Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Schmerz, Tod und Graus gar spaßig zu erfassen

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Update zu Meines Schooßes Lippen
und Tumultuantenharanguieren (sed iam satis):

Internet-Premiere: Es gibt eine sonettförmige Kneipenarbeit von E.T.A. Hoffmann mit einem Gelegenheitszechkumpanen aufzutun. Deren Thema, ein miserables Theaterstück, scheint zu Recht verschollen, für das Geläster darüber zahlt man Geld.

Marta Bevacqua, The Great Story. A surreal story, Paris 2015, featuring Juliet Searle in Sylvias Beach Whitman's Shakespeare and Company, 37 rue de la Bûcherie

Ein Drama Karlo. Trauerspiel in 4 Abteilungen war seinerzeit anonym erschienen, ist aber der Erstling von Georg Friedrich Alexander Graf von Blankenese (1792 bis 1867) und erhielt wegen guter Beziehungen am 5. April 1820 immerhin am Königlichen Schauspielhaus Berlin, dem heutigen Konzerthaus, eine Uraufführung mit Musik von immerhin Carl Maria von Weber und einem Bühnenbild von immerhin Karl Friedrich Schinkel. Sie war ein Desaster. Das Stück wurde eilends wieder abgesetzt und fiel einem gründlichen Vergessen anheim, erhielt aber offenbar ein heute ebenso unbekanntes und daher wahrscheinlich auftragspanegyrisches Huldigungssonett, wie die Überschrift „Rektifiziertes Sonett“ ausdrückt — falls sie keine Sprachspielerei mit „rektal“ und dem letzten Vers sein sollte.

Das Sonett wurde bisher genau dreimal gedruckt: zuerst von Hans von Müller, der den Nachlass von E.T.A. Hoffmanns letztem Herzensfreund Eduard Hitzig im Märkischen Museum Berlin verwaltete, worin sich die Handschrift fand, in Nord und Süd, 1. Juni-Heft 1910, Seite 362, also lange posthum — nach dieser Vorlage und von Müllers Handexemplar von Friedrich Schnapp im 5. Band seiner Gesamtausgabe bei Winkler 1960 bis 1965, die heute weit besser erreichbar geblieben ist — zuletzt 1992 und den folgenden Taschenbuch-Ausgaben von Hartmut Steinecke im seiner Gesamtausgabe in der Bibliothek Deutscher Klassiker, wieder im 5. Band mit dem Kater Murr und den Werken 1820-1821.

Als „fragliche Zuschreibung“ an Hoffmann gilt das Sonett, weil es laut Unterschrift ein Gemeinschaftswerk mit Friedrich Wilhelm d’Elpons ist, dessen Arbeitsanteile sich nicht mehr unterscheiden lassen. Auch über den Koautor d’Elpons weiß man nicht viel, außer dass er ein abgedankter preußischer Hauptmann, nachmals „mediokrer Schriftsteller“ in Berlin, der um — also biographisch dürftig belegt — 1785 bis 1831 lebte, und außerdem „ein berüchtigter Schuldenmacher und Spieler“ war, jedenfalls wieder nach Friedrich Schnapp: E:T.A. Hoffmann in Aufzeichnungen seiner Freunde und Bekannten, 1974.

D’Elpons war am 10. Dezember 1818 mit einer Erzählung Herz, der Große in Der Freimüthige hervorgetreten (danach nie wieder verlegt, außer einem Ausschnitt bei Schnapp, 1974), in der er den ihm persönlich noch nicht bekannten Hoffmann „als eitlen und impertinenten Judenjungen angriff“ (Steinecke, a.a.O.); Hoffmann war übrigens evangelisch-lutherischer Christ. Nach dem persönlichen Kennenlernen söhnten sich die zwei schon 1819 miteinander aus und traten in eine lockere Freundschaft auf Weinbasis. Beider Sonett von 1820 dürfen wir guten Gewissens als Bier- und Schnapsidee einstufen.

Was d’Elpons und Hoffmann am Abend des 5. April 1820 getrieben haben, weiß man jetzt ebenfalls: Sie waren im Schauspielhaus in der ersten und einzigen Vorstellung von Karlo, wahrscheinlich wegen der Musik von Weber — noch in der Zeit vor dessen Smash-Hits Freischütz (erst 1821), Euryanthe (1823) und Oberon (1826) —, und fanden es scheiße.

Genau datiert ist das Sonett nicht, es liegt aber nahe, dass es noch am selben Abend bei Lutter & Wegner unweit des Schauspielhauses entstand. Stehe ich eigentlich sehr einsam mit meinem Wunsch da, mehr Zechkumpane könnten in der Kneipe gemeinschaftlich wenigstens formal einwandfreie Sonette verfertigen?

Marta Bevacqua, The Great Story. A surreal story, Paris 2015, featuring Juliet Searle in Sylvias Beach Whitman's Shakespeare and Company, 37 rue de la Bûcherie

——— Friedrich Wilhelm d’Elpons & E.T.A. Hoffmann:

(Rektifiziertes Sonett)
An den Dichter des Trauerspiels Carlo

1820:

Heil Dir o Genius dem es gelungen
Schmerz, Tod und Graus gar spaßig zu erfassen.
Dir, Arlekin, muß man die Jacke lassen,
Die Pritsche hast im traur’gen Spiel errungen.

Fürwahr ein schöner Kranz den Du geschlungen
Von närrscher Liebe, Wüten, tollem Hassen!
Kein Blumenkranz! — Unkraut auf schmutzgen Gassen
Fruchtschwangrem Mist mit Mühe abgedrungen.

O Tag des Jammers! Du erregst nur Lachen?
Ja! — Du erschienst uns Jammer aufzutischen —
Horch: — unten dröhnt lustiger Knüppel Krachen!

Kritische Schlangenbrut beginnt zu zischen,
O! schnell dem Ding‘ ein fröhlich End‘ zu machen
Laßt uns mit Carlo selbst die Ärsche wischen.

D’E. & H.

Marta Bevacqua, The Great Story. A surreal story, Paris 2015, featuring Juliet Searle in Sylvias Beach Whitman's Shakespeare and Company, 37 rue de la Bûcherie

Bilder: Marta Bevacqua: Juliet Searle vor Sylvia Beach Whitmans Shakespeare and Company
in der rue de la Bûcherie (das heißt nicht „Bücherei“)
in: The Great Story. A surreal story, Paris, 2015.
Fürwahr ein schöner Kranz: Carl Maria von Weber: Wir winden dir den Jungfernkranz,
aus: Der Freischütz, 1821, in einer leider nicht mehr ganz zeitgenössischen Aufnahme vom Tröterich: Schlager, Moritaten und Couplets.

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Written by Wolf

11. März 2016 um 00:01

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