Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

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4. Katzvent: Was ich gebar in Stunden der Begeisterung

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Der Advent 2016 führt uns nicht mehr einfach das künstlerische Schaffen über Katzen vor,
sondern das von Katzen.

Das lyrische Gesamtwerk des Katers Murr

Weltweit zum ersten Mal gesammelt folgen die Gedichte des vortrefflichen Katers Murr, die der Étudiant en belles lettres und Homme de lettres très renommé sich selbst zuschreibt — also nicht, was im Dritten Abschnitt: Die Lehrmonate. Launisches Spiel des Zufalls der Katerchor singt und von Murr aus dem Gedächtnis zitiert wird, und nicht der Ausschnitt aus dem Orlando furioso aus dem Vierten Abschnitt: Erspriessliche Folgen höherer Kultur. Die reiferen Monate des Mannes.

Die Bilder sind die beiden bildnerischen Werke, die uns durch den Ziehvater des historischen Katers Murr überliefert wurden, welch letzterer am 1. Dezember 1821 entschlief, „um zu einem beßern Dasein zu erwachen“: durch den getreuen, noch bis 25. Juni 1822 überlebenden Kammergerichtsrat E.T.A. Hoffmann, und bilden somit ebenfalls ein Gesamtkorpus.

Kater Murr, Skizze 1

——— Kater Murr:

Was ich gebar in Stunden der Begeisterung

Ausschnitte aus: E.T.A. Hoffmann: Lebens-Ansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern, Ferdinand Dümmlersche Verlagsbuchhandlung, Berlin, 1819 und 1821:

„Leugnet es nur nicht,“ fuhr der Professor fort, „leugnet es nur nicht, an dem Kleinen dort in der Kammer habt Ihr jene abstrakte Erziehungsmethode versucht, Ihr habt ihn lesen, schreiben gelehrt, Ihr habt ihm die Wissenschaften beigebracht, so daß er sich schon jetzt unterfängt, den Autor zu spielen, ja sogar Verse zu machen.“

„Nun,“ sprach der Meister, „das ist doch in der Tat das Tollste, was mir jemals vorgekommen! – Ich meinen Kater erziehen, ich ihm die Wissenschaften beibringen! – Sagt, was für Träume rumoren in Eurem Sinn, Professor? – Ich versichere Euch, daß ich von meines Katers Bildung nicht das mindeste weiß, die selbe auch für ganz unmöglich halte.“

„So?“ fragte der Professor mit gedehntem Ton, zog ein Heft aus der Tasche, das ich augenblicklich für das mir von dem jungen Ponto geraubte Manuskript erkannte, und las:

„Sehnsucht nach dem Höheren

Ha, welch Gefühl, das meine Brust beweget?
Was sagt dies unruh- – ahnungsvolle Beben,
Will sich zum kühnen Sprung der Geist erheben,
Vom Sporn des mächt’gen Genius erreget?

Was ist es, was der Sinn im Sinne träget,
Was will dem liebesdrangerfüllten Leben
Dies rastlos brennend feurig-süße Streben,
Was ist es, das im bangen Herzen schläget?

Entrückt werd‘ ich nach fernen Zauberlanden,
Kein Wort, kein Laut, die Zunge ist gebunden,
Ein sehnlich Hoffen weht mit Frühlingsfrische,

Befreit mich bald von drückend schweren Banden.
Erträumt, erspürt, im grünsten Laub gefunden!
Hinauf mein Herz! beim Fittich ihn erwische!“

Ich hoffe, daß jeder meiner gütigen Leser die Musterhaftigkeit dieses herrlichen Sonetts, das aus der tiefsten Tiefe meines Gemüts hervorfloß, einsehen und mich um so mehr bewundern wird, wenn ich versichere, daß es zu den ersten gehört, die ich überhaupt verfertigt habe.

„Hoho,“ rief der Meister, „wahrhaftig, das Sonett ist eines Katers vollkommen würdig, aber noch immer verstehe ich nicht Euern Spaß, Professor, sagt mir nur lieber geradezu, wo Ihr hinauswollt.“

Der Professor, ohne dem Meister zu antworten, blätterte im Manuskript und las weiter:

„Glosse

Liebe schwärmt auf allen Wegen,
Freundschaft bleibt für sich allein,
Liebe kommt uns rasch entgegen,
Aufgesucht will Freundschaft sein.

Schmachtend wehe, bange Klagen
Hör‘ ich überall ertönen,
Ob den Sinn zum Schmerz gewöhnen,
Ob zur Lust, ich kann’s nicht sagen,
Möchte oft mich selber fragen,
Ob ich träume, ob ich wache.
Diesem Fühlen, diesem Regen,
Leih ihm, Herz, die rechte Sprache;
Ja, im Keller, auf dem Dache,
Liebe schwärmt auf allen Wegen!

Doch es heilen alle Wunden,
Die der Liebesschmerz geschlagen,
Und in einsam stillen Tagen
Mag, von aller Qual entbunden,
Geist und Herz wohl bald gesunden;
Art’ger Kätzchen los Gehudel,
Darf es auf die Dauer sein?
Nein! – fort aus dem bösen Strudel,
Unterm Ofen mit dem Pudel,
Freundschaft bleibt für sich allein!

Wohl, ich weiß es, widerstehen
Mag man nicht dem süßen Kosen,
Wenn aus Büschen duft’ger Rosen
Süße Liebeslaute wehen.
Will das trunkne Aug‘ dann sehen,
Wie die Holde kommt gesprungen,
Die da lauscht an Blumenwegen,
Kaum ist Sehnsuchts-Ruf erklungen,
Hat sich schnell hinangeschwungen.
Liebe kommt uns rasch entgegen.

