Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Wie werde ich Schriftsteller? (Von den Exkrementen hirnloser Köpfe)

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Update zu Die alte und neue Inertia (Warum hast du nichts gelernt?):

Zur Frankfurter Buchmesse wird ja wieder turnusmäßig lamentiert, wer das alles lesen soll. Wir bringen deshalb im Text zahlreiche gute Gründe, alles, bloß kein kein Schriftsteller zu werden, und im Bild ein paar gute Gründe, doch Schriftsteller zu werden.

Audrey Hepburn ReadsDer Abratende ist glaubwürdig, denn kein Vater würde seinem Sohn im Ernst empfehlen, den Sockel seiner Existenz auf das geschriebene Wort zu setzen (auf das gesprochene sonderbarerweise schon). Der Abratende macht sich wiederum unglaubwürdig, indem er selbst Schriftsteller ist.

Mehr noch: Christoph Martin Wieland war Bestsellerautor; noch mehr: ein Viertel des „Weimarer Viergestirns„, also in einer seit Jahrhunderten als selbstverständlich hingenommenen Reihe mit Herder, Goethe und Schiller. Dass er einer der ganz wenigen deutschen Klassiker werden sollte, war noch nicht so zu benennen, aber schon zu seiner langen Wirkungszeit nicht anders zu erwarten.

Desto erstaunlicher ist es zu lesen, wie sich dieser Halbgott von Ausnahmekünstler offenbar mit den gleichen Problemen wie ich kleinstes aller Lichter herumgeschlagen hat: Er balgt sich mit der Konkurrenz, die er selbstmörderisch unterbieten muss, um Textaufträge, übersetzt im selbstruinierten Akkord um sein Leben, leistet sich aller fünf Jahre eine neue Klamotte, beneidet den gerne verachteten Kotzebue um seinen Verdienst und stellt aus Kostengründen seine oft im Alleingang bestückte, verlegte und vertriebene Zeitschrift ein — er allerdings nach 30 Jahren in einem Verbreitungsgebiet zwischen Riga und Triest.

Ähnliches hat mein Vater mir gesagt, und Väter werden in gleicher Tonart fortfahren, Söhne von ruinösen Erwerbszweigen abzuhalten und zu einträglichen zu ermutigen. Leider bin ich selbst der Vater von nichts und niemandem, aber befragt, würde ich empfehlen, lieber Bestatter zu lernen: Gestorben wird immer.

Marilyn Monroe Reads.

——— Christoph Martin Wieland:

An Ludwig F. A. Wieland in Bern

Brief an seinen Sohn Ludwig Wieland, Tiefurt, angefangen den 9. August 1802,
cit. die vollständigste Version außerhalb großer Gesamtausgaben: Wieland-Lesebuch, Insel Verlag 1983:

Debbie Harry Reads MadWeißt Du auch was Schriftstellerei, als Nahrungszweig getrieben, an sich selbst, und besonders heut zu Tag in Deutschland ist? Es ist das elendeste, ungewisseste und verächtlichste Handwerk, das ein Mensch treiben kann – der sicherste Weg im Hospital zu sterben. Das Bettlerhandwerk nährt seinen Mann besser und ist kaum schmählicher. Hast du dich geprüft? Kannst du in einem Dachstübchen des Winters frieren, des Sommers dorren? Kannst du von Salz und Brot und Kartoffeln leben, so oft du dich nicht etwa bei andern, die ein besseres ordinaire haben, zu Gaste bittest? Jene magere Kost und alle 5 Jahre ein neuer Caputrock von Görlitzer Tuch, ist alles, wozu ich dir bei der Schriftstellerei, wie du es nennst, Hoffnung machen kann, wofern du nicht etwa, als Corrector in Druckereien oder durch irgend einen andern modum acquirendi dieser Art, Mittel findest, dein Einkommen zu verbessern. — Und mit was für Zweigen deines neuen Gewerbes denkst du dich zu nähren? Mit Übersetzenwaren sonst ein paar Taler per Bogen zu verdienen; aber diese Innung ist so fürchterlich übersetzt, daß die Arbeit das Salz und den Lausewenzel nicht mehr abwirft, den diese Ehrenmänner, um den Hunger dadurch abzutöten, rauchen müssen. Auf jede neue Brochure, die in Frankreich und England herauskommt, warten 10 Übersetzer mit weitoffnen Mäulern; der Buchhändler, dessen Profit bei dergleichen Sachen gewöhnlich auch sehr gering ist, gibt das Buch dem wohlfeilsten Arbeiter, und dieser muß sich zu Schanden abschächern, wenn er täglich soviel als ein Holzhacker verdienen will. Ich weiß, was du mir sagen wirst — Romane, Schauspiele, Zeitschriften, Taschenbücher — und die Beispiele von Goethe, Schiller, Richter, Kotzebue, La Fontaine. In der Tat machen diese fünf eine Ausnahme; aber was sind 5 gegen mehr als 6000 Buchmacher, die es jetzt gibt? […] Der Buchhandel liegt in einem so tiefen Verfall und wird mit jeder Messe so viel schlechter, daß selbst angesehene Buchhändler erschrecken, wenn ihnen ein Manuskript, das nicht einen schon berühmten Namen zum Garant hat, angeboten wird. Die Buchläden sind mit Romanen und Theeaterstücken aller Art dermaßen überschwemmt, daß ihnen jeder Taler zu viel ist, den sie für ein Schauspiel, das nicht von Kotzebue oder Schiller, oder einen Roman, der nicht von Richter, La Fontaine oder Huber kommt, geben sollen. […] Mit Journalen ist vollends gar nichts mehr zu verdienen; es stechen zwar alle Jahre etliche Dutzend neue, wie Pilze aus sumpfichtem Boden, aus den schwammichten Wasserköpfen unsrer literarischen Jugend hervor; aber es sind Sterblinge, die meistens das zweite Quartal nicht überleben. Die alten Journale sind bisher immer noch die dauerhaftesten gewesen; aber auch diese nehmen mit jedem Jahrgange ab, und der ‚Teutsche Merkur‚, der sich dreißig Jahre erhalten hat, wird, allem Anscheine nach, mit diesem Jahre seine corvée beschließen. […]

