Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Der Tod, der alte Hodarsch

leave a comment »

Update zu Ein arger Gast in Trutz und Poch
Ein holprichtes Lied mit tiefer und rauher Stimme und
O Anfang sonder Ende (Nichts ist zu finden weit und breit so schrecklich als die Ewigkeit):

Eine meiner Lieblingskolleginnen schrieb mir vergangenen Spätwinter:

Mir träumte, du habest mir zwei Seiten aus einem sehr alten Band mit Essays und Gedichten von dir zukommen lassen, die ich in meinem kleinen Häuschen bei Sonnenschein lesen durfte. Der genaue Inhalt war nicht richtig klar, weil Traum — aber das Schriftbild der Seiten habe ich irgendwie vor Augen und es kamen darin mehrere doppelzeilige gereimte Spottanklagen vor. Die letzte war als eine Art Zwiegespräch mit dem Tod gedacht, den du im Gedicht einen „alten Hodarsch“ nanntest, und ich habe mich den Rest des Traums köstlich über dieses grandiose Schimpfwort amüsiert. Das war einer der schönsten Träume, die ich seit langem hatte.

Dergleichen erfreut das Herz des Schreibers, der die meisten seiner Fans persönlich kennt. So gab ich Antwort:

Lente Scura, Death and the Maiden„Das sieht mir sogar durchaus ähnlich. ‚Mit Essays und Gedichten von dir‘ heißt, die Essays und Gedichte waren von mir geschrieben, oder sind nur aus dem alten Band von mir zu dir gekommen? — Hodarsch, tss. Wenn du sowas magst, schau mal im Volksbuch vom Faust, im Doktor Faustus von Thomas Mann, in den Briefen — weniger den Tischreden, wo man immer zuerst sucht — von Luther, und im Grimmelshausen, der mehr als 1 Buch und das 1 Buch mehr als die ersten zween Capituln hat. Sollte man eh öfter.“

Es war absolut von dir geschrieben! Es klang auch alles so sehr nach dir, dass ich nach dem Aufwachen kurz überlegte, wo ich die Seiten hingelegt habe um das Gedicht nachzulesen!

„Wow. Erwähnte ich, dass ich derzeit viel mit Gedichten befasst bin? Ich will sie formal strenger haben, der Schreibkollege ist mehr für ungefiltertes Rausrotzen, mit keiner Zeit fürs Rumfrisieren. Was ich da traumweise im Vergleich zu den Metrikverächtern unter uns geschrieben haben soll, wäre da schon interessant.“

Es war formal nicht streng, eher unterstrich es das Thema des Essays — aber was da genau stand, das hat mein Gehirn mir vorenthalten. Ich bin ja überrascht, dass auf der Seite tatsächlich ein oder zwei Wörtern entzifferbar waren, angeblich geht das ja in Träumen eigentlich nicht!

„Och, das geht, das geht … Ich träume ja nicht viel, woran ich mich erinnere, aber es waren schon ausformulierte Texte dabei. Die Action bestand dabei in einer Art Kalligraphie mit etwas, das man eintunken muss, auf Blanko-Papier, und hinterher weiß ich noch, dass es Zusammenhang und einen gewissen Sinn ergibt. Manche Leute haben ja tatsächlich wie Allen Ginsberg ein Traumbuch neben dem Bett und benutzen es auch, bei mir rentiert sich das leider nicht. Jetzt versuch ich grad eine Gedicht- oder Essay-Idee aus deinem werten Tarum zu machen.“

Oh, das freut mich! Ich würde so gern irgendwann bei Sonnenschein dein Spottgedicht über den Tod, den alten Hodarsch, lesen!

„Zwei Zeilen war die Vorgabe? Hm… elegisches Distichon wollt ich mir eh schon immer mal draufschaffen — vor allem für mein Soloprojekt eines von Hand hingemurksten Gedichtbandes — und an dem Schimpfwort würd ich noch mal schrauben wollen. Hod heißt doch bestimmt nix Genaues, oder weißt du da was?“

Doch! Hod wie Hodenarsch! Ich wollte dich im Traum sogar fragen, ob das in Bayern ein übliches Schimpfwort ist, weil ich es so witzig und absurd fand!

