Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Löblich wird ein tolles Streben, wenn es kurz ist und mit Sinn

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Update zu Tumultuantenharanguieren (sed iam satis) und Nur die Wurst hat zwei:

Ob Seine Exzellenz, der Herr Geheimrat Goethe, wohl von seinen Jahrzehnte alten, wenngleich abschreckenden Erinnerungen an das Römische Karneval zehren musste, um 75-jährig eine spontane Auftragsarbeit für den Kölschen anzunehmen?

Der Auftraggeber war Goethen schon bekannt und im Unterschied zu den flatterhaft spontanen Südländern als besonders verlässlich und sortiert aufgefallen. Vielleicht sollte man sich als Auftragsschreiber nach vorne in solche Kundschaft flüchten, die sich ausdrücklich der Narretei verschrieben hat.

——— Heinrich von Wittgenstein:

Extrablatt

bekannt gemacht im Auftrage des Karnevals=Comite’s.

Köln den 9. Februar 1825.

in: Kölnische Zeitung, 9. Februar 1825:

Das festordnende Comite hatte es für seine Pflicht gehalten, dem Altvater der deutschen Dichtkunst Nachricht zu geben von dem, was es zu einer veredelten Feier des dießjährigen Karnevals unternommen, und dabei den Wunsch zu äussern, ihn bei dem Feste in unserer Mitte zu sehen. Wie von Göthe die Botschaft aufgenommen, beweist das den Festordnern am 3. Februar zugesandte Gedicht, welches diese durch Gegenwärtiges kund zu machen sich beeilen. In der beigefügten Erwiederung von Seiten eines vaterländischen Dichters wird jeder muntere Kölner sein eignes Gefühl ausgedrückt finden. —

——— Goethe:

Der Kölner Mummenschanz

Fastnacht 1825.

Ebenda:

Extrablatt Kölner Karneval, Goethe, Fastnacht 9. Februar 1825, VorderseiteDa das Alter, wie wir wissen,
Nicht für Thorheit helfen kann;
War es ein gefundner Bissen
Einem heitern alten Mann,

Daß am Rhein, dem vielbeschwomnen,
Mummenschaar sich zum Gefecht
Rüstet, gegen angekomnen
Feind, zu sichern altes Recht.

Auch dem Weisen fügt behäglich
Sich das Irren wohl zur Hand,
Und so ist es ganz verträglich
Wenn man sich mit Euch verband.

Löblich wird ein tolles Streben
Wenn es kurz ist und mit Sinn;
Daß noch Heiterkeit im Leben
Giebt besonnenem Rausch Gewinn.

Häufet nur an diesem Tage
Kluger Thorheit Vollgewicht;
Daß mit uns die Nachwelt sage:
Jahre sind der Lieb und Pflicht.

——— Wilhelm Smets:

Lied an Göthe,

als derselbe durch ein Gedicht dem Kölnischen Karnevals=Comité seinen Beifall über die diesjährige Festanordnung zu erkennen gegeben hatte.

Ebenda:

Extrablatt Kölner Karneval, Wilhelm Smets, Fastnacht 9. Februar 1825, RückseiteGriesgram, Neidhard, Störefried,
Düstere Gesellen,
Euch zum Trotze soll dies Lied
Meiner Brust entquellen.

Steht ein Sänger weiß von Haar
Auf dem alten Thurme,
Hehr und männlich wunderbar
In der Zeiten Sturme.

Und er schlägt die Saiten frisch,
Singet Welt und Leben,
D’rob in gaukelndem Gemisch,
Gnomen sich erheben.

Pustend fiel zum Thurme ziehn,
Werfen gift’ge Kuchen,
Glower-Ritter gegen ihn
Ihre Lanz‘ versuchen.

Tiefen Schweigens bittrer Hohn
Scheuchet sie von hinnen,
Götterstark des Ruhmes Sohn
Raget von den Zinnen.

Und es naht ein neuer Troß:
Siechthum, ihn zu äffen,
Und des Todes herb Geschoß
Soll den Heros treffen.

Doch, er lächelt ob der Noth,
Greift zum Zaubertranke,
Gluth färbt ihm die Wangen roth
Von Champagner’s Ranke.

Und er schweigt zu jedem Drang,
Läßt kein Lied ertönen;
Das ist Pein wie Höllenzwang:
Sängers ernst Verhöhnen.

Da mit einmal: Tra, ra, ra!
Kommt ein lustig Schreiben,
Wie sie’s in Colonia
Pudelnärrisch treiben,

Wie die Freude ewig jung
Sie im Geist bewahren,
Und im raschen Jubelschwung
Ernst mit Scherz verpaaren.

Sieh, bedeutsam nun das Haupt
Hebt der alte Sänger,
Und die Harfe, reich umlaubt,
Schweiget nun nicht länger.

„Alter schützt vor Thorheit nicht,
Freude freut noch innig;
Spielt das lustige Gedicht,
Spielt es kurz und sinnig!“

Goethe im Karneval, Karikatur Extrablatt Fastnacht 9. Februar 1825

Bilder: Scans vom Original in Thomas Stollenwerk: Goethe und der Kölner Karneval.

Soundtrack: Marco Fornaciari in Niccolò Paganini:
Il carnevale di „Mein Hut, der hat drei Löcher“ Venezia, Opus 10, 1829:

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Written by Wolf

11. November 2016 um 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Nahrung & Völlerei

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