Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Ein Haufen belebter Maschinen, welche von der Natur hervor getrieben worden wären, für sie zu arbeiten

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500. Beitrag

Update zu Nachtstück 0017: Von der Anmaßung erstaunlicher Vorzüge:

Zuvor haben wir Karl Philipp Moritz — und zwar in seiner eigenen Stimme, ungefiltert durch etwelche ersonnenen Fabelgestalten — in Das Edelste in der Natur, 1786 — sagen hören:

Eins der größten Uebel, woran das Menschengeschlecht krank liegt, ist die schädliche Absonderung desselben, wodurch es in zwei Theile zerfällt, von welchen man den einen, der sich erstaunliche Vorzüge vor dem andern anmaßt, den gesitteten Theil nennt.

Als Problem sieht das nur ein Teil der Menschheit. Wenn man den Richtigen glaubt, ist das der unwesentliche Teil. Beim Baron Eichendorff war das 1831 schon Satire. Den Hochadligen rettet wie immer seine besondere Volksnähe und lebenslanges Hadern mit sozialer Ungleichheit, obwohl er auf seiner richtigen — der oberen — Seite von Geburt an bequem eingerichtet gewesen wäre:

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless     Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless

——— Joseph von Eichendorff:

Unstern

1831 bis 1839, Fragment aus dem Nachlass,
rekonstruiert in der Winkler-Ausgabe von Jost Perfahl und Ansgar Hillach, Band 2,
nach: Hubert Pöhlein (Hrsg.): Aurora, 3. Jahrgang, 1933;
Rekonstruktion in Band 4:

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via HappilessAls ich aber draußen im Freien war, überlegte ich erst alles: ich stammte aus einer reichsgräfl. Familie, hatte schon einzelne Gedichte drucken lassen p., — es war gar nicht unwahrscheinlich, daß man mich so feiern wollte. Da lehnte ich mich mit großer Befriedigung im Wagen zurück, kreuzte die Arme über der Brust u. sagte zu mir selbst: Ich habe es immer gesagt, nichts als Narrenspossen mit dieser Gleichheit. Das soll naturgemäß sein! Als wäre die Natur nicht grade erst recht aristokratisch, stellt den Ochsen über das Kalb, den Hund über die Katze, die Katze über die Ratze, und unter den Menschen den hohen Geburtsadel des Genies über das andre gemeine Pack. Außerdem, setzte ich mit großer Selbstzufriedenheit hinzu, wird es auch, solange nicht allgemeine Barbarei wiederkehrt, immerfort zwei verschiedene Rassen der Gesellschaft geben, die gebildete u. die ungebildete, die niemals miteinander fraternisieren können, weil sie sich wechselseitig genieren, u. das Genie mit keinem von beiden, denn es heißt eben Genie, weil es sich niemals geniert. sondern nur alle andern, u. also Hier tat es plötzlich einen widerlichen Schrei — es war ein Pfau, der vor mir auf einem Gittertor, mit dem Schweif das Rad schlagend, mir grade die Kehrseite seiner Pracht zeigte. Da bemerkte ich erst, daß er eigentlich hier den Portier vorstellte u. ich unaufhaltsam in einen prächtigen Park hineinfuhr […].

Beim Pastorensohn Wieland war es noch unter Tränen lachende und — aus Gründen — fiktiv verbrämte Allegorie. Wie wichtig diesem Berufsschreiber, der auch als Viertel des „Weimarer Viergestirns“ bei Hofe auf Einkünfte aus seiner Arbeitskraft angewiesen war, das Thema war, macht er an einer nicht anderweitig motivierten Fußnote klar, „die ich mich nicht entschließen kann auszulassen“:

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless

——— Christoph Martin Wieland:

Der goldne Spiegel oder die Könige von Scheschian.
Eine wahre Geschichte
aus dem Scheschianischen übersetzt.

1772, Fassung letzter Hand, 1794:

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via HappilessIhre Hoheit, sagte Nurmahal, werden ihm diesen Einfall vielleicht zu gute halten, wenn Sie bedenken, daß die Nazion einen König haben wollte, und daß es, alles überlegt, doch immer besser ist, dieser König selbst zu seyn, als es einem andern zu überlassen. Er konnte doch immer mit einiger Wahrscheinlichkeit hoffen, daß es ihm an Gelegenheit nicht fehlen würde, sein Ansehen, so eingeschränkt es Anfangs war, zu befestigen und zu erweitern. Zudem war er ein Mann von mehr als gemeiner Fähigkeit, sein eigenes Fürstenthum, eines der beträchtlichsten, und an der Spitze der Partey, die ihn auf den Thron erhob, konnt‘ er sich schmeicheln alles zu vermögen.