Dieses Sehnen, dieses Schmachten
Kann wohl oft den Sinn berücken,
Doch wie lange kann’s beglücken,
Dieses Springen, Rennen, Trachten!
Holder Freundschaft Trieb‘ erwachten,
Strahlten auf bei Hespers Scheine.
Und den Edlen brav und rein,
Ihn zu finden, den ich meine,
Klettr‘ ich über Maur und Zäune,
Aufgesucht will Freundschaft sein.“

In dem Augenblick entstand ein fürchterlicher Lärm. Die Menschen liefen durcheinander, schrien: „Feuer! – Feuer!“ Reuter sprengten durch die Straßen – Wagen rasselten. – Aus den Fenstern eines Hauses, unfern uns, strömten Rauchwolken und Flammen. – Ponto sprang schnell vorwärts, ich aber in der Angst kletterte eine hohe Leiter hinauf, die an ein Haus gelehnt, und befand mich bald auf dem Dache in voller Sicherheit. Plötzlich kam mir – alles so bekannt, so heimisch vor, ein süßes Aroma, selbst wußt‘ ich nicht, von welchen vortrefflichen Braten, wallte in bläulichen Wolken über die Dächer daher, und wie aus weiter – weiter Ferne, im Säuseln des Abendwindes, lispelten holde Stimmen: „Murr, mein Geliebter, wo weiltest du so lange?“ –

„Was ist’s, das die beengte Brust
Mit Wonneschauer so durchbebt,
Den Geist zum Himmel hoch erhebt,
Ist’s Ahnung hoher Götterlust?
Ja – springe auf, du armes Herz,
Ermut’ge dich zu kühnen Taten,
Umwandelt ist in Lust und Scherz
Der trostlos bittre Todesschmerz,
Die Hoffnung lebt – ich rieche Braten!“

So sang ich und verlor mich, des entsetzlichen Feuerlärms nicht achtend, in die angenehmsten Träume! Doch auch hier auf dem Dache sollten mich noch die schreckhaften Erscheinungen des grotesken Weltlebens, in das ich hineingesprungen, verfolgen. Denn ehe ich mir’s versah, stieg aus dem Rauchfange eines jener seltsamen Ungetüme empor, die die Menschen Schornsteinfeger nennen. Kaum mich gewahrend, rief der schwarze Schlingel: „Husch Katz!“ und warf den Besen nach mir.

„Ha,“ rief ich, „zu ihr hinauf aufs Dach! – Ha, ich werde sie wiederfinden, die süße Huldin, da, wo ich sie zum erstenmal erblickte, aber singen soll sie, ja singen, und bringt sie nur eine einzige falsche Note heraus, dann ist’s vorbei, dann bin ich geheilt, gerettet.“ Der Himmel war heiter, und der Mond, bei dem ich der holden Miesmies Liebe zugeschworen, schien wirklich, als ich auf das Dach stieg, um sie zu erlauern. Lange gewahrte ich sie nicht, und meine Seufzer wurden laute Liebesklagen.

Ich stimmte endlich ein Liedlein an im wehmütigsten Ton, ungefähr folgendermaßen:

„Rauschende Wälder, flüsternde Quellen,
Strömender Ahnung spielende Wellen,
Mit mir o klaget!
Saget, o saget!
Miesmies, die Holde, wo ist sie gegangen,
Jüngling in Liebe, Jüngling, wo hat er
Miesmies, die süße Huldin, umfangen?
Tröstet den Bangen.
Tröstet den gramverwilderten Kater!
Mondschein, o Mondschein,
Sag‘ mir, wo thront mein
Artiges Kindlein, liebliches Wesen!
Wütender Schmerz kann niemals genesen!
Trostloser Liebender kluger Berater,
Eil‘ ihn zu retten
Von Liebesketten,
Hilf ihm, o hilf dem verzweifelnden Kater.“

Seht ein, geliebter Leser, daß ein wackerer Dichter weder sich im rauschenden Walde befinden, noch an einer flüsternden Quelle sitzen darf, ihm strömen der Ahnung spielende Wellen doch zu, und in diesen Wellen erschaut er doch alles, was er will, und kann davon singen, wie er will.

Hier sind die Verse, die meinen Zustand, sowie den Übergang von Leid zur Freude mit poetischer Kraft und Wahrheit schildern.

„Was wandelt, horch! durch finstre Räume,
In öder Keller Einsamkeit?
Was ruft mir zu: ‚Nicht länger säume!‘
Wes Stimme klagt ein herbes Leid?
Dort liegt der treue Freund begraben,
Nach mir verlangt sein irrer Geist.
Mein Trost soll ihn im Tode laben,
Ich bin’s, der Leben ihm verheißt!

Doch nein! – das ist kein flücht’ger Schatten,
Der solche Töne von sich gibt!
Sie seufzen nach dem treuen Gatten,
Nach ihm, der noch so heiß geliebt!
In alte Liebesketten fallen,
Rinaldo will’s, er kehrt zurück,
Doch wie! – schau‘ ich nicht spitze Krallen?
Nicht eifersücht’gen Zornes Blick?

Sie ist’s – die Frau! – wohin entfliehen! –
Ha! welch Gefühl bestürmt die Brust.
Im keuschen Schnee der Jugend blühen
Seh‘ ich des Lebens höchste Lust.
Sie springt, sie naht, und immer heller
Wird’s um mich Hochbeglückten her.
Ein süßer Duft durchweht den Keller,
Die Brust wird leicht, das Herz wird schwer.

Der Freund gestorben – sie gefunden –
Entzücken! – Wonne! – bittrer Schmerz!
Die Gattin – Tochter – neue Wunden! –
Ha! – sollst du brechen, armes Herz?
Doch kann den Sinn wohl so betören
Ein Trauermahl, ein lust’ger Tanz?
Nein – diesem Treiben muß ich wehren,
Mich blendet nur ein falscher Glanz.

Hinweg, ihr eitlen Truggebilde,
Gebt höherm Streben willig Raum!
Gar manches führt die Katz im Schilde,
Sie liebt, sie haßt und weiß es kaum.
Kein Ton, kein Blick, senkt eure Augen,
O Mina, Miesmies, falsch Geschlecht!
Verderblich Gift, nicht will ich’s saugen,
Ich flieh‘, und Muzius sei gerächt.

Verklärter! – ja, bei jedem Braten,
Bei jedem Fisch gedenk‘ ich dein!
Denk‘ deiner Weisheit, deiner Taten,
Denk‘ Kater ganz wie du zu sein.
Gelang es hünd’schem Frevelwitze
Dich zu verderben, edler Freund,
So trifft die Schmach blutgier’ge Spitze,
Es rächet dich, der um dich weint.

