Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Der den Wasserkothurn zu beseelen weiß

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Schlittschuhlaufen war im 18. Jahrhundert eine beliebte Fortbewegungsart, begünstigt durch das kleine Interglazial. Goethe berichtet immer wieder davon, mit Klopstock hat er die Sprachgrenze zwischen Schlittschuh und Schrittschuh diskutiert, in Der Mann von funfzig Jahren tanzen Jugendliche auf dem Eis, das Eis-Lebens-Lied vom WInter 1775/1776 preist die Eleganz der Fortbewegung.

In den ersten Regierungsjahren des Herzogs Carl August von Weimar war der Schlittschuhlauf auf dem Teich im Weimarer Baumgarten, später in den Schwanseewiesen ein beliebtes höfisches Vergnügen, betrieben vom Herzog höchstselbst, seiner Gemahlin, Charlotte von Stein, Goethes Stammschauspielerin Corona Schröter und zahlreichen Höflingen, die Pagen wurden dazu angehalten, es zu lernen. Höfische Feste wurden unter großer Illumination auf dem Eise abgehalten.

——— Goethe: Dichtung und Wahrheit, Dritter Teil, 12. Buch:

[…] besonders aber tat sich bei eintretendem Winter eine neue Welt vor uns auf, indem ich mich zum Schlittschuhfahren, welches ich nie versucht hatte, rasch entschloß und es in kurzer Zeit durch Übung, Nachdenken und Beharrlichkeit so weit brachte, als nötig ist, um eine frohe und belebte Eisbahn mitzugenießen, ohne sich gerade auszeichnen zu wollen.

Diese neue frohe Tätigkeit waren wir denn auch Klopstocken schuldig, seinem Enthusiasmus für diese glückliche Bewegung, den Privatnachrichten bestätigten, wenn seine Oden davon ein unverwerfliches Zeugnis ablegen. Ich erinnere mich ganz genau, daß an einem heiteren Frostmorgen ich, aus dem Bette springend, mir jene Stellen zurief:

Schon von dem Gefühle der Gesundheit froh,
     Hab ich, weit hinab, weiß an dem Gestade gemacht
          Den bedeckenden Kristall.

Wie erhellt des Winters werdender Tag
     Sanft den See! Glänzenden Reif, Sternen gleich,
          Streute die Nacht über ihn aus!

Mein zaudernder und schwankender Entschluß war sogleich bestimmt, und ich flog sträcklings dem Orte zu, wo ein so alter Anfänger mit einiger Schicklichkeit seine ersten Übungen anstellen konnte. Und fürwahr, diese Kraftäußerung verdiente wohl von Klopstock empfohlen zu werden, die uns mit der frischesten Kindheit in Berührung setzt, den Jüngling seiner Gelenkheit ganz zu genießen aufruft und ein stockendes Alter abzuwehren geeignet ist. Auch hingen wir dieser Lust unmäßig nach. Einen herrlichen Sonnentag so auf dem Eise zu verbringen genügte uns nicht; wir setzten unsere Bewegung bis spät in die Nacht fort. Denn wie andere Anstrengungen den Leib ermüden, so verleiht ihm diese eine immer neue Schwungkraft. Der über den nächtlichen, weiten, zu Eisfeldern überfrorenen Wiesen aus den Wolken hervortretende Vollmond, die unserm Lauf entgegensäuselnde Nachtluft, des bei abnehmendem Wasser sich senkenden Eises ernsthafter Donner, unserer eigenen Bewegungen sonderbarer Nachhall vergegenwärtigten uns Ossianische Szenen ganz vollkommen. Bald dieser, bald jener Freund ließ in deklamatorischem Halbgesange eine Klopstockische Ode ertönen, und wenn wir uns im Dämmerlichte zusammenfanden, erscholl das ungeheuchelte Lob des Stifters unserer Freuden:

Und sollte der unsterblich nicht sein,
     Der Gesundheit uns und Freuden erfand,
          Die das Roß mutig im Lauf niemals gab,
               Welche der Ball selber nicht hat?

Solchen Dank verdient sich ein Mann, der irgendein irdisches Tun durch geistige Anregung zu veredeln und würdig zu verbreiten weiß!

Wilhelm von Kaulbach, Der junge Goethe auf dem Eise, 1867, Universität Düsseldorf

Klopstock, persönlich mit Goethe bekannt, war begeistert vom Eislauf. Als Belege gelten seine „Eislaufgedichte“, mindestens Der Eislauf, Braga, Die Kunst Tialfs, Der Kamin, Winterfreuden — siehe dort. Der Eislauf von 1764 ist zu allererst ein Gedicht über Dichtung, ein Gedicht über Klopstocks „Poetik der Bewegung“ (Gerhart von Graevenitz: Locke, Schlange, Schrift. Poetologische Ornamente der Lyrik (Zesen, Klopstock, Goethe, Handke). Anscheinend vor allem über Schlangenlinien.

——— Friedrich Gottlieb Klopstock: Der Eislauf in: Oden, Drittes Buch, Hamburg 1764:

Vergraben ist in ewige Nacht
Der Erfinder großer Name zu oft!
Was ihr Geist grübelnd entdeckt, nutzen wir;
Aber belohnt Ehre sie auch?

Wer nannte dir den kühneren Mann,
Der zuerst am Maste Segel erhob?
Ach verging selber der Ruhm dessen nicht,
Welcher dem Fuß Flügel erfand!

Und sollte der unsterblich nicht seyn,
Der Gesundheit uns und Freuden erfand,
Die das Roß muthig im Lauf niemals gab,
Welche der Reihn selber nicht hat?

Unsterblich ist mein Name dereinst!
Ich erfinde noch dem schlüpfenden Stahl
Seinen Tanz! Leichteres Schwungs fliegt er hin,
Kreiset umher, schöner zu sehn.

Du kennest jeden reizenden Ton
Der Musik, drum gieb dem Tanz Melodie!
Mond, und Wald höre den Schall ihres Horns,
Wenn sie des Flugs Eile gebeut,

O Jüngling, der den Wasserkothurn
Zu beseelen weiß, und flüchtiger tanzt,
Laß der Stadt ihren Kamin! Kom mit mir,
Wo des Krystalls Ebne dir winkt!

Sein Licht hat er in Düfte gehüllt,
Wie erhellt des Winters werdender Tag
Sanft den See! Glänzenden Reif, Sternen gleich,
Streute die Nacht über ihn aus!

Wie schweigt um uns das weiße Gefild!
Wie ertönt vom jungen Froste die Bahn!
Fern verräth deines Kothurns Schall dich mir,
Wenn du dem Blick, Flüchtling, enteilst.

Wir haben doch zum Schmause genung
Von des Halmes Frucht? und Freuden des Weins?
Winterluft reizt die Begier nach dem Mahl;
Flügel am Fuß reizen sie mehr!

Zur Linken wende du dich, ich will
Zu der Rechten hin halbkreisend mich drehn;
Nim den Schwung, wie du mich ihn nehmen siehst:
Also! nun fleug schnell mir vorbey!

So gehen wir den schlängelnden Gang
An dem langen Ufer schwebend hinab.
Künstle nicht! Stellung, wie die, lieb‘ ich nicht,
Zeichnet dir auch Preisler nicht nach.

Was horchst du nach der Insel hinauf?
Unerfahrne Läufer tönen dort her!
Huf und Last gingen noch nicht übers Eis,
Netze noch nicht unter ihm fort.

Sonst späht dein Ohr ja alles; vernim,
Wie der Todeston wehklagt auf der Flut!
O wie tönts anders! wie hallts, wenn der Frost
Meilen hinab spaltet den See!

Zurück! laß nicht die schimmernde Bahn
Dich verführen, weg vom Ufer zu gehn!
Denn wo dort Tiefen sie deckt, strömts vielleicht,
Sprudeln vielleicht Quellen empor.

Den ungehörten Wogen entströmt,
Dem geheimen Quell entrieselt der Tod!
Glittst du auch leicht, wie dieß Laub, ach dorthin;
Sänkest du doch, Jüngling, und stürbst!

Bild: Wilhelm von Kaulbach: Der junge Goethe auf dem Eise, 1867, Universität Düsseldorf
via Silvae, 16. Januar 2012.

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Written by Wolf

7. Februar 2014 um 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Sturm & Drang

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