Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Der arme Stephan mit dem gebackenen Kopf

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Update zu Schlachtens und
Dieses unnötige, ja sinnlose Hin und Her:

Schmerzlich vermisst wird eine brauchbare Gesamtausgabe von Wilhelm Hauff. Brauchbar bedeutet: mit dem gesamten Werk — wobei sie nicht einmal historisch-kritisch ausfallen muss, aber als ernstzunehmende Lese-, besser noch Studienausgabe kompetent durchkommentiert. Eben das, was die Bibliothek Deutscher Klassiker und der Winkler-Verlag machen.

Und da nähern wir uns dem Problem: Bei der ersteren fehlt Wilhelm Hauff ganz, bei Winkler hat Sybille von Steinsdorff die bis heute maßgeblichen drei Bände herausgegeben; das war 1970.

Beweisstück A:
Wilhelm Hauff, Winkler-Ausgabe in 3 Bänden

Das Problem wird vollends zum Problem, wenn wir anschauen, was Frau von Steinsdorff da genau herausgegeben hat: vermutlich das Beste, was dem Angedenken Wilhelm Hauffs je widerfahren ist. Der erste der drei Bände bringt alles von Wilhelm Hauff, was einem Roman ähnlich sieht: den großen — und ersten deutschen — historischen Roman Lichtenstein und die längeren Satiren; der dritte Band versammelt die Phantasien im Bremer Ratskeller, die bis auf ganz wenige Highlights nie sehr verbreiteten Gedichte und allerlei Nebenwerke namens Kleine Schriften.

Das Problem liegt im zweiten Band mit den erstaunlich zahlreichen Novellen und — wir haben sie schon vermisst — den Märchen — und innerhalb derselben speziell im Märchen-Almanach auf das Jahr 1827 für Söhne und Töchter gebildeter Stände. Dessen Rahmenerzählung Der Scheik von Alessandria und seine Sklaven umrahmt nämlich nicht nur eigene Märchen von Hauff, sondern zusätzlich:

  1. Gustav Adolf Schöll: Der arme Stephan;
  2. James Morier: Der gebackene Kopf, aus: Adventures of Hajji Baba;
  3. Wilhelm Grimm: Das Fest der Unterirdischen;
  4. Wilhelm Grimm: Schneeweißchen und Rosenrot.

Von Hauffs drei Märchenalmanachen ist dieser mittlere der einzige, für den Hauff vier Beiträge — immerhin 50 Prozent — zugekauft hat. Das ist in Ordnung, denn er firmierte als Herausgeber und durfte das. Nun bemerkt selbst die objektive Wikipedia so treffend wie leise missbilligend: „Diese Beiträge finden sich deshalb nicht in den Gesamtausgaben von Hauffs Werken und in den darauf basierenden Nachdrucken des Almanachs.“

Und damit hat sie schlagend recht. Mit antiquarischen, meist undatierten, aber noch in Fraktur gesetzten Gesamtausgaben von Hauff kann man die Straße pflastern (und wird es demnächst wahrscheinlich auch tun), richtig schwer und kostspielig erreichbar sind allein die drei Bände von Frau von Steinsdorff — selbst noch als Lizenzausgabe beim Deutschen Bücherbund — die aufgeführten vier Märchen bringt bis hinauf zur bis auf weiteres maßgeblichen keine Ausgabe.

Das ist ein Verlust. Man kann argumentieren, dass es nicht Aufgabe einer Hauff-Edition sein kann, Märchen von sonstwem zu veröffentlichen, die Almanache bleiben ohne sie so unvollständig, dass es sehr unliebsam auffällt — vor allem, weil an den Fehlstellen in der Rahmenhandlung regelmäßig steht, was an dieser Stelle kommen sollte — aber nicht kommen kann, weil Schöll, Morier und Grimm nun einmal weder Hauff heißen noch sind.

Schmerzhaft ist das besonders in den Fällen von Schölls armem Stephan und Moriers gebackenem Kopf, die nicht etwa verzichtbare Variationen über irgendwelche anderweitig schon ausreichend ausgewalzte Kindermärchenstoffe sind, sondern ausgesprochen geschickt gebaute Novellen entfernt märchenhaften Inhalts — hochstehende Erfindungen, Musterbeispiele der Erzählkunst, ein Heidenspaß. Hauff hat auch als Herausgeber gut gearbeitet und ganz und gar keinen Schrott akquiriert.

Wieso ich das weiß? — Weil ich zu dem Problem die Lösung in Händen halte. Die Lösung heißt: Wilhelm Hauff: Die Karawane. Märchen. Vollständige Ausgabe, 1. Auflage 2002 im Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin, auf der Grundlage von: Wilhelm Hauff’s Märchen. Vollständige Ausgabe, Insel-Verlag Leipzig 1911, mit 6 Illustrationen von Max Reach und einem Nachwort von Tilman Spreckelsen und unter Unterstützung von Oliver Freiherr von Beaulieu Marconnay, ISBN 3746613582 — ein unspekatuläres Taschenbuch von stattlichen 520 Seiten, verlagsneu für schmale 10 Euro, allerdings seit 2002 schon wieder vergriffen, dafür antiquarisch umso günstiger aufzutreiben (eine Abfrage am 30. Mai 2019 ergab: 9 Cent + 3 Euro Porto).

Beweisstück B:
Wilhelm Hauff, Die Karawane, Aufbau 2002, Doppelseite mit Inhaltsverzeichnis

Eine quasi noch vollständigere Gesamtausgabe von Wilhelm Hauff, als es je gab, erhält man deshalb, wenn man die von Steinsdorffs dreibändige Winkler-Ausgabe oder deren Bücherbund-Lizenz hat — was schwer ist — und deren Lücken durch Die Karawane bei Aufbau schließt — was leicht ist. Dann hat man die meisten Hauff-Märchen doppelt, was ich allerdings für einen weit geringeren Schaden halte als Schöll, Morier und Grimm zu vermissen.

Außerdem kann man vor allem das geniale kalte Herz gar nicht oft genug lesen. Das stammt von 1827 und ist 1828 in einem der Almanache erschienen, die eigentlich in den meisten Ausgaben mit Hauffs Märchen von selbst vollständig erscheinen. Übermäßig viele sind es nämlich von Natur aus nicht. Zur Erinnerung ist Wilhelm Hauff mit zarten 24 Jahren an Typhus verstorben. Ein so umfangreiches, so haltbares, so objektiv handwerklich gelungenes und so nachhaltig im Volksgut verankertes Gesamtwerk muss einer in dem Alter erst mal zustandebringen.

Beweisstück C:
Wilhelm Hauff, Winkler-Ausgabe und Die Karawane

Bilder: eigener Besitz, Mai 2019.

Soundtrack: Leo Leandros: Mustafa, 1960.
Wegen der herbeigezerrten Begegnung mit dem Orient natürlich:

Written by Wolf

26. Juli 2019 um 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

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