So flau, so jammervoll im Busen
War mir’s, ich wußte gar nicht wie,
Doch hoher Dank den holden Musen,
Dem kühnen Flug der Phantasie.
Mir ist jetzt wieder leidlich besser,
Spür‘ gar nicht g’ringen Appetit,
Bin Muzius gleich ein wackrer Esser
Und ganz in Poesie erglüht.

Ja Kunst! du Kind aus hohen Sphären,
Du Trösterin im tiefsten Leid,
O! – Verslein laß mich stets gebären
Mit genialer Leichtigkeit.
Und: ‚Murr‘, so sprechen edle Frauen,
Hochherz’ge Jünglinge, ‚o Murr;
Du Dichterherz, ein zart Vertrauen
Weckt in der Brust dein süß Gemurr!'“

Die Wirkung des Versleinmachens war zu wohltätig, ich konnte mich nicht mit diesem Gedicht begnügen, sondern machte mehre hintereinander mit gleicher Leichtigkeit, mit gleichem Glück. Die gelungensten würd‘ ich hier dem geneigten Leser mitteilen, hätte ich nicht im Sinn, dieselben nebst mehreren Witzwörtern und Impromptus, die ich in müßigen Stunden angefertigt, und über die ich schon beinahe vor Lachen bersten mögen, unter dem allgemeinen Titel: „Was ich gebar in Stunden der Begeisterung“ herauszugeben.

Da schwankte die Glaskugel hin und her, und ein melodischer Ton ließ sich vernehmen, wie wenn Windeshauch leise hinstreift über die Saiten der Harfe. Aber bald wurde der Ton zu Worten:

„Noch ist Leben nicht dahin,
Trost und Hoffnung nicht verschwunden,
Was vermag der frömmste Sinn,
Hält ihn schwerer Eid gebunden?
Meister! Mut! – du wirst gesunden,
Blick‘ auf zu der Dulderin,
Die da heilt die tiefsten Wunden,
Bittrer Schmerz bringt dir Gewinn.“

„O du barmherziger Himmel,“ lispelte der Alte mit bebenden Lippen, „sie ist es selbst, die zu mir spricht von dem hohen Himmel herab; sie wandelt nicht mehr unter den Lebendigen!“ – Da ließ sich jener melodische Ton abermals vernehmen, und noch leiser, noch entfernter erklangen die Worte:

„Nicht erfaßt der bleiche Tod,
Die im Herzen Liebe tragen;
Dem glänzt noch das Abendrot,
Der am Morgen wollt‘ verzagen.
Bald kann dir die Stunde schlagen,
Die entreißt dich aller Not;
Zu vollbringen magst du wagen,
Was die ew’ge Macht gebot.“

Stärker anschwellend und wieder verhallend, lockten die süßen Töne den Schlaf herbei, der den Alten einhüllte in seinen schwarzen Fittich. Aber in dem Dunkel ging strahlend wie ein schöner Stern der Traum vergangenen Glücks auf, und Chiara lag wieder an des Meisters Brust, und beide waren wieder jung und selig, und kein finstrer Geist vermochte den Himmel ihrer Liebe zu trüben. –

– Hier hat, wie der Herausgeber es dem geneigten Leser bemerklich machen muß, der Kater wieder ein paar Makulaturblätter ganz weggerissen, wodurch in dieser Geschichte voller Lücken wiederum eine Lücke entstanden. Nach der Seitenzahl fehlen aber nur acht Kolumnen, die eben nichts besonders Wichtiges enthalten zu haben scheinen, da das Folgende sich im ganzen noch so ziemlich an das Vorhergegangene reiht.

Kater Murr, Skizze 2

Soundtrack: Katzenjammer featuring Ben Caplan und The Trondheim Soloists mit der Mutter all derer Weihnachtslieder, die man ganzjährig singen darf: dem Pogues-Klopfer Fairytale of New York aus If I Should Fall from Grace with God, 1987, 2012:

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Written by Wolf

23. Dezember 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik

3. Katzvent: Die Katze als Subjekt der bildenden Kunst

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Der Advent 2016 führt uns nicht mehr einfach das künstlerische Schaffen über Katzen vor,
sondern das von Katzen.

Update zu The Watercolors of the Astrokater und
zum 3. Katzvent 2015: Und ich singe was ich fühle:

  1. ——— Michael Mathias Prechtl:

    Astrokater Schrodinger

    aus der Galerie berühmter Katzen aus Literatur und Malerei, 1997, in: E.T.A. Hoffmann: Lebensansichten des Katers Murr Nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 1997:

    Michael Mathias Prechtl, Astrokater Schrodinger aus der Galerie berühmter Katzen aus Literatur und Malerei, 1997, in E.T.A. Hoffmann, Lebensansichten des Katers Murr Nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 1997

    Die beste amerikanische Astronautin, Amanda Jaworski, anerkannte Physikerin, Expertin in Atomphysik, Strahlenkunde, Astronomie, Geologie und Photometrie hat ihren Kater Schrodinger benannt, nach dem Physiker und Philosophen Erwin Schrödinger, der mit seinem theoretischen Experiment der “Katze im Kasten” berühmt wurde. Amerikaner leugnen die Notwendigkeit von Pünktchen auf dem o und anderswo, so daß sich der arme Schrödinger unnötig schnöde verödet vokalisiert vorkommen muß. Kater Schrodinger verschluckt zwei vom Subpartikel Tachyon verlorene Evolutionsmoleküle, fängt an zu zeichnen (ausschließlich Amandas Füße) und wird von den blauen Robotern zum Planeten Epsilon Erdani entführt, vierzig Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt. Amanda, die mit ihrem Raumschiff zum Mars fliegen soll, ändert ihren Kurs dahin, um ihren geliebten Kater zu retten.

    Wem dies alles wie Science ichweißnichtwas vorkommt, der liegt richtig, aber um die wunderbare Story zu durchschauen, muß er unbedingt Carol Hills dickes Buch lesen, mindestens zweimal.

    Ein Kater in einem dicken, physikbeschwipsten Roman von einer Frau über eine Frau für Frauen, der malen kann. Prechtl stellt ihn in einem klassischen Motivdreieck dar, als deren wichtigste Ecke die links untere mit dem Frauenportrait erscheint: Die Frau schaut versonnen zu, wie ihr geliebter und liebender Kater ihren Fuß abbildet — den Teil an ihr, den er als Fußbodenbewohner am häufigsten zu Gesicht bekommt. Dabei sieht sie so glücklich aus, wie man sich Frauen wünscht, mit denen man zusammenlebt: Sie fühlt sich durch Kater Schrodingers Blick gewertschätzt und wertschätzt zurück. Ob auch in einer Astronautin noch das alte, anerkennungsbedürftige kleine Mädchen steckt?

