Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

4. Katzvent: Hier liegt ein Kater der schönsten Art

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Update zu Im Bewusstsein seines Wertes sitzt der Kater auf dem Dach:

Im heurigen Katzvent befassen wir uns nach Inhalten über Katzen 2015 und Inhalten von Katzen 2016 mit Inhalten über tote Katzen.

Das ist erfreulicher, als man spontan glaubt — Kunststück. Wer die Morbidität nicht aushält, darf sich damit trösten, dass Katzen sieben Leben haben, in angelsächsischen Kulturen sogar neun.

In dem parodistischen Epos, um nicht zu sagen: in der epischen Parodie Murner in der Hölle stirbt der Kater gleich am Anfang und kommt in die Hölle, läuft aber erst posthum in beiden Welten zu seiner Hochform auf. Und ich kann nur versprechen, dass mir diese ganze Unternehmung der deutschen Aufklärung erst Mitte 2018 und vor allem unabhängig von ihrer Neuveröffentlichung 2017 aufgefallen ist: herausgegeben von Matthias Wehry, nach der Erstauflage 1757 und mit den Kupfern von Johann Caspar Weinrauch aus dem Jahre 1794, Wehrhahn Verlag (Edition Wehrhahn, Band 21), Hannover 2017.

Außer dieser jederzeit erhältlichen Erstauflage von 1757 (64 Seiten verlagsfrisch gebunden 22,99 Euro, als Taschenbuch schon 12,99 Euro, zum Beispiel bei Amazon.de, besser aber in einem katzenkuschligen, kompetenten Sortimentsbuchladen Ihres Vertrauens) ist eine Wiener Almanachvariante 1794 nachzuweisen — aber nicht, wie tiefgreifend und worin genau sich diese Versionen unterscheiden. Am brauchbarsten erscheint wie so oft der Volltext auf Zeno.org, allerdings konnte ich bei Stichproben immerhin drei verschiedene Schlussvarianten feststellen. Unverständlich bleibt — jedenfalls mir — der unmotivierte Namenswechsel des Katers zwischen Cyper und Murner.

Jörn Münkner unterrichtet uns in der einzigen eingehenden Rezension des Wiederabdrucks — Poetischer Katzenjammer. Justus Friedrich Wilhelm Zachariae macht einem Kater den Garaus, in: Literaturkritik.de, Rezensionsforum, 17. Juli 2018 — über des Dichters Zachariae literarische Nachfolge von Alexander Pope, vor allem dessen mock heroic von 1712 The Rape of the Lock: An heroic-comical poem, das Zachariae bekannt sein konnte, weil 1744 von Luise Adelgunde Victorie Gottsched übersetzt. Als komisches Versepos und „Mixtur aus Adelssatire, Parodie des klassischen Epos mit burlesker Verhöhnung der antiken Mythologie und augenzwinkernder Moralkritik“ (Münkner, a. a. O.) fiel der Murner 1757 gerade unter eine Modegattung, 1898 entsetzt sich Carl Schüddekopf in der Allgemeinen Deutschen Biographie darüber, wie Zachariae den Alexandriner nur „in seinen späteren Epopöen mit einem lottrigen Hexameter vertauschen, vereinzelt sogar zur Prosa zurückkehren“ und den Murner damit in die „lange, abwärts führende Reihe von epischen Dichtungen“ stellen konnte.

Tatsache bleibt aber auch, dass selbst sein ach so lottriger Hexameter über eine längere Strecke im Deutschen dessen Gebrauch in der Odyssee-Übersetzung von Johann Heinrich Voß 1781 mit spielerischer Selbstverständlichkeit vorwegnimmt, und selbst die jahrhundertelang beispielgebende Leistung von Voß ist auf begründete Kritik gestoßen. Dabei wird sich nicht mehr belegen lassen, ob Zachariae seine „gewitzte Verkehrung der erwarteten Sprache und Metrik“ nicht sogar als atmosphärestiftendes Stilmittel gemeint hat. Jedenfalls macht der beherzte Kater heute noch mehr Spaß als die formale Perfektion mit nicht enden wollendem Kriegsgetümmel, Elend und moralischer Verworfenheit bei Homer. — Ungekürzt:

Black Cat via Abecedarian

——— Justus Friedrich Wilhelm Zachariae:

Murner in der Hölle.

Ein scherzhaftes Heldengedicht

bey Johann Christian Koppe, Rostock 1757:

Erster Gesang

Singe, scherzende Muse, die großen heroischen Thaten,
Und den kläglichen Tod von einem unsterblichen Kater;
Welcher den schwarzen Cocytus beschifft und seine Gebeine,
Gleich den Gebeinen der Helden, mit Marmor bedecket gesehen.

Du, o holde Rosaura, die du das Ende des Lieblings
Fast drei Stunden beweint; (wie öfters weinet so lang‘ nicht
Um den Tod des podagrischen Manns die buhl’rische Wittwe!)
Holde Rosaura, beseele dies Lied mit dem siegenden Auge,
Welches so viele Herzen entflammt, und lächle der Muse
Würdige Kühnheit in’s Herz, wenn sie die Stygischen Wasser
Unter sich brausen hört, und zu den traurigen Schaaren
Wandelnder Schatten sich mischt, die Charons Ueberfahrt fordern!

Mitten in einem veralteten Schloß am Ufer der Elbe
Wohnte der ehrliche Raban mit seiner Nichte Rosaura.
Artiger war kein Fräulein umher, als seine Rosaura;
Holder waren die Grazien nicht, und schöner nicht Venus,
Als sie, vom Schaume des Meers noch tröpfelnd, die Fluthen herausstieg,
Zärtlich liebte die Nichte den Onkel, und was sie nur wünschte,
War zu ihrem Befehl; doch wünschte das Fräulein nur wenig,
Welches d’rum mehr noch das Herz des häuslichen Alten ihr neigte.
Einsam im Zimmer, zufrieden mit sich, durchlebte sie Tage,
Nicht vom Neide getrübt, noch von dem Stolze verdunkelt.
Mit ihr wohnten in einem Gemach zwei gesellige Thiere,
Cyper, ein fleckiger Kater, und ein geschwätziges Papchen,
Welches über das Weltmeer kam, und seiner Gebiet’rin
Manche Stunde, so gut wie ein leerer Stutzer, verplaudert.