Lauren Bacall ReadsIch gestehe gern, daß alles, was ich von der Misere der Schriftstellerei, als modus acquirendi betrachtet, gesagt habe, einige Modifikation erleiden möchten wenn die Rede von einem jungen Manne wäre, der sich aus Drang eines inneren Berufs, mit dem Bewußtsein großer und ungemeiner Geisteskräfte und Talente, folglich mit einer vorgefühlten Gewißheit, Sensation in unsrer geschmacklosen, erschlafften und am liebsten von den Exkrementen hirnloser Köpfe sich nährenden Lesewelt zu machen, zur Schriftstellerei entschließen wollte. Ich weiß nicht, ob du dieser junge Mann bist, wiewohl ich einige Ursache habe, sehr daran zu zweifeln. […] Du glaubst Talent für die echte Komödie zu haben! Es mag sein, daß du Anlage dazu hast; aber damit reichst du nicht aus: es gehört noch ein großer Fond von Welt und Menschenkenntnis, aus Erfahrung und Umgang mit allen Arten von Menschen und allen Ständen und Klassen geschöpft, dazu, den du dir unmöglich schon erworben haben kannst; es gehören Studien dazu, die du nicht gemacht hast, und eine Fertigkeit und Gewandtheit des Stils, wovon ich noch keine Probe von dir gesehen habe. Doch, auf alles das läßt sich am Ende eine Antwort geben, die allem Streit ein Ende macht. Schreibe eine Komödie, die in Deutschland wirklich Sensation macht, die zu Berlin, Wien, Frankfurt, etc. zehnmal hintereinander gegeben wird, die jeder Theaterdirektor haben will, — und ich verstumme. […]

Ich habe dir nun, mein lieber Louis, über […] die Schriftstellerei, als angeblich einzigen dir übrigbleibenden Nahrungszweig […] meine Gedanken mit der Offenheit eröffnet, die einem Vater gegenüber seinen Sohn Pflicht ist. […] Seit dem Tode deiner guten Mutter haben sich die Umstände sehr verändert. Ich kann und werde nicht länger zu Oßmannstedt leben, sondern werde, sobald als möglich wieder in die Stadt ziehen. Den größten Teil der Sommerszeit habe ich in Tiefurt bei der Herzogin zugebracht, und gehe, nach einem Aufenthalt von wenigen Tagen im Schoß meier Familie, morgen wieder dahin zurück. Ich bin im Begriff das mir äußerst lästig gewordene Oßmannstedtische Gut zu verkaufen, um mich von den Schulden, in die es mich gesteckt hat, frei zu machen, und den Rest meiner Tage ohne Sorge und Kummer zu verleben. Ich behalte bloß Haus und Garten in Oßmannstedt, weil deiner Mutter Grab darin ist und ich selbst neben ihr begraben sein will. […]

Wonder Woman Reads.

Gute Gründe, Schreiber zu werden: Audrey Hepburn, Marilyn Monroe, Debbie Harry, Lauren Bacall und Wonder Woman lesen — via Awesome People Reading.

Soundtrack: Ein Schreiber, der nicht schreibt: der 37-jährige Jerry Lewis in: Who’s Minding the Store? (deutsch: Der Ladenhüter), 1963. Seine beiläufig entgleisende Mimik ist bis heute einzigartig.
Musik: Joseph J. Lilley:

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Written by Wolf

21. Oktober 2016 um 00:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Handel & Wandel

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