    Prechtl und der Kater zeigen uns in einer Allegorie einen glückhaften Vorgang. Empfohlen sei an dieser Stelle überhaupt auch uns, die wir mit weniger als vier Beinen auskommen müssen, unserem Lieblingsmenschen in allen Wortsinnen die Füße zu malen. Ihm die Zehennägel zu lackieren, um seine Schönheit zu erhöhen, ist ein im besten Sinne intimer, verbindender Moment; mit Bleistift und anderen Zeichen- oder Maltechniken ein getreues Abbild seiner Füße zu schaffen, hilft ihn verstehen. Die oben wiedergegebene „Amanda Jaworski“ zum Beispiel verfügt über griechische Zehen wie die Göttinnen der griechischen Mythologie und damit offenbar über besondere Stärke, Intelligenz und erotische Anziehungskraft. Der Kater weiß das.

  2. Der Abessinierkater Rusty aus Edinburgh malt gern im Stil des unfigurativen Impressionismus.

    Der Abessinierkater Rusty aus Edinburgh malt gern im Stil des unfigurativen Impressionismus, Kater Paul, 31. Dezember 2010

  3. Diese Zeichnung von Mike Twohy aus dem New Yorker dokumentiert dagegen die skulpturelle Betätigung einer Wohnungskatze mit einem vorhandenen Gegenstand. Sein Werk ist einer Kunstrichtung zuzuordnen, die man artifizielle Metamorphose nennen könnte.

    Diese Zeichnung von Mike Twohy aus dem New Yorker dokumentiert dagegen die skulpturelle Betätigung einer Wohnungskatze mit einem vorhandenen Gegenstand. Sein Werk ist einer Kunstrichtung zuzuordnen, die man artifizielle Metamorphose nennen könnte, Kater Paul, 31. Dezember 2010

  4. Ich selbst (im Bildhintergrund) arbeite schon seit langem unter dem Arbeitstitel Miezkunstwerk an der kompletten künstlerischen Umgestaltung unserer Mietwohnung.

    Ich selbst im Bildhintergrund arbeite schon seit langem unter dem Arbeitstitel Miezkunstwerk an der kompletten künstlerischen Umgestaltung unserer Mietwohnung, Kater Paul, 31. Dezember 2010

    Die Bilder 2 bis 4 wurden zuerst dokumentiert vom Kater Paul in: Katzen sind Künstler, 31. Dezember 2010. Das fünfte auch. Immer wieder danke für die stete Anregungen, o kluger Miez!

  5. ——— Robert Gernhardt:

    Es ist ein Maus entsprungen:

    aus: Hier spricht der Dichter. 120 Bildgedichte, Haffmans Verlag, Zürich 1985:

    Die Katze träumt vom Weihnachtsfest,
    wogegen sich nichts sagen läßt,
    enthielte nicht ihr Weihnachtstraum
    auch diesen Katzenweihnachtsbaum:

    Robert Gernhardt, Es ist ein Maus entsprungen

Soundtrack: Welpen als Subjekte der Klangkunst:
G. Berthold, i. e. Robert Lucas Pearsall:
Duetto buffo di due gatti, 1825,
Kompilation aus Gioacchino Rossini: Otello, 1816,
in einer, weil man sich diskutierende Katzen spontan eher jungisch vorstellt, angemessen verspielten Version von ungenannten Solisten des Coro del Liceo Franco Mexicano im Palacio de Bellas Artes, 2010:

Written by Wolf

16. Dezember 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik

2. Katzvent: „Ich mag euch nicht“, wird die Katze denken

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Der Advent 2016 führt uns nicht mehr einfach das künstlerische Schaffen über Katzen vor,
sondern das von Katzen.

„Auf die Idee der sprechenden Katze war Liam Gillick nach monatelangen Vorbereitungen in seiner eigenen Küche gekommen, wo er von der Katze seines Sohnes umschlichen und bei der Arbeit gestört wurde“, berichtet Kater Paul. Gut, auf die Idee kann man draufkommen, so als Katze.

Leider überliefern weder ihr Mitarbeiter Herr Gillick noch „die Küchenkatze“ selbst den Namen der Künstlerin. Ihre eigentliche Kunst bestand wohl hauptsächlich darin, mit dem mit Zeitungspapier gestopften Maul zu sprechen. Entfernen, was sie unter normalen Umständen als erstes getan hätte, konnte sie ihre Maulsperre nicht, weil sie leider schon ausgestopft war.

Eine süße Miezekatze, die sprechen kann, oben auf dem Küchenschrank mit einem süßen roten Halsband, und dann noch als Installation von einem süßen Engländer, der als erster nicht-deutscher Muttersprachler den Deutschen Pavillon eröffnen darf! Und dann lassen sie die Leute ratlos in ihren aseptischen Spanplattenreihen herumtapsen und machen nichts aus ihrer selbst gebauten Steilvorlage des Cat Contents.

Das war nicht auf britische Weise schwarzhumorig. Das war morbid. Bei Ikea ist’s lustiger. Schade, da wäre mehr drin gewesen.

Liam Gillick’s How Are You Going To Behave. A Kitchen Cat Speaks for the German Pavillion, Giardini, Venice Biennale, 2009, via Your Studio, Modern Treasures from the Venice Biennale, June 9th, 2009

——— Liam Gillick:

Wie würden Sie sich verhalten? Eine Küchenkatze spricht

How are you going to behave? A kitchen cat speaks,
Installation im Deutschen Pavillon der Biennale di Venezia 53, Internazionale d’Art, Venedig, 2009,
Übersetzung via Deutscher Pavillon, 10. Oktober 2009 bis 10. Januar 2010:

Es wird eine sprechende Katze geben. Alle Menschen des Ortes werden sehr stolz auf ihre sprechende Katze sein.

Die Menschen werden täglich kommen um zu hören, was sie zu sagen hat.

Sie wird sehr zynisch sein, aber nicht bösartig.

