Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Morgenstern über Greifswald (und keiner schaut hin)

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Update zu O selige Epoche,
Flintenwerfen und
Der deutsche Sonderweg zur Hochkomik 1–10:

Es hätte ein so schönes Leben sein können: Da wird einer pünktlich erst nach dem einen Krieg geboren und stirbt pünktlich vor dem anderen — da kämpft er den größten Teil seiner Erdenzeit gegen eine lebenseinschränkende bis -bedrohliche Tuberkulose; da schafft er in seiner schönsten Phase mit seinen besten Kumpanen den zeitlosen Klassiker der Galgenlieder — und muss sich in der Folge lebelang ärgern, auf seine Studentenscherze reduziert zu werden. Irgendwas ist immer.

Leicht gemacht hat er sich’s, was vor diesem Hintergrund niemanden wundern muss, mit seinem „bürgerlichen Drama“ Ecce Civis. Verständlich, aber schade, dass dieses kurze, aber im Live-Betrieb beliebig zu erweiternde Stück so obskur ist und offenbar erst entschieden posthum um 1976 uraufgeführt wurde: Gerade Stellen wie „Das gesamte Tischgerät entwickelt eine lustige Musik“ (erster Akt), „Unter mannigfachen mehr oder minder hörbaren und wichtigen Gesprächen der zu den verschiedenen Requisiten gehörigen Personen vergeht die vorgeschriebene Zeit, bis der Vorhang wiederum fallen kann“ (zweiter Akt) und „Dazwischen spielt sich eine Art von Szene ab“ (dritter Akt) bieten den Darstellenden unschlagbare Möglichkeiten zum Herumbrillieren. Von der Maskenbildnerei ganz zu schweigen.

——— Lyrikzeitung:

Literarisches Greifswald (1)

in: Lyrikzeitung & Poetry News, 15. November 2015:

Wanderer, kommst du nach Spa-, nach Greifswald.

Greifswald liegt am Rand, aber es hat doch dies und das, sogar Literarisches. Vielleicht mache ich eine Folge. Ich beginne mit Christian Morgenstern. Mir sind keine Aufenthalte M.s in Greifswald bekannt. Geboren in München, gestorben in Meran, verbrachte das halbe Leben in Sanatorien, etwa in Birkenwerder. Wenn er an die See fuhr, so war es Helgoland, Sylt oder Föhr, oder gleich Norwegen.

Trotzdem steht sein Name an einer Hauswand in Greifswald:

Kapaunenstraße Greifswald, Lyrikzeitung & Poetry News, Literarisches Greifswald 1, 15. November 2015
„In diesem Hause fand die
Erstaufführung von
Chr. Morgensterns Ecce Civis
unter der Leitung I.Sulks statt.“

Die Tafel wurde wahrscheinlich in den siebziger Jahren angebracht. Tatsächlich hing sie nicht an diesem Haus, das ein Neubau aus den End-80ern oder Früh-90ern ist. An dieser Stelle standen 2 Häuser, in einem ein Milchladen und im andern ein Zeitschriftenladen. Sie fielen der Tabula-Rasa-Abrißsanierung in den letzten DDR-Jahren zum Opfer. Die Tafel war dann längere Zeit verschwunden, erst vor Monaten fiel sie mir wieder auf. Sie hing damals nicht in der Kapaunenstraße, sondern vorn in der Langen Straße, die damals „Straße der Freundschaft“ hieß, vom Volksmund auf F-Straße verkürzt. Auch will mir die Erinnerung einreden, daß früher das Datum der Uraufführung auf der Tafel stand, irgendein Jahr in den 70ern, vielleicht 1976? Aber ich habe keine Fotos, einziges Indiz der gute Erhaltungszustand der also wohl neuen Tafel.

In einer DDR-Zeitschrift, „Das Magazin„, stand damals ein Artikel über die Tafel. Ich weiß nur noch, der Verfasser hielt das für einen Scherz, einen Ulk, er meinte, I. Sulk müsse „Is Ulk“ gelesen werden. Aber das stimmt nicht, der Herr Sulk war ein dort lebender Greifswalder.

