Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Unvernünftige Rede übers unwiederbringlich Verlorene

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Update zu Dieses treffliche Märchen vom Schmidt
und Адвент 1: Über Nacht bin ich tot:

Unter den rhetorischen Strategemen, um eine Diskussion zu gewinnen, ist die Zustimmung, die sogleich den gegenteiligen Schluss aus dem Argument des Diskussionsgegners zieht, das vornehmste. Im Märchen beherrschen sogar Tiere diesen Salto — mit der Extradrehung, dem gegnerischen Argument zuvorzukommen. Jedenfalls im ukrainischen Märchen (empfohlene Quelle: Ukrajinska Prawda). Und wer mir glaubwürdig sagen kann, wie dieser spezielle argumentative Kunstgriff beim Fachausdruck heißt, gewinnt ein Buch von mir. Ein schönes.

Irmhild und Hilmar Proft, Die Nachtigall, Mimi Barillot, Hrsg., Die Sonnenrose. Ukrainische Märchen, 1966Mir fällt immer schwer, Märchen aus eigenem fachlichen Ermessen nach dem Aarne-Thompson-Uther-Index einzuteilen, vor allem wenn Tiere (ATU 1–299), übernatürliches Können oder Wissen (650–699), schwankhafte Geschehnisse (ATU 1200–1963), ein überraschender Zugewinn an Weisheit, der auch ein Übertölpeln des vermeintlich Stärkeren sein könnte, und bestimmt noch einiges, das sich allzu leicht übersieht, auf so engem Raum zusammenkommen. Die Nachtigall aus dem gleichnamigen Märchen kann jedenfalls alles davon.

Gegen die dahingegangene DDR ist mancherlei vorzubringen, aber die Märchenbücher dieses Landes, denen gleich mehrere volkseigene Betriebe des Buchgewerbes und nicht wenige international wirksame Erzähler, Übersetzer und Illustratoren oblagen, sind bis heute unübertroffen schön. Soviel weiß man.

Die Sonnenrose mit den ukrainischen Märchen, aus der ich unten zitiere, war nie in meinem Besitz. Im Gegenteil musste ich letzthin einen ganzen Stoß solcher großformatigen Märchenziegel aus meiner Kindheit, die mir meine Verwandtschaft „von drüben“ einstmals im Austausch gegen Bohnenkaffee, Bananen und Strumpfhosen geschenkt hat, in gute Hände weiterreichen, solange die Leute noch ein Regalmeterchen für dergleichen übrig haben. Die russischen hab ich behalten. Die Sonnenrose, lauten meine Einkaufspläne, darf ich erst anschaffen, wenn noch ein Buch nicht unter DIN A4 aussortiert ist. Es eilt also mit dem Fachausdruck für den argumentativen Kunstgriff.

——— Mimi Barillot, Hrsg.:

Die Nachtigall

aus: Die Sonnenrose. Ukrainische Märchen. Mit Illustrationen von Irmhild und Hilmar Proft,
Verlag Kultur und Fortschritt Berlin, 1966 u. ö.,
aus dem Ukrainischen von Lieselotte Remané, Seite 108:

Irmhild und Hilmar Proft, Die Nachtigall, Mimi Barillot, Hrsg., Die Sonnenrose. Ukrainische Märchen, 1966

Ein Pan fing eine Nachtigall, die wollte er in einen Käfig sperren.

„Wenn du mich freiläßt“, sagte da die Nachtigall, „will ich dir zwei gute Ratschläge geben, vielleicht können sie dir nützen.<"

Der Pan versprach, sie freizulassen.

Ihr erster Rat lautete: Trauere niemals dem unwiederbringlich Verlorenen nach!

Und der zweite war: Glaube keiner unvernünftigen Rede!

Als der Pan diese Ratschläge vernommen hatte, ließ er die Nachtigall frei. Sie flog auf und sagte: „Schlecht hast du daran getan, mich freizulassen. Wenn du wüßtest, welch einen Schatz ich besitze! Eine herrliche riesengroße Perle trage ich in mir. Hättest du die erworben, so wärst du noch reicher geworden.“

Das hörte der Pan und trauerte dem unwiederbringlich Verlorenen nach. Er hüpfte in die Höhe, um die Nachtigall zu fangen.

Da sprach sie: „Jetzt weiß ich, Pan, du bist ebenso habgierig wie dumm: Dem unwiederbringlich Verlorenen trauerst du nach und glaubtest meiner unvernünftigen Rede! Sieh doch, wie klein ich bin. Wie sollte denn eine riesengroße Perle in mir Platz finden!“

Sprach’s und flog davon.

Irmhild und Hilmar Proft, Die Nachtigall, Mimi Barillot, Hrsg., Die Sonnenrose. Ukrainische Märchen, 1966

Bilder: Irmhild und Hilmar Proft, aus: Mimi Barillot, Hrsg.: Die Sonnenrose. Ukrainische Märchen,
Verlag Kultur und Fortschritt, Ost-Berlin 1966 u. ö.; verwendete antiquarische Angebote:

  1. liberantiquus, 25. März 2020;
  2. kulpet, 15. November 2019;
  3. piemonteser, 1. Januar 2020.

Soundtrack: Тік: Люби ти Україну!, 2013:

Written by Wolf

4. September 2020 um 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

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