Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Barfußwochen 06: Laß mich die Aschengruttel sein in deinem Märchen

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Update zu Wer fühlt den Krampf der Freuden und der Schmerzen nicht:

Sollten Geistliche Literatur schaffen? Da haben wir wieder was zum Diskutieren. (Ist aber langweilig, reden wir lieber von schönen Mädchen.)

Hannah by Alberich Matthews, Quickstep, 25. Mai 2008Wenn es so hinausläuft wie beim biedermeierlichen Dorfgeistlichen Eduard Mörike, sollten sie es wenigstens dürfen: Die Geistlichen der Christenheit haben in ihrer Geschichte weit Schlimmeres angerichtet als schlechte Gedichte – wobei man Mörike heute noch nicht rundum schlecht finden muss. Vielmehr würde ohne seine lyrischen Experimente und liebevollen Landgeschichten einiges fehlen.

Landgeschichten bedeutet auch, dass Mörike am meisten auf dem Gebiet der Idylle geleistet hat – einer Gattung, die sich eher inhaltlich denn formal definiert; Idyllen sind Gedichte in allen Formen und Farben oder Prosa von der Anekdote bis zum Roman. Gerade Mörikes Kunstmärchen in Novellenstärke vom Stuttgarter Hutzelmännlein besticht durch seinen naiv altschwäbischen Tonfall nicht nur in den Dialogen, sondern auch der Erzählinstanz. Salopper und verständlicher gesagt, klingt das ganze Ding durchgehend so hinreißend danach, als ob ein gut gelaunter schwäbischer Opa hochdeutsch zu reden versucht, dass man aus dem Grinsen gar nicht rauskommt.

Idylle bedeutet wiederum, dass Mörike dem zu Recht vergessenen Salomon Geßner nicht nur geographisch sehr viel näher steht als, sagen wir, Quentin Tarantino. Und trotzdem: Gucken wir mal genauer.

Im Stuttgarter Hutzelmännlein bringt Mörike eine eigenständige Binnenerzählung unter, wie in Novellen recht gängig: Die Historie von der schönen Lau. Die besagte Lau ist eine Nixe nicht im großen weiten Weltmeer, sondern damit es schwäbisch bleibt, im Blautopf, mithin ein regionales Zugeständnis an die seit Fouqué grassierenden Geschichten von Melusinen, Sirenen und sonstigen Wasserweibern, unter denen heute noch am bekanntesten die Kleine Seejungfrau von Andersen in ihren zahllosen Bearbeitungen ist: eine ausführliche Parabel über die erotische Bedeutsamkeit menschlicher Beine und Füße.

Hannah by Alberich Matthews, Call Her Moonchild, 4. April 2008Andersens Seejungfrau war deshalb eine genuine Nixe, um in einem Fischschwanz zu enden und sich ihr Paar Füße erst mühsam zu verdienen und damit vor Liebesschmerz unglücklich zu werden. Alle anderen weiblichen Wasserwesen, allen voran die besonders sexuell konnotierten Sirenen, sind nicht mit einer hässlichen, obendrein für Liebespraktiken unter Säugetieren ungeeigneten Fischhälfte inkommodiert, sondern selbstverständlich mit den wunderschönsten Beinen gesegnet.

Die schöne Lau zum Beispiel ist allgemein ein „Wasserweib“, weil sich eine „Undine“ im Blautopf wohl ausnähme wie Paris Hilton in Glonn (nicht der beste Vergleich, weil Paris Hilton sich die gottverliehene Schönheit ihrer Zehen wahrscheinlich von klein auf mit zu engen Stöckelschuhen ruiniert hat). Was macht Mörike daraus? Er nutzt die Anatomie seiner leuchtend hübschen Hauptfigur, um sie von ihren Füßen aus zu charakterisieren.

Und genau das trägt uns jetzt doch zu Tarantino. Zum 20. Jahrestag ist mal wieder Gelegenheit, sein Pulp Fiction anzuschauen. Und diesmal achten wir besonders darauf, wie Uma Thurman eingeführt wird: barfuß von unten, ihre Wohnung herrschaftlich beschreitend, in einer aufwändigen Kamerafahrt über den Teppich. Nicht die einzige Stelle, an der er seinen Filmfrauen offensiv die Füße abfilmt, aber eine, an der das alte Spielkind Tarantino nicht allzu offensichtlich seine eigenen erotischen Vorlieben verfolgt – weil Umas Thurmans Füße nämlich vorher in der Handlung Gegenstand eines sprichwörtlich gewordenen Dialogs über Fußmassagen waren und außerdem gebraucht werden, um ihre Person in einer Art Schlangentanz und ihr kleopatrisches Wesen – sie trägt sogar die Frisur der Kleopatra im Asterix – zu verdeutlichen, was in Schuhen nicht halb so gut funktioniert hätte.

Mörikes schöne Lau ist als unbezweifelte, konkurrenzlose Königin des Blautopfs weniger darauf angewiesen, ständig ihr Herrschertum hervorzukehren, bewegt sich ohnedies an Land unter lauter niederem, obrigkeitstreuem Bauern- und Handwerkervolk und darf deswegen ungleich entspannter dargestellt werden. Zugleich idyllisch und tarantinisch anhand ihrer Füße:

——— Eduard Mörike: Die Historie von der schönen Lau
in: Das Stuttgarter Hutzelmännlein, 1853:

Zuunterst auf dem Grund saß ehmals eine Wasserfrau mit langen fließenden Haaren. Ihr Leib war allenthalben wie eines schönen, natürlichen Weibs, dies eine ausgenommen, daß sie zwischen den Fingern und Zehen eine Schwimmhaut hatte, blühweiß und zärter als ein Blatt vom Mohn.

