Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Schlachtens

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200 Jahre Grimms Märchen.

Liebe Bettine, dieses Buch kehrt abermals bei Ihnen ein, wie eine ausgeflogene Taube die Heimat wieder sucht und sich da friedlich sonnt. Vor fünf und zwanzig Jahren hat es Ihnen Arnim zuerst, grün eingebunden mit goldenem Schnitt, unter die Weihnachtsgeschenke gelegt.

lille.ja, childlike, 14. Mai 2012Ich weiß nichts mehr über Bettina. Bettina kannte ich einst aus dem Internet, aber es gab sie, und wünschen will ich ihr, dass es sie noch gibt. Bettina und ich hatten jeder für sich angefangen, kurze Geschichten und Gedichte, die wir für Literatur hielten, im Internet abzuladen. Zu unserem Abladeplatz musste man von einer Redaktion vorgelassen werden, und man konnte „Lesenswertpunkte“ von all den anderen Schreibern bekommen, dadurch wirkte unser Forum nicht ganz so schrottig wie allfälliger Speicherplatz, der beliebig gute oder schlechte Buchstabenhaufen zuließ. Das war, bevor jeder einen Weblog hatte, aber schon nachdem man sich mit einer Homepage lächerlich machte.

Bettina kommentierte meine Geschichten und Gedichte wohlwollend und geizte nicht mit ihren Lesenswertpunkten, da wollte ich umgekehrt auch nicht so sein und wurde ihr Leser. Einmal schrieb sie mir in einer privaten Botschaft etwas über die Schule. „Wie alt bist du eigentlich?“ fragte ich in einer plötzlichen Ahnung, „siebzehn oder was?“ Bettina schrieb zurücK: „Dreizehn.“

Lesenswertpunkte sind eine körperlose Währung, die für nichts gut ist, die man sich mühsam verdienen muss, für die man nichts bekommt, und die einen deshalb ständig unbefriedigt lässt. Anders gesagt: Lesenswertpunkte machen süchtig. In dieser Zeit kam ich jeden Tag nur schwer vom Internet los und spät ins Bett. Immerhin war meine Frau da noch bereit, mich mit ihren Mitteln ins Bett zu locken. Unsere besten Unterhaltungen führten wir, während wir uns liebten. Auf ihr liegend machte ich mir einen Sport daraus, ihr einen unserer süßen Beschleuniger ins Ohr zu flüstern, damit ihre Stimme, noch während sie Antwort hab, vor Lust brach.

Ich fing an, solcherlei Intimitäten ins Internet zu schreiben, das hagelte Lesenswertpunkte. Bettina fand es lustig und fragte mich in privaten Botschaften nach den Details, die ich öffentlich aus dramaturgischen Erwägungen verschwieg. Bettina war der Teil meines Publikums, der sich zeigte. Meine Geschichten mussten für Minderjährige geeignet bleiben, ich schrieb sie für Bettina zurecht. Meine Frau, deren Stimme mehrmals in der Woche vor Lust brach, wusste davon nichts.

Wir wünschten uns eine Tochter, deshalb vereinbarten wir still, uns möglichst jeden Tag zu lieben. Unser Hunger aufeinander wuchs damals noch jeden Tag frisch nach, es war nur eine leicht zu beantwortende Frage der Organisation, gleichzeitig ins Bett zu kommen und übereinander herzufallen. Meiner Frau überließ ich, mich vom Computer wegzulotsen. Indessen wurde Bettina für mich zu der Tochter, die wir nicht hatten.

Bettina schrieb ihrerseits düstere Geschichten vom Tod — nicht die übliche Pubertätsdüsternis, die sich als Gedicht ausgibt, gerne mit „Gedanken“, „Nacht“, „November“ oder „Novembernachtgedanken“ überschrieben und offenbar mit jeder nachwachsenden Generation neu erfunden wird. An Bettinas Geschichten war etwas anders, sie war richtig gut: Sie jammerte nicht pubertär über ihren Schmerz, sie schrieb über Menschen, die sich weh taten, da kannte sich jemand damit aus. Eine ihrer Figuren lehnte es ab, Kleider mit kurzen Ärmeln zu tragen, um ihre Unterarme zu verbergen. Wer Augen hatte zu sehen, erkannte: Bettina ritzte.

