Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Wunderblatt 1: Vorläufige zurüstende Theorie und Praxis der Kalanchoe pinnata

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——— Goethe: Mit einem Blatt Bryophyllum calycinum
an Marianne von Willemer, 12. November 1826:

Was erst still gekeimt in Sachsen,
     Soll am Maine freudig wachsen.
Flach auf guten Grund gelegt,
     Merke wie es Wurzeln schlägt!
Dann der Pflanzen frische Menge
     Steigt in lustigem Gedränge.
Mäßig warm und mäßig feucht
     Ist, was ihnen heilsam deucht.
Wenn du’s gut mit ihnen meinst,
     Blühen sie dir wohl dereinst.

Wenn einer noch nicht so recht in Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt eingestiegen ist, wäre jetzt eine günstige Gelegenheit. Zum anstehenden zweiten Jahrestag der Unternehmung, zugleich 265. Goethe-Geburtstag, will ich praxisbezogener und persönlicher werden. Es heißt ja „Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie“, dabei war mein Leben umgekehrt immer eine angewandte Poesie des Hätt-ich-Doch.

Weil man ja, wie früher erkannt, nie bereut, was man getan, sondern was man unterlassen hat, will ich eine Kalanchoe pinnata auf ihrem Lebensweg begleiten. Das ist diejenige der über 25 Bryophyllum-Arten aus der Familie der Crassulaceae (das sind: die Dickblattgewächse), die Goethe, Bryophyllum-Züchter ab 1818, als pantheistische Pflanze eingestuft hat — warum, dazu kommen wir noch zur Genüge.

Bryophyllum calycinum im Botanical Magazin Band 34, Tafel 1409, 1811Goethe kannte dieses einnehmende Gewächs noch als Bryophyllum calycinum; die Systematik hat sich im Laufe der Jahrhunderte so oft umgeschichtet, dass heute nicht einmal die wissenschaftliche Bezeichnung vollends geklärt ist. Eindeutig konnte ich anhand Beschreibungen und Abbildungen klären, dass Goethe die Pflanze gemeint hat, die heute am gängigsten Kalanchoe pinnata heißt. Andere wissenschaftliche Namen sind Bryophyllum pinnatum, Cotyledon pinnata, Crassula pinnata und Sedum madagascaricum.

Deutsch heißt die Kalanchoe pinnata, die sich leicht mit ihrer spitzerblättrigen Schwester daigremontiana verwechselt, aus dem erwähnten pantheistischen Grund Goethepflanze, aber nicht oft. Häufiger findet man: Brutblatt — wegen ihrer Fortpflanzungsart „flach auf guten Grund gelegt“ — oder spiritueller: Heiliges Blatt; oder Schwiegermutterpflanze, warum auch immer. Der Heilpflanzenkatalog Olitätenhof Lichtenhain weiß sogar:

Aufgrund des hohen Verbreitungsgebietes der Goethepflanze, ist die Liste der volkstümlichen Bezeichnungen enorm. Sie dürfte bei über 100 Bezeichnungen liegen. Dazu gehören so ausgefallene Bezeichnungen wie Coirama oder Hoja de Aire, im englischen würde man letztere Bezeichnung als Air Plant übersetzen und genau diese Bezeichnung findet man auch im englischen Sprachraum [und laut Factsheet der Weeds of Australia als weitere common names: Canterbury bells, cathedral bells, curtain plant, floppers, good luck leaf, green mother of millions, leaf of life, life plant, live leaf, live leaf plant, live plant, live-leaf, Mexican love plant, Mexican loveplant, miracle leaf, resurrection plant, sprouting leaf]. In Deutschland nennt man sie dementsprechend Luftpflanze, was nur eine von mehreren Bezeichnungen darstellt. Weitere wären Brutblatt, Keimzumpe, Lebenszweig, Kindlipflanze (Kindl nennt man die sich am Blattrand bildenden Jungpflanzen) oder auch Goethepflanze.

Für unsere Zwecke will ich das ebenfalls oft anzutreffende Wunderblatt verwenden. So weit die genügend verwirrende Theorie.

