Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Tumultuantenharanguieren (sed iam satis)

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Update zu Jug:

Ballettfigurant Beske als Schneidergeselle im Ballett von Peter Winter, Die Lustbarkeiten im Wirtsgarten, 1808Vermutlich 1812 zog sich E.T.A. Hoffmann mit einer Runde studentischer Kumpane zu dem zurück, was der Erstdruck von Carl Friedrich Kunz 1839 „ein Glas Punsch“ nennt, in seiner Lieblingskneipe beim Wirt Striegel in Bug bei Bamberg, wo auffallend viele Sachen mit B anfangen. Das tat Hoffmann in seiner Bamberger Zeit zwischen 1808 und 1813 mit Sicherheit öfter, dieses eine Mal aber veranlasste man dort offenbar zur Kurzweil eine Stichwortgeschichte für den Dichterkollegen, „nachdem jeder der anwesenden Freunde und sonstigen Gäste, ihm ein paar Worte gesagt, die der Reihenfolge nach, zu einem Ganzen sich verbindend, wiederkehren mußten“ — und zwar offenbar noch unmittelbar im Kneipengeschehen. Wer einmal live vor einem fränkischen Publikum unter Alkoholeinfluss aufgetreten ist, erahnt die künstlerische Leistung.

Kanonisch wurde der Schwank durch die Gesamtausgabe von Hans von Müller 1915 als I. Anhang zu Hoffmanns Tagebüchern, wo er zugleich vortrefflich analysiert wird. Ich erwarte ihn auch in der heute gültigen Ausgabe im Deutschen Klassiker Verlag, entnehme ihn aber dem 5. Band namens Schriften zur Musik/Nachlese von Friedrich Schnapp bei Winkler 1963, versuche eine sinnvolle Emendation mit seiner online gut erreichbaren Vorlage von Müller 1915 und gebe die Stichworte der Kneipenrunde fett wieder.

Es ist nicht Hoffmanns brillantester Geniewurf, aber man weiß nicht, wieviel Punsch es schon war. Und ich wette, dass er trotz seiner bisherigen vier Abdrucke und 10 bis 30 Weblog-Abrufen pro Tag in der ganzen Literaturgeschichte noch nicht so viele Leser gefunden hat wie hier. — Das Manuskript ist verschollen.

——— E.T.A. Hoffmann: Die Folgen eines Sauschwanzes, um 1812:

An einem schönen Abende gingen wir, uns zu zerstreuen, nach Bug. Kaum hatten wir uns hingesetzt , als ein Mädchen in die Stube trat und nach einem leichten Gruß sich ebenfalls zu uns hinsetzte. Die Züge tiefer Schwermuth lagen auf ihrem Gesichte, — sie weinte, und zog ein Papier hervor, in welchem etwas eingewickelt war, und welches sie inbrünstig an die Brust drückte. Es gelang uns, ihr Vertrauen zu gewinnen, — sie entfaltete das Papier, und siehe da, es war ein kleiner niedlicher Sauschwanz darin enthalten, den ein scheidender Liebhaber, — der rüstigste Fleischerknecht des Städtchens, ihr zum ewigen Andenken gegeben hatte. „O Pankraz! Pankraz!“ rief sie voll wehmüthiger Begeisterung, ergriff eine Flasche Branntwein, lüftete den Pfropf und that einen tüchtigen Schluck.

Rasch sprang sie dann auf den Tisch, drehte sich in den Touren der Anglaise zwischen Krügen und Gläsern, die alle zersprangen, bis auf das theuer erkaufte Wetterglas, das Striegel, der Wirth, durch eine geschickte Wendung, die Mütze vorhaltend, vor den Sprüngen der Bacchantin rettete. Die Gäste brummten und summten wie tausend Maikäfer, — unmuthig schob der Kanonikus Seubert seine in Hühnersauce gefallene Bratwurst fort, und besprühte sehr den Doktor Speyer, der über den Tisch gelehnt mit der Brille gewisse Aussichten suchte, die des Mädchens schneller Tanz darbot. Sie versucht sich durch einen schnellen Sprung über ihn weg zu retten, — sie springt zu Kunz, — trifft ihn, — wirft ihn, — Er — Mädchen, Speyer, Bratwurst liegen am Boden.

„Halt! Halt! wollt Ihr denn in die Ewigkeit hineinplumpen mit gebrochenem Genick und Bein, und höchst einfältig beschmiert mit Hühnersauce und Branntwein?“ erschallt eine Stimme vom Ofen herab, und siehe da, es ist Hoffmann, der sich im Tumult in ein Hutfutteral retirirt hat und nun daraus lustig die Tumultuanten haranguirt.