Eben hatte der weichende Winter von stürmischen Schwingen
Seine letzten Schauer von rieselndem Hagel geschüttelt;
Ueber sanft wallende bunte Tapeten und Veilchen und Tulpen
Fuhr im Triumph der Frühling daher; und Pandions Tochter
Stammelte schon gebrochene Versuche zu mächtigen Liedern
Unter halbgrünendem Laub; als an dem östlichen Himmel
Blutroth sich Aurora erhob, und schneidende Lüfte
Vor ihr her das einsame Schloß lautheulend umbrausten.
Daß die murrende Magd zum Vorrath des Holzes hinabstieg,
Und von Neuem wohlthätige Feuer die Ofen erhitzten.
Jetzt kam Cyper über das Dach. Er hatte die Nacht durch
Einsame Böden durchirrt, und Legionen von Ratten
Aus einander gejagt; mit ihrem rinnenden Blute
Seinen zähnvollen Rachen genetzt, und trunken von Siegen
Ueber die todten Leichname her sich brüllend gewälzet.
Leise schlüpft‘ er zum Zimmer hinein, als eben die Zofe
Brausendes Wasser geholt, mit sanftem Chinesischen Tranke
Ihre Gebiet’rin zu wecken. Doch als sie das gnädige Fräulein
Schlummernd noch fand, da fiel auf’s Neu‘ der rauschende Vorhang
Wieder über das seidne Bett, und schleichend verließ sie
Ihrer Fräulein Gemach. Von Abenteuern ermüdet,
Legte nun Cyper sich hin dicht an den glühenden Ofen;
Streckte die Löwenklauen von sich, und sank bald geruhig
In den süßesten Schlaf. Die phantasirenden Sinne
Schweiften in güldenen Träumen umher. Er sah die Gestalten
Schöner Katzen versammelt um sich, und hörte die Seufzer,
Welche vom moosigen Dach, von alten verwachs’nen Gemäuern,
In vertraulicher Nacht um seinetwegen erschollen,
Und dann dünkt‘ ihm, er läge Rosauren vertraulich im Schooße,
Würde von ihrer marmornen Hand liebkosend gestreichelt,
Und vom hölzernen Junker und zierlichen Fähndrich beneidet.
Eitle Gedanken! Er sollte nicht mehr die Höhlen der Ratten,
Noch die Geliebten, Minzchen, besuchen! er sollte nicht wieder,
In Rosaurens Armen gewiegt, sanftschnurrend entschlummern!
Eine der Furien, welche das Herz der wildesten Xanthippe
Mit der brennenden Fackel zum Zank mit dem Eh’mann entflammet;
Wollte die Oberwelt jetzt mit der finstern Hölle vertauschen,
Und flog, scheußlich und schwarz, auf einer stinkenden Wolke,
Bei Rosaurens Fenster vorbei. Ihr plauderndes Papchen
Saß im drähternen Haus, und rief laut schimpfend: Du Scheusal!
Als die schlangenhaarige Furie bei ihm vorbei flog.
Auch die Furien tragen den Stolz im scheußlichen Busen,
Schön zu seyn, zum Mindesten schön für der Hölle Bewohner.
Selbst Alekto war Dame genug, voll Zorn zu entbrennen,
Daß sie der Vogel für häßlich geschimpft. Wie leicht, o Verweg’ner,
(Sagte sie bei sich selbst) kann dich Alekto bestrafen!
Deinen verräth’rischen Hals könnt‘ ich im Zorne dir umdrehn,
Oder mit dieser höllischen Fackel zu Asche dich brennen!
Aber du bist zu klein für einer unsterblichen Göttin
Eigene Hand! Geh‘, schimpfe mich mehr im Magen des Katers,
Der hier schläft, und welchem ich dich zum Opfer bestimme!

Rasend für Wuth begab sich Alekto zum schlafenden Kater;
Hauchte mit Mordsucht ihn an, und sprach mit gleißenden Worten:
Ist es möglich? du schnarchst hier ruhig unter dem Ofen,
Edler Murner, du Zierde der Kater; und hast es vergessen,
Daß dich die Ehre zu herrlichen Thaten, zu Siegen gerufen,
Welche vor dir kein Kater erstritt? – Verwandter der Tiger,
Willst du die Schaaren allein der fliehenden Mäuse verfolgen,
Und mit tapferer Klau‘ langschwanzige Ratten nur würgen?
Durstet dich nicht nach edlerem Blut? O siehe, wie trotzig
Sitzt der Liebling Rosaurens in seinem güldenen Käfich,
Schimpft nach seinem Gefallen dich aus, und waget oft selber
Flüche wider die holde Rosaura, worüber sie lächelt,
Und ihn mit gütigem Blick und Schmeicheleien belohnet,
Da sie indeß dich, Cyper, vergißt. O leide nicht länger,
Da der geschwätzige Vogel die Gunst des Fräuleins dir raube,
Und den männlichen Laut von deiner Stimme verspotte,
Wenn er so oft dich lächerlich macht! Den Plauderer schützet
Nur sein Käfich umsonst! Wie mancher Canarienvogel
Ward von deinen tapferen Ahnen im Käfich zerrissen!
Würge denn du auch den plaudernden Spötter und streu‘ im Triumphe
Seine Federn, worauf er stolzirt, in alle vier Winde!

