Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Andere Leute, die auch Bretter tragen müssen

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Update zu Der den Wasserkothurn zu beseelen weiß
und Sie sollen und müssen gerettet sein!:

Wie ernst Wilhelm Busch (* 15. April 1832; † 9. Januar 1908) im eigenen Lande genommen wird, zeigt sich daran, dass seine verbreitetste Ausgabe immer noch die Sämtliche[n] Werke und eine Auswahl der Skizzen und Gemälde in zwei Bänden sind, mit den Namen Und die Moral von der Geschicht und Was beliebt ist auch erlaubt. Die sind nach überhaupt nichts geordnet, geschweige dass sie zwischen Textgattungen, Textsorten oder auch nur grob eingeteilten Schaffensperioden wie Früh-, Reife- und Spätwerk unterscheiden wollten, aber ungebrochen lieferbar, seit die Bundesrepublik Deutschland, damals noch in anderen Grenzen, existiert — nur eben ohne ausgewiesenes Erscheinungsjahr, das jedenfalls lange vor dem üblicherweise angegebenen 1982 liegen muss: herausgegeben von Rolf Hochhuth, bis heute verlagsfrisch mit dem Vorwort von Theodor Heuss ausgeliefert. Antiquariate schätzen die Ausgabe auf 1959.

Seit 2002 gibt es eine historisch-kritische Gesamtausgabe der Bildergeschichten, mit 99,99 Euro sogar recht erschwinglich — aber erstens weiß ich das aus geradezu versehentlicher persönlicher Anschauung in der Münchner Germanistik-Bibliothek, zweitens aus einem Hannoveraner Verlag, der Schlütersche Verlag und Druckerei heißt, drittens hat die kein Mensch, und viertens heißt „Bildergeschichten“: ohne die Gedichte, Gemälde und besonders schade: ohne die unterschätzte Prosa (siehe vor allem Eduards Traum, 1891; Der Schmetterling, 1895).

Fünftens, könnte man vorbringen, ist das auch schon egal, weil Wilhelm Busch für nicht mehr viel anderes bekannt ist, als dass er lustig gemeinte Paarreime erstellen konnte, die gerade noch von demnächst aussterbenden Teilnehmern auf Familienfeiern zitiert werden. — Sechstens rede ich dagegen: Das meiste davon trifft ähnlich auf Friedrich Schiller zu, mit dem Hauptunterschied: Der hat keine Bildergeschichten.

Eine Preziose wie Der harte Winter lässt sich bei sotaner Materialienlage kaum noch einordnen — egal in was; ich finde nicht, dass man für dieses Bedürfnis gleich Literaturwissenschaft praktizieren muss. Für die überhaupt irgendwie aufzutreibenden Informationen sind wir dem literarischen Befremdenführer (sic) Der rasende Leichnam, herausgegeben von Frank T. Zumbach bei Sachon, Mindelheim 1986 verpflichtet (oder auf die Biographie von Michaela Diers 2008 natürlich), mit 175 Seiten aus einem Kleinverlag der 1980er Jahre leider auch nicht geradewegs das Vademecum der letzten überlebenden Leseratten. Also: Wilhelm Busch war ab 1859 Freelancer, nein: freischaffend tätig für den Münchener Bilderbogen und die Fliegenden Blätter, ebenfalls zu München. Der harte Winter war sein erster Beitrag für „die Fliegenden“ und lässt sich — für mich, kein Literaturwissenschaftler — nicht auf den Tag genau datieren. Und wir reden vom Erscheinungstag einer gut dokumentierten Wochenzeitschrift. Schon tragisch, sowas.

Korrigiert nach der Erstveröffentlichung in den Fliegenden Blättern:

——— Wilhelm Busch:

Der harte Winter

Fliegende Blätter, Nr. 707, Seite 22, München 1859:

Es war einmal ein unvernünftig kalter Winter; da gingen zwei gute Kameraden mit einander auf das Eis zum Schlittschuhlaufen. Nun waren aber hin und wieder Löcher in das Eis geschlagen, der Fische wegen; und als die beiden Schlittschuhläufer nun im vollen Zuge waren, sintemalen der Wind auch heftig blies, versah’s der Eine, rutschte in ein Loch und traf so gewaltsam mit dem Halse vor die scharfe Eiskante, daß der Kopf auf das Eis dahinglitschte und der Rumpf in’s Wasser fiel. Der Andere, schnell entschlossen, wollte seinen Kameraden nicht im Stich lassen, zog ihn heraus, holte den Kopf und setzte ihn wieder gehörig auf, und weil es eine so barbarische Kälte in dem Winter war, so fror der Kopf auch gleich wieder fest. Da freute sich der, dem das geschah, daß die Sache noch so günstig für ihn abgelaufen war. Seine Kleider waren aber alle ganz naß geworden; darum ging er mit seinem Kameraden in ein Wirthshaus, setzte sich neben den warmen Ofen, seine Kleider zu trocknen, und ließ sich von dem Wirthe einen Bittern geben. „Prosit, Kamerad!“ sprach er und trank dem Andern zu; „auf den Schrecken können wir wohl Einen nehmen.“

Nun hatte er sich durch das kalte Bad aber doch einen starken Schnupfen geholt, daß ihm die Nase lief. Da er sie nun zwischen die Finger klemmte, sich zu schnäuzen, behielt er seinen Kopf in der Hand, denn der war in der warmen Stube wieder losgethaut.

Das war nun freilich für den armen Menschen recht fatal, und er meinte schon, daß er nun in der Welt nichts Rechtes mehr beginnen könnte; aber er wußte doch Rath zu schaffen, ging hin zu einem Bauherrn und ließ sich anstellen als Dielenträger, und war das eine gar schöne passende Arbeit für ihn, weil ihm dabei der Kopf niemals im Wege saß, wie vielen andern Leuten, die auch Bretter tragen müssen.

Wilhelm Busch, der harte Winter, Fliegende Blätter 707, München 1859, Seite 22

Soundtrack: Johnny Horton: North to Alaska, abgespeckte Frühversion 1959:

Written by Wolf

10. Januar 2020 um 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Land & See

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