Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Sonntag 1 von 7: Denn „sieben, sieben“, flüstert es stets, und „sieben Wochen“ ihm in das Ohr

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Update zu Ho, ho, meine arme Seele!
Dem Knaben graut im Haidekraut:

Um unsere eigene Leitkultur auszukosten, feiern wir einmal alle sieben Sonntage der Osterzeit durch. Am sinnvollsten geschieht das anhand siebenzeiliger Strophen.

1. Sonntag nach Ostern: Quasimodogeniti:

Quasi modo geniti infantes, halleluja, rationabile sine dolo lac concupiscite, halleluja.

Vnd seid girig nach der vernünfftigen lautern Milch / als die jtzt gebornen Kindlin / Auff das jr durch die selbigen zunemet.

1. Brief des Petrus 2,2.

Fangen wir an mit dem übermütigen Bravourstück Das Fegefeuer des westphälischen Adels der immer noch unterschätzten Droste. Zu Quasimodogeniti, vulgo dem Weißen Sonntag, kommt es verspätet, weil die Wendung „in froner Nacht“ im Sinne von „dem Herrn zugehörig“ den Abend der Eucharistie am Gründonnerstag bedeutet. Der „historische“ Ort des titelstiftenden westfälischen Fegefeuers ist der als Lutterberg oder Butterberg überlieferte heute so genannte, allerdings bis auf weiteres fiktive Löwenberg beim ehemaligen Augustinerkloster Böddeken, Kreis Paderborn.

Jugendbildnis Annette Freiin von Droste-Hülshoff, o. J., via Annette von Droste-Gesellschaft e.V.Der Stoff war zuerst von Wilhelm Langewiesche unter dem Pseudonym L. Wiese und derselben Überschrift für seine eigene Sammlung Sagen- und Mährchenwald im Blüthenschmuck 1841 bearbeitet, danach als Zweitverwendung vom Herausgeber Levin Schücking für Das malerische und romantische Westphalen abgelehnt worden. Der Auftrag für die Ballade erging an Schückings „mütterliche Freundin“ Droste.

Als deren Quellen kommen in Frage: Bernhard Wittes Klosterchronik von Böddeken: Historiae Antiquae Occidentalis Saxoniae seu nunc Westphaliae von vor 1442, gedruckt erst 1788 in Münster, dort Seite 613 bis 616: Purgatorium Nobilium Westphalorum, und H. Stahl alias Jodocus Donatus Hubertus Temme: Westphälische Sagen und Geschichten, Büschler’sche Verlagsbuchhandlung, Elberfeld 1831, 1. Bändchen, darin Seite 46 bis 62: Das Fegfeuer des westphälischen Adels. Eine Sage, die bis heute in der Bibliothek von Haus Hülshoff vorrätig sind.

In diesem einen Fall mit der handlungstragenden Siebenzahl dürfen wir annehmen, dass die Dichterin, die ungewöhnlich oft zur siebenzeiligen Strophenform neigt, dieselbe hier absichtlich dem Inhalt angepasst hat. Das Reimschema ABABCCB ist technisch beneidenswert sauber durchgehalten. Die sich aufdrängenden acht Verse wären marschiert, die sieben tanzen.

——— Annette von Droste-Hülshoff:

Das Fegefeuer des westphälischen Adels.

Frühling 1841, anonym aus: Ferdinand Freiligrath, Levin Schücking (Hrsgg.):
Das malerische und romantische Westphalen, Barmen und Leipzig 1842, Seite 185 bis 188,
in: Gedichte, Ausgabe 1844:

Wo der selige Himmel, das wissen wir nicht,
Und nicht, wo der greuliche Höllenschlund,
Ob auch die Wolke zittert im Licht,
Ob siedet und qualmet Vulkanes Mund;
Doch wo die westphälischen Edeln müssen
Sich sauber brennen ihr rostig Gewissen,
Das wissen wir alle, das ward uns kund.

Grau war die Nacht, nicht öde und schwer,
Ein Aschenschleier hing in der Luft;
Der Wanderbursche schritt flink einher,
Mit Wollust saugend den Heimatduft;
O bald, bald wird er schauen sein Eigen,
Schon sieht am Lutterberge er steigen
Sich leise schattend die schwarze Kluft.

Er richtet sich, wie Trompetenstoß
Ein Holla ho! seiner Brust entsteigt –
Was ihm im Nacken? ein schnaubend Roß,
An seiner Schulter es rasselt, keucht,
Ein Rappe – grünliche Funken irren
Über die Flanken, die knistern und knirren,
Wie wenn man den murrenden Kater streicht.