Also sagte die höllische Göttin. Der Kater erwachte,
Sah mit funkelnden Augen umher und brüllte nach Blute.
Wie ein Blitz sich vom hohen Olymp in die Felder hinabreißt
Und den blühenden Baum zerschmettert, worunter der Schäfer
Oft auf seinem harmonischen Horn die Auen ergötzet:
So riß Cyper sich auch, den Nebenbuhler zu tödten,
Unter dem Ofen hervor, und sprang so behend wie ein Panther
Auf den goldenen Käfich. Der Vogel sinket vor Schrecken
Auf den Boden des Käfichs; doch hätt‘ ihn Cyper unfehlbar
Voller Mordsucht gewürgt, wenn nicht der ehrliche Raban
Auf das wilde Geschrei dem Vogel zu Hülfe geeilet.
Eben hatte der häusliche Greis den knotigen Dornstock,
Seinen Feldstab, in zitternder Hand; kaum sah er den Kater
Ueber den Käfig geklammert, so schlug er mit männlichen Kräften
Seiner Nichte Liebling auf’s Haupt. Die grausame Parce
Schnitt sein neunfaches Leben entzwei, und Cyper, entseelet,
Fiel vom Käfich, der Käfich auf ihn, und über den Käfich
Stürzte der Alte; vom donnernden Lärm erbebte das Zimmer!

Aengstlich erwacht die holde Rosaura vom wüsten Getümmel;
Fliegt im leichten Gewand zu ihrem Gemache, worin sie
Mit erstarrendem Blick das blutige Trauerspiel wahrnimmt.
Dreimal klang mit ängstlichem Schall die silberne Schelle
Durch das hallende Schloß; doch eh‘ Lisette sich nahet,
Hilft das Fräulein dem Alten bereits in den sammeten Lehnstuhl.
Als er Athem geschöpft, erhub er zur weinenden Nichte,
Welche den Leichnam des Cypers erblickt, die donnernde Stimme:
Siehe, der Hund! Schon war er bereit, den Papen zu würgen!
Doch, potz Stern! ich habe noch Kraft in den Knochen! da liegt er
Todt der gierige Räuber! Er thut es nicht wieder, ich wette!
Also sprach er prahlend und stolz, und drohte noch dreimal
Mit dem knotigen Stock dem schon verblichenen Cyper.
Aber das Fräulein weinte laut; ihr Antlitz verbarg sich
Tief in ihr Schnupftuch, mit Thränen genetzt sie fiel in den Lehnstuhl.
Sage mir, Muse, die schmerzlichen Klagen des traurigen Fräuleins,
Und vergiß nicht das laute Geheul der Zofe Lisette,
Welche der Wiederhall ward von ihrem gnädigen Fräulein.
Armes Cyperchen! (seufzete laut die holde Rosaura)
Welch ein erbärmlicher Tod entreißet dich meiner Gesellschaft! –
So unrühmlich fällst du dahin in der Blüthe des Lebens,
Todtgeschlagen, mit einem Stock, unedel und grausam –
Todtgeschlagen von dem, der dich mir selber geschenket!
Regt kein Leben sich mehr in dir? Und haben auf ewig
Deine grünen funkelnden Augen für mich sich geschlossen?
Werd‘ ich dir nicht mehr den Knebelbart streichen und nicht mehr im Dunkeln
Feuer dem seidenen Haar entlocken? und wirst du mich nicht mehr
Mit dem krummen Buckel, mit scherzenden Sprüngen ergötzen?
Also Rosaura. – Die Zofe fuhr fort: Du Krone der Kater,
O, wie vornehm sahest du aus! Ganz anders, wie Kater
Niedrer Bauern im Dorf! Dein rothes, schimmerndes Halsband
Wurde von allen Katzen im ganzen Umkreis beneidet.
O, wie artig ließ es dir nicht! Nun sollst du vermodern
Und das schöne Halsband mit dir? das niedliche Halsband,
Nein! ich nehm‘ es für mich! es soll nicht mit dir vermodern!
O, wie rinnet dein purpurnes Blut nicht über dein Haupt her!
Ja, du bist todt! Du bist es auf ewig, du armer Cyper!

Als sie dies sprach, erhub sich von Neuem der Fräulein Gewinsel,
Und der Alte weinete selbst. Er faßte die Nichte
Bei der Hand und führte sie weg vom traurigen Zimmer.
Und die Zofe heulete lauter: Der arme Cyper!
Und das Fräulein antwortete schluchzend: Der arme Cyper!
Cyper! rufte die Wand, und Cyper! Cyper! der Pape,
Welcher dem Feind im Tode vergab. Die Furie sah es
Voller höllischen Fröhlichkeit an, und stürzte sich zischend
Durch die verdunkelte Luft, und sank in die Fluthen des Orkus.

Black Cat via Abecedarian

Zweyter Gesang

Kaum beherrschte Lisette nunmehr das einsame Zimmer
Unumschränkt und allein, so nahm sie die Maske der Trauer
Von dem Gesicht, und war nicht mehr der Seufzer Rosaurens
Stets gefälliges Echo. Sie warf auf den Leichnam des Katers,
Den sie so sehr im Leben gehaßt, zufriedene Blicke.
Also schaut der würgende Sieger zufrieden in’s Schlachtfeld;
Weidet die Augen am Blut der Erschlagenen; die wiehernden Rosse
Tragen ihn hoch auf Leichnamen her. – Indem die Posaune
Siegender Heerschaaren um ihn ertönt, so dünkt er ein Gott sich.
Höhnisch stieß die erbitterte Zofe den blutigen Leichnam
Mit dem Fuß, doch riß sie vorher mit entweihenden Händen
Von dem Halse den blendenden Purpur, mit silbernen Blumen,
Und mit Laubwerk gestickt; besah ihn mit geizigen Blicken,
Rollt ihn zusammen und sprach: Dem Himmel sey Dank, daß du endlich
Deinen verräth’rischen Hals gebrochen, verworf’nes Geschöpfe!
Wohl mir, daß ich dich todt, du falsche Bestie, sehe!
O, wie bin ich so sicher nunmehr, daß künftig mein Fräulein
In dem Schooße dich wiegt und dich aus Zärtlichkeit küsset.
Pfui! wie konnten die schönsten Lippen so zärtlich dich küssen,
Und wie konnte die weicheste Hand dein Fuchshaar so streicheln!
Geh‘ nun hin, du hungriger Räuber, und friß mir den Braten,
Oder das braune Ragout, das ich vom Munde mir sparte!
Geh‘ nun hin und würge dir Tauben, und hole dir ferner
Papageyen zum leckeren Fraß! es sey dir erlaubet!

