Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Nicht immer klagen die Nachtigallen

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Update zu den Wanderwochen 02: Das kannst du, Knabe, nicht fassen:

Ja, es gilt jetzt stark genug zu sein, sein Weltbild umzubauen, aber der nachfolgende Dichter namens Ludwig Bechstein ist tatsächlich der Märchen-Bechstein, der oft genug in den gängigen Märchenanthologien vorkommt, dass man ins Grübeln gerät, wodurch sich seine Sammeltätigkeit eigentlich von derjenigen der Brüder Grimm unterschied, bis man zu dem Ergebnis kommt: nicht allzuviel.

Ludwig Bechstein, der letztlich doch vollends unverächtliche Weimaraner Sammler und Herausgeber von Märchen und Sagen aus ganz Deutschland, war unter vielem anderen der Neffe des Naturforschers Johann Matthäus Bechstein, der 1795 eine Naturgeschichte der Stubenvögel herausgab — 1797 gefolgt von der sehr viel folgenreicheren Naturgeschichte der Stubenthiere — herausgab. Die ornithologische Seite animierte den poetischeren (wenngleich gelernten Apotheker) Neffen Ludwig 1846 zu einer Neuen Naturgeschichte der Stubenvögel, diesmal in gereimter Form, aber nicht ohne didaktischen Anspruch, wie man allein dem für einen Gedichtband geradezu epischen Umfang von 369 Seiten anmerkt.

Ausgegraben haben dieses Kleinod die Herausgeber Robert Gernhardt und Klaus Cäsar Zehrer für Hell und Schnell 2004, worin die unten wiedergegebene Nr. 5. eins von 555 komischen Gedichte aus 5 Jahrhunderten ist — auf Seite 475 im Abschnitt Sechster Raum: Die Wunderkammer. Wunderliche und wunderbare Fundstücke aus deutschen Dichterstuben. Deshalb und auch sonst ergeht dringende Kaufempfehlung.

Der Nachweis außerhalb dieses rundum liebenswerten und aufschlussreichen Hausbuchs ergibt: Bechsteins Gedicht heißt Noch ein Nachtigallenlied, weil es nicht nur eins, sondern gar noch zwei davon gibt. Von Gernhardt und Zehrer wird das mittlere davon angeführt; hätten sie das erste genommen, hätten sie Bechsteins Fußnote dazu mitnehmen können, die mein nie ganz abwelkender innerer Linguist der besonderen allgemeinen Aufmerksamkeit übergibt: Ach ja, es ist schon ein altes Kreuz mit der schriftlichen Wiedergabe von Lautäußerungen. Das geht nicht einmal 1:1, wenn man phonetisch geschulten Ohres , ly und li unterscheidet, da kann man seine Lieder den begabten Tonsetzen überlassen, was man will.

Das soll mir mal jemand vortragen — mit Gefühl, wenn ich bitten darf. Penibel aus dem Original abgetippt:

——— Ludwig Bechstein:

4.
Ein Nachtigallenlied. *)

aus: Neue Naturgeschichte der Stubenvögel. Ein Lehrgedicht von Bechstein dem Jüngern.
Hannover. In der Hahn’schen Hofbuchhandlung. 1846. Seite 258 bis 262:

Nachtigall, Luscinia megarhynchos, Farbdruck 1958, via PicclickEs duften die Nachtviolen,
Es glüht der Sterne Pracht;
Es zucken blitzende Flammen
Durch das Fächeln der Frühlingsnacht.

Tio — tio — tio — tio — tio —
Quitio quitio quitio quio qui.

Die Nachtigall seufzet und jauchzet,
Quorror diu dlo — dlo — dlo — dlo !
Sie träumt den Traum der Liebe
In ahnenden Herzen froh.

Tzü — tzü — tzützützü — tzü zi zi
Quorr zio zio zio pi!

O tiefes unendliches Sehnen,
Du bist ein seliger Schmerz.
Du sprichst von dem Herzen Gottes
Lebendig ans Menschenherz.

Ha gürr gürr gürr quio quipio qui
Qui qui gui gigigi diodzi,

Du rufst aus Nachtigall=Liedern
Gott ist die Liebe! uns zu.
O flöte, Nachtigall, flöte
In himmelseliger Ruh!

