Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

So säumet denn, ihr Freunde, nicht, die Würste zu verspeisen

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Update zu Da ist schwäb’scher Dichter Schule, und ihr Meister heißt – Natur!
und Romantische Bieronie (Dei Ironiezeigl konnst sejwa saffa):

Da, wo ich herkomme, wird allenfalls zur Kirchweih so ein Tumult um das Schlachten seiner Mitkreaturen gemacht. Ludwig Uhland war aus Schwaben und zur Zeit seines Metzelsupenlieds 26 Jahre alt. Das ist so jung, da darf man seine siebenzeiligen Strophen sogar noch mit einer ungereimten Waise abschließen (Reimschema ABABCCX).

Laut Uhlands Tagebuch entstand das Lied unter dem Arbeitstitel Verse über die Abschlachtung eines Schweins ab 26. Januar 1814 in Tübingen anlässlich eines musikalischen Abends beim befreundeten Komponisten Friedrich Knapp, tags darauf weitere Verse. Die Uraufführung war eine Vorlesung im selben Knappschen Kreis am 16. Februar 1814.

Der Text redet dem Fleischverzehr und dem Antisemitismus das Wort — viel gesammelt wird es wohl nicht mehr; die aufwändig belustigende, aber undistanzierte Illustration stammt von 1930. Metzelsuppe in ihrer Bedeutung als Ritual oder als Nahrung findet in den Gegenden, die tradtioneller Weise noch Wert auf dergleichen legen, ganzjährig statt; um sie außerhalb einer dörflichen Feierlichkeit in einem Gedicht zu feiern, an dem man mehr als einen Tag lang sitzt, muss man wohl über einen nicht allein sehr hungrigen, sondern künstlerisch orientierten Freundeskreis verfügen. Immerhin scheint es, der junge Ludwig Uhland war ein glücklicher Mensch.

——— Ludwig Uhland:

Metzelsuppenlied

gesammelt in Gedichte 1815, Seite 72 f.:

Wir haben heut nach altem Brauch
Ein Schweinchen abgeschlachtet;
Der ist ein jüdisch eckler Gauch,
Wer solch ein Fleisch verachtet.
Es lebe zahm und wildes Schwein!
Sie leben alle, groß und klein,
Die blonden und die braunen!

So säumet denn, ihr Freunde, nicht,
Die Würste zu verspeisen,
Und laßt zum würzigen Gericht
Die Becher fleißig kreisen!
Es reimt sich trefflich: Wein und Schwein,
Und paßt sich köstlich: Wurst und Durst,
Bei Würsten gilt’s zu bürsten.

Auch unser edles Sauerkraut,
Wir sollen’s nicht vergessen;
Ein Deutscher hat’s zuerst gebaut,
Drum ist’s ein deutsches Essen.
Wenn solch ein Fleischchen, weiß und mild,
Im Kraute liegt, das ist ein Bild
Wie Venus in den Rosen.

Und wird von schönen Händen dann
Das schöne Fleisch zerleget,
Das ist, was einem deutschen Mann
Gar süß das Herz beweget.
Gott Amor naht und lächelt still,
Und denkt: nur daß, wer küssen will,
Zuvor den Mund sich wische!

Ihr Freunde, tadle Keiner mich,
Daß ich von Schweinen singe!
Es knüpfen Kraftgedanken sich
Oft an geringe Dinge.
Ihr kennet jenes alte Wort,
Ihr wißt: es findet hier und dort
Ein Schwein auch eine Perle.

Ludwig Uhland, Metzelsuppenlied, Die fidele Kommode, 1930, Seite 134

BIld: Ludwig Uhland: Metzelsuppenlied, in: Die fidele Kommode. Siebenhundert Jahre deutscher Humor. Ein kurzweiliges und scherzhaftes Album deutscher Humordichtung mit vielen hundert lustigen Reim-Episteln und launigen Versstücken, Fikentscher Verlag, Leipzig 1930, Seite 134; ex libris MTP, via Michael Studt, 5. Juni 2019.

Soundtrack: eins der wenigen, zum nachhaltigen Volksgut gewordenen Highlights
von Wilhelm Hauff: Reiters Morgenlied (Alte Soldatenweise),
aus: Kriegs und Volkslieder. Stuttgart, in der Metzlerschen Buchhandlung, 1824, Seite 84,
für fränkische Belange bearbeitet von der Frankenbänd, 2005, live in der Nürnberger Katharinenruine 2012:

Written by Wolf

6. September 2019 um 00:01

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