Also spottete sie des armen getödteten Murners.
O, wie plötzlich ändern sich nicht die gleißenden Reden
Eines veränderten Hofs, der nichts mehr fürchtet und hoffet!
Jetzt eröffnete Lisette das Fenster; sie fasset den Körper
Bei dem hintersten Bein, und wirft ihn zum Fenster herunter
Auf den schimpflichen Mist. So stürzten die Statuen eh’mals
Eines Tyrannen herab; so ward das Schrecken der Römer,
Nun ein verstümmelter Rumpf, in faule Kanäle geschmissen.

Fern vom traurigen Zimmer befand sich indessen Rosaura
Bei dem gütigen Alten, der sie mit holden Gesprächen,
Von anmuthigen Reisen in’s Bad, zu trösten bemüht war,
Ihr Geschenke versprach von neuen, modischen Stoffen,
Und mit Soucis, und Lila, und Dauphine sie erfreute.
Muntrer kam sie zu ihrem Gemach; des Lieblings vergessend,
Denket sie nicht an sein Grab, und setzt zum Putze sich nieder.
Schachteln gingen da auf, und Büchsen wurden eröffnet;
Eisen glühten in schwarzen Vulkanen, und Wolken von Puder
Wälzten sich gegen den Tag; dann rollte die rasselnde Kutsche
Glänzender Fremden über den Hof. Es dampfte die Küche
Hohen Geruch von Braten, Pasteten und kräftigen Brühen.
Eine muntere Tafel, von leichten Scherzen umflattert,
Schmauste den langen Nachmittag durch; die hellen Pokale
Taumelten unter den Junkern herum, bis durch die Gewölke
Freundlich der Abendstern blinkte; da unterdessen das Fräulein,
Von der horchenden Schaar am silbernen Flügel umringet,
Mit dem holden Gesang die eilenden Stunden verkürzte.
So ward alles Leid und alle Trauer vergessen.

Und nun eilte bereits die murrende Seele des Katers
Zu der Hölle hinab. – Verzeiht es, Stygische Mächte
Ihr Beherrscher der Seelen, ihr einsamen Schatten; du, Chaos,
Phlegeton, und ihr öden Behausungen, daß ich es wage,
Vor der Lebenden Blick des Abgrunds Tiefen zu zeigen,
Murner wandelte fort durch dicke Cimmerische Nächte
Ueber Pluto’s finstre Gefilde. Der Vorhof der Hölle
Schlang ihn ein. Da wohnten die Klagen, die räch’rischen Sorgen,
Bleiche, tödtliche Seuchen, das traurige Alter, der Hunger,
Armuth und Furcht. Viel scheußliche Larven, der Krieg und die Zwietracht
Mit dem Schlangenhaar hauseten hier. In rauschenden Hainen
Dunkeler Ulmen flatterten da die schrecklichen Träume.
Schaarenweis gingen hier auch viel schreckende Ungeheuer,
Wilde Centauren, Gorgonen, Hyänen und schmutzige Harpyen.
Bang und zitternd eilete Murner durch diese Gestalten
Zu den Stygischen Ufern, und wallte verlassen und traurig
Am Gestade des dunkeln Cocytus. Es brausten die Wasser
Unaufhaltsam und wild zu den Pforten des Todes hinüber.
Durch sie fuhr der finstere Charon; ein schmutziger Alter,
Dessen grauer, verworrener Bart den Gürtel herabfloß.
Mürrisch saß er im Kahn und steuerte langsam sein Fahrzeug
Gegen die brausende Fluth zum Ufer, wo Schaaren von Seelen
Zum Gestade sich drängten. Hier gingen unter einander
Fürsten, Komödianten und Dichter, und Huren und Nonnen,
Goldmacher, Räuber und Prokuratoren, und Aerzte; mit ihnen
Todtengräber, nebst lachenden Erben. Auch gingen hier Seelen
Vornehmer Damen, mit Seelen von Hunden und Katzen, und Vögeln;
Da die Schatten indeß von ihren verachteten Kindern
Einsam an dem Gestade zur Mutter die Stimmen erhuben,
Welche sie vornehm verließ und lieber die Seele des Hündchens,
Ihres Vergnügens im Leben in Charons Nachen mit wegnahm,
Wie im Herbste der Nord die gelbgewordenen Wälder
Brausend durchfährt, und dicke Wolken von fallenden Blättern
Ueber die Thäler verstreut; und wie an Thulens Gestaden
Schreiende Schaaren von wandernden Vögeln die Wogen bedecken:
Also stürzten die Schatten zum Ufer, und streckten die Hände
Bittend zum Charon empor, der einige Bittende einnahm,
Aber andre mit schwankendem Ruder vom Kahne zurückhielt.
Denn der mürrische Greis führt keine verstorbenen Seelen
Ueber die Stygischen Wasser und hohen Cocytischen Fluthen,
Wenn nicht ihr Körper auf Erden die letzten Ehren erhalten
So ward auch der Schatten des Katers vom Fahrzeug entfernet.
Traurig ging er am Ufer herum, und hoffte vergebens
Ueber den Fluß zu kommen. Er sprang zuletzt in die Fluthen,
Und versuchte herüber zu schwimmen; doch Charon ergriff ihn
Mit dem mächtigen Ruder, und schlug ihn zum Ufer zurücke.
Voller Verzweiflung mischt‘ er sich d’rauf zu bleichen Gespenstern,
Welche zur Oberwelt eilten, und kam mit ihnen von Neuem
Zu dem Schlosse zurück, wo sein verachteter Leichnam
Auf dem Miste noch lag, dem Knecht und der Viehmagd zum Abscheu.