Sie stritt es nicht ab, wich nur direkten Nachfragen aus. Vielmehr handelte ihre folgende Geschichte von einem sechsjährigen Mädchen, das vergnügt und nackt in ihrem Garten herumhüpfte, wonach sie von einem der Familie nahestehenden ältlichen Onkel im Schritt begrapscht wurde. In ihrer übernächsten Geschichte wurde das vermutlich selbe Mädchen hinter dem Geräteschuppen bei grellem Sonnenschein vom selben Onkel aufgefordert, sich nackt auszuziehen, auf einen verrotteten Leiterwagen gesetzt und zwischen kitzelnden Grashalmen und schillernden, auf ihrem Körper herumsurrenden Fleischfliegen entjungfert.

Die Geschichte war gut: gnadenlos knappe, karge Sätze ohne Adjektive, kommentarlose Dialogfetzen, kein Wort zuviel. „Vor sieben Jahren, als du sechs warst“, schrieb ich an Bettina, „da bist du sexuell missbraucht worden, hab ich recht?“ Bettina schrieb zurück: „Glaub mir, ich hab mich mit Pädophilen beschäftigt. Wie sie so drauf sind, wie sie reden, was sie tun, wenn sie nicht gerade ficken. Und ich kann dir sicher sagen: Du bist keiner.“

Das Beruhigende war: Bettina mochte mich. Dennoch schlug mir das Gewissen, mit einer sexuell erfahrenen Dreizehnjährigen so regelmäßig umzugehen wie mit meiner Frau. Ich hatte angefangen, an Bettina zu denken, während wir lustvoll an unserer Tochter arbeiteten. Eines Abends lagen wir gleichzeitig im Bett und fielen nicht übereinander her.

„Was ist?“ fragte meine Frau. Ihr Körper war nackt und einladend. Mein Körper war nackt und verletzlich.

„Ich hab ein Mädchen kennen gelernt. Im Internet.“

Meine Frau nickte ernst und zog sich die Bettdecke über den Schoß.

„Nicht was du denkst.“

„Was denke ich denn?“

„Da ist nichts zwischen uns.“

„Du unterhältst dich fast jeden Abend mit ihr, ja? Bevor du mit mir schläfst.“

„Ja“, sagte ich, um nicht auch noch offen zu lügen.

„Name? Wie alt?“

„Bettina. Dreizehn.“

Sie zuckte fast unmerklich und schwieg.

„Da ist nichts zwischen uns.“

„Hast du schon gesagt.“

„Mit sechs Jahren sexuell missbraucht worden.“

„Ach? Und du bist ihr Retter oder das Jugendamt?“

„Weder noch.“

„Richtig, du bist weder noch. Wie geht das jetzt weiter?“

Ich schwieg.

„Du bist dran. Sprich zu mir.“

Am nächsten Abend traf ich Bettina online. Ich schrieb ihr sofort: „Das wird mir zu heiß. Ich darf nicht mehr mit dir reden. Das geht nicht.“ Bettina schrieb zurück: „Mache ich dich heiß?“ Ich schrieb: „Lass das bitte.“

Ihre Kinder sind groß geworden und bedürfen der Märchen nicht mehr: Sie selbst haben schwerlich Veranlassung sie wieder zu lesen, aber die unversiegbare Jugend Ihres Herzens nimmt doch das Geschenk treuer Freundschaft und Liebe gerne von uns an.

Ich hörte auf, Geschichten und Gedichte in Foren mit pubertierenden Mädchen zu veröffentlichen, und bekam von niemandem mehr Lesenswertpunkte. So bekam ich Zeit und den Kopf frei für meine Frau. Als ich mit ihr schlief, stieß ich ihr bis auf den Grund. Sie kniff die Augen zusammen, riss den Mund auf, kippte den Kopf nach hinten und entließ einen langgezogenen Schrei nach dem anderen. Ich verströmte mich. Sie pumpte mit dem ganzen Becken den letzten Tropfen aus mir.

Danach packte sie mich an beiden Ohren und küsste mich tief in den Schlund. Danach strahlte sie mich mit glühenden Wangen an: „Heute hat’s funktioniert! Ich wette meine wundgerittene Gebärmutter!“

„Bloß nicht“, sagte ich, „die brauchen wir jetzt erst recht.“ Damit rutschte ich tiefer an ihr.

Wie damals, dachte ich, wie vor Bettina.

„Wie war das?“

Meine Frau packte mich erneut an den Ohren, diesmal um sie zwischen ihren Schenkeln zu entfernen.

„Ich hab nix gesagt“, sagte ich und spuckte ein gekräuseltes Haar aus.

„Nein — weil du den Mund voll hattest.“

Ich tat, was ich mir zurechtgelegt hatte, wenn ich Berge vor mir herzuwälzen hatte, und streunte durch Antiquariate. Diesmal trieb ich ein Exemplar des Rollwagenbüchleins auf.

Kann ich eine bessere Zeit wünschen um mit diesen Märchen mich wieder zu beschäftigen?

