Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Wo mit Mais die Felder prangen

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Update zu Der Dr.-Faustus-Weg: Polling–Pfeiffering und wieder weg,
Alle wurden bei diesem Anblicke still und atmeten tief über dem Wellenrauschen: Regensburg bis Grein,
Dunkeldeutschland,
Moritz Under Ground,
Gräflein Du bist verrathen und
Zwei Klavier-Trios und zwei Violoncello-Sonaten:

Man soll nicht immerzu fragen, warum. Man verpasst genug im Leben über der Frage, warum nicht.

Zum Beispiel unterhält die Stadt Sulzbach an der Saar einen touristischen Karl-May-Weg mit sechs möglichen Eingängen und immerhin 40 Stationen auf 11,3 Kilometer Länge verteilt, ein Projekt der Zweckverbände Ruhbachtal und Brennender Berg, mit der Begründung laut Eurodistrict SaarMoselle:

Der Karl-May-Weg zeigt die schönsten Seiten der Wandergebiete Ruhbachtal und Brennender Berg und verbindet diese miteinander. Es erwartet Sie eine abwechslungsreiche Waldlandschaft, die sogar Karl May als Grundlage für seine abenteuerlichen „Weltreisen“ hätte dienen können.

Karl May war nie hier. Trotzdem ist ihm dieser Wanderweg gewidmet. Denn ihm war es wie keinem sonst gelungen, die Landschaft vor seiner Haustür so in die Fremde zu übertragen, dass sie als Grundlage für unglaubliche, angeblich selbst erlebte Abenteuer benutzt werden konnte.

Karl-May-Weg Eingang

Die Widmung muss im Konjunktiv stehen, weil ihr Gegenstand nie anwesend war, aber sie stehen dazu. Für ein Projekt aus der berüchtigten Disziplin des Stadt- und Regionalmarketings — Paradebeispiel sei die anliegende Stadt Sulzbach/Saar selbst, die seit 2017 den Claim „Wir sind das Salz“ zu benötigen glaubt — für ein Projekt der regionalen Imagewerbung, sagte ich, überrascht die Darstellung überaus angenehm: Der Geist von Auswahl und Präsentation entspricht sehr viel eher der eigenwilligen Besonnenheit von Arno Schmidt als einer Rabaukenparty auf den Bad Segeberger „Karl-May-Spielen“. Im Juli 1770 war vielmehr Goethe hier, wofür das Regionalmarketing eine angemessen sachliche Gedenktafel übrig hat.

Karl May, Auf fremden Pfaden, Buchcover vintageDie mit aller wünschbaren Belehrtheit recherchierten Stationsbeschreibungen für den Wanderweg stellen unter anderem eine Verbindung zwischen Karl May und Goethe her, noch interessanter und tiefgehender erscheint die Verbindung zwischen Karl May und Schiller an Station 38.

Das Sulzbacher Tourismarketing bezieht sich für seine durchaus luzid aufgefundenen Gemeinsamkeiten zwischen den Herren Carl Friedrich May und Johann Christoph Friedrich Schiller (vollständige Geburtsnamen) auf:

Während seiner Haft auf Schloss Osterstein (1865 – 1868) wird Karl May Betreuer der Anstaltsbibliothek; damit hat er Zugang zu über 4000 Büchern: „Zu den Herz- und Schmerzgeschichten, Ritterromanen und wüsten Räuberpistolen seiner frühen Lektüre in der Wirtshausleihbibliothek gesellt sich nun die Lektüre der deutschen Klassik – Schiller wird ihn lebenslang nicht mehr loslassen, …“

„Schiller war der von May am meisten bewunderte Dramatiker. Das ging so weit, dass er in einem Brief an Emma [Mays erste Ehefrau] ernsthaft behauptete, mit dessen Geist, der ihm gelegentlich auch die Feder führe, in spiritueller Verbindung zu stehen. Lesebiographisch ist interessant, dass bei vielen Karl-May-Begeisterten des zwanzigsten Jahrhunderts, z.B. bei Reich-Ranicki, auf die Winnetou-Euphorie eine nicht minder intensive Schiller-Phase folgte.“

Parallelen zwischen Schiller und Karl May:

  • „Um sich beim Produzieren wach zu halten, sind Schiller wie May maßlose Kaffee-Trinker und Tabak-Freunde. Damit geraten sie in zeitweiliges Trance-Schreiben, und so verwundert es nicht, dass beide manchmal ganz in die Welt ihrer Schöpfungen versanken.“
  • „Er [Schiller] stützte sich übrigens beim Schreiben, genau wie Karl May, fast ausschließlich auf seine Phantasie und Bücher. Schiller war nie in der Schweiz, in Spanien, Russland, Italien, England, Frankreich, obwohl seine Dramen dort spielen.
  • Und auch May reiste bis 1899 nur mit dem Finger auf der Landkarte durchs wilde Kurdistan, die Kordilleren oder den Llano Estacado.“
  • „Schiller und May mischten außerdem genial bereits vorhandene Motive, Gestalten und Themen neu, zitierten hemmungslos und schöpften ohne Bedenken aus zahlreichen Quellen.“
  • “ … an der Wirkung ihrer Werke [war ihnen] alles gelegen []. Also griffen sie tief hinein in die Trickkiste, um die Zuschauer und Leserherzen im Sturm zu nehmen. …“
  • Beide waren Ex-Verbrecher – „Schiller als Deserteur, May als Kleindieb und Trickbetrüger.“