Sie wird alles sehen und alles verstehen.

Nach einer Weile werden die Leute nur am Wochenende kommen oder auf dem Heimweg von der Arbeit oder der Schule vorbeischauen.

In ruhigen Zeiten werden sie kommen und der Katze aus der Zeitung vorlesen oder im Internet surfen und gute Geschichten über das Weltgeschehen, die von Interesse sein könnten, auftreiben.

Eines Morgens wird es regnen.

Die Dinge in der Welt werden sehr ruhig gewesen sein und die Katze wird nichts zu sagen haben. Man könnte sogar denken, sie sei leicht depressiv.

Ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen werden kommen, um die Katze auf ihrem Weg zur Schule zu besuchen. Diese Art von Dingen wird die Katze nervös machen.

Sie wird raffiniert sein, aber ihre Gefühle durch Bewegungen ihres Schwanzes verraten. Die Katze wird ein gewisses Maß an ordnung verlangen. Sie wird das als „natürliche Ordnung“ bezeichnen – etwas, das davon ausgeht, dass man den Menschen vertrauen kann, dass sie das Richtige tun.

Und die Katze auf dem Weg zur Schule zu besuchen wird nicht immer das Richtige sein, denn es wird bedeuten, dass die Kinder zu spät kommen werden.

Wie wir jedoch herausfinden werden, wird die Katze leicht depressiv sein, da sie unter Langeweile leidet und auch unter ihrer Rolle als einzig sprechender Katze auf der ganzen Welt.

Die Katze wird wissen wollen, was los ist.

Nur durch das Füttern mit Information wird sie weise, interessant oder sogar witzig sein. Aber an diesem Tage wird sie keine neuen Geschichten parat haben.

Sie wird hoffen, dass die Kinder Google News oder sogar Le Monde Diplomatique lesen und ihr überraschend agiles Gehirn füttern.

Aber die Kinder werden nur im Gang herumstehen. Sie werden ein wenig Angst vor der sprechenden Katze haben.

Irgendetwas an ihr wird sie nervös machen.

Irgendetwas tief in ihrer Psyche wird wissen, dass da etwas Böses in dem Gebäude ist.

Aber sie werden es mögen, wenn die Katze hustet.

Sie werden es süß finden, wenn die Katze lacht.

Aber wenn sie weint, werden sie tagelang Albträume haben – schlimme Albträume, die sie nicht werden kontrollieren können und die zu den schlimmsten Zeitpunkten auftreten.

Albträume, die sie aufwecken werden und sie an Maschinen in der Wüste denken lassen, die schreckliche Dinge tun.

Daher werden die Kinder nur im Gang herumstehen.

Unbeweglich.

Und die Katze wird oben auf den Küchenschränken sitzen bleiben.

Die Katze wird nicht sprechen.

Die Kinder werden nicht sprechen.

Die Katze wird in der Küche sein und die Kinder werden in der Küche sein.

Um aus dieser Sackgasse herauszukommen, wird die Katze husten und ihren Kopf bewegen.

Sie wird sprechen, aber anders als andere Katzen wird sie nicht mehr lächeln.

„Na, was macht ihr da?“

Wird die Katze sagen.

Sie wird ein paar Tage lang nicht gesprochen haben, und wann immer das passiert, wird sie ihren Akzent und ihre Klarheit verloren haben, und sie wird beginnen, mit einem Katzenakzent zu sprechen.

Die Kinder werden so etwas hören wie

„Naaa, waaas maaacht eeeer daaar?“

Sie werden näher herankommen. In der Hoffnung, klarer zu verstehen.

„Was hat sie gesagt?“ Wird das Mädchen zu dem Jungen sagen.

„Etwas von Wasser und Gefahr“, wird der Junge sagen.

„Ich glaube nicht.“ Wird das Mädchen sagen.

Die Katze wird versuchen zu lächeln, aber sie wird das Gesicht nur zu einer hässlichen Grimasse verziehen.

„Ich mag sie nicht“, wird der Junge sagen.

„Ich mag sie nicht“, wird das Mädchen sagen.

„Ich mag euch nicht“, wird die Katze denken.

„Bitte kommt und erzählt mir was“, wird die Katze sagen.

Der Junge und das Mädchen werden noch näher kommen.

Sie werden neugierig sein, wie sich das Fell der Katze anfühlt und herausfinden wollen, ob sie gerne gestreichelt wird. Wenn sie einmal anfängt zu sprechen, werden die Leute sie eher respektieren als lieben.

Aber sie werden auch aufhören, die Katze anzufassen.

Es wird einen Zeitpunkt gegeben haben, als die Leute sie anfassten, liebten und mit ihr spielten.

Aber jetzt wollen alle ihre Meinung hören zur Geschichte totalitärer Architektur oder zur Kreditrestriktion im Zusammenhang gescheiterter Modelle von Globalisierung.

An diesem Morgen, nach all dem Regen und der leichten Depression wird die Katze spüren, wie ihr Katzensein zurückkehrt.

Sie wird jemanden haben wollen, der ihr vorliest, aber mehr noch, sie wird wollen, dass diese beiden Kinder mit ihr spielen.

Der Junge wird dem Mädchen seine Hand reichen.

Sie wird seine Hand in ihre nehmen.

Sie werden ganz langsam auf die Katze zulaufen.

„Guten Morgen, sprechende Katze“, wird das Mädchen sagen, denn es ist sehr mutig in komplizerten sozialen Situationen.

„Morgen“, wird die Katze sagen und sich bemühen, ihre Stimme zurückzugewinnen und so deutlich wie ein Mensch zu sprechen.

„Wenn es euch nicht zu viel ausmacht“, wird die Katze sagen, „könntet ihr mich über das Weltgeschehen auf dem Laufenden halten. Ich würde mich freuen, wenn ihr ein paar News Aggregatoren für mich im Internet durchseht.“

Die Kinder werden verwirrt aussehen. Sie werden nicht wissen, was ein News Aggregator ist.

Diese Katze wird mit der Zeit ein wenig prätentiös geworden sein.

„Wir hatten gehofft, du würdest uns was erzählen“, wird der Junge sagen.

„Wir haben heute schulfrei“, wird das Mädchen lügen.

Der Junge wird nervös schauen.

Die Katze wird klug sein und die Schulzeiten kennen.

