: via Елизавета Зеленина: Книжники. Владельцы шести независимых книжных заведений Петербурга назвали книги, коорые точнее прочих отражают сегодняшнюю реальность, Новая Газета, 31 августа 2015:

  1. Дарья Чилякова (Darja Tschiljakova) von Подписные издания;
  2. Михаил Богданов (Michail Bogdanov) vom Comicladen 28-й;
  3. Анна Изакар (Anna Izakar) von Порядок слов;
  4. Михаил Маляров (Michail Maljarov) von Фаренгейт 451;
  5. Ольга Кузьмина (Olga Kuzmina) von Книги и кофе;
  6. Мария Левченко (Marija Levtschenko) von Свои книги.

Elisabeta Zelenina, Knishniki, Novaja Gazeta, St. Petersburg, 31.  August 2015

Russische art pour l’art: Белое Злато: Девушки поют в Кафе Русские песни, ca. 2017:

Written by Wolf

8. November 2019 um 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

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