Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Und überall die Bitternis in jedem Kerne

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Update zu Die Mondfrau sang im Boote:

Mit Theben meinte Else Lasker-Schüler nicht die „siebentorige“ Stadt in Böotien, die heute Thiva heißt, sondern die „hunderttorige“ in Oberägypten, die es überhaupt nicht mehr gibt; ihr alter ego ist der dortige Prinz — keine Prinzessin — Jussuf. Ihr gleichnamiges Buch ist 2002 neu aufgelegt. Aus der Druckauflage von 250 Stück hat die Lasker 50 Stück wertsteigernd handkoloriert und nummeriert, wobei das Exemplar 6 als „farbig besonders liebevoll gestaltet und gut erhalten“ der Herausgeberin Ricarda Dick für den Berliner Jüdischen Verlag zur Vorlage diente. Ernsthaft erschwinglich war das farbige Faksimile — 124 Euro für 64 Seiten — von Anfang an nicht, dafür schön luxuriös, transkribiert und mit Nachwort.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923Wir tun mal wieder, was wir können, indem wir das Exemplar 58 — also schon keins der kolorierten Unikate mehr — aus einer Wiedergabe lange vor der dankenswerten Neuausgabe von 2002 zugänglich machen. Die Transkriptionen sind übliche Fassungen, nicht zeichengenau die Fassung aus dem neuem, faszinierenden Ganzen, den der Text-Bild-Zyklus Theben bilden soll — aber sie helfen die eher geringfügigen Unterschiede entziffern.

Lasker-Schülers Originalzeichnungen und -handschriften sind auf gelblichem Telegrammpapier verfertigt, das man seinerzeit bei der Post gratis mitnehmen konnte. Es rückt meine Fotos also umso näher an die ursprüngliche Anmutung, wenn meine Vorlage von 1966 ihrerseits in Ehren vergilbt ist.

Danke an Hank Nagler für die Bereitstellung!

(Übrigens suche ich immer noch, wie Sie aus den Fotos schließen können, ein Hand-Model. Vorzugsweise weiblich, mindestens 18 — damit sich irgendwelche Zustimmungen von Erziehungsberechigten erübrigen — bis um die 40 Jahre, Raum München, und nicht, was Sie jetzt denken. Können auch mal andere Körperteile sein, aber keine, die Sie nicht freiwillig Ihrer Großmutter zeigen würden. Von mir aus kann Ihr „Freund“ oder Ihre Anstandsdame zuschauen oder am besten meine Frau, die war sogar mal in einem Fotografieseminar. Es winken belustigende kontaktarme Zusammentreffen mit schönen Büchern und meiner möglichst wenig herumstörenden Person sowie haufenweise lobende Erswähnungen. Als Model-Honorar geht vielleicht sogar mal ein Seidel Bier auf mich.)

——— Else Lasker-Schüler:

Theben

Gedichte und Lithographien

Querschnitt-Verlag, Frankfurt am Main/Berlin 1923, als 24. Flechtheim-Druck in einer Auflage von 250 Exemplaren,
cit nach: Friedhelm Kemp, Hrsg.: Else Lasker-Schüler: Sämtliche Gedichte.
Einmalige Sonderausgabe: Band 134 der Reihe Die Bücher der Neunzehn, Februar 1966, Kösel-Verlag München,
Seite 263 bis 288:

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Gebet

Ich suche allerlanden eine Stadt,
Die einen Engel vor der Pforte hat.
Ich trage seinen grossen Flügel
Gebrochen schwer am Schulterblatt
Und in der Stirne seinen Stern als Siegel.

Und wandle immer in die Nacht …
Ich habe Liebe in die Welt gebracht –
Dass blau zu blühen jedes Herz vermag,
Und hab ein Leben müde mich gewacht,
In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag.

O Gott, schliess um mich deinen Mantel fest;
Ich weiss, ich bin im Kugelglas der Rest,
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,
Du mich nicht wieder aus der Allmacht läßt
Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Meine Mutter

War sie der große Engel,
Der neben mir ging?

Oder liegt meine Mutter begraben
Unter dem Himmel von Rauch –
Nie blüht es blau über ihrem Tode.

Wenn meine Augen doch hell schienen
Und ihr Licht brächten.

Wäre mein Lächeln nicht versunken im Antlitz,
Ich würde es über ihr Grab hängen.

Aber ich weiß einen Stern,
Auf dem immer Tag ist;
Den will ich über ihre Erde tragen.

Ich werde jetzt immer ganz allein sein
Wie der große Engel,
Der neben mir ging.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Versöhnung

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen …
Wir wollen wachen die Nacht,

In den Sprachen beten,
Die wie Harfen eingeschnitten sind.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht –
So viel Gott strömt über.

Kinder sind unsere Herzen,
Die möchten ruhen müdesüß.

Und unsere Lippen wollen sich küssen,
Was zagst du?

Grenzt nicht mein Herz an deins –
Immer färbt dein Blut meine Wangen rot.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht,
Wenn wir uns herzen, sterben wir nicht.

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Mein Volk

Der Fels wird morsch,
Dem ich entspringe
Und meine Gotteslieder singe…
Jäh stürz ich vom Weg
Und riesele ganz in mir
Fernab, allein über Klagegestein
Dem Meer zu.

