Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Indessen Pasternak

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Update zu Russika aus vier Jahren: O komm ein Engel und rette mich!,
Mephista,
Bei den Gebildeten ein gewisses Aufsehen (starke Beachtung in der Gelehrtenwelt)
und Ein Nichts, ein Zwischenraum (Jedenfalls sie hattens nicht):

Byti snamenitom nekrassiwo.
(Berühmtheit kann nichts Schönes bieten.)

Wo wssiom mne chotschetssa dojti.
(In allem möchte ich zutiefst den Kern ergründen.)

Boris Pasternak, deutsch: Mary von Holbeck, a. a. O.

Boris Leonidowitsch Pasternak ist möglicherweise der Russe, bestimmt aber der russische Künstler, der in Amerika beliebter war als in Russland. Wer schon mal die berüchtigte Verfilmung seines Doktor Schiwago von 1956 durch David Lean 1965 gesehen hat – also jeder –, weiß auch davon, dass Pasternak für seine Buchvorlage den Literatur-Nobelpreis 1958 hat, der gerne allzuschnell der Einfachheit halber zu den fünf Osacars für den Film dazugerechnet wird. Das ist für eine Reaktion der Nobelpreisstifter auf Literaturströmungen ungewohnt zügig. Pasternak bekam den Nobelpreis zugesprochen, musste ihn jedoch auf vielfachen und besonders nachdrücklich geäußerten Wunsch der russischen Regierung ablehnen.

Boris Pasternak, Gedichte, Erzählungen, Sicheres Geleit, Fischer Bücherei 271, März 1959Doktor Schiwago erschien nicht 1956 auf Russisch, wie es reibungslos geschehen wäre, sondern auf Italienisch 1957. Die russische Originalausgabe wurde – und das ist ungewohnt – von der CIA beim Den Haager Mouton Verlag gefördert.

Seinen trotz alledem und alledem selbst gewünschten Verbleib in der Sowjetunion verdiente sich Pasternak mit ungebrochener Disziplin in Dichtung und Übersetzung aus mehreren Sprachen – unter anderem aus dem Deutschen, wozu ihn ein Studium in Marburg im Übermaß qualifizierte: 1950 hatte er sich mit der seinerzeit noch regierungstreuen Literaturzeitschrift Nowy Mir angelegt, indem er angeblich Goethes progressive Implikationen im Faust zugunsten der reaktionären Theorie der reinen Kunst verzerrte, trotzdem lag 1952 der Tragödie zweiter Theil fertig vor.

Wobei die Jahreszahlen 1950 und 1952 Informationen der englischen Wikipedia in den Abschnitten „Translating Goethe“ und „Selected books“ sind; Die Zeit Nr. 44 vom 30. Oktober 1958 gibt, aktueller am Zeitgeschehen, erst 1957 an). Jedenfalls kam es in den 1950 Jahren für Pasternak ziemlich geballt: Herzinfarkt, starke Magenblutungen und dann noch einen Lungenkrebs im Anfangsstadium überlebte er am 30. Mai 1960 nicht mehr, da war er zarte 60.

Nach russischen Faust-Übersetzungen unter anderem von Shukowskij, Gribojedow, Tjutchew, A.K.Tolstoj, Huber, Fet und Brjussow war die von Pasternak keineswegs die erste, ist aber die beliebteste geblieben, sogar in Russland selbst: Nach seiner offiziellen Rehabilitation nebst Wiederaufnahme in den Schriftstellerverband der UdSSR am 23. Februar 1987 durfte er durch Vertretung seines Sohnes Jewgeni Pasternak 1989 sogar posthum den Nobelpreis noch annehmen und den Doktor Schiwago in Zeitungsform veröffentlichen.

An Pasternaks Vorarbeiten zu faustischen Themen finde ich nur ein denkbar obskures Gedicht aus einem frühen, noch typisch lebensfroh gestimmten Gedichtband in einem weitgehend verschollenen deutschen Auswahlbändchen. Die Anmerkungen darin beschränken sich auf vage zeitliche Einordnung und Übersetzernamen, in werkimmanenter Interpretationsweise ist dem Gedicht kaum beizukommen:

——— Boris Pasternak:

Mephistopheles

Mefistofel, aus: Themen und Variationen (Temy i wariaziji), 1917–1923,
deutsche Übersetzung: Christel Pesch,
cit.: Gedichte, Erzählungen, „Sicheres Geleit“, Fischer Bücherei 271, März 1959, Seite 29:

Leonid Pasternak, Boris Pasternak Writing, 1919Sie alle strömten aus den Massen
Von Staub am Sonntag vors Tor hinaus,
Indessen der Regen, alleine gelassen,
Durch Schlafzimmerfenster dringt in das Haus.

Bei allen wars üblich, zum Mittagessen
Als Nachtisch spätestens Regen zu nehmen,
Indessen — ein Veloziped — wie besessen
Windwirbel die Zimmerkommoden durchfegen.

Jetzt wurden dort bis an die Decke
Die Seidenvorhänge durchgerüttelt,
Indessen draußen, an Teichen und Hecken
Der Sturm die Philister zusammenrüttelt.

Als überlanger Zug von Kremsern
Gegen die Wälle sie heimwärts strebten,
Wo rosseschreckende Schattengespenster
Sich allabendlich neu belebten.

In Strümpfen aus Blut mit großen Schnallen,
– Troddeln, die an der Trommel hingen –
Hört man des Teufels Beine hallen,
Die über rotgoldne Wege gingen.

Es schien, daß der Hochmut des Federhuts,
Der durch das Laub Überheblichkeit
In Wellen strömte, in einem Nu
Die Welt hinwegfegt für alle Zeit.

Er grüßt sie nur lässig, die neben ihm zogen,
Und zählt sie wie Meilensteine aus.
Den Kopf im Lachen zurückgebogen,
Stapft er gleichmäßig dem Freund voraus.

Luis Ricardo Falero, Faust und Mephisto

Bilder: Gedichte, Erzählungen, „Sicheres Geleit“ via Siniamaus auf Ebay;
Leonid Pasternak: Boris Pasternak Writing, 1919,
Kreidezeichnung auf Papier, 318 mm x 260 mm, London Tate Gallery;
Luis Ricardo Falero: Faust und Mephisto, via The Laughing Heresiarch, 10. Mai 2015.

Jetzt bloß kein Lara Theme: Über dem Versuch zu unterscheiden, ob auf YouTube gerade der Erste oder Zweite Mephisto-Walzer erklingt – was, siehe unten, selbst in hochoffiziellen Einspielungen mit Katia Buniatishvili verwechselt wird –, ersteht die schöne Erkenntnis, dass Franz Liszt deren sogar vier komponiert hat. Darum als populäre Referenz gleich alle viere, allesamt von slawischer Seite interpretiert:




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Written by Wolf

18. Januar 2019 um 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Vier letzte Dinge: Hölle

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