Demnach hatte der Autor nicht recherchiert, sondern nur auf der Durchreise das Schild fotografiert und den Rest zusammenspekuliert. Es gibt gute Gründe, einen Ulk zu vermuten. Ein Blick auf das Personenverzeichnis des Kurzdramas zeigt das:

Personenverzichnis Ecce Civis, Christian Morgenstern. Ausgewählte Werke, Seite 455, Lyrikzeitung & Poetry News, Literarisches Greifswald 1, 15. November 2015

Ein hübsches Junggesellenzimmer mag auch der Ort der Erstaufführung gewesen sein. Aber wieso Ulk? Ich sehe es vor mir. Erste Zigarre: läßt Ringel zur Decke steigen. Mehrere Teller: klappern. Gabeln: klirren. Eine Zigarette: fängt an zu brennen. Der erste Akt endet so: „DAS GESAMTE TISCHGERÄT entwickelt eine lustige Musik, durch welche hindurch man hie und da einige Namen von Speisen und Personen sowie allerlei auf diesen und jenen Lebensausschnitt bezügliches vernimmt. Nach einer Weile fällt der Vorhang.“ Lange vor der bruitistischen Musik der Futuristen und dem bruitistischen Krippenspiel des Hugo Ball hat Christian Morgenstern die Chose erfunden. Und erstaufgeführt wurde es in Greifswald, Straße der Freundschaft.

Greifswald, Lyrikzeitung & Poetry News, Literarisches Greifswald 1, 15. November 2015
Das jetzige Haus von vorn

Soweit die Informationen — oder vielmehr der Mangel daran — über Morgensterns Spuren in Greifswald. Ausführlicher wird seine literarische Nachwirkung vom vermutlich selben, nur diesmal namentlich ausgewiesenen Autor Dr. phil. Michael Gratz unter Morgenstern in der DDR — der an dieser Stelle warm zur Kenntnisnahme über persönlich nähergebrachte deutsch-deutsche Literaturgeschichte und Grenzverkehr empfohlen sei! — fürs L&Poe Journal 1 (2021), die Ausgabe zu Morgensterns 150. Geburtstag am 6. Mai beschrieben. Ein prominenter Greifswalder Bürger namens I. Sulk, dessen Name möglicherweise nur „Ulk is“, kann auch dort nicht nachgewiesen werden. An unserer Stelle erscheint so oder so der Volltext des Dramas sinnvoller:

——— Christian Morgenstern:

ECCE CIVIS

Ein bürgerliches Drama

um 1898, in: Klaus Schuhmann: Christian Morgenstern. Ausgewählte Werke,
Insel, Leipzig 1975, Seite 455–457,
cit. nach L&Poe Journal 1 (2021), 15. Februar 2021:

HANDELNDE

Eine Kiste Zigarren
Eine Schachtel Zigaretten
Ein mit zwei Kuverts gedeckter Esstisch
Eine grosse gedeckte Gesellschaftstafel
Ein Tablett mit Kaffeegeschirr
Ein Tablett mit Wein
Ein Tablett mit Bier

Parfümflaschen, Tüten mit Konfekt, Löffel, Messer, Gabeln, Kohlenschaufeln, Schmapsservice, große und kleine Brotkörbe, Ausguß, Wasserhähne, Putzlappen, Korkzieher, Zuckerdose usw. usw. nach Bedarf und Belieben.
Dazugehörige Personen.

Erster Akt

Ein hübsches Junggesellenzimmer.

Erste Zigarre läßt Ringel zur Decke steigen. Der dazugehörige Herr sagt etwa: Wo nur die Fanny heut so lang bleibt! Läßt sich vom Zimmer zu schaffen machen.

Mehrere Teller klappern.

Gabln klirren.

Eine Tüte mit Datteln

wird irgendwo versteckt.

Eine Flasche Sekt knallt. Der dazugehörige Diener sagt etwa: Bleibt heut das Fräulein aber lang!

     Nach einer Weile klopft es, und die Erwartete kommt.