Mit Hülfe des Doktor Durow kommt alles wieder auf die Beine: „Hätten wir den unseligen Sauschwanz, so wär allen geholfen,“ spricht der Süße, „doch verordne ich dem Mädchen ein aromatisches Klystier, welches mir jedesmal dienlich, so oft ich vom Schiller’schen Trauerspiel zu sehr in Extase gerathen.“ „Ei da habe ich Herrn ScheuringsKlystierspritze noch in der Schublade,“ spricht Striegel, macht sie auf, und bringt ein Futteral hervor, das er vergebens zu öffnen strebt.

Seubert — Sutow — Kunz — drei Canonici — verschiedene Administratoren springen herbei, — man zieht, — immer länger und länger wird das Futteral, — es ist kein Futteral, — es ist ein Tubus aus Rüdinger’s Apparat mit endlosen Zügen, — sie ziehen und ziehen — bis zur Kirchthurmhöhe dehnt sich immer wachsend und wachsend das tolle Instrument; — plötzlich wird der Amtmann Vill durch einen Perpendikelschlag an Striegel’s hölzerner Uhr getroffen, — er stürzt — die Reihe wankt — fällt, — der Tubus fährt in seine alte Form zurück, und wie mit Blumen bestreut Hoffmann vom Ofen herab die wie todt daliegende Gesellschaft mit Papierschnitzeln, welche er in seinem Hutfutterale fand.

Der Professor Klein hatte Schelling’s Weltseele, in der er nach Bug promenirend gelesen, aus der Tasche verloren, das Mädchen den Sauschwanz, — beide griffen darnach, als Epaminondas hereintrat, die Weltseele beschnüffelte, den Sauschwanz aber zwischen die Zähne nahm und davon lief.

Sie kennen doch, meine Herren, den guten deutschen Pudel mit dem griechischen Namen? —

Wie aus einem Traume erwachte das Mädchen, — die Somnambule, nicht mehr affizirt von dem magnetischen Sauschwanz, setzte sich um in eine gewöhnliche Köchin, und indem sie an Seuberts Bratwurst roch, meinte sie, das sey ein ekles Fressen, worauf sie Striegel zur Thür hinauswarf.

Der Administrator Beck ergriff die Lichtscheere, sagte gedankenvoll und ernst: „Was sind wir Menschen!“, putzte das Licht aus, — und gab so dieser höchst tragischen als wahren Erzählung einen angenehmen Schluß. —

Die vortreffliche Analyse Hans von Müllers 1915 besteht vor allem in der Beobachtung, dass sich durch die Einteilung in Absätze, die oben eingehalten ist, aber im Manuskript wahrscheinlich gefehlt hat, „eine unerwartet gute [— immerhin symmetrische —] Gliederung in fünf Teile“ ergibt:

1) Bezauberung des Mädchens durch den sympathetischen Gegenstand und ihre weitere Erregung durch einen Schluck Branntwein;

2) erste Katastrophe, der sich nur Hoffmann entzieht, um dann die Verunglückten zu verhöhnen;

3) vergebliche Vorbereitung zu einer Beruhigung der Somnambulen;

4) zweite Katastrophe, die Hoffmann zu einer neuen Verhöhnung Anlaß gibt;

5) Entzauberung des Mädchens durch Entfernung des Gegenstandes.

Sed iam satis.

August Hoffmann, E.T.A. Hoffmann zeichnet Carl Friedrich Kunz und Dr. med. Christian Pfeufer, Bamberg 1809--1813, Radierung 1839

Bilder: Ballettfigurant Beske als Schneidergeselle im Ballett von Peter Winter:
Die Lustbarkeiten im Wirtsgarten, 1808;
August Hoffmann: E.T.A. Hoffmann zeichnet Carl Friedrich Kunz und Dr. med. Christian Pfeufer,
Bamberg 1809/1813, Radierung 1839;
Hans Liska: E.T.A. Hoffmann vor seinem Wohnhaus am Zinkenwörth in Bamberg, Aquarell 1970:
via Staatsbibliothek Bamberg.

Hans Liska, E.T.A. Hoffmann vor seinem Wohnhaus am Zinkenwörth in Bamberg, Aquarell 1970

Bonus Track von Concerto Bamberg: E.T.A. Hoffmann: Symphonie Es-Dur, leider schon 1806.

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Written by Wolf

11. November 2014 um 11:11

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Romantik

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