„Und dennoch schmeichelte er sich zu viel?“

Wie hätt‘ es anders gehen können? versetzte die Sultanin. Seine Anhänger erwarteten mehr Belohnungen als er geben konnte. Ihre Forderungen hatten keine Grenzen. Er hielt sich für berechtigt Dienste und Unterwürfigkeit von denjenigen zu erwarten, die ihn zum Könige gemacht hatten; und eben darum, weil sie ihn zum Könige gemacht hatten, glaubten sie, daß er ihnen alles schuldig sey. Eine solche Verschiedenheit der Meinungen mußte Folgen haben, die den König und das Volk gleich unglücklich machten. Da er die einmahl übernommene Rolle gut spielen wollte, so mußt‘ er nothwendig mit seinen Raja’s zerfallen, die ihn lieber eine jede andre spielen gesehen hätten als die Rolle eines Königs. Seine ganze Regierung war unruhig, schwankend und voller Verwirrung. Aber unter seinen Nachfolgern ging es noch schlimmer. Jeder neue Vortheil, den die Raja’s über ihre Könige erhielten, erhöhete ihren Übermuth, und vermehrte ihre Forderungen. Unter dem Vorwand, ihre Freyheit (ein Ding, wovon sie niemahls einen bestimmten Begriff gehabt zu haben scheinen,) und die Rechte der Nazion (welche niemahls ins Klare gesetzt worden waren,) gegen willkührliche Anmaßungen sicher zu stellen, wurde das königliche Ansehen nach und nach so eingeschränkt, daß es, wie die Fabel von einer gewissen Nymfe sagt, allgemach zu einem bloßen Schatten abzehrte –

– Hier gähnte der Sultan zum ersten Mahle –

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless– Bis endlich selbst von diesem Schatten nichts als eine leere Stimme übrig blieb, welche gerade noch so viel Kraft hatte, nachzuhallen was ihr zugerufen wurde.

Scheschian befand sich, solange diese Periode dauerte, in einem höchst elenden Zustande. Von mehr als drey hundert kleinern und größern Bezirken, deren jeder seinen eigenen Herrn hatte, sah der größte Theil einem Lande gleich, das kürzlich von Hunger, Krieg, Pest und Wassersnoth verwüstet worden war. Die Natur hatte da nichts von der lachenden Gestalt, nichts von der reitzenden Mannigfaltigkeit und dem einladenden Ansehen von Überfluß und Glückseligkeit, womit sie die Sinnen und das Herz in jedem Land einnimmt, welches von einem weisen Fürsten väterlich regiert wird.

Hier klärte sich die Miene des Sultans einmahl wieder auf. Er dachte an seine Lustschlösser, an seine Zaubergärten, an die schönen Gegenden, die er darin auf allen Seiten vor sich liegen hatte, an die mosaisch eingelegten, und mit doppelten Reihen von Citronenbäumen besetzten Wege, die ihn dahin führten; und genoß etliche Augenblicke lang die Wollust der vollkommensten Zufriedenheit mit sich selbst.

Das war es nicht, was die beiden Omra’s wollten, daß er dabey denken sollte! – Weiter, Nurmahal; sprach der vergnügte Sultan.

Allenthalben wurden die Augen eines Reisenden, der nicht ohne alles Gefühl für den Zustand seiner Nebengeschöpfe war, durch traurige Bilder des Mangels und der unbarmherzigsten Unterdrückung beleidigt.

