Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Flintenwerfen

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Update zu O selige Epoche:

Da kann sich einer Christian Morgenstern aufgrund physischen Geburtstags und psychischen Alberfaktors persönlich so verbunden fühlen, wie er will, da können die lizenzfrei orientierten „Klassiker“-Verlage auf ihre Morgensterne Alle Galgenlieder draufschreiben, bis den Druckereien in Shenzhen die Schwärze ausgeht — die echten Geschichten über Morgenstern-Gedichte findet man nur in der halbwegs wissenschaftlichen Ausgabe. Wie bei allen Schreibern; bei Morgenstern ist das die Stuttgarter Ausgabe bei Urachhaus, und was bei den Kaufhof-Ausgaben — übrigens nichts gegen die gleichnamige, dokumentarisch bedeutsame Sammlung von Diogenes 1981 — Alle Galgenlieder heißt, ist darin der Band 3: Humoristische Lyrik von 1990.

In den Kommentar hat der Herausgeber Maurice Cureau die frühe Version eines gängigen Gedichts über Morgensterns kauziges Alter Ego Palmström versteckt: Die weggeworfene Flinte hieß in einer früheren Bearbeitung Palmström der Patriot. Wiederzuerkennen nur noch am Thema, gewiss nicht mehr an der Form, sind die Unterschiede zwischen den Fassungen groß genug, um sie mit Gewinn gegenüberzustellen. Angeblich wegen mangelnder Begeisterung beim Lesen der fertigen Korrekturbogen überarbeitete Morgenstern das Gedicht „poetischer, romantischer“ von Grund auf.

Es kann an mir liegen, aber in der allseits autorisierten Druckfassung vermisse ich die Reime. Und schon besitzen wir ein vertieftes, wenn nicht gar ein ganz neues Palmström-Gedicht.

Lera Vradiy, Field Stories, 21. Juli 2017

——— Christian Morgenstern:

Palmström der Patriot

frühe Version, brieflich an Verleger Bruno Cassirer am 19. Februar 1910:

Palmström, auf dem Lande hinten,
untersucht das Korn nach Flinten,
die das Volk, wie er v. Korfen
sagt, daselbst hineingeworfen.
Und fürwahr, er findet deren!
Eine Unzahl von Gewehren,
geht (beglaubigt von den Bauern,
welche auf Belohnung lauern,
und plombiert von den gesamten
diesbezüglichen Beamten)
noch im Herbst nebst Memorando
ab ans Generalkommando.

Die weggeworfene Flinte

Druckversion 22. Februar 1910, „Meiner lieben Margareta“:

Palmström findet eines Abends,
als er zwischen hohem Korn
singend schweift,
eine Flinte.

Trauernd bricht er seinen Hymnus
ab und setzt sich in den Mohn,
seinen Fund
zu betrachten.

Innig stellt er den Verzagten,
der ins Korn sie warf, sich vor
und beklagt
ihn vorn Herzen.

Mohn und Ähren und Cyanen
windet seine Hand derweil
still um Lauf,
Hahn und Kolben …

Und er lehnt den so bekränzten
Stutzen an den Kreuzwegstein,
hoffend zart,
daß der Zage,

noch einmal des Weges kommend,
ihn erblicken möge — und —
(… Seht den Mond
groß im Osten …)

Martin Bartholmy, Wo die Flinte im Korn liegt. Cropped Crop, 15. Juli 2018

Bilder: Lera Vradiy: Field Stories, 21. Juli 2017;
Martin Bartholmy: Wo die Flinte im Korn liegt / Cropped Crop, 15. Juli 2018.

Soundtrack: Emily Barker & The Red Clay Halo with Frank Turner: Fields of June, 2012:

Written by Wolf

21. Februar 2020 um 00:01

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