Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Der Sommer ohne Freischütz

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Update zu Grabesdunstwitterlich,
Gespräch mit einem frischerstandenen Vampyren (was niemand hören wollte),
The admirable symmetry of her person
und I wish you were dead, my dear:

I had a dream, which was not all a dream.
The bright sun was extinguish’d, and the stars
Did wander darkling in the eternal space,
Rayless, and pathless, and the icy earth
Swung blind and blackening in the moonless air;
Morn came and went—and came, and brought no day.

Lord Byron: Darkness, 1816.

Auf diese Weise kommt man doch endlich noch zu einem Book on Demand — weil mir nur zwei Plattformpublikationen aus der ganzen Publikationsplattform auffallen, die Sinn ergeben.

Gespensterbuch Titelseite 1810Nun will ich aus dem Internet keinen bestimmten Matthias Wagner fischen müssen, um ihn zu verlinken. Einer aber dieses Namens hat nicht weniger geschafft als eine schmerzlich klaffende Lücke im Buchhandel zu schließen, für die eigentlich der Insel-Verlag zuständig gewesen wäre. Dafür kann man ihn gar nicht genug loben und preisen, ihm danken und seine zwei Books on Demand abkaufen — die werden, wie der Name sagt, erst auf Anfrage gedruckt und tauchen deshalb nie antiquarisch oder — was im Falle gleichbleibender 22,90 bzw. 18,90 Euro wenig schreckt — verbilligt auf. Bei ebenjenen Books on Demand hat Matthias Wagner sich herbeigelassen, das Gespensterbuch und das Wunderbuch von Apel und Laun, eine insgesamt siebenbändige Reihe zwischen 1810 (sic!) und 1818, erstmals vollständig in zwei benutzbaren Bänden herauszugeben. Bei Insel gibt es eine tröstliche Auswahl und bei de Gruyter ein unverständlich teures Faksimile, aber es musste erst ein Herr Wagner kommen, alles selber machen, auf ein von zitierfähiger Seite anerkanntes Lektorat verzichten und in postmoderner Eigenausbeutung auf eigene Kosten self-publishen. Das mit dem Lektorat schmerzt mich berufsbedingt persönlich, aber wir reden über das Einrichten eines nicht vollends veschütteten Textkorpus, das es historisch einzuordnen galt.

Matthias Wagners selbstverlegerische Arbeit wirkt hierin vertrauenswürdig, weil er ein eigenes Nachwort stiftet, das ich ungekürzt und um die nötigen Verlinkungen erweitert übernehmen kann: Besser kann ich’s auch nicht sagen, und man erfährt nebenher alles, was man aus dem Jahr ohne Sommer 1816 für literaturhistorische Belange behalten sollte. An dieser Stelle mal wieder special thanks an Hank Nagler für den einschlägigen einschlagenden Hinweis.

Die ansonsten immer an erste Stelle gerückte literarische Bedeutung des Gespensterbuchs erwähnt Wagner gar nicht erst: Die einleitende Geschichte Der Freischütz war 1821 die Vorlage für die gleichnamige Oper von Weber. Der ausgewiesene Autor weist sie im Untertitel als „Eine Volkssage“ aus. Die interessantere Frage ist daher: Woher bezog wiederum Apel seinen ach so originären Urstoff zur deutschesten aller Opern?

Die von Wagner erwähnte französische Auswahlübersetzung ist Fantasmagoriana 1812 von Apel, Laun, Heinrich Clauren und dem Volksmärchen-Musäus (übrigens mit seiner schon behandelten Stummen Liebe) 1816, auf Französisch herausgegeben von Jean-Baptiste Benoît Eyriès, danach ebenfalls ungedruckt bis 2017 und erst dann in den deutschen Originalen als „Geisterbarbiere, Totenbräute und mordende Porträts“ beim Berliner Ripperger und Kremers Verlag.

Die interessantere Frage ist daher: Die englische — seinerzeit anonyme — Auswahlübersetzung Tales of the Dead 1813 konnte den schauerromantisierenden Helden der Villa Dioadati im sommerlosen Jahr 1816 schon vorliegen. Insinuiert wird an mehreren Stellen, sie hätten die Inspiration zu ihrem folgenreichen Schreibwettbewerb aus den frranzösischen Fantasmagoriana gezogen, wobei nahe liegt, dass in einer Villa bei Cologny am Genfersee im französischsprachigen Kanton Genf ein französisches Buch vorrätig herumliegt. Beherrschten aber wirklich alle Beteiligten — Engländer allesamt — gut genug die Fremdsprache, um sich unter dem ausgiebigen Einfluss von Laudanum, der in den Berichten darüber nie verschwiegen wird, zu solchen auch intellektuellen Höchstleistungen beflügeln zu lassen? Forschungsauftrag an mich selbst und alle anderen, die sich an dergleichen aufspulen: Ich würde gern mal das Exemplar der Fantasmagoriana oder der Tales of the Dead sehen, in dem diese Kommune auf Zeit geblättert haben muss.

In keiner der beiden zeitgenössischen Auswahlen kommt eine Übersetzung der Freischütz-Volkssage vor; am frankophonen Genfersee mussten die Engländer ohne Vorlage zum nachträglichen Soundtrack der deutschen Romantik auskommen. Die interessantere Frage ist daher, auf welchen Wegen — als prominentes Beispiel aus dem jüngeren Musikschaffen — Tom Waits und William S. Burroughs 1990 auf ihre „musical fable“ The Black Rider: The Casting of the Magic Bullets geraten und sie im hanseatisch weltoffenen, aber grunddeutschen Thalia-Theater zu Hamburg uraufführen konnten.

