Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Trauervokal

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Update zu Die katholische Zeit hat solche Geschmacklosigkeiten nicht gekannt:

Effi aber, während sie die Tüte mitten auf die rasch zusammengeraffte Tischdecke legte, sagte: „Nun fassen wir alle vier an, jeder an einem Zipfel und singen was Trauriges.“

„Ja, das sagst Du wohl, Effi. Aber was sollen wir denn singen?“

„Irgend ‚was; es ist ganz gleich, es muß nur einen Reim auf ‚u‚ haben; ‚u‚ ist immer Trauervokal. Also singen wir:

Flut, Flut
Mach‘ alles wieder gut …“

und während Effi diese Litanei feierlich anstimmte, setzten sich alle vier auf den Steg hin in Bewegung, stiegen in das dort angekettelte Boot und ließen von diesem aus die mit einem Kiesel beschwerte Tüte langsam in den Teich niedergleiten.

Theodor Fontane († 20. September 1898): Effi Briest, Berlin W, F. Fontane & Co. 1896.

——— Robert Gernhardt:

Lektor Lincke an Theodor Fontane

aus: Schreiben, die bleiben. Höhepunkte abendländischer Briefkultur,
in: Wörtersee. IV: Spaßmacher und Ernstmacher, 1981:

Sehr geehrter Herr von Tame,
war das nicht Ihr werter Name?
Vor mir liegt Ihr Buchvorschlag,
welcher — doch der Reihe nach.
Erstens ist er nicht zu brauchen —
eine Frage: Darf ich rauchen,
während ich hier weitermache?
Dankeschön. Doch nun zur Sache:
Das Manuskript, das Sie geschickt,
war in der Mitte eingeknickt,
sowie in Worten abgefaßt,
was nicht zu unserm Hause paßt.
Auch störten mich die vielen Us
in Ihrem Satz „Ulf ging zu Fuß.“
Ach ja — und Ihre Fragezeichen,
die sollten Sie wohl alle streichen.
Sie wirken derart krumm und rund,
so schlangenhaft und ungesund,
daß ich mich dauernd frage: Was
bezweckt, bewirkt und soll denn das?
Sodann Ihr Stil! Schon wenn man liest,
daß Ihre Heldin Effi briest,
ist Ihre Ignoranz erwiesen:
Die deutsche Sprache kennt kein „briesen“.
Doch nun was andres: Unser Haus
bringt grade eine Reihe raus,
die sich „So brummt der Deutsche“ nennt —
ich bin ganz sicher, so was könnt‘
durchaus in Ihre Richtung passen.
Woll’n Sie sich mal was einfall’n lassen?

in Erwartung Ihrer geschätzten Antwort ver-
bleibe ich
Mit frohem Gruß
Ihr Lektor Lincke

PS     Ist es erlaubt, wenn ich was trinke?

Übrigens kennt die deutsche Sprache in der tat kein „briesen“, die deutsche Literaturgeschichte dafür ein Adelsgeschlecht derer von Briest, dem unter anderem die sehr produktive Schreiberin Caroline Philippine von Briest entstammte, geboren 1773 in Fontanes Mark Brandenburg und ab 1803 schon in zweiter Ehe Baronesse de la Motte Fouqué, nämlich verheiratet an Arno Schmidts großen Biographiegegenstand, den gerade seit 1802 geschiedenen Friedrich Heinrich Karl Baron de la Motte Fouqué, weil ihre erste Ehe mit Friedrich Ehrenreich Adolf Ludwig Rochus von Rochow allzu effi-briest-mäßig unglücklich verlaufen war, woraufhin sich der gescheiterte Ehemann — wegen „Spielschulden“ — kurz vor der Scheidung erschossen hatte.

Baronesse von Briest trug im weiteren Verlauf nicht solche gesellschaftlichen Schäden davon wie ihre fiktive Nachfahrin Effi — als welche sich Effi im achten Kapitel ausdrücklich bezeichnet —, sondern unterhielt, wie sich das für adlige Schreiberinnen dieser Epoche gehört, einen literarischen Salon in Berlin, um sich mit Größen wie Chamisso, Eichendorff, E.T.A. Hoffmann, August Wilhelm Schlegel und den Eheleuten Varnhagen von Ense (alphabetisch) zu umgeben.

Warum Effi Briest das nicht getan hat, um sich z. B. mit Theodor Fontane als Cameo-Figur in seinem eigenen Roman zu umgeben? — Das ist ein zu weites Feld.

Bild: Postmoderne Buchausgabe im Fischer Taschenbuch Verlag 2012, via Buchhexe.

Zweitbeste Filmfassung, leider ausgesprochener Feel-Bad-Movie: Rainer Werner Fassbinder: Fontane Effi Briest oder Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und ihren Bedürfnissen und trotzdem das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen (der heißt wirklich so), 1974 — ungelogen mit Rainer Langhans an der Regieassistenz und Ingrid Caven als Scriptgirl:

Beste Filmfassung, Feel-Good-Movie: Jan „Neo Magazin Royale“ Böhmermann:
Letzte Stunde vor den Ferien: Effi Briest, 2017:

Soundtrack: Witt/Heppner: Die Flut, aus: bayreuth eins, 1998:

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Written by Wolf

22. September 2017 um 00:01

Veröffentlicht in Realismus, Vier letzte Dinge: Tod

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