Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Wenn–dann (weiß ich auch nicht)

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Update zu Des Frühlings beklommnes Herz und
Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten:

Adalbert Stifter ist der Wald. Es lassen sich sogar trefflich Kränze aus seinen verschiedenen Gewächsen winden:

——— Adalbert Stifter:

Der Nachsommer

3. Band, 4. Der Rückblick, 1857:

Sie fragte mich, ob ich denn nicht gerne in die Stadt gehe.

Ich sagte, daß ich nicht gerne gehe, daß es hier gar so schön sei, und daß es mir vorkomme, in der Stadt werde alles anders werden.

‚Es ist wirklich sehr schön‘, antwortete sie, ‚hier sind wir alle viel mehr beisammen, in der Stadt kommen Fremde dazwischen, man wird getrennt, und es ist, als wäre man in eine andere Ortschaft gereist. Es ist doch das größte Glück, jemanden recht zu lieben.‘ […]

Es begann nun eine merkwürdige Zeit. In meinem und Mathildens Leben war ein Wendepunkt eingetreten. Wir hatten uns nicht verabredet, daß wir unsere Gefühle geheim halten wollen; dennoch hielten wir sie geheim, wir hielten sie geheim vor dem Vater, vor der Mutter, vor Alfred und vor allen Menschen. Nur in Zeichen, die sich von selber gaben, und in Worten, die nur uns verständlich waren, und die wie von selber auf die Lippen kamen, machten wir sie uns gegenseitig kund. Tausend Fäden fanden sich, an denen unsere Seelen zu einander hin und her gehen konnten, und wenn wir in dem Besitze von diesen tausend Fäden waren, so fanden sich wieder tausend, und mehrten sich immer. Die Lüfte, die Gräser, die späten Blumen der Herbstwiese, die Früchte, der Ruf der Vögel, die Worte eines Buches, der Klang der Saiten, selbst das Schweigen waren unsere Boten. Und je tiefer sich das Gefühl verbergen mußte, desto gewaltiger war es, desto drängender loderte es in dem Innern. Auf Spaziergänge gingen wir drei, Mathilde, Alfred und ich, jetzt weniger als sonst, es war, als scheuten wir uns vor der Anregung. Die Mutter reichte oft den Sommerhut und munterte auf. Das war dann ein großes, ein namenloses Glück. Die ganze Welt schwamm vor den Blicken, wir gingen Seite an Seite, unsere Seelen waren verbunden, der Himmel, die Wolken, die Berge lächelten uns an, unsere Worte konnten wir hören, und wenn wir nicht sprachen, so konnten wir unsere Tritte vernehmen, und wenn auch das nicht war, oder wenn wir stille standen, so wußten wir, daß wir uns besaßen, der Besitz war ein unermeßlicher, und wenn wir nach Hause kamen, war es, als sei er noch um ein Unsägliches vermehrt worden. Wenn wir in dem Hause waren, so wurde ein Buch gereicht, in dem unsere Gefühle standen, und das andere erkannte die Gefühle, oder es wurden sprechende Musiktöne hervorgesucht, oder es wurden Blumen in den Fenstern zusammengestellt, welche von unserer Vergangenheit redeten, die so kurz und doch so lang war. Wenn wir durch den Garten gingen, wenn Alfred um einen Busch bog, wenn er in dem Gange des Weinlaubes vor uns lief, wenn er früher aus dem Haselgebüsche war als wir, wenn er uns in dem Innern des Gartenhauses allein ließ, konnten wir uns mit den Fingern berühren, konnten uns die Hand reichen, oder konnten gar Herz an Herz fliegen, uns einen Augenblick halten, die heißen Lippen an einander drücken und die Worte stammeln: ‚Mathilde, dein auf immer und auf ewig, nur dein allein, und nur dein, nur dein allein!‘ ‚O ewig dein, ewig, ewig, Gustav, dein, nur dein, und nur dein allein.‘ Diese Augenblicke waren die allerglückseligsten.

Adalbert Stifter, Blick auf die Falkenmauer aus der Gegend von Kremsmünster, ca. 1825

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Witiko

1. Band, 1: Es klang fast wie Gesang von Lerchen, 1865:

Sogleich trat das Mädchen, welches keine Rosen hatte, in den Wald zurück, das andere blieb stehen. Der Reiter ging zu demselben hin. Da er bei ihm angekommen war, sagte er: „Was stehst du mit deinen Rosen hier da?“

„Ich stehe hier in meiner Heimat da“, antwortete das Mädchen; „stehst du auch in derselben, daß du frägst, oder kamst du wo anders her?“

„Ich komme anders wo her“, sagte der Reiter.

„Wie kannst du dann fragen?“ entgegnete das Mädchen.

„Weil ich es wissen möchte“, antwortete der Reiter.

„Und wenn ich wissen möchte, was du willst“, sagte das Mädchen.

„So würde ich es dir vielleicht sagen“, antwortete der Reiter.

