Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Ui. (Shut Up’N Play Yer Guitar)

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Update zu Dass ich ihm doch das Leben schenken möchte,
weil die Magie noch in den Menschen lebt:

Mithin, sagte ich ein wenig zerstreut, müßten wir wieder von dem Baum der Erkenntniß essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen?

Allerdings, antwortete er; das ist das letzte Capitel von der Geschichte der Welt.

Heinrich von Kleist: Über das Marionettentheater, 1810, Schluss.

Wissen ist keine Schande. Es nützt halt nur nichts.

Sven Regener, 2009.

Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun.

Kaiser Wilhelm II.

It’s fucking great to be alive.

Frank Zappa, 1940–1993.

Vielleicht hat schon einmal jemand das Radfahren verlernt. Aber niemand kann vor sich selbst so tun, als wüsste er nicht, von Fällen der Demenz abgesehen, dass er es einst konnte. Die Unschuld ist weg.

Es war eine Zeit, als die Jungs Gitarre lernten, um unbeholfene Orgienversuche mit House of the Rising Sun zu untermalen: a / C / D / F // a / C / E7. Die Schwierigkeit war das F, vor dem Barré hatte jeder einen Heidenrespekt. So lange, bis er ihn zum ersten Mal raushatte. Zehn Sekunden danach schüttelten sie die Köpfe über ihre einstige Angst, so wie über ihre Kindheit, als sie allen Ernstes glaubten, im Radio wohne ein kleinwüchsiges Symphonieorchester.

Meine eigene Not hatte ich im gedankenschnellen Umrechnen von Flageoletten, dafür kriegte ich bald spitz, was Powerakkorde sind, und grinste deshalb milde über Barrés. Was mir niemand sagte: dass man mit Gitarrespielen Mädchen beeindrucken kann, ich war immer nur auf „ein Bier für die Musik!“ aus. Das verschaffte mir einen unschlagbaren Sympathievorsprung, weil ich’s nicht drauf anlegte, und bei der gleichzeitig anhaltenden Arbeit mit Kopf und beiden Händen wurde man sowieso bis in den nächsten Vormittag hinein nie besoffen.

Als ich nach meiner Lagerfeuerkarriere erfuhr, dass ich statt den Freigetränken die Mädchen hätte haben können, war meine Jugend verspielt. Aber ich konnte nie wieder so tun, als ob ich nicht wüsste, was ich verpasst hatte.

Gitarrespielen ist wie Weihnachten: Es hilft nichts, das Ritual einzuhalten — du musst es gerne tun.

Gitarrespielen, um Mädchen zu gefallen, ist wie Weihnachten seine Eltern zu besuchen: Es hilft nichts, das Ritual einzuhalten — du kannst nur Fehler machen.

Gitarrespielen mit diesem Wissen ist wie die Erinnerung an Weihnachten in der Kindheit: Es hilft nichts, das Ritual einzuhalten — Kind warst du nur einmal.

Als ich mit Gitarre anfing, nahm ich mir vor aufzuhören, sobald ich den Karten Dippler Blues von Peter Horton oder Make Me a Pallet on Your Floor von Mississippi John Hurt konnte, je nachdem, was zuerst kam. Ein paar trainierte Wochen lang konnte ich sogar Tears in Heaven, aber das war sogar mir selber egal. Ich verstieg mich dazu, meine Bob-Dylan-Lieder selbst zu schreiben, und trieb es zu so viel Perfektion, dass kein Mensch mehr den Dylan heraushörte. Die von Mädchen und bezahltem Bier Trunkenen, denen ich meine Lieder stolz herzeigte, fanden es schade um die Zeit: Entweder war es Mist, dann gab es keine Entschuldigung, oder es war gut, dann wäre ja alles andere auch noch schöner.

Mädchen beeindrucken heißt eine Sache um ihrer selbst willen tun — genau das muss Kaiser Wilhelm gemeint haben — und Gitarrespielen zur Unzeit — nach 22 Uhr oder über 22 Lebensjahren — ist wie karfreitags Weihnachten feiern, und Schluss ist mit Sympathievorschuss. Deshalb bedeutet einen Teil seines Lebens nicht ausgelebt zu haben Depression und liegt erschütternd nahe am Tod.