Die Katze wird wissen, dass die Schule in fünf Minuten anfängt und die Kinder auf jeden Fall zu spät kommen werden.

Aber ausgerechnet heute wird es ihr nichts ausmachen.

Es wird sie nicht kümmern, dass die Kinder ihren Unterricht oder ihre große Pause verpassen.

Es wird sie nicht kümmern, dass sie das Mittagessen oder die freie Zeit in der Bücherei verpassen.

Alles, was ihr wichtig ist, ist, dass jemand hier ist an einem dunklen Tag in einem dunklen Gebäude.

Sie wird schniefen.

Der Atem der Kinder wird nahe sein.

Sie wird gelernt haben, dass die Menschen wissen, dass Katzen ihren Atem stehlen.

Die Katze wird gelernt haben, dass das Blödsinn ist.

Es sind Gebäude wie dieses, die den Menschen den Atem stehlen.

Wie auch immer. Was ist schon dabei, sich für eine Weile den Atmen eines Kindes auszuleihen?

Alles, was Katzen wissen, ist, dass er süß riecht und voller Intelligenz ist, Güte und Spaß.

Sie wird einen tiefen verstohlenen Zug aus dem Atem der Kinder nehmen und während sie taumeln und in Ohnmacht fallen, davonschweben und träumen, wird sie beginnen, ihnen eine wahre Geschichte über die Weisheit einer Küchenkatze zu erzählen…

Liam Gillick's Wie würden Sie sich verhalten. Eine Küchenkatze spricht. How are you going to behave. A kitchen cat speaks, 2009. Installation view in the German Pavilion at La Biennale di Venezia 53, Internazionale d'Art, Venice, 2009. Photo courtesy the artist, via Walker Art Center, 9 Artists. Bartholomew Ryan on Liam Gillick, Walker Art Center, 24. Juni 2014

Fachliteratur: Liam Gillick: Der Katalog bei Sternberg Press, einsehbar bei les presses du réel, 2009;
Simon Bond: Was tun mit toten Katzen?, Rowohlt, 1982.

Bilder: Liam Gillick’s ‚How Are You Going To Behave? A Kitchen Cat Speaks‘ for the German Pavillion, Giardini, Venice Biennale, 2009, via Your Studio: Modern Treasures from the Venice Biennale, 9. Juni 2009;
Liam Gillick’s Wie würden Sie sich verhalten? Eine Küchenkatze spricht (How are you going to behave? A kitchen cat speaks) 2009. Installation view in the German Pavilion at La Biennale di Venezia 53, Internazionale d’Art, Venice, 2009. Photo courtesy the artist, via Walker Art Center: 9 Artists: Bartholomew Ryan on Liam Gillick, 24. Juni 2014.

Als Bonus Track eins von den kinderfreundlichen Liedern, die bei Neunziger-Retrospektiven dauernd übergangen werden, aber das musikvisuelle Schaffen der Neunziger recht gut zusammenfassen: Ugly Kid Joe: Cat’s in the Cradle aus: America’s Least Wanted, 1992:

Written by Wolf

9. Dezember 2016 at 00:01

1. Katzvent: Im Bewusstsein seines Wertes sitzt der Kater auf dem Dach

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Update zum 2. Katzvent: Confundatus cattus. Schande über den Kater:

Der Advent 2016 führt uns nicht mehr einfach das künstlerische Schaffen über Katzen vor,
sondern das von Katzen.

Als reales Vorbild für den Kater Hiddigeigei gilt der schwarze Kater, möglicherweise gleichen Namens, des Bruchsaler Hofgerichtsrats Albert Preuschen, der unter dem Pseudonym Gerhard Helfrich Gedichte in Zeitschriften und Anthologien zum Drucke gab. — Der Hofgerichtsrat, nicht der Kater.

Hiddigeigei ist keineswegs der erste bekannt gewordene Kater, der mit eigenen Werken hervortrat, wahrscheinlich aber der erste, der aus Ungarn stammt, in Paris kein Auskommen fand, sondern erst in Säckingen, obwohl es seinerzeit noch nicht einmal Kurort war. Beschrieben wird er als grünäugig, mit schwarzem Samtfell, mächtigem Schweif und einem „zuweilen hochmütigen Dulderantlitz“ — kurz: ganz ähnlich wie unser Kater Merlin, der literarisch noch nicht weiter belegt ist. Bad Säckingen erinnert sich an Hiddigeigei:

Sein Glaube an das Gute ist zerbrochen; aus enttäuschter Liebe „lernt er die Welt verachten“. Der arme Kater fürchtet sich vor dem Alter und beschreibt den Niedergang der Menschen und der Dichtung.

Lesen, schreiben und singen konnte nach dem hofgerichtsrätlichen Kater erst diese literarische Ausgestaltung aus Victor von Scheffels (das ist der Schwabe, der die Hymne der Franken geschrieben hat) Best- und Longseller Der Trompeter von Säckingen, 1854. Das ist eine Art Romeo-und-Julia-Geschichte mit Erwachsenen, und eigentlich inzwischen, wie im Untertitel ausgewiesen, nicht mehr ein Sang vom Oberrhein, weil Bad Säckingen, das überhaupt erst seit 1978 „Bad“ heißt, im weiteren Verlauf des 19. Jahrhundetrs geologisch dem Hochrhein zugerechnet wurde — was sich allerdings literarisch nicht merklich auswirkt.

Das Bildmaterial bringt einige auffallende Highlights aus der Darstellungsgeschichte schwarzer Kater, weil unter „Kater Hiddigeigei“ meist nur die gleichnamige, mittlerweile erloschene Gaststätte auf Capri, wo Scheffel den Trompeter schrieb, oder die noch florierende in Bad Säckingen, wo er offiziell fortlebt und weiterhin Trompete bläst, verstanden wird.

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——— Victor von Scheffel:

Die Lieder des Katers Hiddigeigei

aus: Der Trompeter von Säckingen. Ein Sang vom Oberrhein;
Vierzehntes Stück. Das Büchlein der Lieder. II.,
Verlag der J. B. Metzlerschen Buchhandlung, Stuttgart 1854:

I.