——— Matthias Wagner:

Nachwort.

2017, zu: Johann August Apel & Friedrich Laun: Gespensterbuch, J. G. Göschen, Leipzig 1811–1815.
Vollständige Ausgabe, Books on Demand 2017, Seite 569 f.:

Das Gespensterbuch der beiden Literaten Johann August Apel und Friedrich Laun, ursprünglich in fünf Einzelbänden zwischen den Jahren 1811 und 1815 erschienen, war die bekannteste Sammlung deutscher Schauergeschichten der Romantik.

Ihr damaliger Bekanntheitsgrad war so groß. daß sich bald Teilübersetzungen ins Englische und Französische fanden.

Die französische Übersetzung mit dem Titel: Fantasmagoriana, ou Recueil d’histoires d’apparitions de spectres, revenans, fantômes, etc., traduit de l’allemand par un amateur, Paris 1812 von Jean-Baptiste Benoît Eyriès, erlangte im Sommer 1816 Berühmtheit, als Lord Byron, sein Leibarzt John William Polidori, Mary Wollstonecraft Shelley und ihr Mann Percy Bysshe Shelley [Anmerkung: Die Gesellschaft umfasste auch die Initiatorin der Reise, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Claire_Clairmont&quot; target="_blank" title=Wikipedia"Claire Clairmont.] nach ihrer Lektüre den Entschluß faßten, eigene Schauergeschichten zu erfinden. Polidori verfaßte The Vampyre, eine kurze Novelle, welche lange Zeit Lord Byron zugeschrieben wurde. The Vampyre ist die erste literarische Verarbeitung der Sagengestalt des Vampirs in Prosaform und verändert diese so, daß daraus der diabolische Adlige mit unstillbarem Blutdurst wurde. Die Arbeiten Byrons und Percy Shelleys blieben nur Fragmente, doch Mary Shelley earbeitete ihren größten Erfolg und einen der bekanntesten Schauerromane der Weltliteratur: Frankenstein, or The Modern Prometheus, der im Jahre 1818 in erster Auflage erschien.

Das Gespensterbuch erhielt in den Jahren zwischen 1815 und 1817 einen mehrbändigen Nachfolger unter dem Titel Wunderbuch. Die Geschichten knüpfen an diejenigen des Gespensterbuches an, sind teilweise aber unter die religiös-legendenhafte Literatur zu rechnen.

Johann August Apel verstarb unvorhergesehen im Jahre 1816. Der letzte Band des Wunderbuchs erschien 1817, unter Mitherausgabe von Friedrich de la Motte Fouqué, die Reihe wurde danach nicht mehr weitergeführt.

Eine englische Teilübersetzung des Gespensterbuchs erschien unter dem Titel: Tales of the Dead, London 1813 unter der Herausgabe Sarah Elizabeth Uttersons.

Cover Apel, Die Bilder der Ahnen, HörspielSowohl die französische als auch die englische Übersetzung enthielten eine Erzählung Johann August Apels, welche eigentlich nicht im Gespensterbuch enthalten war, durch diese Übersetzungen aber immer wieder damit in Verbidung gebracht und fälschlicherweise dazugerechnet wird: Die Bilder der Ahnen. Diese Geschichte erschien in einem Sammelband mit Kurzgeschichten J. A. Apels aus dem Jahre 1810 mit dem Titel: Cicaden, ein Jahr vor Veröffentlichung des ersten Bandes des Gespensterbuchs. Da dieses schöne Stück aber immer wieder mit dem großen Werk Apels und Launs in Verbindung gebracht wird, hielt ich es für angemessen, es als einen Anhang zum Gespensterbuch beizufügen.

Des Weiteren wird in der Geschichte Die schwarze Kammer, von Hauptprotagonisten einer Erzählung aus dem Journal Der Freimüthige gedacht, nämlich: Die graue Stube von Heinrich Clauren. Es handelt sich dabei praktisch um eine Zwillingsgeschichte zur Schwarzen Kammer des Gespensterbuchs und soll der Vollständigkeit halber hier auch mitaufgenommen werden.

Nun liegt mit dieser Edition zum ersten Mal seit 200 Jahren wieder eine schonend überarbeitete Komplettausgabe des Gespensterbuchs vor, und ich hoffe, daß sich heute wieder so wie damals viele Leser finden, die sich von seinem Inhalt verzaubern lassen.

Der Herausgeber.

Gespensterbuch Titelkupfer

Bilder: Gespensterbuch: Titelseite, via Staatsbibliothek zu Berlin;
Johann August Apel: Die Bilder der Ahnen, Cover zum Hörbuch, via Thomas Rippert,
Schnorr von Carolsfeld: Titelkupfer 1810, via LeastCommonAncestor, 2010.

Soundtrack: Carl Maria von Weber: Wir winden dir den Jungfernkranz, aus: Der Freischütz, 1821,
unter Carlos Kleiber, 1972 in der Dresdner Lukaskirche („Nutzung des Ortes für national und international bekannte Musikaufnahmen“). Die ist bis heute von keiner Referenzaufnahme abgelöst worden:

Bonus Track: Tom Waits/Willam S. Burroughs: Crossroads, aus: The Black Rider, Albumversion 1993:

Written by Wolf

7. August 2020 um 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

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