„Und ich würde dir vielleicht sagen, warum ich mit den Rosen hier stehe“, entgegnete das Mädchen.

„Nun, warum stehst du da?“ fragte der Reiter.

„Sage zuerst, was du willst“, erwiderte das Mädchen.

„Ich weiß nicht, warum ich es nicht sagen sollte“, erwiderte der Reiter, „ich suche mein Glück.“

„Dein Glück? hast du das verloren?“ sagte das Mädchen, „oder suchst du ein anderes Glück, als man zu Hause hat?“

„Ja“, antwortete der Reiter, „ich gehe nach einem großen Schicksale, das dem rechten Manne ziemt.“

„Kennst du dieses Schicksal schon, und weißt du, wo es liegt?“ fragte das Mädchen.

„Nein“, sagte der Reiter, „das wäre ja nichts Rechtes, wenn man schon wüßte, wo das Glück liegt, und nur hingehen dürfte, es aufzuheben. Ich werde mir mein Geschick erst machen.“

„Und bis du der rechte Mann, wie du sagst?“ fragte das Mädchen.

„Ob ich der rechte Mann bin“, antwortete der Reiter, „siehe, das weiß ich noch nicht; aber ich will in der Welt das Ganze tun, was ich nur immer tun kann.“

„Dann bist du vielleicht der Rechte“, erwiderte das Mädchen, „bei uns, sagt der Vater, tun sie immer weniger, als sie können. Du mußt aber ausführen, was du sagst, nicht bloß es sagen. Dann weiß ich aber doch noch nicht, ob du ein Schicksal machen kannst. Ich weiß auch nicht, ob du ein Schicksal machst, wenn du in unserem Walde auf der Wiese stehst.“

Bayerwaldgipfelstürmer, Wegweiser Dreisessel, 3. Mai 2011„Ich darf da stehen“, sagte der Reiter, „denn heute ist Sonntag, der Ruhetag für Menschen und Tiere, wenn es nicht eine Not und Notwendigkeit anders heischt. Mein Pferd habe ich eingestellt. Ich bin in den Wald herauf gegangen, zu beten. Und für den übrigen Tag will ich versuchen, ob ich nicht zu dem Steine der drei Sessel hinauf gelangen kann.“

„Das kannst du“, sagte das Mädchen, „es geht ein Pfad hinauf, den du immer wieder leicht findest, wenn du ihn einmal verlierst. Weil aber der Stein von dem Grunde, der um ihn herum ist, wie eine gerade Mauer aufsteigt, so haben sie Stämme zusammen gezimmert, haben dieselben an ihn gelehnt, und durch Hölzer eine Treppe gemacht, daß man auf seine Höhe gelangen kann. Du mußt aber oben sorgsam sein, daß dein Haupt nicht irre wird; denn du stehst in der Luft allein über allen Wipfeln.“

„Bist du schon oben gestanden?“ fragte der Reiter.

„Ich werde doch, da ich so nahe bin“, antwortete das Mädchen.

„Nun“, sagte der Reiter, „wenn du schon oben gestanden bist, so werde auch ich oben stehen.“

„Und wenn du heute von den drei Sesseln herunter kommst“, sagte das Mädchen, „dann reitest du morgen nach deinem Geschicke weiter?“

„Ich werde weiter reiten“, sagte er; „warum hast du die Rosen?“

„Muß ich antworten, wenn ich gefragt werde?“ sagte das Mädchen.

Wenn die Eltern fragen, mußt du antworten“, entgegnete der Reiter, „wenn jemand anderer artig fragt, sollst du, und wenn du es versprochen hast, mußt du antworten.“

„So will ich dir so viel sagen, als du gesagt hast“, antwortete das Mädchen, „ich trage die Rosen, weil ich will.“

„Und warum willst du denn?“ fragte der Reiter.

„Für den Willen gibt es keine Ursache“, sagte das Mädchen.

Wenn man vernünftig ist, gibt es für den Willen immer eine Ursache“, erwiderte der Reiter.

„Das ist nicht wahr“, sagte das Mädchen, „denn es gibt auch Eingebungen.“

„Trägst du die Rosen aus Eingebung?“ fragte der Reiter.

„Das weiß ich nicht“, entgegnete das Mädchen, „aber wenn du mir mehr von dir sagst, so sage ich dir auch mehr.“

„Ich kann dir nicht viel sagen“, antwortete der Reiter, „ich habe eine Mutter, die in Baiern wohnt, mein Vater ist gestorben, und ich reite jetzt in die Welt, um meine Lebenslaufbahn zu beginnen.“

„So will ich dir auch etwas sagen“, erwiderte das Mädchen. „Meine Eltern haben von hier weiter oben ein Haus. Wir würden es erreichen, wenn wir hier in den Wald gingen, wo ich mit meiner Gespanin herausgetreten bin, wenn wir in dem Walde nach aufwärts gingen, bis wir ein Wasser rauschen hörten, und wenn wir dann zu dem Wasser gingen, und demselben immer entgegen, dann würden endlich Wiesen und Felder kommen, und in ihnen das Haus. An dem Hause ist ein Garten, wo die Sonnenseite ist, und in dem Garten stehen viele Blumen. Und an der Hinterseite des Hauses geht ein Riegel gegen die Tannen, auf welchem viele Waldrosen stehen, und diese nehme ich oft.“

„Hast du die Rosen heute aus Eingebung genommen? Sie sind mir ein Zeichen, daß meine Fahrt gelingen wird“, sagte der Reiter.