Arthur Rackham illustration, Jorinda and Joringel from Grimm’s Fairy Tales, 1909Eigner Sang erfreut den Biedern,
Denn die Kunst ging längst ins Breite,
Seinen Hausbedarf an Liedern
Schafft ein jeder selbst sich heute.

Drum der Dichtung leichte Schwingen
Strebt‘ auch ich mir anzueignen;
Wer wagt’s, den Beruf zum Singen
Einem Kater abzuleugnen?

Und es kommt nicht minder teuer,
Als zur Buchhandlung zu laufen
Und der andern matt‘ Geleierv
Fein in Goldschnitt einzukaufen.

II.

Wenn im Tal und auf den Bergen
Mitternächtig heult der Sturm,
Klettert über First und Schornstein
Hiddigeigei auf zum Turm.

Einem Geist gleich steht er oben,
Schöner, als er jemals war.
Feuer sprühen seine Augen,
Feuer sein gesträubtes Haar.

Und er singt in wilden Weisen,
Singt ein altes Katerschlachtlied,
Das wie fern Gewitterrollen
Durch die sturmdurchbrauste Nacht zieht.

Nimmer hören ihn die Menschen,
Jeder schläft in seinem Haus,
Aber tief im Kellerloche
Hört erblassend ihn die Maus.

Und sie kennt des Alten Stimme,
Und sie zittert, und sie weiß:
Fürchterlich in seinem Grimme
Ist der Katerheldengreis.

III.

Hans Thoma, The CatVon des Turmes höchster Spitze
Schau‘ ich in die Welt herein,
Schaue auf erhab’nem Sitze
In das Treiben der Partein.

Und die Katzenaugen sehen,
Und die Katzenseele lacht,
Wie das Völklein der Pygmäen
Unten dumme Sachen macht.

Doch was nützt’s? ich kann den Haufen
Nicht auf meinen Standpunkt ziehn,
Und so laß ich ihn denn laufen,
’s ist wahrhaft nicht schad‘ um ihn.

Menschentun ist ein Verkehrtes,
Menschentun ist Ach und Krach;
Im Bewußtsein seines Wertes
Sitzt der Kater auf dem Dach! —

IV.

O die Menschen tun uns unrecht,
Und den Dank such‘ ich vergebens,
Sie verkennen ganz die feinern
Saiten unsers Katzenlebens.

Und wenn einer schwer und schwankend
Niederfällt in seiner Kammer,
Und ihn morgens Kopfweh quälet,
Nennt er’s einen Katzenjammer.

Katzenjammer, o Injurie!
Wir miauen zart im stillen,
Nur die Menschen hör‘ ich oftmals
Graunhaft durch die Straßen brüllen.

Ja, sie tun uns bitter unrecht,
Und was weiß ihr rohes Herze
Von dem wahren, tiefen, schweren,
Ungeheuren Katzenschmerze?

V.

Irina Savateeva, Hi, September 2016Auch Hiddigeigei hat einstmals geschwärmt
Für das Wahre und Gute und Schöne.
Auch Hiddigeigei hat einst sich gehärmt
Und geweint manch sehnsüchtige Träne.

Auch Hiddigeigei ist einstmals erglüht
Für die schönste der Katzenfrauen,
Es klang wie des Troubadours Minnelied
Begeistert sein nächtlich Miauen.

Auch Hiddigeigei hat mutige Streich‘
Vollführt einst, wie Roland im Rasen,
Es schlugen die Menschen das Fell ihm weich,
Sie träuften ihm Pech auf die Nasen.

Auch Hiddigeigei hat spät erst erkannt,
Daß die Liebste ihn schändlich betrogen,
Daß mit einem ganz erbärmlichen Fant
Sie verbotenen Umgang gepflogen.

Da ward Hiddigeigei entsetzlich belehrt,
Da ließ er das Schwärmen und Schmachten,
Da ward er trotzig in sich gekehrt,
Da lernt‘ er die Welt verachten.

VI.

Schöner Monat Mai, wie gräßlich
Sind dem Kater deine Stunden,
Des Gesanges Höllenqualen
Hab‘ ich nie so tief empfunden.

Aus den Zweigen, aus den Büschen
Tönt der Vögel Tirilieren,
Weit und breit hör‘ ich die Menschheit
Wie im Taglohn musizieren.

In der Küche singt die Köchin,
Ist auch sie von Lieb‘ betöret?
Und sie singet aus der Fistel,
Daß sie Seele sich empöret.

Weiter aufwärts will ich flüchten,
Auf zum luftigen Balkone,
Wehe! – aus dem Garten schallt der
Blonden Nachbarin Kanzone.

Unterm Dache selber find‘ ich
Die gestörte Ruh‘ nicht wieder,
Nebenan wohnt ein Poet, er
Trillert seine eignen Lieder.

Und verzweifelt will ich jetzo
In des Kellers Tiefen steigen,
Ach! – da tanzt man in der Hausflur,
Tanzt zu Dudelsack und Geigen.

Harmlos Volk! In Selbstbetäubung
Werdet ihr noch lyrisch tollen,
Wenn vernichtend schon des Ostens
Tragisch dumpfe Donner rollen!

VII.

Godmachine, Noichitat, Dark WaterMai ist’s jetzo. Für den Denker,
Der die Gründe der Erscheinung
Kennt, ist dieses nicht befremdlich.
In dem Mittelpunkt der Dinge
Stehn zwei alte weiße Katzen,
Diese drehn der Erde Achse,
Dieser Drehung Folge ist dann
Das System der Jahreszeiten.
Doch warum im Monat Maie
Ist das Aug‘ mir so beweglich,
Ist das Herz mir so erreglich?
Und warum wie festgenagelt
Muß im Tag ich sechzehn Stunden
Zum Balkon hinüberschielen,
Nach der blonden Mullimulli,
Nach der schwarzen Stibizzina?

VIII.

In den Stürmen der Versuchung
Hab‘ ich lang schon Ruh‘ gefunden,
Doch dem Tugenhaftsten selber
Kommen unbewachte Stunden!

Heißer als in heißer Jugend
Überschleicht der alte Traum mich,
Und beflügelt schwingt des Katers
Sehnen über Zeit und Raum sich.

O Neapel, Land der Wonne,
Unversiegter Nektarbecher!
Nach Sorrent möcht‘ ich mich schwingen,
Nach Sorrent, aufs Dach der Dächer.