Black Cat via Abecedarian

Dritter Gesang

Lange schon hatte die finstre Nacht mit mächtigen Schwingen
Ueber die Welt und das Dorf sich verbreitet. Die furchtsame Schloßuhr
Schlug jetzt zwölf; die schreckliche Stunde, worin die Gespenster
Frei umhergehn, mit rasselnden Ketten, mit glühenden Augen,
Und mit scheußlichen Larven. Die tiefste Ruhe beherrschte
Das altvät’rische Schloß; der alte Raban, Rosaura,
Koch und Kutscher und Magd lag tief im Schlafe vergraben.
Nur Lisette stickete noch, bei nächtlicher Lampe,
Ihrem Geliebten, dem schwarzen Jäger, Manschetten, als plötzlich
Die gefürchtete Mitternachtstunde mit silberner Stimme
Durch das einsame Schloß erschallt; da fiel ihr die Nadel
Aus der zitternden Hand; im Augenblick nahm sie das Nachtlicht
Und ging bebend aus Angst zur schneckenförmigen Treppe.
Aber wie blind macht öfters die Furcht! Anstatt daß die Zofe
Zu dem niedern Gemach dicht an dem Dache hinaufstieg,
Kam sie in ihrer Bestürzung herab zur Thüre des Kellers.
Dieser war, schrecklich und wüst, schon lange die schwarze Behausung
Aller Gespenster gewesen. In bangen Mitternachtstunden
Hörte man oft ein Winseln darin, auch hatte der Kutscher
Blaue Lichter bei flimmernden Schätzen d’rin brennen gesehen.
Wie vom Donner gerührt stand jetzt die furchtsame Zofe
Vor dem Schlunde des Kellers; ein kalter panischer Schrecken
Sträubte der zitternden Nymphe das Haupthaar empor; mit Entsetzen
Stieg sie die Stufen von Neuem hinauf, und wollte nun sichrer
Ihre Kammerthür öffnen; da kam ihr der Schatten der Katze
Wild entgegen gebraust. Sie sahe die funkelnden Augen,
Und den zähnefletschenden Schlund, und stürzte sich schreiend
Tief in ihr Bette. Hier lag sie in Angst drei schreckliche Stunden,
Ohne den Kopf aus dem tiefen Gewühle der Federn zu wagen;
Bis sie der Schlaf mit dem Anbruch des Tags voll Mitleid besuchte.

Aber der Schatten des Katers begab sich zur Kammer des Alten,
Schnaubte Rache, sprang wild auf den Tisch, auf welchem ein Nachtlicht
Sterbende blaue Strahlen verstreute. Die zitternde Flamme
Fuhr in die Höh‘ und erlosch; d’rauf schallte durch’s einsame Zimmer
Murner’s Todtengeheul. Der Alte fuhr auf aus dem Schlafe,
Furchtsam und blaß; da sah er den Cyper mit glühenden Augen,
Welcher höllische Flammen aus seinem Nasenloch brauste.
Schrecklich riß er den Mund auf und schrie. Vom wilden Geheule
Schallte das Schloß, und endlich verschwand der spukende Murner.
Er flog jetzo mit weniger Schrecken zum Zimmer Rosaurens,
Und erschien ihr im Schlaf mit blassem, entstelltem Gesichte.
Schönste Rosaura, (so sprach zu ihr) vergib es der Seele
Deines getödteten Cypers, wofern er die süßeste Ruhe
Mit der blassen Erscheinung dir stört! vergib es der Seele,
Welche, sogar von den Ufern des dunkeln Cocytus gewiesen,
In der Irre sich quält, da unbegraben mein Leichnam
Auf dem Miste verachtet liegt, und meine Gebeine
Nicht einmal mit ein wenig Staub mitleidig bedeckt sind.
Ach, Rosaura! verdienet denn dies dein gewesener Liebling?
Hab‘ ich dir darum so oft im Leben die Hände geküsset,
Und die scharfen Klauen verborgen? und hab‘ ich dir darum
Deine widrigsten Feinde, die Ratten, so treulich gefangen,
Um nicht einmal ein Grab nach meinem Tode zu haben?
Ach! was kann ich dafür, daß einer Furie Listen
Mich auf deinen Vogel erhitzt? und kann ich die Triebe,
Welche die mächt’ge Natur zum Morden mir einblies, verändern?
Bin ich dafür nicht genug mit dem schmerzlichsten Tode bestrafet?
Göttliche Schöne, wenn anders dein Herz Erbarmen empfindet,
Wenn dein Cyper dir je in seinem Leben gefallen:
O, so lass‘ es nicht zu, daß sein verachteter Leichnam
Den gefräßigen Hunden und schnatternden Enten ein Raub sey!
Gib den armen Gebeinen ein Grab, und gönne die Ruhe
Seinem irrenden Schatten, daß ihm der mürrische Charon
Ueber die Stygische Fluth die Fahrt verstatte; daß nicht mehr
Sein gepeinigter Geist mit andern Gespenstern umhergeh‘,
Und in finsterer Nacht mit seiner Erscheinung erschrecke.
Also sagte der Schatten des Katers, und flog in die Lüfte.

Aengstlich erwachte Rosaura. Die Morgenröthe bedeckte
Die Gebirge mit Purpur. Es tönte vom blumigen Anger
Das erweckende Horn des Hirten. Die nützlichen Stiere
Gingen langsam am Pfluge zum Acker. Der frühe Verwalter
Trabte mit seinem wiehernden Fuchs durch Haiden und Felder;
Dreimal zog Rosaura mit Macht die tönende Schelle,
Welche mit hellem, scharfem Geläute Lisetten erweckte.
Sie erschien vom nächtlichen Schrecken noch blaß und entstellet,
Und das Fräulein red’te zu ihr mit geflügelten Worten:
Ach! wie haben wir’s denn vergessen, den armen Cyper
In die Erde zu scharren! Im Traum erschien mir sein Schatten,
Welcher herumirrt, weil wir ihn nicht mit Ehren bestattet.
Ich vergeb‘ es mir nie, ich Undankbare! Wie hast du
Mich nicht erinnert, Lisette! So lägen seine Gebeine
Nicht verachtet in freier Luft, den Thieren zum Raube!
Eile, befiehl dem Gärtner, sogleich vom Mist ihn zu nehmen,
Und ihm unter den Linden am Wasser ein Grab zu bereiten.
Also das Fräulein. Lisette versetzt‘: Noch beb‘ ich vor Schrecken,
Denn auch mir ist der Schatten des todten Cypers erschienen.
O, wie gräßlich drohte sein Blick, indem er wildheulend
Ueber den Weg mir lief! Wir wollen ihn schleunig begraben,
Daß er nicht wieder mit seiner Erscheinung die Nacht durch uns störe!
Als sie noch sprach, da kam auch der Alte mit zitternden Füßen,
Lehnte sich auf den Dornstock und sprach: Ihr Kinder, begrabet
Schleunig den Leichnam des Katers! Noch bin ich des Todes vor Schrecken!
Denn, potz Stern! ich hab‘ ihn gesehn! Wie glühten dem Teufel
Seine höllischen Augen! Wie schnaubte die grimmige Nase
Flammen umher – ich verlang‘ es nicht wieder noch einmal zu sehen!