[…]

Moritz von Schwind, Entwurf zur Historie von der schönen Lau, ca. 1868Die Schwiegermutter hatte ihr zum Dienst und Zeitvertreib etliche Kammerzofen und Mägde mitgegeben, so muntere und kluge Mädchen, als je auf Entenfüßen gingen (denn was von dem gemeinen Stamm der Wasserweiber ist, hat rechte Entenfüße); die zogen sie, pur für die Langeweile, sechsmal des Tages anders an – denn außerhalb dem Wasser ging sie in köstlichen Gewändern, doch barfuß –, erzählten ihr alte Geschichten und Mären, machten Musik, tanzten und scherzten vor ihr.

[…]

Einsmals an einem Nachmittag im Sommer, da eben keine Gäste kamen, der Sohn mit den Knechten und Mägden hinaus in das Heu gefahren war, Frau Betha mit der Ältesten im Keller Wein abließ, die Lau im Brunnen aber Kurzweil halben dem Geschäft zusah und nun die Frauen noch ein wenig mit ihr plauderten, da fing die Wirtin an: „Mögt Ihr Euch denn einmal in meinem Haus und Hof umsehn? Die Jutta könnte Euch etwas von Kleidern geben; ihr seid von einer Größe.“

Moritz von Schwind, Entwurf zur Historie von der schönen Lau, ca. 1868„Ja“, sagte sie, „ich wollte lange gern die Wohnungen der Menschen sehn, was alles sie darin gewerben, spinnen, weben, angleichen auch wie Eure Töchter Hochzeit machen und ihre kleinen Kinder in der Wiege schwenken.“ Da lief die Tochter fröhlich mit Eile hinauf, ein rein Leintuch zu holen, bracht‘ es und half ihr aus dem Kasten steigen, das tat sie sonder Mühe und lachenden Mundes. Flugs schlug ihr die Dirne das Tuch um den Leib und führte sie bei ihrer Hand eine schmale Stiege hinauf in der hintersten Ecke des Kellers, da man durch eine Falltür oben gleich in der Töchter Kammer gelangt. Allda ließ sie sich trocken machen und saß auf einem Stuhl, indem ihr Jutta die Füße abrieb. Wie diese ihr nun an die Sohle kam, fuhr sie zurück und kicherte. „War’s nicht gelacht?“ frug sie selber sogleich. – „Was anders?“ rief das Mädchen und jauchzte: „gebenedeiet sei uns der Tag! ein erstes Mal wär‘ es geglückt!“ – Die Wirtin hörte in der Küche das Gelächter und die Freude, kam herein, begierig, wie es zugegangen, doch als sie die Ursach‘ vernommen – du armer Tropf, so dachte sie, das wird ja schwerlich gelten! – ließ sich indes nichts merken, und Jutte nahm etliche Stücke heraus aus dem Schrank, das Beste was sie hatte, die Hausfreundin zu kleiden. „Seht“, sagte die Mutter: „sie will wohl aus Euch eine Susann Preisnestel machen.“ – „Nein“, rief die Lau in ihrer Fröhlichkeit, „laß mich die Aschengruttel sein in deinem Märchen!“ – nahm einen schlechten runden Faltenrock und eine Jacke; nicht Schuh noch Strümpfe litt sie an den Füßen, auch hingen ihre Haare ungezöpft bis auf die Knöchel nieder. So strich sie durch das Haus von unten bis zu oberst, durch Küche, Stuben und Gemächer. Sie verwunderte sich des gemeinsten Gerätes und seines Gebrauchs, besah den rein gefegten Schenktisch und darüber in langen Reihen die zinnenen Kannen und Gläser, alle gleich gestürzt, mit hängendem Deckel, dazu den kupfernen Schwenkkessel samt der Bürste und mitten in der Stube an der Decke der Weber Zunftgeschmuck, mit Seidenband und Silberdraht geziert, in dem Kästlein von Glas.

[…]

Indem der Spinnerinnen eine diesen Schwank erzählte, tat die Wirtin einen schlauen Blick zur Lau hinüber, welche lächelte; denn freilich wußte sie am besten, wie es gegangen war mit dieser Messerei; doch sagten beide nichts. Dem Leser aber soll es unverhalten sein.

Die schöne Lau lag jenen Nachmittag auf dem Sand in der Tiefe, und, ihr zu Füßen, eine Kammerjungfer, Aleila, welche ihr die liebste war, beschnitte ihr in guter Ruh die Zehen mit einer goldenen Schere, wie von Zeit zu Zeit geschah.

Moritz von Schwind, Entwurf zur Historie von der schönen Lau, ca. 1868

Bilder: Alberich Matthews‘ Lieblingsmodel Hannah:
Quickstep, 25. Mai 2008; Call Her Moonchild, 4. April 2008; Sightseeing, 14. September 2008;
Moritz von Schwind: Entwürfe zur Historie von der schönen Lau, ca. 1868 via Goethezeitportal.

Hannah by Alberich Matthews, Sightseeing, 14. September 2008

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Written by Wolf

5. Juli 2014 um 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Land & See

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