„Jesus Maria!“ – er setzt seitab,
Da langt vom Sattel es überzwerch –
Ein eherner Griff, und in wüstem Trab
Wie Wind und Wirbel zum Lutterberg!
An seinem Ohre hört er es raunen
Dumpf und hohl, wie gedämpfte Posaunen,
So an ihm raunt der gespenstige Scherg‘:

„Johannes Deweth! ich kenne dich!
Johann! du bist uns verfallen heut‘!
Bei deinem Heile, nicht lach noch sprich,
Und rühre nicht an was man dir beut;
Vom Brode nur magst du brechen in Frieden,
Ewiges Heil ward dem Brode beschieden,
Als Christus in froner Nacht es geweiht!“ –

Ob mehr gesprochen, man weiß es nicht,
Da seine Sinne der Bursche verlor,
Und spät erst hebt er sein bleiches Gesicht
Vom Estrich einer Halle empor;
Um ihn Gesumme, Geschwirr, Gemunkel,
Von tausend Flämmchen ein mattes Gefunkel,
Und drüber schwimmend ein Nebelflor.

Er reibt die Augen, er schwankt voran,
An hundert Tischen, die Halle entlang,
All edle Geschlechter, so Mann an Mann;
Es rühren die Gläser sich sonder Klang,
Es regen die Messer sich sonder Klirren,
Wechselnde Reden summen und schwirren,
Wie Glockengeläut, ein wirrer Gesang.

Ob jedem Haupte des Wappens Glast,
Das langsam schwellende Tropfen speit,
Und wenn sie fallen, dann zuckt der Gast,
Und drängt sich einen Moment zur Seit‘;
Und lauter, lauter dann wird das Rauschen,
Wie Stürme die zornigen Seufzer tauschen,
Und wirrer summet das Glockengeläut.

Strack steht Johann wie ein Lanzenknecht,
Nicht möchte der gleißenden Wand er traun,
Noch wäre der glimmernde Sitz ihm recht,
Wo rutschen die Knappen mit zuckenden Braun.
Da muß, o Himmel, wer sollt‘ es denken!
Den frommen Herrn, den Friedrich von Brenken,
Den alten stattlichen Ritter er schaun.

„Mein Heiland, mach‘ ihn der Sünden bar!“
Der Jüngling seufzet in schwerem Leid;
Er hat ihm gedienet ein ganzes Jahr;
Doch ungern kredenzt er den Becher ihm heut!
Bei jedem Schlucke sieht er ihn schüttern,
Ein blaues Wölkchen dem Schlund entzittern,
Wie wenn auf Kohlen man Weihrauch streut.

O manche Gestalt noch dämmert ihm auf,
Dort sitzt sein Pate, der Metternich,
Und eben durch den wimmelnden Hauf
Johann von Spiegel, der Schenke, strich;
Prälaten auch, je viere und viere,
Sie blättern und rispeln im grauen Breviere,
Und zuckend krümmen die Finger sich.

Und unten im Saale, da knöcheln frisch
Schaumburger Grafen um Leut‘ und Land,
Graf Simon schüttelt den Becher risch,
Und reibt mitunter die knisternde Hand;
Ein Knappe nähet, er surret leise –
Ha, welches Gesumse im weiten Kreise,
Wie hundert Schwärme an Klippenrand!

Else Hertzer: Buchillustration zu Das Fegefeuer des westfälischen Adels, Lithographie, via Goodbooks Wien„Geschwind den Sessel, den Humpen wert,
Den schleichenden Wolf geschwinde herbei!“
Horch, wie es draußen rasselt und fährt!
Barhaupt stehet die Massonei,
Hundert Lanzen drängen nach binnen,
Hundert Lanzen und mitten darinnen
Der Asseburger, der blutige Weih!

Und als ihm alles entgegenzieht,
Da spricht Johannes ein Stoßgebet:
Dann risch hinein! sein Ärmel sprüht,
Ein Funken über die Finger ihm geht.
Voran – da „sieben“ schwirren die Lüfte
„Sieben, sieben, sieben,“ die Klüfte,
„In sieben Wochen, Johann Deweth!“

Der sinkt auf schwellenden Rasen hin,
Und schüttelt gegen den Mond die Hand,
Drei Finger die bröckeln und stäuben hin,
Zu Asch‘ und Knöchelchen abgebrannt.
Er rafft sich auf, er rennt, er schießet,
Und ach, die Vaterklause begrüßet
Ein grauer Mann, von keinem gekannt,

Der nimmer lächelt, nur des Gebets
Mag pflegen drüben im Klosterchor,
Denn „sieben, sieben“, flüstert es stets,
Und „sieben Wochen“ ihm in das Ohr.
Und als die siebente Woche verronnen,
Da ist er versiegt wie ein dürrer Bronnen,
Gott hebe die arme Seele empor!

Bilder: Jugendbildnis ohne Jahr, via Annette von Droste-Gesellschaft e.V.;
Else Hertzer: Buchillustration zu Das Fegefeuer des westfälischen Adels,
Lithographie ohne Jahr, via Goodbooks Wien.

Soundtracks: die Bach-Kantaten zu Quasimodogeniti:
Am Abend aber desselbigen Sabbats, BWV 42, 1725,
und Halt im Gedächtnis Jesum Christ, BWV 67, 1724:


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Written by Wolf

26. April 2019 um 00:01

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