Eilend begab sich die Iris des Fräuleins zum Gärtner und sagte:
Conrad, folge mir nach, und nimm vom Miste den Leichnam
Unsers verstorbenen Cypers. Am Wasser unter den Linden
Mach‘ ihm ein Grab, und leg‘ ihn darein; damit er nicht wieder
In dem Schlosse mit seiner Erscheinung die Lebenden schrecke.
Deine Mühe soll dir ein blanker Gulden belohnen,
Und ein Glas voll herrlichen Branntweins die Kehle dir netzen.

Also sprach sie. Ihr folgete Conrad, von Branntwein ermuntert,
Ging auf den Hof, und nahm auf den Spaten den Leichnam des Cypers,
Trug ihn unter die Linden, und legte die starren Gebeine
Tief in ein kühles Grab. Gleich flog sein irrender Schatten
Wieder zur Hölle hinab und mischte sich unter die Seelen,
Die zum schwankenden Kahn des alten Charons sich drängten.

Black Cat via Abecedarian

Vierter Gesang

Und nun waffne dein Herz mit Muth von Neuem, Rosaura,
Wenn du die Muse zur Hölle begleitest; zur Hölle, die oftmals
Dich im Schauspiel geschreckt, wenn Teufel mit seidenen Strümpfen
Und mit blitzenden Schuhen getanzt; wenn Flammen von Pulver
Ueber die bunten, papiernen Wände des Abgrunds sich wälzten,
Und Colophoniendampf aus tiefen Schlünden heraufschlug.
Strahlte nicht durch die Nacht mir dein Auge; wie könnt‘ ich es wagen,
Zu den finstern Gefilden des Erebus zweimal zu wandeln.
Doch damit du das Schicksal des Cypers vollendet erfahrest,
Soll ihn die kühnere Muse noch jenseits des Styxes begleiten.