Die kleinen Tyrannen, denen der König von Scheschian neunzehn von zwanzig Theilen seiner Unterthanen Preis zu geben genöthigt war, hatten in Absicht der Verwahrung ihrer Ländereyen eine Denkungsart, die derjenigen von gewissen Wilden glich, von denen man sagt, daß sie, um der Frucht eines Baumes habhaft zu werden, kein bequemeres Mittel kennen, als den Baum umzufällen. Ihr erster Grundsatz schien zu seyn, den gegenwärtigen Augenblick zum Vortheil ihrer ausschweifenden Lüste auszunützen, ohne sich darum zu bekümmern, was die natürlichen Folgen davon seyn möchten. Diese Herren fanden nicht das geringste weder in ihrem Kopfe noch in ihrem Herzen, das der armen Menschheit bey ihnen das Wort geredet hätte. In ihren Augen hatte das Volk keine Rechte, und der Fürst keine Pflichten. Sie behandelten es als einen Haufen belebter Maschinen, welche, so wie die übrigen Thiere, von der Natur hervor getrieben worden wären, für sie zu arbeiten, und die keinen Anspruch an Ruhe, Gemächlichkeit, und Vergnügen zu machen hätten. So schwer es ist, sich die Möglichkeit einer so unnatürlichen Denkungsart vorzustellen, so ist doch nichts gewisser, als daß sie es dahin gebracht hatten, sich selbst als eine Klasse von höhern Wesen anzusehen, die, gleich den Göttern Epikurs, kein Blut sondern nur gleichsam ein Blut in den Adern rinnen hätten; denen die Natur zu willkührlichem Gebote stehe; denen alles erlaubt sey, und an welche niemand etwas zu fodern habe. Die Knechtschaft der Unglücklichen, die unter ihrem Joche schmachteten, ging so weit, daß sie jeden Fall, wo man ihnen durch eine besondere Ausnahme die allgemeinsten Rechte der Menschheit angedeihen ließ, als eine unverdiente Gnade ansehen mußten. Die Folgen einer so widersinnigen Verfassung stellen sich von selbst dar. Eine allgemeine Muthlosigkeit machte nach und nach alle Triebräder der Vervollkommnung stille stehen; der Genie wurde ihm Keim erstickt, der Fleiß abgeschreckt, und die Stelle der Leidenschaften, durch deren beseelenden Hauch die Natur den Menschen entwickelt, und zum Werkzeug ihrer großen Absichten macht, nahm fressender Gram und betäubende Verzweiflung ein.[Fußnote] Sklaven, welche keine Hoffnung haben, anders als durch irgend einen seltnen Zufall, der unter zehen tausend kaum Einen trifft, sich aus ihrem Elend empor zu winden, arbeiten nur in so fern sie gezwungen werden, und können nicht gezwungen werden irgend etwas gut zu machen. Sie verlieren alles Gefühl der Würdigkeit ihrer Natur, alles Gefühl des Edeln und Schönen, alles Bewußtsein ihrer angebornen Rechte –

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless– Der Sultan gähnte hier zum zweyten Mahle –

– und sinken in ihren Empfindungen und Sitten zu dem Vieh herab, mit welchem sie genöthiget sind den nehmlichen Stall einzunehmen; ja, bey der Unmöglichkeit seines bessern Zustandes, verlieren sie endlich selbst den Begriff eines solchen Zustandes, und halten die Glückseligkeit für ein geheimnißvolles Vorrecht der Götter und ihrer Herren, an welches den mindesten Anspruch zu machen Gottlosigkeit und Hochverrath wäre.

Dieß war die tiefe Stufe von Abwürdigung und Elend, auf welche die armen Bewohner von Scheschian herab gedrückt wurden. Eine allgemeine Verwilderung würde sie in kurzem wieder in den nehmlichen Stand versetzt haben, aus welchem der große Affe, ihrem angeerbten Wahn zu Folge, ihre Stammältern gezogen hatte: in einen Stand, worin sie sich wenigstens mit der Unmöglichkeit noch tiefer zu sinken hätten trösten können; wenn nicht eine unvermuthete Staatsveränderung –

Hier machte der Mirza die schöne Nurmahal bemerken, daß der Sultan unter den letzten Perioden dieser Vorlesung eingeschlafen war.

[Fußnote] Hier, sagt der Sinesische Übersetzer, habe ich eine Anmerkung des Indischen Herausgebers dieses Werkes gefunden, die ich mich nicht entschließen kann auszulassen, ungeachtet meine Leser keinen unmittelbaren Gebrauch davon machen können. Ich wünschte, sind die Worte des Indiers, daß alle unsre Großen und Edeln dieser Periode (von den Worten Eine allgemeine u. s. w. bis zu Verzweiflung ein) die Ehre anthun möchten, sich derselben zu Prüfung der Fakirn, denen sie ihre Söhne anvertrauen wollen, zu bedienen. Sie haben dazu weiter nichts nöthig, als dem Fakir die Periode vorzulegen, und sich eine Erklärung derselben, die Entwicklung der darin enthaltenen Begriffe und Sätze von ihm auszubitten. Allenfalls könnten sie, um ihrer Sache desto gewisser zu seyn, einen Filosofen von unverdächtigen Einsichtenmit zu dieser Prüfung ziehen. Versteht der Fakir die Periode: nun, so sey es denn! Versteht er sie nicht oder räsonniert er darüber wie ein Truthahn: so können Sich Ew. Excellenzen, Gnaden, Hoch- und Wohlgeboren, u.s.w. darauf verlassen, daß er ein vortreffliches Subjekt ist, wenn ihre Absicht dahin geht, daß Ihr Sohn nicht zu gescheidt werden solle.

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless     Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless

Bilder: via Happiless, Dezember 2018:

In 1951, Dali teamed up with Magnum photographer Philippe Halsman to create one of the most enchanting, morbid and bizarre photographs of all time. Entitled „In Voluptas Mors,“ or Voluptuous Death.

Soundtrack: Gustaf Gründgens & Hilde Hildebrand: O Gott, wie sind wir vornehm!,
aus: Eduard Künneke: Liselott, 1932:

Written by Wolf

15. Februar 2019 um 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Sturm & Drang

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