Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Sonntag 7 von 7: Wo bleibt der Tröster?

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Update zu Denkst du denn nicht an den Loup Garou?,
Ach! wie ists erhebend sich zu freuen,
Pfingsten, das liebliche Fest und
Sonntag 1 von 7: Denn „sieben, sieben“, flüstert es stets, und „sieben Wochen“ ihm in das Ohr:

Um unsere eigene Leitkultur auszukosten, feiern wir einmal alle sieben Sonntage der Osterzeit durch. Am sinnvollsten geschieht das anhand siebenzeiliger Strophen.

William-Adolphe Bouguereau, Rêve de printemps, 1901Zu solchen Sonntagen nach Ostern zählt Pfingsten nach der Liturgie des römisch-katholischen Kirchenjahres nicht mehr — aber ein Organ, das zu wiederholten Malen fünf Adventssonntage, um nicht zu sagen: -freitage, gefeiert hat, darf unter seine Feier siebenzeiliger Strophen jederzeit einen siebenten Sonntag reihen, der gemäß jeder Liturgie nach Ostern liegt.

Damit entfallen leider die schönen Lesungen und Psalmen für die Sonntage der Osterzeit. Damit die Serie dennoch dort wieder aufhört, wo sie angefangen hat, weil die Leser, wie Max Goldt einst wusste, auf zyklische Aufbauten total stehen, und um uns aus diesem Jammertal zu retten, legt die Droste in ihrem Zyklus des geistlichen Jahres nach ihrer vertrauten — der katholischen — Liturgie als Epistel die Apostelgeschichte 2,1–11 fest. Knappe Lesungen beschränken sich auf Kapitel 2,1–4, wir erweitern, weil wir die Leute gern ausreden lassen, auf 2,1–13 — nach der Vulgata und nach Luther letzter Hand 1545:

Et cum complerentur dies Pentecostes, erant omnes pariter in eodem loco : et factus est repente de cælo sonus, tamquam advenientis spiritus vehementis, et replevit totam domum ubi erant sedentes. Et apparuerunt illis dispertitæ linguæ tamquam ignis, seditque supra singulos eorum : et repleti sunt omnes Spiritu Sancto, et cœperunt loqui variis linguis, prout Spiritus Sanctus dabat eloqui illis.

Erant autem in Jerusalem habitantes Judæi, viri religiosi ex omni natione, quæ sub cælo est. Facta autem hac voce, convenit multitudo, et mente confusa est, quoniam audiebat unusquisque lingua sua illos loquentes. Stupebant autem omnes, et mirabantur, dicentes : Nonne ecce omnes isti, qui loquuntur, Galilæi sunt, et quomodo nos audivimus unusquisque linguam nostram, in qua nati sumus ? Parthi, et Medi, et Ælamitæ, et qui habitant Mespotamiam, Judæam, et Cappadociam, Pontum, et Asiam, Phrygiam, et Pamphyliam, Ægyptum, et partes Libyæ, quæ est circa Cyrenen, et advenæ Romani, Judæi quoque, et Proselyti, Cretes, et Arabes : audivimus eos loquentes nostris linguis magnalia Dei. Stupebant autem omnes, et mirabantur ad invicem, dicentes : Quidnam vult hoc esse ? Alii autem irridentes dicebant : Quia musto pleni sunt isti.

William-Adolphe Bouguereau, La brise du printemps, 1895VND als der tag der Pfingsten erfüllet war /waren sie alle einmütig bey einander. Vnd es geschach schnelle ein Brausen vom Himel / als eines gewaltigen Windes / vnd erfüllet das gantze Haus / da sie sassen. 3Vnd man sahe an jnen die Zungen zerteilet / als weren sie fewrig / Vnd er satzte sich auff einen jglichen vnter jnen / vnd wurden alle vol des heiligen Geists / Vnd fiengen an zu predigen mit andern Zungen / nach dem der Geist jnen gab aus zusprechen.