Der Vesuvius grüßt, es grüßt vom
Dunkeln Meer das weiße Segel,
Im Olivenwald ertönt ein
Süß Konzert der Frühlingsvögel.

Zu der Loggia schleicht Carmela,
Sie, die schönste aller Katzen,
Und sie streichelt mir den Schnauzbart,
Und sie drückt mir leis die Tatzen,

Und sie schaut mich an süß schmachtend —
Aber horch, es tönt ein Knurren.
Ist’s vom Golf der Wellen Rauschen?
Ist es des Vesuvius Murren?

’s ist nicht des Vesuvius Murren,
Der hält jetzo Feierstunde,
— In dem Hof, Verderben sinnend,
Bellt der schlechtste aller Hunde.

Bellt der schechtste aller Hunde,
Bellt Krakehlo, der Verräter,
Und mein Katertraum zerrinnet
Luftig in den blauen Äther.

IX.

Michael Creese, Night ProwlerHiddigeigei hält durch strengen
Wandel rein sich das Gewissen,
Doch er drückt ein Auge zu, wenn
Sich die Nebenkatzen küssen.

Hiddigeigei lebt mit Eifer
Dem Beruf der Mäusetötung,
Doch er zürnt nicht, wenn ein andrer
Sich vergnügt an Sang und Flötung.

Hiddigeigei spricht, der Alte:
Pflück‘ die Früchte, eh‘ sie platzen;
Wenn die magern Jahre kommen,
Saug an der Erinn’rung Tatzen!

X.

Auch ein ernstes gottesfürchtig
Leben nicht vor Alter schützet,
Mit Entrüstung seh‘ ich, wie schon
Graues Haar im Pelz mir sitzet.

Ja die Zeit tilgt unbarmherzig,
Was der einzle keck geschaffen —
Gegen diesen scharfgezahnten
Feind gebricht es uns an Waffen.

Und wir fallen ihm zum Opfer,
Unbewundert und vergessen;
— O ich möchte wütend an der
Turmuhr beide Zeiger fressen!

XI.

Felix Vallotton, Femme accroupie offrant du lait a un chat, 1919Vorbei ist die Zeit, wo der Mensch noch nicht
Den Erdball unsicher machte,
Wo der Urwald unter dem Vollgewicht
Des Mammutfußtritts erkrachte.

Vergeblich spähst du in unserm Revier
Nach dem Löwen, dem Wüstensohne;
Es ist zu bedenken: wir leben allhier
In sehr gemäßigter Zone.

In Leben und Dichtung gehört das Feld
Nicht dem Großen und Ungemeinen;
Und immer schwächlicher wird die Welt,
Noch kommen die Kleinsten der Kleinen.

Sind wir Katzen verstummt, so singt die Maus,
Dann schnürt auch die ihren Bündel;
Zuletzt jubiliert noch in Saus und Braus
Das Infusorien-Gesindel.

XII.

An dem Ende seiner Tage
Steht der Kater Hiddigeigei,
Und er denkt mit leiser Klage,
Wie sein Dasein bald vorbei sei.

Möchte gerne aus dem Schatze
Reicher Weisheit Lehren geben,
Dran in Zukunft manche Katze
Haltpunkt fänd‘ im schwanken Leben.

Ach, der Lebenspfad ist holpernd,
— Liegen dort so manche Steine,
Dran wir Alte, schmählich stolpernd,
Oftmals uns verrenkt die Beine.

Ach, das Leben birgt viel Hader
Und schlägt viel unnütze Wunden,
Mancher tapfre schwarze Kater
Hat umsonst den Tod gefunden.

Doch wozu der alte Kummer,
Und ich hör‘ die Jungen lachen,
Und sie treiben’s noch viel dummer,
Schaden erst wird klug sie machen.

Fruchtlos stets ist die Geschichte;
Mögen sehn sie, wie sie’s treiben!
— Hiddigeigeis Lehrgedichte
Werden ungesungen bleiben.

XIII.

Reading Naked, October 30th, 2016Arm wird matter, Stirn wird bleicher,
Balde reißt des Lebens Faden,
Grabt ein Grab mir auf dem Speicher,
Auf der Walstatt meiner Taten!

Fester Kämpe, trug die ganze
Wucht ich hitzigen Gefechtes:
Senkt mich ein mit Schild und Lanze
Als den Letzten des Geschlechtes.

Als den letzten, — o die Enkel,
Nimmer gleichen sie den Vätern,
Kennen nicht des Geists Geplänkel,
Ehrbar sind sie, steif und ledern.

Ledern sind sie und langweilig,
Kurz und dünn ist ihr Gedächtnis;
Nur sehr wen’ge halten heilig
Ihrer Ahnherrn fromm Vermächtnis.

Aber einst, in fernen Tagen,
Wenn ich längst hinabgesargt bin,
Zieht ein nächtlich Katerklagen
Zürnend über euren Markt hin.

Zürnend klingt euch in die Ohren
Hiddigeigeis Geisterwarnung:
„Rettet euch, unsel’ge Toren,
Vor der Nüchternheit Umgarnung!“

Giorgio Sommer, Napoli, Zum Kater Hiddigeigei, Capri 1886 via Galerie Bassenge, Wikimedia Commons

Katzenbilder:

  1. Vornehmer Tafellikör Hiddigeigei: Magazin Jugend, 1921 via Heidelberger historische Bestände digital;
  2. Arthur Rackham: Jorinda and Joringel from Grimm’s Fairy Tales, 1909 via The Cinder Fields;
  3. Hans Thoma: Die Katze via The Macabre & The Bold;
  4. Irina Savateeva: Hi, September 2016 via Haunted by Storytelling;
  5. Godmachine: Dark Water via Noichitat;
  6. Michael Creese: Night Prowler, nach 2009;
  7. Felix Vallotton: Femme accroupie offrant du lait a un chat, 1919;
  8. Reading Naked, 30. Oktober 2016;
  9. Giorgio Sommer, Napoli: Zum Kater Hiddigeigei, Capri 1886 via Galerie Bassenge.

Soundtrack: Die sangesbegabten Katerbuben Al & The Black Cats:
The Light Hit Her Eyes, aus: Givin‘ Um Something to Rock’n’Roll About, 2008:

Written by Wolf

2. Dezember 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier