Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Liliensamm(e)t

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Update zu Deine so oft entweihte Frühlingsfeier:

Das mussten wir in der neuten Klasse lesen, als kopiertes Handout, auf das nicht mehr als dieser eine Absatz passte. Später und auf eigene Fachbuchrechnung konnte man in der einzigen halbwegs ernstzunehmenden Gesamtausgabe von Wilhelm Hauff, in denen noch etwas anderes als die angeblich „Sämtlichen“ Märchen steht, in den satirischen Schriften ausführlich lernen, was Heinrich Clauren für ein Schädling am deutschen Literaturschaffen ist.

Der Name Heinrich Claurens hat sich in unseren neuntklassigen Hirnen nicht weiter festgesetzt, vielmehr gehörte eins davon dem Volker. Der Volker hieß Sammet, saß zeitweise neben mir und malte mir immer blitzschnell enorme Pimmel über die ganze Buchseite in die Schulbücher uns auf die Handouts, bestimmt auch auf das vom Clauren. Nachweisen lässt sich das nicht, weil meine Schulunterlagen nach dem Abitur einem durch Weißenoher Klosterbräu befeuerten Autodafé zum Opfer gefallen sind, aber es besteht kein Grund, warum der Volker ausgerechnet den Clauren ausgelassen haben sollte.

Im Gegenteil hatte der Volker gerade in Claurens Fall besonderen Grund, mit seinen einfachen Mitteln Missbilligung auszudrücken. Sein Nachname Sammet erschien nämlich in verballhornender Form in dem Trivialtext aus dem 19. Jahrhundert — so das Thema der Deutschstunde. Alkoholischer Konsum und unter den ganz Verwegenen — darunter dem Volker — kamen bei den Fünfzehnjähirgen gerade in Mode, da ließ der uns unbekannte Clauren nach „Champagner und die Freude“ auch noch den „Liliensammet“ krachen. In einem literarischen Salon von 1819 wäre er auf so einen Lachschlager entweder stolz gewesen oder hätte sich richtiger Literatur zugewandt, und der Volker hieß paar Wochen lang der Liliensammet.

Alles was recht ist: Der Ausschnitt aus Unterirdische Liebe von Heinrich Clauren war von einem nicht mehr ermittelbaren Beauftragten des bayerischen Kultusministeriums geschickt gewählt, um Trivialtexte aus dem 19. Jahrhundert zu repräsentieren. Auf die Adjektivdichte hätte sich Goethe beim Verfertigen des Werther was einbilden können, und dieser Ehrgeiz besteht unter den Schreibern zum Abverkauf gedachter Literatur fort und fort.

Woher ich das weiß? Ach Gott, ich gehe halt einkaufen und lese Romanheftchen. Kurz vor der Kasse im Supermarkt auch Ihres Vertrauens stehen die in reicher Auswahl, und da soll sich niemand rausreden, dass er nie zum Lesen kommt. — Der Volker Liliensammet muss das nicht, der soll nach dem Abi Pilot gelernt haben.

Carl Friedrich Wilhelm Trautschold, Die Kunstlektion, Aquarell mit Weiß, 1870

——— Heinrich Clauren:

Unterirdische Liebe

in: W. G. Beckers Taschenbuch zum geselligen Vergnügen,
hg. W. G. Becker und Johann Friedrich Kind, Verlag Roch, Leipzig 1819,
Seite 165 bis 292, hier Seite 204 bis 207:

Adolphine streckte ihre zarten Glieder auf das weiche Moos; das heilige Rauschen in den Wipfeln der uralten Bäume, das Plätschern des zum Vater Rhein hinabeilenden Baches, lullten die Schlummermüde ein. Der Champagner und die Freude hatten den Liliensammt ihrer Wange geröthet; das Köpfchen lag in der rechten Schwanenhand; die linke ruhte auf dem schwellenden Moose. Freundlich lächelten die Purpurlippen, als schwebe ihr der Scherz des Tages vor der Freudetrunkenen Seele, der kleine Mund war halb geöffnet, wie eine eben sich entfaltende Rosenknospe; der Lilien=Busen wogte ruhig, und das niedlichste aller Füßchen im ganzen Rheingau war nur bis zur Zwickelspitze des blüthenweißen Strümpfchens sichtbar. Leise Lüfte vom fluthenden Rhein herauf, küßten ihr kühlend die brennende Stirn und das geschlossene Auge, und spielten heimlich mit dem lockigen Haar und den flatternden Bändern, und der lose Gott der Träume, der ihr auf des Champagners leichtem Schaume ein ganzes, mit mancherlei Gaukelwerk der Phantasie befrachtetes, bunt geflaggtes Schiffchen in des Herzens stillen Hafen gesandt, umfing sie jetzt mit seinen Blumenarmen.

Wohl mochte sie Dreiviertelstunden geschlafen haben, da rauschte es stärker im Gebüsch; sie ward nur halbwach, und gewahrte einen der kleinen hier heimischen Zwerghirsche, der sich durch das Gesträuch Bahn machte, und ihrem Lager sich näherte. Das niedliche Thier stutzte, als es Adolphinen in das Auge faßte; als sie aber mit leisen Schmeichelworten es kirrte, ganz still liegen blieb, und ihm kosend die Flaumenhand entgegen streckte, kam es, zahm und des Fütterns gewohnt, vertraulich heran, und leckte an den rosenen Fingern.

Ein zufälliges Geräusch in der Nähe verscheuchte den kleinen hübschen Hirsch; mit einem behenden Satz flog er seitwärts in das Gebüsch, und Adolphine entschlummerte bald wieder, doch währte es nicht lange, als sie wieder etwas rascheln hörte; Sie schlug die Augen, noch voll tiefen Schlafs, halb auf, und blinzelte durch die langen Wimpern, und wähnte, das dreuste Thierchen zurückkommen zu sehen; aber statt dessen lag der vermeintliche junge Graf Waldohna zu ihren Füßen, die Hände, in süßem Entzücken der Uiberraschung, vor der kühnen Brust gefaltet und im stummen Anschauen selig verloren.

War es des Champagner=Schaumes sanft brausender Rausch, oder die Feengewalt des seligen Augenblicks, oder die Macht des Schrecks, oder das Zauberspiel irgend eines wohlthätigen Liebesgottes, oder ein wundersamer Zug von natürlicher Frauen=List, — Adolphine gewann augenblicklich so viel Besinnung, sich den elektrischen Schlag, der sie mit dieser unvermutheten Erscheinung duchbebte, nicht im mindesten merken zu lassen; sie that, als ob sie fortschliefe, und lugte durch die Wimpern. Immer wacher und wacher wurden ihre Sinne; des brüselnden Schaumes bedrückende Nebel verflogen, sie sah und hörte alles deutlich, sie war sich ihrer selbst vollkommen bewußt, aber keiner ihrer Züge verrieth, was sich in ihrem Innern entfaltete; der Fremde glaubte, sie schliefe ruhig und fest.

Es war derselbe schöne junge Mann, den sie als Kind schon lieb gewonnen hatte, derselbe, der vor der Nonne und dem Klostergeschmeide kniete; derselbe, dessen Bild, ohne daß sie es damals ahnete, als das Ideal ihrer Liebe in ihrem jungfräulichen Herzen seit Jahren gewohnt; derselbe, den sie im Herrengarten gesehen hatte. Jetzt war es keine Täuschung mehr, sie sah ihn ja vor sich; sie sah ihm ja in das schmachtende Auge, in das männliche Gesicht voller Ernst und Milde; das waren jene schwärmerischen Züge, die sie so oft so wunderbar ergriffen hatten. Dieß der selbst im Schweigen beredete Mund; dieß die breite hochgewölbte Brust; dieß der nervige feste Arm; dieß die kräftige Gestalt, dieß die sanfte Anmuth im ganzen Wesen. —

„Du holdseliges, angebetetes Mädchen,“ rief er mit gedämpfter Stimme, und verschlang die Liebesfülle ihrer zauberischen Reize mit seinen glühenden Blicken; im Drange der ihn bestürmenden Gefühle bog er sich näher, und berührte mit dem Saume seiner Lippen, die wie frisch aufgeplatzte Granatblüthen zitternd bebten, leise die äußersten Kuppchen der rosigen Finger.

Adolphine schlief.

Kühner drückte er in die kleine Schneetiefe der weichen Flaumenhand, heimlich und verstohlen, einen sanften Kuß.

Adolphine schlief.

Und wenn alle Vierundzwanzigpfünder auf den Wällen der Feste Mainz, dicht neben ihrem Ohr, in einem Nu losgebrannt wären, sie hätte fortgeschlafen. So wohl, so unaussprechlich wohl that der still Verzückten die zarte Huldigung des, aus frühern Kindesträumen her, längst vertrauten heiß Geliebten.

Und so geht das weiter. Zugegeben ist diese ausgewalzte Unhandlung nicht ganz reizlos, dennoch darf man nach 1819 spoilern, dass Adolphine beim Ausschlafen ihren champagnerbedingten Damenspitzes vorerst ihre Unschuld behält.

Flaumenhand. Brüselnder Schaum. Das niedlichste aller Füßchen im ganzen Rheingau. Und — Uiberraschung: Liliensammet.

The Reconstruction of MyFlyAway, Fly Fly Fly, 15. November 2009

Bilder: Carl Friedrich Wilhelm Trautschold: Die Kunstlektion, Aquarell mit Weiß, 1870;
The Reconstruction of MyFlyAway, Fly Fly Fly, 15. November 2009.

Soundtrack: Friedel Hensch und die Cyprys: Die Försterlieserl, Walzerlied mit Instrumental-Begleitung, 1952:

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Written by Wolf

5. Juli 2019 um 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Ehestand & Buhlschaft

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