ES waren aber Jüden zu Jerusalem wonend / die waren gottfürchtige Menner / aus allerley Volck / das vnter dem Himel ist. Da nu diese stimme geschach /kam die Menge zusamen / vnd wurden verstörtzt /Denn es höret ein jglicher / das sie mit seiner Sprache redten. Sie entsatzten sich aber alle / verwunderten sich / vnd sprachen vnternander / Sihe / sind nicht diese alle / die da reden / aus Galilea? Wie hören wir denn / ein jglicher seine Sprache / darinnen wir geboren sind? Parther vnd Meder / vnd Elamiter / vnd die wir wonen in Mesopotamia / vnd in Judea / vnd Cappadocia / Ponto vnd Asia / Phrygia vnd Pamphylia / Egypten / vnd an den enden der Lybien bey Kyrenen / vnd Auslender von Rom / Jüden vnd Jüdege nossen / Kreter vnd Araber / Wir hören sie mit vnsern Zungen / die grossen Thaten Gottes reden. Sie entsatzten sich alle / vnd wurden jrre / vnd sprachen einer zu dem andern / Was wil das werden? Die andern aber hattens jren spot / vnd sprachen / Sie sind vol süsses Weins.

Eine Art Regiefehler ist der Dichterin des Pfingstsonntages bei der Zählung der „vierzig Tag | Und Nächte“ unterlaufen: Am Pfingstsonntag sind seit Christi Himmelfahrt zehn, seit Ostern fünfzig Tage vergangen.

——— Annette von Droste-Hülshoff:

Am Pfingstsonntage

ab 1819, vorläufiger Abschluss 1839, posthum veröffentlicht
als: Das geistliche Jahr in Liedern auf alle Sonn- und Festtage,
hg. Christof Bernhard Schlüter, Stuttgart 1851:

William-Adolphe Bouguereau, Chansons de printemps, 1889Still war der Tag, die Sonne stand
So klar an unbefleckten Tempelhallen;
Die Luft in Orientes Brand
Wie ausgedorrt, ließ matt die Flügel fallen.
Ein Häuflein sieh, so Mann als Greis,
Auch Frauen, knieend; keine Worte hallen,
Sie bethen leis.

Wo bleibt der Tröster, treuer Hort,
Den scheidend doch verheißen du den Deinen?
Nicht zagen sie, fest steht dein Wort,
Doch bang und trübe muß die Zeit wohl scheinen.
Die Stunde schleicht; schon vierzig Tag
Und Nächte harrten wir in stillem Weinen
Und sahn dir nach.

Wo bleibt er? wo nur? Stund an Stund,
Minute will sich reihen an Minuten.
Wo bleibt er denn? — und schweigt der Mund:
Die Seele spricht es unter leisem Bluten.

Der Wirbel stäubt, der Tieger ächzt
Und wälzt sich keuchend durch die sandgen Fluthen,
Sein Rachen lechzt.

William-Adolphe Bouguereau, Le printemps, 1886Da, horch, ein Säuseln hebt sich leicht!
Es schwillt und schwillt, und steigt wie Sturmes Rauschen.
Die Gräser stehen ungebeugt;
Die Palme starr und staunend scheint zu lauschen.
Was zittert durch die fromme Schaar,
Was läßt sie bang und glühe Blicke tauschen?
Schaut auf! nehmt wahr!

Er ists, er ists; die Flamme zuckt
Ob jedem Haupt; welch wunderbares Kreisen,
Was durch die Adern quillt und ruckt!
Die Zukunft bricht; es öffnen sich die Schleusen,
Und unaufhaltsam strömt das Wort,
Bald Heroldsruf und bald im flehend leisen
Geflüster fort.

O Licht o Tröster, bist du, ach!
Nur jener Zeit, nur jener Schaar verkündet?
Nicht uns, nicht überall, wo wach
Und trostesbaar sich eine Seele findet?
Ich schmachte in der schwülen Nacht;
O leuchte, eh das Auge ganz erblindet!
Es weint und wacht.

William-Adolphe Bouguereau, Le printemps, 1858

Peintures: die Frühlingsallegorien von William-Adolphe Bouguereau in umgekehrt chronologischer Reihenfolge, weil nur das früheste ein Querformat ist:

  1. Rêve de printemps, 1901;
  2. La brise du printemps, 1895;:
  3. Chansons de printemps, 1889;
  4. Le printemps, 1886;
  5. Le printemps, 1858,

via Wikimedia Commons und Bareviewed.

Minute will sich reihen an Minuten: Kroke: Time, aus: The Sounds of the Vanishing World, 1999:

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Written by Wolf

7. Juni 2019 um 00:01

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