In Gärtnereien und Blumenläden ist Kalanchoe pinnata praktisch nicht aufzutreiben, weil sie dort als hartnäckiges Unkraut gilt; an Kalanchoen hat sich im Handel überhaupt nur die kräftigbunte blossfeldiana als „Flammendes Käthchen“ durchgesetzt. Gut so: Das bedeutet, dass pinnata in ihren Ansprüchen keine besondere Zicke sein kann und weitgehend von selbst wachsen wird.

Meine Sorge für das Wunderblatt soll also in einem sonnigen bis absonnigen Standort und mäßigem Gießen bestehen. Auf keinen Fall Staunässe, weil das Wunderblatt sukkulent lebt. Das krieg ich hin.

Mehrjährig bis ausdauernd ist es, aber nicht winterhart. Nächster Pluspunkt: Ich hätte mir auch nützliche und nahrhafte Tomaten ziehen können, wenn nur die Sträucher nicht einjährig wären und sterben, kaum dass man Freundschaft mit ihnen geschlossen hat: Wenn ich mir den Tod ins Haus holen will, züchte ich Schwarzschimmel (Aspergillus niger). Überwintern kann pinnata gern auf meinem Schreibtisch, im Sommer gedenke ich ihm Auslauf auf dem Fensterbrett im Hinterhof zu gönnen, das wird schön.

Vor allem gedenke ich das Wunderblatt zu zeichnen, möglichst täglich und in verschiedenen Techniken. Die Leute schenken mir gern so tolles Zeichenzeug (jawohl: Zeug — weil ich nichts im Haus haben will, das „Utensilien“ heißt, da bin ich Zicke), das schließlich benutzt sein will. Vorrätig sind zwei verschiedene grüne Tinten: Smaragd und Mädesüß, das geht auch für ein Dickblattgewächs, und einige schwarze, Graphit, Rötel, Bister, Sepia und allerlei Federn, darunter Gans, Rabe und Glas — und eingerichtet ist ein Platz auf dem Schreibtisch mit einem eigens erworbenen Papierklotz aus 900 (in Worten: neunhundert) Blättern aus dem schwedischen Hause Munken Works im deutschen Steidl Verlag. Munken residiert bei Göteborg, was ich sehr sinnig finde, und die Hundertschaften an schmeichelstreichelrauem Papier sehr einladend. Hei, das gibt einen großen Haufen Wunderblätter.

Wir schauen den Papierklotz schon auf dem Bilde unten. Das gleicht dem Versuch, einen Mamablog einzurichten, während die künftigen Eltern sich gerade im Internet kennenlernen, aber es soll weder neun Monate dauern, bis ich auf Ebay eine ausgewiesene pinnata erbeute, noch muss meine Frau auf meine Models eifersüchtig sein. Es gibt noch andere Sachen zu zeichnen als nackige Frauen, gerade pinnata mit ihren Einzelteilen, Wuchsformen und Entwicklungsstadien sollte jemandem, der Zeichnen vor allem als Schule der Wahrnehmung begreift, eine Fülle von Zeichenmotiven bieten, und die botanischen Zeichnungen von vor der Goethezeit bis zur Gegenwart sind eigentlich immer wunderschön. Auch daher: „Wunderblatt“.

Eine so genannte Weblogkategorie hat es auch schon, das Blatt. Überhaupt trägt ein sotanes Projekt ein optimistisches, lebensbejahendes Element in einen Weblog, der nach Weheklagen und Höllenfahrten heißt, sich aber von Anfang an eher der heiteren Erkenntnis verpflichtet sah und selbst mir schon lange zu defätistisch klingt.

Ein Unkraut großziehen, das kann doch nicht so schwer sein.

Einen Namen wird es brauchen und einen angeglichenen Reim statt dessen mit „Sachsen“ und „am Maine“. Ich liebäugele mit „Arthur“ oder „Margot“, je nachdem, was es wird. Hat jemand andere Vorschläge? Kommentiert fleißig!

Schreibtisch mit Goethe und Munken Works

Bilder: Kolorierter Kupferstich von Bryophyllum calycinum
in Curtis’s Botanical Magazine Band 34, Tafel 1409, London 1811;
Schreibtisch mit Goethe und Munken Works, selber gemacht und gemeinfrei.

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Written by Wolf

11. August 2014 um 14:38

Veröffentlicht in Grünzeug & Wunderblätter, Klassik

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