Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Wanderwochen 01: Goethe guckt in die Ferne

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Update zum Gesang der Geister über den Wassern:

Zu den großen Fernsehmomenten der 1990er Jahre gehörte das Talkshow-Interview mit einem jungen Mann mit Glatze, Bomberjacke und Springerstiefeln mit weißen Schnürsenkeln, der für den Stolz eintrat, ein Deutscher zu sein. Auf die Nachfrage, wie er denn auf etwas stolz sein könne, das er nicht geleistet hat, zum Beispiel seine Staatsangehörigkeit, gab er zur Antwort: wegen Goethe und Schiller. Die erneute Nachfrage, was denn da sein Lieblingsbuch von Goethe sei, ergab den großen Fernsehmoment: sein verblüfftes Gesicht.

Goethe, Waldlandschaft mit Wasserfall, 17. Juni 1775Obwohl ich keinen Wert darauf lege, junge Männer in der beschriebenen Staffage persönlich zu treffen, ja überhaupt zu erfahren, ob solche jemals außerhalb journalistischer Medien auftreten, kann hier nicht der Ort sein, über sie zu urteilen. Man liest ja allgemein viel zu wenig von und immer nur über Goethe.

Übrigens hätte Goethe gern Fernsehen geguckt. Von seinem Kumpel, dem Weimarer Herzog, mit zahlreichen Ämtern betraut, die wir nicht alle als reine Sinekuren einstufen können, als Freimaurer einer vita activa das Wort redend und als erklärter Augenmensch, wäre der Geheimrat oft heilfroh gewesen, wenn er zum Fernsehen käme: „Aber Du weißt, wie ich im Anschaun lebe“, schrieb er an seinen anderen Kumpel Johann Heinrich Merck (Weimar, 5. August 1778).

Visuelle Eindrücke musste Goethe sich deshalb holen, wo sie zu haben waren: wo Gott — mit dem er ein Leben lang leicht fremdelte — sie in seine Natur gestellt hat. Zur Erstbesteigung des Blocksbergs, vulgo Brocken, muss man immer schon dazubetonen, dass vor Goethe schon jemand oben war, und zwar auch im Winter; das galt also schon Goethes Generation nicht mehr als geradezu unmöglich, nur als unnötig schweres Unterfangen. Seine drei Reisen in die Schweiz hätten später Wandertouren geheißen, seine Ansichtskarten und Urlaubsfotos musste er noch selber zeichnen und tat es ausführlich, mit erkennbar trainierter Begabung und einem liebevollen Blick für Landschaften. Seine Graffiti in Wanderhütten genießen Weltruf, seine Naturgedichte füllen dicke Bände; da ist schon egal, dass sein Heideröslein von Herder abgeschrieben war. Seinen Doktor Faust bringt er anfangs durch einen Osterspaziergang zu gesünderem Menschenverstand.

——— Goethe an Johann Christian Kestner, Frankfurt, 25. Dezember 1772,
nach der Weimarer Ausgabe, Abteilung IV Band 2, Seite 48 f.:

Der Türner hat sich wieder zu mir gekehrt, der Nordwind bringt mir seine Melodie, als blies er vor meinem Fenster. Gestern lieber Kestner war ich mit einigen guten Jungens auf dem Lande, unsre Lustbarkeit war sehr laut, und Geschrey und Gelächter von Anfang zu Ende. Das taugt sonst nichts für die kommende Stunde, doch was können die heiligen Götter nicht wenden wenns Ihnen beliebt, sie gaben mir einen frohen Abend, ich hatte keinen Wein getruncken, mein Aug war ganz unbefangen über die Natur. Ein schöner Abend, als wir zurückgingen es ward Nacht. Nun muss ich dir sagen das ist immer eine Sympathie für meine seele wenn die Sonne lang hinunter ist und die Nacht von Morgen herauf nach Nord und Süd umsich gegriffen hat, und nur noch ein dämmernder Kreis von abend heraufleuchtet. Seht Kestner wo das Land flach ist ists das herrlichste Schauspiel, ich habe jünger und wärmer Stunden lang so ihr zugesehn hinabdämmern auf meinen Wandrungen. Auf der Brücke hielt ich still. Die düstre Stadt zu beyden Seiten, der Still leuchtende Horizont, der Widerschein im Fluß machte einen köstlichen Eindruck in meine Seele, den ich mit beyden Armen umfasste.

