Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Krabbelröschen

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Update zu Dein pöschelochter roter mund
Spitz wie Wetzlarer Karotte
und Die Litaneien des Körpers:

Die Liebe war jung.

Und sie war eine Fernbeziehung. Als erstes ist mir beim Herumstrolchen in der neuen, fremden Stadt der Karton mit vergilbten Taschenbüchern aufgefallen: auf dem Fensterbrett eines Antiquitätenladens in der Ludwigstraße, unweit des Geburtshauses von Sissi, mit dem Schild: „Jedes Buch 1 DM“.

Als zweites ist mir in dem Karton Dein Leib ist mein Gedicht mit dem nicht unraffinierten Cover aufgefallen, als drittes in dem Buch das lockere Layout der fünf Seiten O Rösi du Nuß von Kurt Marti. Allein dafür hätte man die 1 DM bezahlt.

Als viertes — dann schon zu Hause mit meinem ersten in der neuen, fremden Stadt erstandenen Buch — ist mir aufgefallen, dass Kurt Marti für einen Schweizer Geistlichen des Jahrgangs 1921 eine ganz schön offenherzige Sexualität pflegt, und das so halböffentlich in obskuren Erotik-Anthologien; als fünftes: und zwar sehr wahrscheinlich mit der namentlich, nur leider nicht bildlich bekannten Johanna „Hanni“ Marti-Morgenthaler, die er 1950 geheiratet hatte und die auch 1970 noch, als er 49 war, als unmittelbares Vorbild für seine lyrische „Rösi“ gelten darf. Hochwürden Martis „Zyklus zärtlicher Albernheiten“ über das Zusammensein mit seiner bewunderten Gespielin erzählt in — sinnigerweise — wechselnden Rhythmen von unverbrauchter Liebe, ja richtiggehend frischer Verliebtheit, und sehr explizit, aber ohne pornographisch zu werden, von fröhlichem Sex. In seinem beneidenswerten Übermut hat es das Zeug zu einem Lieblingsgedicht, für das man sich — keine Selbstverständlichkeit bei erotischen Themen — nicht schämen muss. Hanni starb 2007.

Als sechstes: Kurt Marti ist 2017 gestorben, als ich 49 war. Die Liebe, wie man aus Martis Spätwerk weiß, war jung.

Als siebtes, was ich nicht gerne sage, hab ich über Dein Leib ist mein Gedicht den ehemals gleichfalls Schweizer, nämlich Züricher Haffmans Verlag bei einem Konzeptklau erwischt — aber 7a) nicht sicher und 7b) wenn doch, dann 7c) bei einem lässlichen und 7d) bei einem von sich selbst, denn wer wäre ich 7d) denn, dem verdienstreichen Haffmans Verlag, Gott hab ihn selig, Sachen zu unterstellen. Sachen wie:

Dein Leib ist mein Gedicht wurde 1970 von Heinz Ludwig Arnold herausgegeben. Als Motto für seine Deutsche erotische Lyrik aus fünf Jahrhunderten benutzt er eine Stelle von Günter Grass: den Schlussvers von März aus: Ausgefragt, Luchterhand 1967:

Ich hab genug. Komm. Zieh dich aus.

Komm. Zieh dich aus. heißt wiederum das Handbuch der lyrischen Hocherotik deutscher Zunge, mehrere Zeitenwenden später, nämlich 1991 bei Haffmans herausgegeben von — Überraschung — Heinz Ludwig Arnold. 1986 war vom selben Verlag schon Die klassische Sau. Das Handbuch der literarischen Hocherotik mit gleicher Thematik und in ähnlicher Aufmachung veranstaltet worden, nur eben mit säuischen Stellen in Prosa und herausgegeben von Hermann Kinder — die etliche Nachfolgerinnen hat, die direkten herausgegeben von „Eva Zutzel“ und „Adam Zausel“, die indirekten gerne ganz unabhängig von der Muttersau in anderen Verlagen. Aktuell von 2016 ist Die literarische Sau. Ein Aufkärungsbuch der Hocherotik beim Nachfolgeverlag Haffmans & Tolkemitt, herausgegeben von „Viktor & Viktoria“, und überhaupt hat sich das Konzept seit 1986 als recht tragfähig erwiesen. Meine persönlich empfohlenes Derivat ist das bibliophil gehaltene Liederlich! Die lüsterne Lyrik der Deutschen, bei Eichborn Berlin 2008 herausgegeben von Steffen Jacobs.

Garden of Venus, O., 30. Mai 2014

Inzwischen sind die klassische Sau und ihre Ferkel in die Erbmassen gealterter Bibliothekenbesitzer übergegangen und müssen von den Kindern, die unter ihrer Inspiration entstanden sind, an die Antiquariate des deutschen Sprachraums verscherbelt werden. Dort tauchen derzeit überraschend viele Exemplare auf. Nachdem die Bibliothekenbesitzer nie mit der erfreulichen Vollständigkeit ihrer klassischen Sau, neuen klassischen Sau und allerneuesten klassischen Sau plus Komm. Zieh dich aus hausieren gegangen sind, sie vielmehr in der zweiten Regalreihe verborgen haben, erhellt erst jetzt, was das für ein Verkaufserfolg für den alten Haffmans Verlag gewesen sein muss.