„Ich habe einen Metallring, in welchen die Rosenstiele passen“, sagte das Mädchen, „habe heute Rosen genommen, habe sie in den Ring gesteckt, und den Ring auf das Haupt getan.“

„Weil wir noch mehr sprechen werden“, sagte der Reiter, „so gehen wir ein wenig an dem Waldsaume hin, woher du mich kommen gesehen hast. Da werden wir Steine finden, welche zu Sitzen taugen. Auf dieselben können wir uns setzen, und dort sprechen.“

„Ich weiß es nicht, ob ich noch mehreres mit dir sprechen werde“, antwortete das Mädchen, „aber ich gehe mit dir zu den Steinen, und setze mich ein wenig zu dir. Ich kenne die Steine, ich selber habe die Sitze machen lassen. Im Sommer ist es am Vormittage dort sehr heiß, am Nachmittage aber schattig. Im Herbste ist es vormittags lieblich und mild.“

Sie wandelten nun in der Richtung an dem Saume des Waldes hin, in welcher der Reiter zu den Mädchen hergekommen war. Sie hatten bald jene Steine erreicht, an denen der Reiter versucht hatte, ob sie zu Sitzen tauglich wären. Er blieb stehen, und harrte, bis das Mädchen sich gesetzt hatte. Es setzte sich auf einen glatten Stein. Der Reiter setzte sich zu ihrer Linken auf einen, der etwas niederer war, so daß nun sein Angesicht mit dem ihrigen fast in gleicher Höhe war. Das Schwert ragte zu seiner Linken in die niederen Steine hinab. Sie sprachen nun nichts.

Nach einer Weile sagte der Reiter: „So rede etwas.“

„So rede du etwas“, antwortete sie, „du hast gesagt, daß du mit mir noch sprechen willst.“

„Ich weiß jetzt nicht mehr, was ich sagen wollte“, entgegnete er.

„Nun, ich auch nicht“, sagte sie.

Da Knaus der Woche. Magischer Sonnenuntergang am Dreisessel mit Bischof-Neumann-Kapelle, da Hogn, 23. Februar 2015

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Aus dem Bayrischen Walde

November 1867, Erstdruck posthum in: Die Katholische Welt, Aachen, April 1868, Seite 122 ff.,
gesammelt in: Prager Ausgabe, Band XV, Reichenberg 1935,
das Letzte, was Stifter je zur Veröffentlichung freigegeben hat:

Als wir die Häuser um die Kirche hinter uns hatten, war wieder die weiße Wildnis vor uns, und das Grau des Schneefalles um und über uns, sonst nichts. Die Bahn war hoch oben, zu beiden Seiten war der tiefe lockere Schnee, und sie hatte nur die Breite eines Schlittens.

„Martin“, sagte ich, „wenn uns ein Schlitten begegnet.“

„Es begegnet uns keiner“, sagte er.

Wenn uns aber doch einer begegnet“, sagte ich wieder.

„Es begegnet uns keiner“, sagte er.

Wenn uns aber doch einer begegnet“, beharrte ich.

Dann weiß ich es nicht“, sagte er.

Es begegnete uns aber keiner.

Ferdinand Stiller aus Schwarzenberg fürs Wirtshaus Rosenberger Gut, Geschichte. Adalbert Stifter zu Gast im Rosenberger Gut

Die Wölfin meint: „Die Gegend kenn ich. Die sind da wirklich so.“

Bilder: Adalbert Stifter: Blick auf die Falkenmauer aus der Gegend von Kremsmünster, ca. 1825,
via Silvae: Adalbert Stifter, 23. Oktober 2010;
Bayerwaldgipfelstürmer: Dreisessel (1333m) — Bay. Plöckenstein (1365m), 3. Mai 2011;
Georg Knaus aus Freyung, Sägewerksmeister in Vilshofen: Da Knaus der Woche: Magischer Sonnenuntergang am Dreisessel, 23. Februar 2015 mit der Bischof-Neumann-Kapelle für da Hog’n. Onlinemagazin ausm Woid;
Ferdinand Stiller aus Schwarzenberg fürs Wirtshaus Rosenberger Gut.

Soundtrack: Georg Ringsgwandl: Oberpfalz, aus: Woanders, 2016:

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Written by Wolf

31. August 2018 um 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Land & See

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