——— Goethe an Auguste Gräfin zu Stolberg, Frankfurt, 13. Februar 1775,
nach der Weimarer Ausgabe, Abteilung IV Band 2, Seite 233 f.:

Wenn Sie sich, meine liebe, einen Goethe vorstellen können, der im galonirten Rock, sonst von Kopf zu Fuse auch in leidlich konsistenter Galanterie, umleuchtet von vom unbedeutenden Prachtglanze der Wandleuchter und Kronenleuchter, mitten unter allerley Leuten, von ein Paar schönen Augen am Spieltische gehalten wird, der in abwechselnder Zerstreuung aus der Gesellschafft, ins Conzert, und von da auf den Ball getrieben wird, und mit allem Interesse des Leichtsinns, einer niedlichen Blondine den Hof macht; so haben Sie den gegenwärtigen Fassnachts Goethe, der Ihnen neulich einige dumpfe tiefe Gefühle vorstolperte, der nicht an Sie schreiben mag, der Sie auch manchmal vergißt, weil er sich in Ihrer Gegenwart ganz unausstehlich fühlt.

Aber nun giebts noch einen, den im grauen Biber-Frack mit dem braunseidnen Halstuch und Stiefeln, der in der streichenden Februarluft schon den Frühling ahndet, dem nun bald seine liebe weite Welt wieder geöffnet wird, der immer in sich lebend, strebend und arbeitend, bald die unschuldigen Gefühle der Jugend in kleinen Gedichten, das kräfftige Gewürze Lebens in mancherley Dramas, die Gestalten seiner Freunde und seiner Gegenden und seines geliebten Hausraths mit Kreide auf grauem Papier, nach seiner Maase auszudrücken sucht, weder rechts noch links fragt: was von dem gehalten werde was er machte? weil er nach keinem Ideale springen, sondern seine Gefühle sich zu Fähigkeiten, kämpfend und spielend, entwickeln lassen will.

Wäre das Fernsehprogramm um 1775 aus naheliegenden Gründen nicht noch indiskutabler gewesen als heute, wären wir nicht reicher, sondern ärmer. So muss das der stolze deutsche junge Mann im Fernsehen gemeint haben.

Goethe, Kapelle, 18. Juni 1775

Texte zeichentreu aus: Goethe wandert. Ausgewählt, herausgegeben und mit einer Einleitung versehen von Jochen Klauß, Hain Verlag, Rudolstadt und Jena 1988. Leider nur 64 Seiten im Briefumschlagformat DIN-Lang C6, daher mehr als Geschenkbuch geeignet.

Bilder: Goethe: Tuschzeichnung Waldlandschaft mit Wasserfall, 17. Juni 1775.
Auf der Rückseite bezeichnet: „17 Juni 75 Rigi“. (Koetschau / Morris, Tafel 3; Corpus I, Nr. 112; Maisak, Nr. 27);
Auf der Rückseite, nicht von Goethes Hand, bezeichnet: „Goethe den 18. Jun. 1775“. Kapelle, an einem bewaldeten Berghang gelegen, rechts seitlich ein Bauernhaus. Wahrscheinlich bezieht sich auf dieses Blatt die Bemerkung im Tagebuch: „18. Sontags früh gezeichnet die Capelle vom Ochsen aus“. (Koetschau / Morris, Tafel 4).
Beide via Jutta Assel und Georg Jäger: Goethes Schweizerreise 1775. Alpenwanderung in Wort und Bild, Januar 2011

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Written by Wolf

24. Juli 2014 um 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Sturm & Drang

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