——— Georg Wickram: Das Rollwagenbüchlein. Ein neüws / vor vnerhörts Büchlein / dariñ vil guter schwenck vnd Historien begriffen werde / so man in schiffen vnd auff den wegen / deßgleichen in scherheuseren vnnd badstuben / zu langweiligen zeiten erzellen mag / die schweren Melancolischen gemüter damit zu ermünderen / vor aller menigklich Jungen vnd Alten sunder allen anstoß zu lesen vnd zu hören / Allen Kauffleüten so die Messen hin vnd wider brauchen / zu einer kurtzweil an tag bracht vnd zusamen gelesen durch
Jörg Wickrammen / Stattschreiber zu Burckhaim / Anno 1555.:
Wie Kinder Schlachtens mit einander gespielt haben, 1555:

I.

lille.ja, childlike, 14. Mai 2012In einer Stadt Franecker genannt, gelegen in Westfriesland, da ist es geschehen, daß junge Kinder, fünf- und sechsjährige, Mägdelein und Knaben mit einander spielten. Und sie ordneten ein Büblein an, das solle der Metzger seyn, ein anderes Büblein, das solle Koch seyn, und ein drittes Büblein, das solle eine Sau seyn. Ein Mägdlein, ordneten sie, solle Köchin seyn, wieder ein anderes, das solle Unterköchin seyn; und die Unterköchin solle in einem Geschirrlein das Blut von der Sau empfahen, daß man Würste könne machen. Der Metzger gerieth nun verabredetermaßen an das Büblein, das die Sau sollte seyn, riß es nieder und schnitt ihm mit einem Messerlein die Gurgel auf, und die Unterköchin empfing das Blut in ihrem Geschirrlein. Ein Rathsherr, der von ungefähr vorübergeht, sieht dies Elend: er nimmt von Stund an den Metzger mit sich und führt ihn in des Obersten Haus, welcher sogleich den ganzen Rath versammeln ließ. Sie saßen all’ über diesen Handel und wußten nicht, wie sie ihm thun sollten, denn sie sahen wohl, daß es kindlicher Weise geschehen war. Einer unter ihnen, ein alter weißer Mann, gab den Rath, der oberste Richter solle einen schönen rothen Apfel in eine Hand nehmen, in die andere einen rheinischen Gulden, solle das Kind zu sich rufen und beide Hände gleich gegen dasselbe ausstrecken: nehme es den Apfel, so soll es ledig erkannt werden, nehme es aber den Gulden, so solle man es tödten. Dem wird gefolgt, das Kind aber ergreift den Apfel lachend, wird also aller Strafe ledig erkannt.

Es war ein Auswahlband aus der Insel-Bücherei, sichtlich uralt, aber zum Frakturdruck passend — und zerfleddert, was mir gerade recht kam. Insel-Bücherei, das war für mich seit einem Artikel in der Titanic vor allem der Erscheinungsort, wo nicht die Erscheinungsform der Briefe an einen jungen Dichter von Rilke. Ansonsten war mir die Reihe immer zu schmal für ihren Preis. Das erinnerte mich an Bettina.

Ich loggte mich ein und schrieb ihr: „Kennst du die?“

„Kenn ich“, schrieb Bettina zurück, „kommen in Sister Act vor. Aber ich mag die Bücherreihe nicht. Zu dünn, zu teuer.“

Manchmal war sie mir unheimlich. „Was liest du denn grade?“

„Grimms Märchen. Ich bin die Gänsemagd, aber sowas von.“

„Die mit dem abgehauenen, an die Wand genagelten Pferdekopf, der sprechen kann?“

„Ja. Der immer das gleiche sagt.“

„Sieht dir ähnlich.“

„Der Pferdekopf?“

„Dass du dir das morbideste ausgesucht hast.“

„Ha, von wegen. Kennst du das mit dem Wacholderbaum?“

„Siehst du, das mein ich.“

„Ich hab gefickt“, schrieb sie unvermittelt.

„War das meine Frage?“

„Nein, das war meine Antwort. Oft. Ich hab jetzt einen Fickfreund. Wir machen es oft.“

Ich notierte mir geistig: Rhetorisch mehr von jungen Mädchen lernen.

„Und jetzt?“ fiel mir nur ein.