Eine Zigarette fängt an zu brennen. Der dazugehörige weibliche Mund sagt etwa: Du hast wohl heut etwas warten müssen, Fredi.

Die Zigarre: Du machst dir eben nichts aus mir.

Die Zigarette: Ach geh, was du dir auch immer einbildst; Komm, eß mer. Man setzt sich zu Tisch.

Das gesamte Tischgerät entwickelt eine lustige Musik, durch welche hindurch man hie und da einige Namen von Speisen und Personen sowie allerlei auf diesen und jenen Lebensausschnitt Bezügliches vernimmt. Nach einer Weile fällt der Vorhang.

Zweiter Akt

Ein Salon.

Eine Menge Zigarren und Zigaretten mit dazugehörigen Personen beiderlei Geschlechts kommt aus dem im Hintergrund durch eine breite Flügeltür sichtbaren Speisesaal, nicht jedoch ohne des öftern dahin zurückzukehren, ein Glas Wein, ein Stück Torte zu sich zu nehmen, einen Toast auszubringen oder dergleichen.

Erste Zigarre: Das mit der Huber soll also wirklich wahr Sein?

Zweite Zigarre: Meine Frau hat die zwei mit eignen Augen –

Eine Zigarette: Mit eignen Augen!

Ein Stück Torte: Um Gottes willen, seid still! Dort kommt er!

Mehrere Zigarren und Zigarette: Pst! pst! pst!

Dritte Zigarre in Begleitung des Herrn Alfred Müller tritt auf: Guten Abend, meine Damen und Herren!

Sämtliche Zigarren und Zigaretten: Guten Abend, Herr Müller.

Zweite Zigarre und dritte Zigarette zugleich: Bitte, meine Herrschaften, der Kaffee!

Ein Tablett mit Kaffeetassen beherrscht auf längere Zeit die Situation.

Unter mannigfachen mehr oder minder hörbaren und wichtigen Gesprächen der zu den verschiedenen Requisiten gehörigen Personen vergeht die vorgeschriebene Zeit, bis der Vorhang wiederum fallen kann.

Dritter Akt

Ärmliche Giebelstube.

Eine Zigarette sitzt mit dem dazugehörigen Fräulein Fanny vor einem Tisch.

Löffel, Messer, Gabeln lassen sich von ihr putzen und führen eine Weile das Wort.

Eine Zigarre in Begleitung des Herrn Alfred Müller tritt auf: Grüß dich Gott, Fanny!

Die Zigarette: Jessas, Fredi, wo kommst denn du jetzt her?

Die Zigarre: Es mußte sein. Aber erst schaff mir was zu trinken, ich bin wie ausgedorrt.

Die Zigarette: Ich hab bloß Bier da.

Die Zigarre: Schadt nichts. Gib nur her! Fanny – zwischen uns muß Es aus sein. Schenkt Bier ein.

Die Zigarette zitternd: Ich hab mir’s ja gedacht.

Die Zigarre paFFend: Also machen wir’s kurz.

Die Zigarette liegt mit dem Kopf auf dem Tisch.

Das Bierglas trommelt.

Die Löffel, Messer und Gabeln machen einen nervösen Lärm. Dazwischen spielt sich eine Art von Szene ab, an deren Schluß das Ende des Stückes steht.

Die Zigarre mit Zubehör verschwindet von der Bühne.

Die Zigarette erlischt.

Der Vorhang fällt.

Ende.

Greifswald, Ecke Lange Straße und Kapaunenstraße Greifswald, Lyrikzeitung & Poetry News, Literarisches Greifswald 1, 15. November 2015

Bilder: Lyrikzeitung: Literarisches Greifswald (1), 15. November 2015;
Michael Gratz: Morgenstern in der DDR, in: L&Poe Journal 1 (2021), 15. Februar 2021 .

Soundtrack bruitistischer Musik: Luigi Russolo: Serenata per intonarumori e strumenti, 1924:

Bonus Track: The Art of Noise featuring Duane Eddy: Peter Gunn, aus: In Visible Silence, 1986:

Written by Wolf

7. Mai 2021 um 00:01

Veröffentlicht in Impressionismus, Schall & Getöse

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