Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

In dürren Blättern säuselt der Wind

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Update zu Hört zu und berstet vor Langerweile
und Sie sollen und müssen gerettet sein!:

Ernst Kutzer, Postkarte Schubert-Lieder. Erlkönig. Mit Noten, gelaufen. Datiert und Poststempel 1914, GoethezeitportalSeriöse Bestandsaufnahmen der Vertonungen von Goethes Erlkönig von 1782 kommen regelmäßig auf etwas um 30 Versionen. Nicht alle davon sind sinnvoll als Tonaufnahme oder auch nur als Partitur aufzutreiben. Während sich die Kompositionen bis tief in die deutsche Romantik hinein gegenseitig überholen und geradezu überdecken, ist die Schaffenspause zwischen 1865 und der Postmoderne 1999 umso auffallender.

Zugegeben hat mich persönlich Goethes Original (das er bei Herder gelernt hat) nie sonderlich beeindruckt, später hat er ganz objektiv bessere gebracht: zu gewollt, zu fremd, erwartbare Pointe, und wenn man zu genau hinschaut, glatte Verharmlosung der Kindesmisshandlung mit Todesfolge, wenn nicht gar, bei boshafter Auslegung, Verherrlichung von Pädophilie.

Aus den e-musikalischen Vertonungen lässt mich allerdings der instrumentale Geigenmuckel von Heinrich Wilhelm Ernst offenen Mundes staunen, dass sowas schon mal ein Mensch gestemmt hat, auch wenn sich allein innerhalb YouTube überraschend viele Teufelsgeiger (und -geigerinnen!) finden, die sich wacker schlagen. Aus der Postmoderne mag ich Falkenstein aus Urdarbrunnen am liebsten: Die respektieren die Vorlage, ohne daran herumzumodernisieren, und kommen ohne Ausdruckstanz in Lack- und Lederbikinis aus. Alles, was sonst schon Schlagzeug verwendet, ist zur Not dem Gothic zuzuordnen und in der Affigkeit allenfalls graduell unterschiedlich.

Erlkönig Kinderfahrrad, 1. April 2015

  1. Corona Schröter: Erlkönig, 1782. Kevin bemerkt in seiner Hausarbeit Vertonungen des Erlkönigs sehr hellsichtig:

    Sie komponierte ein durchgängiges Strophenlied zu dem Text Goethes. Dabei hält sie die Melodie recht einfach, was man beispielsweise daran erkennt, dass der Ambitus mit einer Oktav und einer Sekund geringer ist als bei den übrigen Vertonungen. Der Hörer legt durch die einfache Melodie das Augenmerk vor allem auf den Text. Außerdem hält sich Schröter an den Rhythmus im „Erlkönig“ und schreibt ihr Lied im ungeraden Takt. Dies könnten Gründe dafür sein, dass Goethe das Werk gefallen hat.

    Kritisieren kann man, dass die Melodie zum Beispiel beim Tod des Jungen viel zu fröhlich klingt. Das Problem kommt dadurch zu Stande, dass das Lied ein Strophenlied ist und es so eine Einheitsmelodie für alle Strophen gibt.

  2. Andreas Romberg: Erlkönig, 1793.
  3. Johann Friedrich Reichardt: Erlkönig, 1794.

  4. Carl Friedrich Zelter: Erlkönig, 1797.

  5. Gottlob Bachmann: Erlkönig, 1798/1799.

  6. Friedrich Methfessel: Erlkönig, 1805.
  7. Bernhard Klein: Erlkönig, 1815/1816.
  8. Postkarte Wer reitet so spät durch Nacht und Wind. Mit Noten, Eckart-Verlag, Wien, VIII., Fuhrmannsgasse 18. Nicht gelaufen, ca. 1920, GoethezeitportalFranz Schubert: Erlkönig, Opus 1, Deutsch-Verzeichnis 328, 1815, Uraufführung 7. März 1821 in Wien.

    Das ist bis heute die bekannteste Vertonung geblieben. Goethe kannte sie. Er mochte sie nicht. — Erneut Kevin:

    Erst Franz Schubert löst sich vom Strophenlied und dem Rhythmus des Erlkönigs. Bei ihm steht nicht mehr länger der Text, sondern die Melodie im Vordergrund. Diese ist kunstvoll gestaltet, worauf der große Ambitus und zahlreiche Crescendi bzw. Decrescendi hinweisen. Schubert verfasst ein ausgedehntes Vorspiel, einige Zwischenspiele und ein, wenn auch kurzes, Nachspiel. Neben dem Tonartwechsel hat vor allem die Begleitung große Beachtung verdient. Die Singstimme wird ostinat mit Triolen begleitet, die erst beim Tod des Knaben verstummen. Das Trauermotiv kurz vor Ende verstärkt die Intention.

    Dietrich Fischer-Dieskau, Klavier: Gerald Moore, 1951:

  9. Carl Loewe: 3 Balladen, Opus 1, 1.: Erlkönig, 1824.

    Goethe kannte sie. Er mochte sie.