„Und jetzt? Bin ich keine Jungfrau mehr.“

„Warst du eigentlich noch nie.“

„Ich bin ein Kind, das weißt du doch.“

„O ja. Alle mir bekannten Kinder halten sich Fickfreunde.“

„Das hat nichts damit zu tun. Wo ich das erste Mal gefickt wurde, da war ich ganz bestimmt noch Kind.“

„Ich wünsch dir Glück mit deinem Freund.“

„Ich hab keinen Freund. Ich hab nur eine Fickbeziehung.“

„Respekt.“

„Sag nicht, was du nicht meinst. Das ist nichts zum Respekthaben. Dafür kommt man in die Hölle.“

„Quatsch Hölle. Wenn’s einvernehmlich ist, ist das höchstens illegal, aber nagel mich da jetzt juristisch nicht fest.“

„Willst du mich auch ficken?“

„Lass das bitte“, schrieb ich.

„Was ist dein Lieblingsmärchen?“ fragte sie dann.

Das kalte Herz.“

„Das ist kein Märchen. Das ist Wilhelm Hauff. Sag eins von den Grimms.“

„Soll ich jetzt Rotkäppchen sagen? Weil ich der Wolf bin und du ein pubertierendes Mädchen?“

„Nur wenn du’s so meinst. Rotkäppchen fänd ich aber billig.“

Allerleirauh, wo der König seine Tochter heiratet. Das Mädchen ohne Hände, das von ihrem Vater verschenkt und wehrlos gemacht wird.“

„Du sollst mich nicht verarschen. In echt jetzt.“

„Okay, Schneewittchen vielleicht. Aber dann wegen dem Zeichentrickfilm. Der erste abendfüllende von Disney, 1937.“

„Auch nicht viel toller als Rotkäppchen. Aber deine Begründung ist cool, wenigstens nicht: wo sie zu siebt über das Mädchen herfallen. Das glaub ich dir eher.“

„Es freut mich, dir zu genügen.“

„Was ist jetzt mit Ficken?“

Ich loggte mich aus.

II.

Kate Esmé, Breaking Childhood, 25. Januar 2011Einstmals hat ein Hausvater ein Schwein geschlachtet, das haben seine Kinder gesehen; als sie nun Nachmittag mit einander spielen wollen, hat das eine Kind zum andern gesagt: „du sollst das Schweinchen und ich der Metzger seyn;“ hat darauf ein bloß Messer genommen, und es seinem Brüderchen in den Hals gestoßen. Die Mutter, welche oben in der Stube saß und ihr jüngstes Kindlein in einem Zuber badete, hörte das Schreien ihres anderen Kindes, lief alsbald hinunter, und als sie sah, was vorgegangen, zog sie das Messer dem Kind aus dem Hals und stieß es im Zorn, dem andern Kind, welches der Metzger gewesen, ins Herz. Darauf lief sie alsbald nach der Stube und wollte sehen, was ihr Kind in dem Badezuber mache, aber es war unterdessen in dem Bad ertrunken; deßwegen dann die Frau so voller Angst ward, daß sie in Verzweifelung gerieth, sich von ihrem Gesinde nicht wollte trösten lassen, sondern sich selbst erhängte. Der Mann kam vom Felde und als er dies alles gesehen, hat er sich so betrübt, daß er kurz darauf gestorben ist.

Meine Frau und ich übten seit langem nicht mehr, eine Tochter zu bekommen. Wir lagen nebeneinander im Bett und lasen.

„Sag mal“, sagte sie.

„O je“, sagte ich.

„Hast du noch was mit deiner missbrauchten Minderjährigen?“

Ich schnaufte tief ein. „Also erstens …“

„Du weißt schon, wen ich meine.“

„Kurze Antwort: Nein.“

„Gut.“

Wir lasen weiter.

——— Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen, nur in der Erstauflage 1812, KHM 22a,
Anmerkungen im Anhang Band 1:

Zum Kinderschlachtspiel. No. 22.

Die erste Recension ist aus einem alten Buche in den Berliner Abendblättern von Kleist (1810. No. 39.) abgedruckt worden. Die zweite befindet sich in Martin Zeilers Miscell. Nürnberg 1661. S. 388. der sie aus J. Wolf lectiones memorabiles. Laving. 1600. fol. genommen. Es wird hinzugesetzt, der Papst, der zur Zeit dieser Geschichte gelebt und ein fertiger Poet gewesen, habe versucht sie in ein Distichon zu bringen, es aber nicht vermocht. Da habe er einen stattlichen Preis darauf gesetzt, den ein armer Student verdienen wollen, dieser habe sich auch lange umsonst gequält, bis er endlich unmuthig die Feder weggeworfen und ausgerufen: „kann ichs nicht, so mags der Teufel machen!“ Dieser sey alsbald erschienen, habe gesagt er wolle es zu Stand bringen, die Feder aufgenommen und geschrieben:

sus, pueri bini, puer unus, nupta, maritus
cultell‘, lympha, fune, dolore cadunt.