Hab mich so abgeströmt
Von meines Blutes
Mostvergorenheit.
Und immer, immer noch der Widerhall
In mir,
Wenn schauerlich gen Ost
Das morsche Felsgebein,
Mein Volk,
Zu Gott schreit!

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Senna Hoy
(Sascha)

Seit du begraben liegst auf dem Hügel
Ist die Erde süß.

Wo ich hingehe nun auf Zehen,
Wandele ich über reine Wege.

O, deines Blutes Rosen
Durchtränken sanft den Tod.

Ich habe keine Furcht mehr
Vor dem Sterben.

Auf deinem Hügel blühe ich schon
Mit den Blumen der Schlingpflanzen.

Deine Lippen haben mich immer gerufen,
Nun weiß mein Name nicht mehr zurück.

Jede Schaufel Erde, die dich barg,
Verschüttete auch mich.

Darum ist immer Nacht an mir
Und Sterne schon in der Dämmerung.

Und ich bin unbegreiflich unseren Freunden
Und ganz fremd geworden.

Aber du stehst am Tor der stillsten Stadt
Und wartest auf mich, du Großengel.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Marie von Nazareth

Träume, säume, Marienmädchen –
Überall löscht der Rosenwind
Die schwarzen Sterne aus.
Wiege im Arme dein Seelchen.

Alle Kinder kommen auf Lämmern
Zottehotte geritten
Gottlingchen sehen

Und die vielen Schimmerblumen
An den Hecken
Und den großen Himmel da
Im kurzen Blaukleide!

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Ein alter Tibetteppich

Deine Seele, die die meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,
Maschentausendabertausendweit.

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küßt dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Ein Lied

Hinter meinen Augen stehen Wasser,
Die muß ich alle weinen.

Immer möcht ich auffliegen,
Mit den Zugvögeln fort;

Buntatmen mit den Winden
In der großen Luft.

O ich bin so traurig – – – –
Das Gesicht im Mond weiß es.

Drum ist viel sammtne Andacht
Und nahender Frühmorgen um mich.

Als an deinem steinernen Herzen
Meine Flügel brachen,

Fielen die Amseln wie Trauerrosen
Hoch vom blauen Gebüsch.

Alles verhaltene Gezwitscher
Will wieder jubeln

Und ich möchte auffliegen
Mit den Zugvögeln fort.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Joseph wird verkauft

Die Winde spielten müde mit den Palmen noch
So dunkel war es schon um Mittag in der Wüste,
Und Joseph sah den Engel nicht, der ihn vom Himmel grüßte
Und weinte, da er für des Vaters Liebe büßte
Und suchte nach dem Cocos seines schattigen Herzens doch.

Der bunte Brüderschwarm zog wieder nach Gottosten
Und er bereute seine schwere Untat schon
Und auf den Sandweg fiel der schnöde Silberlohn.
Die fremden Männer aber ketteten des Jakobs Sohn
Bis ihm die Häute drohten mit dem Eisen zu verrosten.

So oft sprach Jakob inbrünstig zu seinem Herrn,
Sie trugen gleiche Bärte, Schaum von einer Eselin gemolken
Und Joseph glaubte jedesmal sein Vater blicke aus den Wolken
Und eilte über heilige Bergeshöhn, ihm nachzufolgen
Bis er dann ratlos einschlief unter einem Stern.

Die Käufer lauschten dem entrückten Knaben,
Des Vaters Andacht atmete aus seinem Haare;
Und sie entfesselten die edelblütige Ware
Und drängten sich zu tragen, Canaans Prophet in einer Bahre,
Wie die bebürdeten Kameele durch den Sand zu traben.

Egypten glänzte feierlich in goldenen Mantelfarben
Da dieses Jahr die Ernte auf den Salbtag fiel.
Die kleine Karawane, endlich nahte sie dem Ziel.
Sie trugen Joseph in das Haus des Potiphars am Nil.
An seinem Traume hingen aller Deutung Garben.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Gott hör ….

Um meine Augen zieht die Nacht sich
Wie ein Ring zusammen.
Mein Puls verwandelte das Blut in Flammen
Und doch war alles grau und kalt um mich.

O Gott und bei lebendigem Tage,
Träum ich vom Tod.
Im Wasser trink ich ihn und würge ihn im Brot.
Für meine Traurigkeit gibt es kein Maß auf deiner Waage.

Gott hör … In deiner blauen Lieblingsfarbe
Sang ich das Lied von deines Himmels Dach –
Und weckte doch in deinem ewigen Hauche nicht den Tag.
Mein Herz schämt sich vor dir fast seiner tauben Narbe.

Wo ende ich? – 0 Gott!! Denn in die Sterne,
Auch in den Mond sah ich, in alle deiner Früchte Tal.
Der rote Wein wird schon in seiner Beere schal …
Und überall – die Bitternis – in jedem Kerne.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Ich schrieb die Verse dieses Buches und zeichnete die Bilder dazu auf den Stein bei A. Ruckenbrod in Berlin, der das Buch in 250 Exemplaren für die Querschnitt-Verlags Aktiengesellschaft in Frankfurt am Main druckte. Die Zeichnungen der ersten 50 Bücher colorierte ich mit der Hand. Das Buch erscheint als 24. Flechtheim Druck.

Dieses Buch trägt die Nummer
58

Else Lasker-Schüler

Soundtrack: 17 Hippies: Frau von Ungefähr, aus: Ifni, 2004:

Written by Wolf

30. Juli 2021 um 00:01

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