Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Das Ungeheuerste, das Entsetzlichste, das Schaudervollste

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Update zu Und der liebe Gott sitzt ernsthaft in seiner großen Loge und langweilt sich vielleicht:

Sie war liebenswürdig, und Er liebte Sie; Er aber
war nicht liebenswürdig, und Sie liebte Ihn nicht.
(Altes Stück.)

Heine: Ideen. Das Buch Le Grand, wiederholtes Kapitelmotto, 1826.

Noch ein Wort zu den zwei Kapiteln aus dem Buch Le Grand, die unlängst hier erschienen: In den betreffenden Anmerkungen von Günter Häntzschel in der — hoch soll soll sie leben und sich zahlreich verkaufen — Hanser-Ausgabe, Band 2, lernen wir, dass sich das Buch Le Grand durchgehend briefartig an eine „Madame“ wendet, die „vermutlich“ Rahel Varnhagens Schwägerin Friederike Robert ist — für Heine typisch: ständig etwas zu galant und bei einer Madame, die keine Mademoiselle mehr ist, entschieden anzüglich. Wenn man diese Information weiterverfolgt, grenzt die Vermutung an Sicherheit.

Cover Eun-Kyoung Park, ... meine liebe Freude an dem Göttergesindel, Metzler 2005Heines Brief an Madame Robert, auf den Häntzschel seine Anmerkung bezieht, steht nicht in der besagten Hanser-Ausgabe, weil die „nur“ die Werke, nicht aber die Briefe bringt. Wenn man Heines private Auslassungen vom 12. Oktober 1825 im Volltext aufschlägt, wird klarer, warum Madame an der Veröffentlichung der Harzreise solches Interesse nehmen konnte. Vor allem aber breitete Heine sein Thema für das Capitel XI darin noch genauer aus: Mit den beschriebenen Ungeheuerlichkeiten meinte er auch die altgriechischen Vögel von Aristophanes mit, und findet von dort selten so gehörte Bezüge zu Shakespeares King Lear und Goethes Faust.

Heine hatte eher widerwillig zugesagt, seine Harzereise, die er vorerst lieber im Berliner Morgenblatt gesehen hätte, dem Literaturalmanach Rheinblüthen in Karlsruhe zu überlassen, der letztendich doch nicht erschien. Heinrich Heine an Moses Moser am 1. April 1825:

Ungern geben ich sie in die Rheinblüthen; das Almanachwesen ist mir in höchstem Grade zuwider. Doch ich habe nicht das Talent schönen Weibern etwas abzuschlagen.

Sein Hinhaltebrief an das „schöne Weib“ bemüht den Aristophanes samt der Theorie von der Verglimpfung des Allzuschrecklichen im buntscheckigen Gewande des Lächerlichen. — Der Paradiesvogel und Der Pavian sind aktuell verfasste, damals — und auch heute — noch nicht gedruckte Lustspiele von Ludwig Robert, letzterer eine Parodie auf das Trauerspiel Der Paria von Michael Beer 1823/1829:

——— Heinrich Heine:

An Friederike Robert in Karlsruhe

Lüneburg d 12 Oktober 1825.
Mittwoch

Schönste, beste, liebenswürdigste Frau!

[…]

Hank Nagler, Balkon-Rotkehlchen Mai, Juni 2010Ihnen darf ich mich offenbaren: kurz vor der Lektüre des Paradiesvogels habe ich ganz andre Vögel kennen gelernt, nemlich die Vögel des Aristophanes. Vielleicht, schöne Frau, haben Sie noch nie von denselben etwas gehört, oder Sie haben wenig richtiges darüber gehört. Selbst mein nadelöhrfeiner Lehrer, August Wilhlem v. Schlegel, hat in seinen dramaturgischen Vorlesungen unerträglich seicht und und falsch darüber geurtheilt, indem er es für einen lustigen barocken Spaß erklärt daß in diesem Stücke die Vögel zusammenkommen und eine Stadt in der Luft gründen und den Göttern den Gehorsam aufkündigen etc etc. Es liegt aber ein tiefer, ernsterer Sinn in diesem Gedichte, und während es die Exoterischen Kächenäer (d. h. die atheniensischen Maulaufsperrer) durch phantastische Gestalten und Späße und Witze und Anspielungen z. B. auf das damalige Legazionswesen köstlich ergötzt, erblickt der Esoterische (d. h. Ich) in diesem Gedichte eine ungeheure Weltanschauung, ich sehe darinn den göttertrotzenden Wahnsinn der Menschen, eine ächte Tragödie, um so tragischer da jener Wahnsinn am Ende siegt, und glücklich beharrt in dem Wahne daß seine Luftstadt wirklich existire und daß er die Götter bezwungen und alles erlangt habe, selbst den Besitz der allgewaltig herrlichen Basilea.