Gitarrespielen ist wie Weihnachten: Es hilft nichts, Fehler zu machen — du musst das Ritual einhalten. Und du kriegst nie ein Zauberpony, sondern immer einen Rollkragenpullover.

Gitarrespielen ist wie Weihnachten: unter Zwang ein Ärgernis, um seiner selbst willen dann doch zu selten. Der Sympathievorsprung ist kein Licht mehr, das man erwarten darf, wenn man den Lichtschalter bedient, sondern eine Kerze, die dir freundlicherweise hingestellt wird.

Wenn ein wohlwollendes Mädchen die Kerze bringt, hast du das größte Glück, das dir noch widerfahren kann. Sie ist eine in Jeans und Karohemd, die früher als schwiegermuttertauglich durchgegangen wäre. Und sie ist dir zugetan genug, um die Kerze über eine kurze nachtfinstere Strecke herbeizutragen. Barfuß tapst sie Schritt für Schritt heran, um auf keine Tannenzapfen zu treten, und schützt die Flamme mit der Hand vor dem sachten Wind. Das Kerzenlicht bewegt Schatten auf ihrem ernsten Gesicht. Das tut sie, um dich nicht beim Gitarreklimpern zu unterbrechen.

Wenn sie nichts Dringlicheres zu tun hat, setzt sie sich neben dich, um ein Weilchen zuzuhören. Hemdsärmel und Hosenbein an deine zu lehnen ist okay, das verbindet. Sie stellt die Kerze so zwischen euch, dass du in deinem Leitz-Ordner lesen kannst, und stützt Kinn und Wange in die Hand. Sie behält ihr ernstes Gesicht, lauscht und schweigt.

Wenn ein Lied zu Ende ist, stellt sie eine anteilnehmende Frage. Deiner Antwort hört sie geduldig zu und fragt nach. Sie lacht an der richtigen Stelle. Wenn du ihr eine Frage zurückreichst, gibt sie bereitwillig Auskunft. Ihre Haare kitzeln dich von schräg hinten am Ohr. Wie war es nur möglich zu vergessen, wie ein Mädchen nach dem Wald und nach Sommerwind riecht, wie lebendig ihr Wangenflaum im Gegenlicht aussieht, und wie schön es klingt, wenn man eine Zeitlang einträchtig die Klappe hält? Und wenn das Leben ein Sinn hätte, wäre es dann, einem hübschen Mädchen zuzuhören und ihr einvernehmlich was zu erzählen? Dem interessierten Blick ihrer glänzenden Augen standzuhalten, ihr Feuer für eine ihrer seltenen Zigaretten zu geben? — Nein. Erst, wenn sie eine Mundharmonika in der Hemdtasche hat. Dann versucht ihr mitsammen einen echten, dreckigen, kohlrabenschwarzen Delta-Blues, bis er in eurem eigenen Losprusten erstickt, denn das ist wie Weihnachten: Du kannst es nicht einfach bleiben lassen.

Ihr Lächeln wärmt mehr als die Kerze, und es ist echt. Wenn du dann etwas spielst, das ihr früher einmal gefallen hat, fühlst du sie an deiner Seite leise mitwiegen.

Einmal legt sie im Licht eurer Kerze den Finger auf eine Stelle im Text und sagt:

„Ui.“

Aber der Wind verheißt schon den Winter, die Kerze flackert bedenklich, und wenn sie wieder in die Wärme geht, ihre Kerze wieder einkassiert, darfst du sie nicht zurückhalten.

Was das war? Kein Verdienst, sondern eine Gnade.

Und besonders das ist wie Weihnachten: Dass es gerade das letzte Mal war, willst du gar nicht vorher wissen.

_camomilka_, Sometimes I wonder if I'm still like that girl in the past. I want to smile like that again, Sommer 2011, Instagram 1. Februar 2018

Buidl: K.: Sometimes I wonder if I’m still like that girl in the past (I want to smile like that again),
Sommer 2011/1. Februar 2018. Ich hab noch nie ein so glückliches Mädchen gesehen.

Soundtrack: Mississippi John Hurt: Make Me a Pallet on Your Floor, ca. 1928:

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Written by Wolf

19. Juli 2019 um 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Schall & Getöse

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