Neuerdings hat Werner in seinem Trauerspiel der 24ste Februar die alte Fabel benutzt und damit die Macht menschlicher Poesie gegen den Teufel bewährt.

Wir lagen nebeneinander im Bett und lasen. Meine Frau las unaufmerksam, ihr Blick flackerte zwischen ihrer Buchseite und mir hin und her.

„Na?“ sagte ich.

„Das mit dir und der Minderjährigen wird aufhören. Du bist nicht das Jugendamt.“

„Und nicht ihr Retter.“

„Eben.“

Am nächsten Tag schrieb ich die Geschichte dialogisch zusammen, veröffentlichte sie und erntete am übernächsten Tag die Lesenswertpunkteration des Jahres. Mein Plan ging auf: Bettina schrieb mir.

——— Ebenda, Anmerkungen im Anhang Band 2:

Num. 22. (Kinderschlachtspiel.) Kinder lockt die Rundheit und lachende Röthe der Aepfel vor allen Dingen. Man vgl. das schott. Lied von der Judentochter; auch Fürterer im Lanzilet Nr. 49. „als kinden tut gezemen, den man peut ein Apfel rot, lassen das gold in aus den henden nemen.“ Und im Schwank vom Häselin 54. 55. „ein kint den Apfel minnet und neme ein ei für des riches lant.“ Also versucht der Apfel im Paradis die ersten Menschenkinder. – Den latein. Vers geben die nugae venales p. 97. so:

hircus cum pueris, puer unus, sponsa, maritus, etc.

„Hi“, schrieb Bettina.

„Hi“, schrieb ich, „geht’s dir gut?“

„Ich hab jetzt einen Freund. Einen richtigen.“

„Das freut mich zu hören.“

„Ja. Das freut dich. Ich glaub dir.“

„Warum liegt dir daran so viel? Ist doch alles virtuell hier. Ich kann dich anlügen, dass sich dein Bildschirm wellt, und wer sagt mir eigentlich, dass es dich überhaupt gibt? Märchen magst du sowieso.“

„Weil Märchen wahr sind. Vor allem die auf den Bäumen gewachsenen von den Grimms.“

„Wie schön du das wieder gesagt hast. ich hab übrigens ein neues Lieblingsmärchen. Aus dem Rollwagenbüchlein, später bei den Grimms.“

„Du meinst das von den Kindern, die Schlachten spielen.“

„Schlachtens.“

„Ja, das. Nach der ersten Auflage rausgeflogen.“

„Ach du. Manchmal schaffst du mich.“

Darum geht innerlich durch diese Dichtungen jene Reinheit, um derentwillen uns Kinder so wunderbar und selig erscheinen: sie haben gleichsam dieselben blaulichweißen makellosen glänzenden Augen, die nicht mehr wachsen können, während die andern Glieder noch zart, schwach und zum Dienste der Erde ungeschickt sind. Das ist der Grund, warum wir durch unsere Sammlung nicht bloß der Geschichte der Poesie und Mythologie einen Dienst erweisen wollten, sondern es zugleich Absicht war, daß die Poesie selbst, die darin lebendig ist, wirke und erfreue, wen sie erfreuen kann, also auch, daß es als ein Erziehungsbuch diene. Wir suchen für ein solches nicht jene Reinheit, die durch ein ängstliches Ausscheiden dessen, was Bezug auf gewisse Zustände und Verhältnisse hat, wie sie täglich vorkommen und auf keine Weise verloren bleiben können, erlangt wird, und wobei man zugleich in der Täuschung ist, daß was in einem gedruckten Buche ausführbar, es auch im wirklichen Leben sei. Wir suchen die Reinheit in der Wahrheit einer geraden nichts Unrechtes im Rückhalt bergenden Erzählung. Dabei haben wir jeden für das Kinderalter nicht passenden Ausdruck in dieser neuen Auflage sorgfältig gelöscht.

Bettina schrieb zurück: „Ich hätt das Geld genommen.“

Daniella Alvarez, The Lost Girl, 29. April 2012

Teddybilder: Julie de Waroquier: Reality Won’t Let Me Dream, 13. August 2010;
Lille Ja: Childlike, 14. Mai 2012;
Kate Esmé: Breaking Childhood, 25. Januar 2011,
Daniella Alvarez: The Lost Girl, 29. April 2012.

Kleingedrucktes aus der Vorrede zum 1. Band der 7. Auflage 1857, Seite 5 ff.

Soundtrack: Tom Waits: I Don’t Wanna Grow Up, aus: Bone Machine, Island Records 1992.

Written by Wolf

20. Dezember 2012 um 00:01

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