Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Die Fahne der Arbeitnehmerschaft

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Update zu Trotzki, Fauser und die Goetheforschung,
Quis me amabit? (Wer sol mich minnen?) und
Nachtstück 0017: Von der Anmaßung erstaunlicher Vorzüge:

Ergreife die Macht, du Hurensohn, wenn man sie dir gibt!

Anonymer Arbeiter zu Виктор Михайлович Чернов, 4. Juli 1917.

Während des Juliaufstands 1917 meuterten die Kronstädter Matrosen mit Roten Garden gegen die Kaiserlich Russische Marine:

Der ausgerufene Generalstreik scheiterte jedoch ebenso wie eine schlecht koordinierte Erhebung der Kronstädter Matrosen und Roten Garden. Sie begleiteten eine Demonstration mit angeblich bis zu 500.000 Teilnehmern zum Taurischen Palais, dem Sitz sowohl der Petrograder Sowjets als auch der Staatsduma. Dort nahmen sie den sozialrevolutionären Landwirtschaftsminister Wiktor Michailowitsch Tschernow als Geisel, nachdem er sowohl seinen Rücktritt als auch eine Machtübergabe an die Sowjets verweigert hatte. Er wurde von Leo Trotzki befreit, der die Demonstranten mahnte, ihr Anliegen nicht zu „besudeln“. Am Newski-Prospekt kam es zu einem Schusswechsel, die Demonstranten flohen in Panik. Weitere Schießereien folgten, nach zwei Tagen waren 500 Tote und Verletzte zu beklagen.

——— Николай Николаевич Суханов:

Записок о революции — мемуаров о событиях 1917

Augenzeugenbericht der Russischen Revolution,
cit nach Danil Gaido: Die Julitage, Marx 200, 19. Oktober 2017:

Harry Rowohlt, Abschweifungen in Frankfurt und Kassel, Edition Tiamat 2017Alle Arbeiter und Soldaten in Petersburg nahmen daran teil. Aber was war das politische Charakter der Demonstration? ‚Wieder Bolschewiki‘, merkte ich an, als ich die Parolen ansah, ‚und da hinten ist noch eine Kolonne der Bolschewiki.‘ ‚Alle Macht den Sowjets!‘ ‚Nieder mit den zehn Minister-Kapitalisten!‘ ‚Friede den Hütten, Krieg den Palästen!‘ Auf diese kräftige und gewichtige Weise brachte Arbeiter-Bauer-Petersburg, die Vorhut der russischen- und Weltrevolution, seinen Wille zum Ausdruck. […]

Der Pöbel befand sich in Aufruhr, wohin man auch blickte … Ganz Kronstadt kannte Trotzki und, so dachte man, vertraute ihm. Doch er begann seine Rede, und die Menge wich nicht zurück. Wäre in diesem Moment ein Schuss gefallen, als Provokation, es hätte ein fürchterliches Gemetzel stattfinden können, und wir alle, Trotzki eingeschlossen, wären vielleicht zerfetzt worden. Trotzki, in großer Erregung und unfähig, in dieser aufgeheizten Atmosphäre die richtigen Worte zu finden, konnte kaum die Aufmerksamkeit derer gewinnen, die ihm am nächsten standen. Als er sich Tschernow selbst zuwandte, geriet die Menge, die um den Wagen herumstand, in Wut. ‚Ihr seid gekommen, euren Willen zu bekunden und dem Sowjet zu zeigen, dass die Arbeiterklasse die Bourgeoisie nicht länger an der Macht sehen will [sprach Trotzki]. Aber warum wollt ihr eurer Sache schaden mit kleinlichen Gewaltakten gegen zweitrangige Individuen?‘ Trotzki streckte seine Hand einem Matrosen entgegen, der besonders heftig protestierte … Mir schien, der Matrose, der Trotzki bestimmt mehr als einmal in Kronstadt hatte sprechen hören, hätte nun das bestimmte Gefühl, dass Trotzki ein Verräter sei. Er erinnerte sich an seine früheren Reden und war verwirrt … Unschlüssig, was zu tun sei, ließen die Kronstädter Tschernow gehen.

Und jetzt alle:

——— Harry Rowohlt:

Matrosen von Kronstadt

Arbeiterlied, 1917, aus: Abschweifungen in Frankfurt und Kassel, Edition Tiamat 2017:

Verronnen die Nacht
und der Morgen erwacht,
rote Flotte mit Volldampf voraus.
Durch Stürme und Tosen
die roten Matrosen,
wir fahren als Vorhut hinaus.

Vorwärts an Geschütze und Gewehre
auf Schiffen, in Fabriken und im Schacht.
Tragt über den Erdball, tragt über die Meere
die Fahne der Arbeitermacht.

Mag der Sturm uns zerzausen,
die Wellen, sie brausen,
die rote Flut, sie steigt an.
Vorwärts, Kommunisten,
zum Endkampf wir rüsten,
die rote Marine voran.

Vorwärts an Geschütze und Gewehre
auf Schiffen, in Fabriken und im Schacht.
Tragt über den Erdball, tragt über die Meere
die Fahne der Arbeitnehmerschaft.

BIld, weil historisches Material grundsätzlich nur über den
Kronstädter Matrosenaufstand 1921 aufzufinden war:
Harry Rowohlt: Abschweifungen in Frankfurt und Kassel, 2017.

Bonus Track instrumentiert:

Written by Wolf

1. Mai 2021 um 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

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