Charon sah den Schatten des Katers dem Flusse sich nahen.
Weil er wußte, sein Leichnam sey zur Erde bestattet,
Rückt‘ er den Kahn an’s Ufer und nahm den Murner in’s Schiff ein.
Rauschend eilte der Kahn von selbst zum Ufer hinüber,
Wo an den Pforten des Orkus der grausame Cerberus wachte,
Als die Katze den Höllenhund sah, der seine drei Rachen
Fürchterlich aufriß und bellte: da fuhr sie erschrocken zurücke,
Krümmte den Buckel und schnaubte, daß selbst der finstere Charon!
Seine Runzeln zum Lächeln verzog. Doch setzt‘ er sie endlich
An das Ufer des Tartarus aus. Sie schlüpfte verstohlen
Bei dem Höllenhunde vorbei, und kam durch die Höhle
Zu den Gestaden des flammenden Phlegetons, welcher lautbrausend
Ueber die schallenden Felsen die feurigen Wogen verfolgte.
Hier erblickte der Cyper die hohen ehernen Mauern,
Und die demant’nen Pforten, die zu dem Qualenreich führten.
Auf der eisernen Warte, die hoch in die Lüfte sich hebet,
Sitzet die immer wache Tisiphone schrecklich am Eingang,
Peitschet mit Schlangen den Flüchtling zurück, der voller Verzweiflung
Aus den schwarzen Gefilden der Pein zu entwischen gedenket.
Schaudernd hörte der Cyper die brüllenden Seufzer, die Schläge,
Mit dem Geschwirre des Eisens und schwerer rasselnder Ketten,
Welche die Elenden zogen, die hier der höllische Richter,
Rhadamantus, zu langen und grausamen Martern verdammte.
Jetzo sprangen mit schrecklichem Schall die demant’nen Pforten
Aus den donnernden Angeln. Alekto mit brennender Fackel
Fuhr heraus und faßte den Cyper, und wollte schon scheltend
Vor den Richter ihn schleppen, als sie ihn plötzlich erkannte.
O, bist du es, (erhob sie die Stimme) du trauriges Opfer
Meiner Rache, die du gewagt, für mich zu vollbringen?
Dafür sollst du die Qualen nicht sehn, die räub’rische Thiere
Hier Jahrhunderte peitschen. Denn wisse! hier werden die Löwen,
Blutige Tiger und Panther, und alle die stolzen Erob’rer,
Eh’mals das Schrecken der klagenden Wälder, verschieden gemartert,
Wölfe werden allhier bei langsamem Feuer gebraten;
Räub’rische Füchse liegen gefesselt an feurigen Ketten,
Sehn die Hühner vor sich und können sie niemals erreichen.
O, was nützet es hier dem Adler, dem König der Vögel,
Daß er Monarch war, von allen Poeten und Rednern gepriesen!
Ewig sitzet er hier in einem glühenden Käfich,
Und verfluchet, daß man in ihm den Räuber vergöttert.
Aber wie könnt‘ ich dir, Murner, unzählbare Qualen beschreiben,
Welche das räub’rische Thier hier strafen, wofern es die Unschuld,
Oder die nützlichen Thiere gewürgt! Doch trifft nicht dies Urtheil
Dich, und alle die Thiere, die mit den räch’rischen Zähnen,
Oder mit scharfen Klauen und Schnäbeln das Ungeziefer,
Ratten und Mäuse, Schlangen und Eidechsen, Spinnen und Raupen
Zu verderben gesucht; die gehn in schattigen Hainen
Glücklich einher; doch müssen die Katzen nicht singende Vögel,
Oder unschuldige Hühner erwürgen, sonst werden sie gleichfalls
Mit den Wölfen gebraten und mit den Füchsen gepeinigt.
Wohl dir, daß dich dein Schicksal bewahrt! Verfolge nun ferner
Deinen Weg von diesem Flusse nach jenen Gefilden,
Wo die glücklichen Thiere wandeln – dir wird man auf Erden
Unter den Linden am Bach ein prächtiges Denkmal errichten,
Und bei dem Grabe weinen. – So sprach sie. Die Pforten
Sprangen hinter ihr zu, und über die ehernen Säulen
Schlug ein schwefliger Dampf, mit blauen Flammen vermischet.
D’rauf ging Murner mit muthiger’m Schritt durch dunkele Wege,
Bis er zu jenen glücklichen Wäldern und Auen gelangte,
Wo die milderen Thiere nach ihrem Tode spazieren.
Hier herrscht ewiger Lenz; hier fließen die Quellen des Aethers
Sanfter aus gütigen Sonnen; und über die lachenden Felder
Hat die güt’ge Natur ihr ganzes Füllhorn verschüttet.
Durch die blühenden Auen ergießt in gleißenden Wellen
Lethe den schlängelnden Strom. Hier trinken mit durstigen Zügen
Alle Thiere Vergessenheit ein, und ihre Naturen
Werden hier milder gemacht. Auch baden hier alle die Seelen,
Welche vom Schicksal zur Wand’rung in andre Leiber bestimmt sind.
Hier sah Cyper den Schatten des Hofhunds, welcher erwählt war,
Eines künftigen Harpagons Körper zur Wohnung zu haben.
Seelen von Papageyen, bestimmt, in Weise zu fahren,
Und in Dichter, welche für sich zu denken nicht wagen,
Gingen allhier; auch Seelen von Pfauen für eitele Damen,
Seelen von Raben für Richter, und Seelen von Füchsen für Schreiber.
Andere Seelen von besseren Thieren genossen hier Ruhe,
Freiheit und ewigen Lenz in ihren elysischen Feldern.
Hier ging munter das edle Roß auf grünenden Wiesen;
Frische Winde kräuselten ihm die fliegenden Mähnen,
Und es wieherte Freiheit. Auf holden blumigen Angern
Stand der nützliche Stier, auf ewig vom Joche befreiet.
Das unschuldige Schaf sprang auf dem lachenden Hügel
Scherzend einher, und erntete hier die süße Belohnung
Seiner Geduld und Nützlichkeit ein. Die blühenden Wälder
Schallten wieder von farbigen Sängern. Der Colibri Schaaren
Hingen wie Gold an den Aesten. Der holden Nachtigall Lieder
Drangen bis in der Seelen Gefild‘, wo zärtliche Dichter
Ihren Seufzern zuhörten. Die gold’nen Canarienvögel
Füllten die Luft mit Musik; der strahlende Vogel der Sonne
Machte die Ufer umher von seinen Gesängen ertönen.
Murner trank den Letheischen Fluß mit geizigen Zügen,
Und sein räub’risches Wesen ward bald in Sanftmuth verwandelt.
Als er freundlich im Sonnenschein saß, da kamen die Tauben
Zu ihm vertraulich herab, und scherzend spielt‘ er mit ihnen,
Er vergaß den schmerzlichen Tod, in stiller Erwartung,
Einst in einem edleren Körper in’s Leben zu kehren.

Black Cat via Abecedarian

Fünfter Gesang

Muse, lass‘ uns nunmehr aus unterirdischen Reichen
Wieder zur Oberwelt kehren! Und wenn du mit goldener Leier
Mir die einsamen Stunden versüßt, und wenn dich Rosaura
Mit holdseligem Beifall beehrt, so höre gelassen,
Was der tiefgelehrte Pedant, das spitzige Fräulein,
Oder der Duns in der Knotenperücke zum Hohne dir sagen.

Conrad hatte nunmehr das Mausoleum des Katers
Mit der letzten Erde bedeckt. Er hob nun den Spaten
Auf die breiten Schultern, und ging, stillschweigend und feiernd,
Ueber den Edelhof weg. So wenden sich Todtengräber
Langsam feierlich wieder zurück, wenn unter dem Beileid
Christlicher Juden und Wechsler ein reicher Geizhals verscharrt ist.
Ihn sah über den Hof Rosaura; da stiegen ihr Thränen
In die himmlischen Augen; sie rührten den ehrlichen Raban,
Und er begleitete sie mit seinem zärtlichen Mitleid.
Endlich brach Rosaura das traurige Schweigen und sagte:
Geh‘ nun hin, getreue Lisette, bezahle den Gärtner
Für den letzten dem Cyper erwiesenen Dienst, und befiehl ihm
Veilchen zu pflücken, damit ich sein Grab mit Blumen bestreue!