Goll, goll, goll, goll — hi hadadoi
Higai gai gaigai gaigi./p>

*) Es ist einleuchtend, daß der Nachtigallenschlag sich mit unsern wenigen Lautzeichen nicht ausdrücken läßt, und daß jeder derartige Versuch nur entfernte Bedeutung sein kann. Aber was die Sprache der Rede nicht vermag, vermag die Sprache des Gesanges, daher seien diese Nachtigallenlieder begabten Tonsetzern empfohlen. D.V.

~~~\~~~~~~~/~~~

5.
Noch ein Nachtigallenlied.

The Nightingale Practises His Scales, from St. Nicholas Magazine, March 1917, via AbecedarianHorch wie wonneflötend in des Fliederbaumes
Mondbeglänzten Zweigen singt die Nachtigall !
Rings das heil’ge Schweigen eines Lenzentraumes
Der Natur — und einzig dieser süße Hall.

Einzig dieser Töne reiche Zauberfülle,
Die das Herz uns fesselt, die kein Wort umfaßt.
Seufzerlaut und Jubel durch die Abendstille,
Liedeswell‘ auf Welle — Ausstrom sonder Rast.

„Tiuu — tiuu — tiuui — weilst du meine Traute —
Tio — tio — tio — tio ti — küssest Rosen noch
Fern am Phrat? tio — tio — lausche meinem Laute,
Tzü — tzü — tzü — tzü — tzü züo zi: Buhle, komme doch !“

Sängerherz voll Sehnsucht steht in Glückesblüthe ;
Sehnsucht ist der Himmel, Sehnsucht nur ist Glück.
Jede Wunscherfüllung, höchste Liebesgüte
Giebt das Glück der Sehnsucht nicht der Brust zurück.

„Tsisisi — tzisisisissi — komme doch geflogen !
Wo die Liebe liebet blüht das Paradies.
Dlo — dlo — dlo — dlo — meine Braut ! Durch der Lüfte Wogen
Schwimme näher ! Quio lilüli ! Hoffnung ist so süß !“

Ja so süß ist Hoffnung auf das Glück der Liebe,
Daß das Glück der Liebe kaum der Hoffnung gleicht.
Himmelsahnungswonnen läutern unsre Triebe,
Bis des trunknen Herzens heißer Wunsch erreicht.

„Gollgollgollgollgia — hadadoi ! O weile
Freundin nun nicht länger, nahe, nahe mir !
Quigi horr ha diadiadsi ! Nahe mir, ich theile
Wonnen oder Wehe, Freundin, treu mit dir !“

Alle Wipfel schweigen, alle Blüthen Träumen,
Sanft zum Niedergange neigt der Abendstern.
Thaugefunkel regnet von den Blüthenbäumen,
Leise schütternd, segnend, haucht der Gesit des Herrn.

Lülülülü lüli — guia guia guia
Guia guia guia io io ioioioio qui —
Higaigaigaigaigaigaigai gia —
Gaigaigaigai quior ziozio pi ! —

~~~\~~~~~~~/~~~

6.
Noch ein Nachtigallenlied.

W. Heath Robinson, Wily Willy passes the night in securing a record of the song of Tetrazzini's rival, the nightingale, from The Sketch, 1908, via AbecedarianNicht immer klagen die Nachtigallen,
Nicht immer seufzet ihr Fötenton.
Lautjubelnd schmettert oft Philomele
Des Glücks Triumphlied, der Liebe Lohn !
Lü ly li la la lo didl io quia pi.

Nicht immer klagen, nicht immer trauern,
Nicht immer Thränen, nicht immer Schmerz.
Was ist die Krone der ganzen Schöpfung,
Nach Gottes Willen ? Ein frohes Herz !
Lü lü lülü ly lyly ly lilili !

Mensch, wann im Lenze Natur sich jünget,
Wann Frühlingszauber die Flur bekränzt,
Laß deine Trauer sich mild verklären,
Sei gleich der Blume, die Thau beglänzt.
Qui qui qui gü gy quü quy qui.

Wir hoffen sehnend, wir werden glücklich,
Des Glückes Blume streut goldnen Staub.
Die Monden wandeln — die Zeiten wechseln —
Oft wird die Blume der Zeiten Raub.
Tio — tio — tio — tio diodio — zozozozo zirrhahi.

Wird frühgebrochen, eh‘ wir’s erwarten ;
Ach, wann erwarten wir tiefsten Gram ?
Des Menschen Seele ist Braut des Himmels,
Oft zögert lange der Bräutigam.
Tza tza tza tza tza tza tza za za zi.

Nicht immer klagen die Nachtigallen,
Gott schuf auch Freuden der Kreatur.
Ihr Lied verschönt uns den Tarum des Lenzes,
Süß und zum Herzen spricht die Natur.
Quia quia quia quia quia quia quia gi.

Die Liebe Gottes giebt sich in Wonnen,
Giebt sich in Leiden der Menschheit kund,
Und stets erneut sie im Ring der Zeiten
So mit der Menschheit den ew’gen Bund.
Higaigaigaia gaigaigai gorr diadi.

Bilder: Nachtigall (Luscinia megarhynchos), Farbdruck 1958, via Picclick;
The Nightingale Practises His Scales, aus: St. Nicholas Magazine, März 1917,
via Abecedarian, 1. Oktober 2020 (sic);
W. Heath Robinson: Wily Willy passes the night in securing a record of the song of Tetrazzini’s rival, the nightingale, aus: The Sketch, 1908, via Abecedarian, 28. September 2017.

Heimische Singvögel: Alain Morisod & Sweet People: Et Les Oiseaux Chantaient, aus: Percé, 1979:

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Written by Wolf

16. August 2019 um 00:01

Veröffentlicht in Romantik

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