    ——— Carl Ludwig Schleich: Besonnte Vergangenheit, 1920,
    Kapitel 20: Erinnerungen an Richard Dehmel:

    Dehmel liebte die Musik über alles, und ich habe ihn oft erfreuen können mit dem Vortrag Löwescher Balladen, von denen der „Edward“ ihn oft zur hellen Begeisterung fortriß. Conrad Ansorge begleitete mich meisterhaft. Er stellte Löwes „Erlköni“«, wie so viele, weit über den Schuberts und behauptete, Schubert habe den dämonischen Trieb zur Knabenliebe, den Goethe gestalten wollte, gar nicht verstanden, ihm fehle das unheimlich Sadistische in der Musik, wie denn auch Schuberts „Ganymed“ aus dem gleichen Grunde völlig mißverstanden sei. Erst Hugo Wolf habe diese naive, griechische Dämonie des Jupiter richtig erfaßt und vertont. Was waren das schöne Abende im Hause seines späteren Schwiegervaters mit seiner sehr klugen und grundgütigen Gattin, die sonderbarerweise nie recht an den Stern Dehmels glauben wollte.

    Hans Hotter, Klavier: Gerald Moore, 1957:

  10. Max Eberwein: Erlkönig, 1826.
  11. Anselm Hüttenbrenner: Erlkönig-Walzer, 1829.

    Cyprien Katsaris:

  12. Louis Spohr: Erlkönig, Opus 154, Nummer 4, 1856.

    Einzige Bearbeitung für Klavier und Violine und in Viertel- statt Achteltakt, also getragener als alle anderen in Allegro non troppo.

    Die sechs Lieder op. 154 sind in dem Zeitraum April bis August 1856 in Kassel komponiert worden und in Louis Spohrs eigenem Werkverzeichnis mit der Nr. 260 notiert. Op. 154 ist Spohrs letztes Liederheft, bei dem er noch einmal „sein Instrument“, die Violine, wirkungsvoll als Soloinstrument einsetzt.

    Dietrich Fischer-Dieskau, Bariton; Hartmut Höll, Klavier; Dmitry Sitkowetsky, Violine:

  13. Heinrich Wilhelm Ernst: Caprice für Violine allein, Opus 26, ca. 1865.

    Transkription des Schubert-Liedes für Solo-Violine. Extrem schwierig zu spielen, weil tatsächlich jeder der vier vorhandenen Geigensaiten eine vollwertige Stimme zugeordnet ist: Man spielt quasi alleine ein Streichquartett.

    Hillary Hahn:


    Und als Zuckerl für die Notenleser unter uns: das Versprechen, dass man auch ohne so sportliche Fingerübungen ein erfülltes Musikleben führen kann:

  14. Hypnotic Grooves featuring Jo Van Nelsen: Der Erlkönig, aus: Rosebud: Songs of Goethe and Nietzsche, 1999:

  15. Forseti: Erlkönig, aus: Jenzig, 1999:

  16. Daniel Bill: Erlkönig, aus: Screaming in the Night, 2000:

  17. Achim Reichel: Erlkönig, aus: Wilder Wassermann, 2002:

  18. Scarecrow featuring Stefan „Das Ich“ Ackermann und Mike Oldfield: Tubular Bells, 1973, in: Erlkönig, 2003, aus: Outcry, 2002. Regie: Patrick v. Ollrath, Avantgarde Films 2004, 3. Platz auf der Visionale Frankfurt 2003.

    2003 lag es offenbar nahe, seinen Erlkönig als Ophelia-Figur zu gestalten, weil jedem noch The Ring von 2002 in den Knochen steckte. Die Hauptfigur Samara Morgan (Daveigh Chase, übrigens die Samantha aus Donnie Darko) trug die Haare ebenso derangiert übers Gesicht gekämmt, und der Psychohorror über den ganzen Film gilt als besonders wirkungsvoll (der aus dem Exorzist von 1973 auch, der wiederum — nächste Parallele — ebenfalls Tubular Bells von Mike Oldfield als Filmmusik verwendet). Als Regiedebüt für einen deutschen Kurzfilmer geht diese Version also klar. Seitdem hat er offenbar viel dazugelernt: Für seinen Alles wird gut ist die Liste von Auszeichnungen länger als die Inhaltsangabe und schließt eine Oscar-Nominierung 2016 als bester Kurzfilm ein.

  19. Rammstein: Dalai Lama, aus: Reise, Reise, 2004:

  20. Josh Ritter: The Oak Tree King, live auf dem Verbier Festival 2007:

  21. Falkenstein: Erlkönig, aus: Urdarbrunnen, 2008;

  22. Dracul: Erlkönig, aus: Follow Me, 2009:

  23. Leichenwetter: Erlkönig, aus: Legende, 2010:

  24. Hope Lies Within: Der Erlkönig, 2012:

    Auch in englischer Version:

  25. Maybebop: Erlkönig, 2013. A-cappella-Version über Schubert:

  26. Minotaurus: Erlkönig, eHrlebnisfilm 2013.

  27. The Band D: Erlkönig, Live-Performance für SNEAKY BLACK Turntable Stories, November 2016:

Wer reitet so spät pp.:

  1. Ernst Kutzer: Postkarte Schubert-Lieder. Erlkönig. Mit Noten, gelaufen. Datiert und Poststempel 1914;
  2. Postkarte Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Mit Noten, Eckart-Verlag, Wien, VIII., Fuhrmannsgasse 18. Nicht gelaufen, ca. 1920,

via Jutta Assel/Georg Jäger: Goethe-Motive auf Postkarten und in der bildenden Kunst. Eine Dokumentation, April 2016.

Erlkönig extreme bike Logo, 1. April 2015

Der Knabe lebt, das Pferd ist tot: Erlkönig Kinderfahrrad, gestreetarted in München, 1. April 2015.

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Written by Wolf

28. April 2017 um 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Tod

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