Karl May, Auf fremden Pfaden, Buchcover PostmoderneSoweit das erste Beispiel des Karl May gewidmeten Wanderwegs, der bio-geographisch Schiller näher gelegen hätte. Zum zweiten Beispiel schrieb Schiller seine Nadowessische Totenklage am 3. Juli, obwohl sie keine Ballade ist, im „Balladenjahr“ 1797, folgerichtig für den „Balladenalmanach“ 1798. Abermals dankenswert wird sie vom Sulzbacher Tourismarketing angeführt, ich zitiere die Urfassung nach Wikisource.

Der von Schiller übernommene Stammesname der Nadowessier leitet sich ab vom französischen nadouessioux, einem alten Namen für die Dakota-Sioux. Für unser Bildmaterial ist sein Gedichtanfang „Seht! da sitzt er auf der Matte, aufrecht sitzt er da“ mit dem historischen Auftreten des Inbegrifffs der amerikanischen Ureinwohner in der Person von Sitting Bull zur Steilvorlage geworden. Der Mann mit dem sitzenden — oder, je nach Übersetzung, sich niedersetzenden — Namen war nämlich Stammeshäuptling und Medizinmann bei ebenjenen Hunkpapa-Lakota-Sioux in South Dakota. Eine Steilvorlage, die wir dankbar annehmen. Die restlichen Bilder dienen der Dokumentation der Buchcover-Motive, die seitens des Bamberger Karl-May-Verlags unverständlicher Weise bis heute in Gebrauch gehalten werden, und des Saarländischen Karl-May-Wanderwegs.

——— Friedrich von Schiller:

Nadoweßische Todtenklage 1.

3. Juli 1797, in: Musenalmanach für das Jahr 1798,
Tübingen, in der J. G. Cottaischen Buchhandlung, Seite 237 bis 239:

Orlando Scott Goff, Sitting Bull, 1881Seht! da sitzt er auf der Matte
     Aufrecht sitzt er da,
Mit dem Anstand den er hatte,
     Als er’s Licht noch sah.

Doch wo ist die Kraft der Fäuste,
     Wo des Athems Hauch,
Der noch jüngst zum großen Geiste
     Blies der Pfeife Rauch?

Wo die Augen, Falkenhelle,
     Die des Rennthiers Spur
Zählten auf des Grases Welle,
     Auf dem Thau der Flur.

Diese Schenkel, die behender
     Flohen durch den Schnee,
Als der Hirsch, der Zwanzigender
     Als des Berges Reh.

Diese Arme, die den Bogen
     Spannten streng und straff!
Seht, das Leben ist entflogen,
     Seht, sie hängen schlaff!

Wohl ihm! Er ist hingegangen,
     Wo kein Schnee mehr ist,
Wo mit Mays die Felder prangen
     Der von selber sprießt.

Wo mit Vögeln alle Sträuche,
     Wo der Wald mit Wild,
Wo mit Fischen alle Teiche
     Lustig sind gefüllt.

Mit den Geistern speißt er droben,
     Ließ uns hier allein,
Daß wir seine Thaten loben,
     Und ihn scharren ein.

Bringet her die letzten Gaben,
     Stimmt die Todtenklag‘!
Alles sey mit ihm begraben,
     Was ihn freuen mag.

Legt ihm unters Haupt die Beile
     Die er tapfer schwang,
Auch des Bären fette Keule,
     Denn der Weg ist lang.

Auch das Messer scharf geschliffen,
     Das vom Feindeskopf
Rasch mit drey geschickten Griffen
     Schälte Haut und Schopf.

Farben auch, den Leib zu mahlen
     Steckt ihm in die Hand,
Daß er röthlich möge strahlen
     In der Seelen Land.

SCHILLER

1. Nadoweßsier, ein Völkerstamm in Nordamerika.

Karl-May-Wg mit Sulzbach an der Saar von oben, Google Earth

Bilder: Durch das Leben von Karl May, Forum — Das Wochenmagazin, 23. November 2018;
Auf fremden Pfaden, ab 1913: Tom: Karl-May-Weg (Saarland), GPS Wanderatlas 2009–2021,
„Das aktuelle Titelbild“ Karl-May-Verlag Bamberg, via Karl-May-Wiki;
Seht! da sitzt er auf der Matte, aufrecht sitzt er da: Orlando Scott Goff: Sitting Bull, 1881;
Google Earth via Frank Polotzek: Auf fremden Pfaden/Karl-May-Wanderweg-Sulzbacher Schleife,
15. Juli 2020.

Soundtrack: Son of the Velvet Rat featuring Lucinda Williams: White Patch of Canvas,
aus: Red Chamber Music, 2011:

Written by Wolf

23. April 2021 um 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

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