„Ach so, Hoden, wer kommt denn da auch drauf … Nää, wenn ich das schümpfen wollte, dann eher als ‚Glocken-‚ oder weniger paarweise hergezeigt ‚Beutel-‚ oder ‚Sackarsch‘. Im Grimmschen Wörterbuch finde ich ‚Hode‘ ohne -n als ‚m., auch f., testiculus‘ — tatsächlich auch feminin. Die rein feminine Hode meint danach

HODE, f. schutz, hut, ein niederdeutsches, von Möser in seinen schriften oft gebrauchtes wort: andere aber, die auf den gründen eines schutzheiligen oder schutzherrn saszen, waren auch an dessen schutz gebunden, und man nannte sie nothfreie. ein solcher schutz heiszt bei uns hode oder hut, anderwärts aber hye, hege oder pflege. osnabr. gesch. 1, 70; die biesterfreiheit zwingt die leute zur hode, und hode redet wider den leibeigenthum. patr. phant. 3, 143.

oder ‚den bretternen kasten eines last- oder botenwagens, vielleicht auch diesen selbst. das wort, das in verwandtschaft zu dem sp. 572f. aufgeführten haudern und den daselbst genannten formen zu stehen scheint, wird gestützt und weiter beleuchtet durch eine reihe oberdeutscher verbal- und substantivbildungen: hodel- oder hudelwagen, wagen dessen kiefe oben mit ketten zusammengeraitelt werden, verschieden vom leiterwagen‘ pp. — also nichts, um es zu schimpfen.

Und ich brech ja ab: Bei Adelung ist ‚Hode‘ ausschließlich weiblich:

Die Hode, plur. die -n, die rundlichen aus vielen zusammen gewickelten Gefäßen bestehenden Samenbehältnisse bey dem männlichen Geschlechte der Menschen und Thiere; mit einem ungewöhnlichern Ausdrucke die Geilen, die Geburtsgeilen, in den niedrigen Sprecharten die Klöße, Lat. Testes, Testiculi. Einem Thiere die Hoden ausschneiden, es castriren.

Anm. Schon bey dem Raban Maurus im achten Jahrhunderte Hodon. Ihre leitet es von dem Schwed. Kudde, ein Sack, eine Tasche, her, welches zu unserm Kutte gehöret, S. dasselbe. Allein alsdann müßte der Hodensack, welcher im Schwed. Kudde heißt, eigentlich den Nahmen der Hode führen, welches doch nicht ist. Vermuthlich hat die erhabene rundliche Gestalt dieser Theile auch zu dieser, so wie zu den meisten übrigen Benennungen Anlaß gegeben, und da würde dieses Wort zu ha, hoch, Isländ. hatt, und Haupt, Nieders. Höd, gehören. Im Oberdeutschen ist dieses Wort männlichen Geschlechtes, der Hoden, des -s. Eben daselbst wurden sie ehedem auch Heckdrüsen genannt, S. dieses Wort, ingleichen Gleichlinge.

— wobei ‚Heckdrüsenarsch‘ sich trefflich in einen geschimpften Hexameter fügen könnte. Glaubt einem bloß wieder keiner.“

— und woraufhin besagte Kollegin vorerst verstummte, sei es, weil das Thema für sie dann ausgeschöpft war, oder sie selbst davon überfordert. Ist ja auch kein Thema, über das man’s über das linguistische Maß hinaus mit fremden Damen hat. Mein Epigramm im Elegeion geriet mir indessen so:

Spottlied auf den Tod

Meister aus Deutschland, Gesell aller Welt und stutzköpfigster
     Lehrling von allem was Leben heißt, pack deine Sense und stirb.
Wenn du auch das nicht kannst, findest du leicht ein paar müde Gestalten;
     nimm dir erst die und verfrachte den klapprichten Beinarsch zur Ruh.
Lass dir die Zeit, die du brauchst, um die Freude am Leben zu lernen:
     Mit deinen Knochen, Freund Hein, hau ich noch die Äpfel vom Baum.

Esao Andrews, Death and the Maiden

„Hodarsch“, erkärte ich dazu, war im Wachzustand nicht zu verantworten, klappricht musste er aus metrischen Gründen sein. Worauf sie abschloss:

Wundervoll! Ich werd es ausdrucken und eines Tages bei Sonnenschein in meiner Finca lesen, wie in meinem Traum.

„Mir träumte, du habest“ — so reden die Leute in ungeträumter Wirklichkeit mit mir. So muss das gehen mit der Lyrik.

Deaths and the Maidens: Lente Scura, Digital Art, via Before I Forget, 4. Juni 2018;
Esao Andrews, via Frank T. Zumbach, 13. November 2013.

Soundtrack vor der Finca: Chris Rodrigues & Abby die Löffeldame: I Done Died (Ich bin tot), 2018:

Written by Wolf

14. Mai 2021 um 00:01

Veröffentlicht in Vier letzte Dinge: Tod, ~ Weheklag ~

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.