Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Unvorworm is alderbest

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Update zu Jug und
Wie Hippo und ich uns einmal Siegfried Lenz geschenkt haben (Träum die nächsten hundert Jahre):

Die schulische Bildung im Nordbayerischen schließt ein oder mehrere Male immer einen Schulausflug auf die Nürnberger Kaiser- samt Burggrafenburg ein. Von der Verbindungamauer zwischen beiden soll etwa anno 1375 der Raubritter Apollonius „Eppelein“ von Gailingen durch einen sagenhaft beherzten Sprung zu Pferde seiner Hinrichtung entkommen sein. Die historische Quellenlage zu einem absichtsvollen Sturz von Ross und Reiter über eine nie genau verzeichnete, aber allemal schwindelerregende Höhe in den Burggraben ist spärlich, allenfalls werden zwei — ebenfalls nie genau datierte — Hufabdrücke in der Brüstung gezeigt, die auf einen derartigen Stunt hin-, ihn jedoch nicht beweisen; vermutlich eine touristisch motivierte Stgeinmetzarbeit. Viel zu gut belegt sind dafür das Sprichwort „Die Nürnberger hängen keinen, sie hätten ihn denn zuvor“ und ein Erschauern ganzer Schulklassen vor den Hufabdrücken im direkten Sichtvergleich zur Höhe, nein: Tiefe der nach Norden weisenden Burgmauer. Eppeleins sonstiger Wirkungskreis zwischen Gunzenhausen, Neumarkt, Postbauer-Heng und Burgthann, in den er auf seinem Pferd — offenbar ohne gebrochene Beine — geflohen sein soll, liegt übrigens von Nürnberg aus im Süden; seine angebliche Burg über Trainmeusel in der Fränkischen Schweiz wäre nördlich, bleibt aber hypothetisch.

Das macht aber alles nichts, solange die besuchenden Schulkinder hinterher ein Eis kriegen und die Lochgefängnisse mit Folterkammern auf dem Abstieg noch viel schauderhafter, anschaulicher und historisch unwidersprechlich belegt sind: Von Lübeck aus gesehen liegt Nürnberg offenkundig am Main (für Nordlichter: Nürnberg liegt an der mäanderreichen, über jeden einzelnen ihrer über hundert Kilometer idyllischen Pegnitz), jedenfalls noch auf den dortigen Flugblättern des ausgehenden Spätmittelalters bis der anbrechenden Frühneuzeit, je nachdem, wie man es eingrenzen will.

Ungewohnt ist außerdem das Lübecker Platt, das sich geradezu gesucht weit vom üblichen Nürnberger Oberostfränkisch entfernt, in dessen vulgären Ausprägungen als Prolog ledergebundener Speisekarten man die Sage vom „Epp“ immer noch antrifft, wenn man den Schulausflügen entwachsen ist.

——— Jacob und Wilhelm Grimm, Hrsg.:

30./31. Eyn hübsch nye ledt, de Eppele van Geillingen is he geanth, im thone, jdt was ein frisscher frier

Volksblatt gedruckt zu Lübeck um 1550.

(ein ritter zu pferdt in holzschnitt, neben die worte: unvorworm is alderbest, so si he och de dit lest)

Flugblatt, Lübeck ca. 1548, von Jacob Grimm angegeben und hs. überliefert, Quelle nicht ermittelt:

