Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Wenn Schnee bedeckt mein Haar einmal

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Die U-Comix haben wir immer gekauft, weil ComicStrips für Erwachsene draufstand. Die freundliche Oma im Kiosk schaute nicht so drauf, oder sie dachte sich, sechs Mark von einem Zwölfjährigen sind besser als gar keine sechs Mark, vor allem wenn man sonst um einen bestehenden Yps– und Nucki-Nuss-Kunden und einen Hot Prospect für die Titanic fürchten muss.

Sehr viel später trat ich den Donaldisten bei, falls mich meine Enkel mal fragen: „Was hast du für die Rettung des Abendlandes unternommen? Wo warst du da?“ und gewann bei meiner ersten Veranstaltung, dem Mairennen 1999 zu Speyer mit meinem Tandempiloten umgehend den ersten Preis. Nachdem meine Berühmtheit dafür etwas verebbt ist, darf ich heute verraten, dass dies nur geschehen konnte, weil der Mann damals schon ein Mobiltelefon besaß, mit dem er von unterwegs seine Freundin mit Zugriff auf die Primärquellen anrufen konnte. Außerdem ist derlei Einsatz moderner Technik zutiefst donaldisch: Es gibt keine Preise für Fair Play, zack.

Der erste Preis bestand in irgendwas für ihn — und etwa fünf Kilo alter U-Comix für seinen Schmiermaxe, also mich. Zu dieser Zeit hatte ich kein Mobiltelefon, wohl aber eine Website literarischer Ausrichtung, die ich von Anfang an nur widerwillig als Homepage verunglimpft wissen wollte; Homepages handelten von Hobbys, zeigten animierte .gif-Dateien von tanzenden Tomaten mit Sonnenbrillen und ermunterten fremde Menschen zu distanzlosem Tun.

Deshalb fing ich an, auf meiner Website Preisausschreiben auszurufen, bei denen es fünf Kilo U-Comix zu gewinnen gab. Daran hat sich leider nie ein alter Schwanz beteiligt, weshalb immer meine Co-Webmasterin und Strohfrau Christina Dichterliebchen gewann. Bis auf ein Mal, als jemand einen extemporierten Vierzeiler einreichte und ich ihm ein Schloß Gripsholm spendieren musste.

Noch später, als klar wurde, dass anstrengend zu unterhaltende Homepages zu dem gut sein mochten, was heute Facebook leistet, nicht aber, um Altpapier zu entsorgen, las ich meine Sammlung U-Comix wieder. Ein paar Hefte waren dabei, die mir bei den Eigenerwerbungen des Zwölfjährigen entgangen waren — Nummer 18 vom Februar 1982 zum Beispiel. Daraus eine Seite von einem ungenannten Collageur mit einem ebensolchen Mannequin für den National Lampoon. Ich bin immer noch jedes Mal hin und weg davon.

Wenn Schnee bedeckt mein Haar einmal, U-Comix 18, Februar 1982. Serie in 300 dpi

  • Wenn Schnee bedeckt mein Haar einmal,
  • Und mein Auge trüber blickt,
  • Lehn‘ ich den Kopf an eine Schulter, wandernd durch das Tal.
  • Und dann musst du mir versprechen was mir ach so teuer ist:
  • Dass du, wenn ich einst gealtert, immer treu noch bei mir bist.
  • […]
  • Des Lebens Morgen wird vergehen — doch wenn die Abendglocke schallt wird das Herz mir gleich nicht schwer sein liebst du mich noch, bin ich auch alt.

Bild & Lyrik: U-Comix 18, Februar 1982, nach National Lampoon.

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Written by Wolf

18. Oktober 2012 um 11:45

Veröffentlicht in Novecento, Vier letzte Dinge: Tod

7 Antworten

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  1. Und ist es doch ein Glück für zwei
    die zusammen werden alt.
    Das Foto aus vergangener Zeit
    trägt Risse und Kratzer,
    manchmal war es ganz schön kalt.
    Doch – man kennt sich, sieht sich, liebt sich
    Vergessene Krauselhaare (oder nicht ausgefallene) an sich.
    Sie sind schön, sind sie auch alt
    noch können sie tanzen,
    wie das Laub im Wald.

    Christina Katharina Bockmühl

    19. Oktober 2012 at 20:05

    • Das ist schön. Das müssen wir jetzt noch in bildnerische Gestalt bringen :o)

      Wolf

      19. Oktober 2012 at 20:43

      • Mal schaun, wem seine bildnerische Version schöner wird! :) I

        Christina Katharina Bockmühl

        20. Oktober 2012 at 15:04

  2. Das muss auf jeden Fall eine Französin machen, wie die meisten in den fotografischen U-Comix, denen stehen solche Unterhosen :o)

    Wolf

    20. Oktober 2012 at 20:12

    • Eine Französin habe ich leider nicht zur Hand. :(

      Christina Katharina Bockmühl

      22. Oktober 2012 at 11:26

      • Every home should have one .ò)

        Nein, ich hab ja selber keine. Ob wir ein Gewinnspiel ausrufen sollten, welche Französin uns das vercomict?

        Wolf

        22. Oktober 2012 at 13:11

  3. […] und liebe Nachbarin Christina Katharina Barbara Bockmühl war von Anfang vom hiesigen Beitrag Wenn Schnee bedeckt mein Haar einmal so angetan, dass sie ihn spontan in ihrem Kommentar weitergedichtet […]


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