Hank Nagler, Balkon-Rotkehlchen Mai, Juni 2010Ich weiß sehr gut, schöne Frau, daß Sie noch immer nicht wissen was ich eigentlich will, und wenn Sie auch die plump-vossische Übersetzung jener „Vögel“ lesen, so merken Sie es dennoch nicht, denn kein Mensch vermag jene unendlich schmelzende und himmelstürmendkecke Vogelchöre zu übersetzen, jene Nachtigalljublende, berauschende Siegeslieder des Wahnsinns. Und dennoch hab ich das alles schreiben müssen damit Sie mir nicht gleich ins Gesicht lachen wenn ich tadle: „daß de Robertsche Paradiesvogel im Grund keine Tragödie sey.“ Unerhörtes Verlangen! Ein Lustspiel soll eine Tragödie seyn“ hör ich Sie dennoch befremdet ausrufen. Aber Robert ist ernst geworden, er weiß daß ich bey keinem leichten französischen Conversazionsstücke diese Forderung machen würde, daß sie aber gar nicht ungerecht ist beim romantischen Lustspiele. Den unterscheidenden Charakter dieser beiden Arten des Lustspiels, nemlich daß das romantische Lustspiel sich ganz vom Boden ablöst und gleichsam in kecker Luft schwebt, das hat Robert sehr gut begriffen, und was die uralte Volkssage vom wirklichen Paradiesvogel erzählt, daß er nemlich keine Füße habe und nicht auf der Erde gehen könne, das läßt sich lobend auch auf den robertschen Paradiesvogel anwenden. Aber es fehlt darinn die großartige Weltanschauung, welche immer tragisch ist. Diese wird nicht ersetzt durch eine Anschauung der Bretterwelt, der Theatermisere und einiger Sittenmisere nebenbey — das war ein Stoff für das konvenzionelle Conversazionslustspiel, nicht für das romantische. Wie groß und gelungen steht dagegen der „Pavian“, dieses ächtaristophnaische romantische Lustspiel. Dieses giebt ein größere Weltanschauung und ist im Grunde tragischer als der Paria selbst. Wie sehr man beim ersten Anblick lacht über den Pavian, der über Druck und Beleidigung von Seiten bevorrechteter Geschöpfe sich bitterlich beklagt, so wird man doch bey tieferer Beschauung unheimlich ergriffen von der grauenvollen Wahrheit daß diese Klage eigentlich gerecht ist. Das ist eben die Ironie, wie sie auch immer das Hauptelement der Tragödie ist. Das Ungeheuerste, das Entsetzlichste, das Schaudervollste, wenn es nicht unpoetisch werden soll, kann man auch nur in dem buntscheckigen Gewande des Lächerlichen darstellen, gleichsam versöhnend, — darum hat auch Shakspeare das Gräßlichste im Lear durch den Narren sagen lassen, darum hat auch Göthe zu dem furchtbarsten Stoffe, zum Faust, die Puppenspielform gewählt, darum hat auch der noch größere Poet (der Urpoet sagt Friedrike), nemlich Unser Herrgott, allen Schreckensscenen dieses Lebens eine gute Dosis Spaßhaftigkeit beygemischt. — Doch ich schreibe hier mehr für den Mann als für die Frau. Thun Sie das Ihrige, machen Sie daß „der Pavian“ bald gedruckt wird.

Es ist wahr, man sollte, wie oft geschieht, keinen Freund für einen Witz aufopfern. Aber für eine ganze Schiffsladung Witz ist es wohl erlaubt. […]

Hank Nagler, Balkon-Rotkehlchen Mai, Juni 2010

Bilder: Cover zu Eun-Kyoung Park, i. e. Ŭn-gyŏng Pak: … meine liebe Freude an dem Göttergesindel. Die antike Mythologie im Werk Heinrich Heines, Erstausgabe 1970, J. B. Metzler, 2005;
Die Vögel von Hank Nagler: 2020 Rotkehlchen auf dem Balkon statt der Amseln von 2019, Mai/Juni 2020.

Soundtrack: für Heine dringend nochmal was Französisches:
Leïla Huissoud: La Farce, aus: Auguste, 2018:

Written by Wolf

31. Juli 2020 um 00:01

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