Also Rosaura; darauf nahm sie den Hut und stieg mit dem Onkel
Ueber den Hof. – Am Graben der Burg stehn heilige Linden
Mit den dicken waldigen Wipfeln bei zackigen Tannen.
Ihre Wurzeln waschen beständig die silbernen Wellen,
Und ein höheres Grün belebet die saftigen Zweige.
In der Mitte strecket ihr Haupt die größte von allen
Stolz zu den Wolken empor; es wohnen die Vögel des Himmels
Im ehrwürdigen Baum, der fast den Augen ein Wald scheint.
Ein erfrischender Balsamgeruch von Thymiansbüschen
Und Lavendel herrschet allhier; und über dem Rasen
Blitzen viel tausend gesternte Ranunkeln und schimmernde Blumen,
Welche die wilde Natur, die Kunst zu beschämen, hervorbringt.
Hier lag Murner am Fuß der großen Linde verscharret;
Angenehm war sein einsames Grab von Bäumen umschattet,
Gleich den Gräbern der Alten, die nicht mit Leichengerüchen
Ihre Tempel erfüllt, und todt noch Seuchen erweckten.
Bei dem Grabe standen Rosaura, der Onkel, mit ihnen
Conrad, Lisette, nebst Herrmann, dem Jäger. Die holde Rosaura
Nahm zwei Hände voll Veilchen, und streute sie über das Grabmal
Ihres geliebten Cypers. Da nahm der Jäger sein Jagdhorn,
Wie der gehörnete Mond gestaltet, von männlichen Schultern,
Und fing an mit kläglichem Ton in die Haine zu blasen,
Wie nach Jägers Gebrauch der todte Hase beklagt wird.
Alle Hunde wurden d’rauf laut; auch kamen die Katzen
Auf den Dächern des Schlosses zusammen, und heulten erbärmlich
Ueber den Tod des treuen Gefährten, da Ratten und Mäuse
Heimlich jauchzten und Festtage hielten, daß Cyper gefallen.
Endlich wandte Rosaura sich von dem Grabe; sie sprach noch,
Als sie ging: So ruhet denn sanft im Schatten der Linden,
Werthe Gebeine des Cypers! O, daß nicht die Musen die Stirne
Mir mit Lorbeer gekrönt, und daß nicht hier in dem Dorfe
Jemand die Sprache der Götter gelernt; sonst sollte dein Name,
Zu den Sternen erhöht, den spätesten Zeiten noch werth seyn.
So das Fräulein, und kehrte zurück nach ihren Gemächern.

Fama begab sich indeß mit ihrer hellen Posaune
Durch das Dorf, und ließ sich herab zum Hause des Küsters,
Welcher mit majestätischem Ernst die Jugend des Dorfes
Vor sich sah. Mit lautem Geschrei und stammelnder Zunge
Wiederholen sie oft die schweren Versuche zum Lesen.
Ihm naht sich die Göttin und spricht: Du Liebling Apollo’s,
Schweigst du jetzt bei’m Tode des Cypers des gnädigen Fräuleins
Und versäumst nachlässig, unsterblichen Ruhm zu erlangen?
Gab die Natur dir umsonst die Wundergabe zu reimen,
Neujahrswünsche zu machen, mit mancher poetischen Inschrift
Häuser und Scheuern zu zieren? Und jetzo wolltest du zaudern,
Einen klingenden Vers dem Cyper zu Ehren zu machen?
Also goß sie den dicht’rischen Trieb in die Seele des Küsters,
Der sich erhob vom krachenden Thron, aus Binsen geflochten.
Und sogleich der lärmenden Schule die Freiheit ertheilte.
Wie die Heerde geschwätziger Gänse, vom Schießhund gejaget,
Mit Geschrei über die Lüfte sich hebt, und über dem Dorfteich
In das sichre Schilf sich rettet, so drangen die Knaben
Jauchzend aus ihrem dumpfigen Kerker und liefen zum Spielplatz,
Wo mit Jubelgeschrei der elastische Ball in die Luft stieg.
Aber der Küster steckte die Fasces des wichtigen Lehramts,
Seine birkene Ruth‘ und den Stock, an das schwitzende Fenster.
Jetzo war er allein. Er nahm die zaub’rische Feder,
Zog an der Stirne schreckliche Runzeln, verkehrte die Augen,
Und fing an mit tiefen Gedanken auf Reime zu sinnen.
Dreimal schmiß er die Feder halb aufgefressen zur Erde,
Dreimal beschwor er die Muse und seinen getreuesten Hübner.
Endlich sprang er freudenvoll auf und las mit Entzücken
Den erstaunenden Wänden die herrliche Grabschrift der Katze.
Muse! dir ist nichts verhüllt, erzähle der Nachwelt die Grabschrift,
Wenn dein freierer Vers nicht vor den Reimen zurückbebt.
Also lautete sie:

Hier liegt ein Kater der schönsten Art,
Der Cyper von Fräulein Rosauren zart.
Zu seinen Ehr’n hat dieses gestellt
Der Küster Martin Schinkenfeld.

Als er nunmehr auf Papier, mit Todtenköpfen gezieret,
Diese Reime gemalet und seine Perücke gekämmet,
Ging er voll Hochmuth zum Schloß und überreichte Rosauren
Feierlich seine Geburt mit krummem, scharrendem Fuße.
Lächelnd nahm Rosaura die Grabschrift und sagte: Herr Küster,
Dieses werde dem Cyper zu Ehren in Marmor geätzet,
Als ein ewiges Denkmal sein frühes Grab zu bedecken.
Ihm, dem Dichter, sollen zwei Lüneburgische Rosse,
Welche, noch neu, im Silbergewölk die Nasen erheben,
Seine Mühe versüßen. So sprach sie, und schickte den Jäger
Nach dem Steinmetz, welcher die Grabschrift mit künstlichem Griffel
Auf den adrischen Marmor schrieb. Er liegt nun auf ewig
Ueber der Gruft; der gefällige Fremde betrachtet ihn oftmals;
Und der neugierige Wand’rer erzählt in fernen Provinzen
Von dem redenden Stein. So steigt der Name des Cypers
Zu den Sternen hinauf und reicht in die fernesten Zeiten.

[Alternativer Schluss: An die Sterne; die späteren Nachwelten werden ihn kennen.]

[Alternativer Schluss 2: An die Sterne; die späteste Zeit wird von ihm erschallen.]

Black Cat via Vantawan, 15. September 2015

Katzenbilder: — entgegen der Beschreibung des Protagonisten als „fleckiger Kater“ — mit schwarzen Katzen: Alle Zeichnungen via Abecedarian, meistens mit dem Hinweis:

Inexplicable images from generations ago invite us to restore the lost sense of immediacy. We follow the founder of the Theater of Spontaneity, Jacob Moreno, who proposed stringing together „now and then flashes“ to unfetter illusion and let imagination run free. The images we have collected for this series came at a tremendous price, which we explained previously.

Das Foto erreicht uns über Vantawan, 15. September 2015.

Soundtrack: Jack & Amanda Palmer: Wynken Blynken, & Nod, aus: You Got Me Singing, 2016:

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Written by Wolf

21. Dezember 2018 um 00:01

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