Eppelein von Geillingen 1548Jdt was ein frisscher frier riddersch man
de Eppele van Geilligen is he genant.
   He redt to Nürnberg uth und in
is der van Nürnberg affgesechte viendt.
   hör leve smidt tridt to my heruth.
   Hör leve smidt nu lath di sagen
Du schalt my meym ross veer ysern upslagen.
   Besla my se wol und gesla my se even
jck wil di ein gulden loen darüm geven.
   Do grep he in de taschen syn
he gaff ehm roder gülden neün
   Lever smidt du schalt nicht vel darvan sagen
die hern de motent mirs wol betalen.
   He redt wol vor das wesselhus
he nam den van Nürnberg ein sülvern vögelhuss.
   He redt wol up den Geierssberg
he mäckde den van Nürnberg ehr vögelhuss leer.
   Se schickden em einen baden henna
wor de Eppel van Geillingen wolde liggen de nacht
   Hör lever bader so ick di moth fragen
wat hörste vam Eppele van Geillingen sagen.
   Dat machste wol vor eine warheit yhehen
du heffst en mit dinen ogen gesehen
   Do redt he under dat frouwen doer
dar hengte ein paer rüterstevel vör.
   Doerwechter leve doerwechter myn
wem mögen dit paer rüterstevel syn
   de syn eyns fryen riddersman
de Eppele van Geillingen is he genanth
Eppelein von Geilingen 1852   He nam de stevel up sinen guel
und sloechs dem doerwechter um dat muel
   Sü doerwechter dar heffste din loen
dat segge dinen hern van Nürnberg an.
   De doerwechter was ein behende man
und segts synen hern und der gantzen gemein
   Se schickden twe und ssöventich rüter aengefer
wor de Eppele van Geillingen hen kamen weer.
   Gi söldener yuwe gevangen wil ick nicht syn
sint yuwer twe und ssöventich bin ick men allein.
   Se dreven ehn hindersick up eynen hogen steyn
de Eppele van Geillingen sprinckt in den Meyn.
   Gi Nürnberger söldner synt nicht eerenwerth
juwer neiner hefft kein gudt rüterschpert
   Wo bald he sick uth dem ssadel swanck
und toch dat nige paer stevel an
   Do redt he aver eyn avwe was grön
dar begegnend em eyn koepman dücht sick kön.
   Hör lever koepman nu lath di sagen
wi willen einander um de tasschen slagen
   De koepman was ein behende man
he görde dem Eppele van Geillingen syn tasschen an
   Des koepmans he gantz wol vornam
ein bürin ehm ock up der straten bekam
   De bürinnen he fragde up der stede
wat men vam Eppele van Geillingen seggen dede
   De bürin ehm ein antwert gab
de Eppele van Geillingen weer eyn eyn näckder knäb
   So segge my leve bürin schan,
war hefft di de Eppele van Geillingen gedan
Eppelein von Gailingens Flucht aus Nürnberg, Die Gartenlaube, 1899   De Eppel van Geillingen sick balde bedacht
wo balde he dar ein vür affmacht.
   He nam dat smoldt und mäckd ydt warm
und stöth ehr de hende hevin beth an de arm
   Sü dar so heffste dinen loen
und segge de Eppele van Geillingen hebt dirs gedan.
   He schickde syn Knecht na Farnbach henaff
men scholde em bereden ein gudes mäl.
   Do quam de Eppele van Geillingen in
dho gaff men ehm den kolden win
   De Eppel van Geillingen lügt thom finster henuth
do schoff men em vel wagen vort huss
   Lever werdt do my de dören up
und lath my springen aver uth.
   Do sprank he aver de achte wagen uth
aver den megden gaff he den gevel up
   So licht myn moder am Rin is dodt
darüm moth ick lyden grote nodt.
   Dho toech he uth syn gude rüterschperdt
   Eppele van Geillingen heddest dus nicht gedan
bi dem levende wolden wi di laen
   Den Eppele van Geillingen nemen se an
und bröchten den van Nürnberg den gevangen man.
   Darna förden so en up den ravenstein
man lede ehm den Kop twisschen de Been.

Eppelein-Sprung 2016

Empfohlene, gut erzählte und kompetent illustrierte Fachliteratur: Monisto: Нюрнберг и его легенды. Часть 3. Эппеляйн фон Гайлинген, Монетки на нитке — russisch, daher gern erst durch den Translator gescheucht als: Nürnberg und seine Legenden. Teil 3. Eppelein von Geilingen, Münzen an einer Schnur, 2. April 2017.

Bilder:

Soundtrack: Colin Wilkie & Shirley Hart: Eppelein von Gailingen, aus: Morning, Gatefold Records 1972, und aus britischer Sicht mit abweichender historischer Auffassung:

1.: It was on the road to Nuremberg
a mighty battle I did see,
it took above one hundred men
to bring a fierce knight down.
They fought throughout the afternoon
‚til force of arms it did prevail:
Eppelein von Gailingen
in iron chains was bound.

Chorus: Eppelein,
will not hang in Nuremberg,
will not dance on the gallows tree
nor pay no hangman’s fee.

2.: The soldiers brought him to the town
the Nuremberg judge said: „You must die.“
He laughed at the right scornfully
and this was his reply:
„You may build your gallows high
to the tower above the castle wall,
Eppelein von Gailingen
he will outlive you all.“

3.: The judge he said: „Your death is near,
tomorrow morning you will hang,
a final wish we’ll grant to thee,
before you face the tree.“
„Sit me once upon my horse
that faithfully has carried me,
put the reins into my hands
once more before I die.“

4.: They sat him on his faithful mare
and put the reins into his hands,
he dug the heels into her side,
she answered his command.
One leap, she’s cleared the castle wall,
like the wind raced through the town,
they heard him laugh as he rode away:
„I always shall be free.“

Bonus Track: Die jahrzehntelang unterschätzten Nürnberger Krautrockpioniere
Ihre Kinder: Leere Hände, aus: Leere Hände, Kuckuck Schallplatten 1970:

Written by Wolf

6. August 2021 um 00:01

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