Ich war 1986 ff. nicht so verklemmt und hab mir von einer sehr lieben Freundin dankbar das Original zum Geschenk machen lassen, das von ihr ganz bestimmt nicht anzüglich gemeint war. Das Staunen darüber, dass ein Original ein übergeordnetes Original mit einem so schönen Namen wie Dein Leib ist mein Gedicht haben kann, hat sich selbst erst für heute aufgehoben, wo man aus dem Alter schon wieder raus ist.

Als achtes ist mir aufgefallen, dass sich auf „Krabbelröschen“ etwas Sinnvolles reimt. — Ab hier bis runter zu den Soundtracks: NSFW.

A Wolfe's Love, The screaming orgasm is the ultimate reassurance, Wolfe Sole Productions, 11. November 2015

——— Kurt Marti:

O Rösi du Nuß

Zyklus zärtlicher Albernheiten

Erstveröffentlichung: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Dein Leib ist mein Gedicht. Deutsche erotische Lyrik aus fünf Jahrhunderten, Ullstein 1970, Seite 161–163:

1
rösi
du
nuß
du
fee
du
feenuß
seit
je

2
o
rösi
du
eros
ion
meiner
ruh
du

3
rösi
wie
bohrst du
uns doch
in den zahn
dieser zeit
manch zeitloses
loch

4
blühst
im zehrosenteich
palamür
rösi
als schönste
zehrose
mir

5
rösi
du rilke-fan
rilkest doch viel zu schön
um immerzu brav
und allein
niemandes schlaf
unter so viel lidern
zu sein

6
mir wässert
o rösi
der mund
nach deinen
rund
hundert
rosigen
pfund

7
rösi
o spass
du wendig
und schnappenden munds
bis dass
wir vierhändig
spielen
mit uns

8
o rösi
wie rund
dein körper
mir aalt
damit
mein mund
ihn zärtlich
bemalt

9
AUU
ich bin
doch kein
schnitzel
rösi
zügle
die zähne
ein bitzel

10
welch ein gebimmel
o rösi
wenn du
dich selbst
lustig
als himmel
über mich
wölbst

11
küsse
die küssen begegnend
in deinem gesicht sich verloren
o rösi
wie schlägst du
die schenkel mir segnend
und weich um die ohren

12
im
ekstasen
fieber
wie süss
die rösigen
nasen
stüber
des knies

13
überstrahlst
die gewohnte
prosa
der triebe
o rösi
du monte
rosa
der liebe

14
hätte
nur jeder
ein krabbelröschen
wie dich
mit lustigem
zappelmöschen
bei sich —
ich glaube die leute
wären besser als heute

15
wer
o rösi
beschriebe
die wohllust
des wolllauts
der liebe?

16
ganz
von dir
durchdut
rösi
ruht
sich
gut

17
ach
wie weisst du
zärtlich durchtrieben
mit binnenmuskeln
den muskel der liebe
für und für
zu lieben
in dir

18
mit deinem
körper fühlen
zu können
rösi
ach wunderbare
das wäre
erst die wahre
liebe zu nennen

19
o rösi
wie hat mir
liebe sublim
ihr sehr schönes bein
gestellt —
die härchen an ihm
sind fein
die feinsten
der welt

20
komm
wir zwei
wir gründen
eine partei
deren parole
programmt:
WERDET MITEINANDER
ZÄRTLICH
WIE SAMT

21
stolzer
als ein monarch
wache ich
rösi
über dein
sanftes
geschnarch

22
leuchtender noch
trat der vollmond
herfür
rösi
ach träumte ich doch
deine träume
mit dir

23
so traut da
umbeint
wenn atem
und schlaf
uns hautnah
vereint

24
morgenstund
hat
blond
im mund

25
o rösi
wie zappelst
du bäuchlings
und streckst
mir den po
damit
ich dich so

26
ein tag
mit liebesakt
begonnen
ist
rösi
schon so gut
wie ganz gewonnen

Let Me Do This to You

Bilder:

  1. Garden of Venus: O., 30. Mai 2014;
  2. A Wolfe’s Love: The screaming orgasm is the ultimate reassurance,
    Wolfe Sole Productions, 11. November 2015;
  3. Let Me Do This to You;
  4. Luci Marti: Algazara, 26. Mai 2015.

Lucy Marti, Algazara, 26. Mai 2015

Soundtrack: The Kinks: Strangers, aus: Lola Versus Powerman and the Moneygoround, Part One, 1970,
mit Bildern aus Wes Anderson: The Royal Tenenbaums, 2001:

Strangers on this road we are on:
We are not two, we are one.

Bonus Track: dasselbe nochmal als anrührend verliebtes, häusliches Live-Cover
von Christina Bowers und Henry Toland, 6. Dezember 2015. Man beachte den Hund:

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Written by Wolf

28. September 2017 um 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

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