Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Mein Lied ertönt der unbekannten Menge

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Was mich verwundert, ist die Verwunderung der Journalisten — darüber, was einen jungen Menschen dazu treiben mag, den Faust auswendig zu lernen. Der Tragödie ersten Theil wohlgemerkt, dafür alle Rollen. Gut, es war nicht im Feuilleton, sondern im München-Teil, da ging es ihnen wohl eher um den Event als um die Leistung, die jeder Schauspielschüler draufhaben muss.

Was mich freut, ist die Freude des jungen Menschen. An seinen zwei Kästen Bier.

——— Katrin Kuntz: Wie der Faust aufs Auge. Goethe-Lesung in der U-Bahn München, in: Süddeutsche Zeitung, 14. September 2012:

Leonhard Schülen by Stefan Rumpf für Katrin Kuntz, Wie der Faust aufs Auge. Goethe-Lesung in der U-Bahn München, Süddeutsche Zeitung 14. September 2012Am Samstag um 10.34 Uhr wird ein junger Mann in die Münchner U-Bahn steigen und dort Goethes Faust rezitieren — ohne Buch. Sein Lohn: zwei Kästen Bier. Im SZ-Gespräch erzählt Leonhard Schülen, wie er 4164 Verse auswendig gelernt hat, warum er gerne altklug ist und wie sich Goethe im Alltag einsetzen lässt.

Er will Physik studieren und später noch Philosophie. Der Abiturient Leonhard Schülen, 20, aus Obersendling hat den ersten Teil von Goethes „Faust“ auswendig gelernt: 4164 Verse, in einem Reclamheftchen sind das 135 Seiten. An diesem Samstag steigt er in Thalkirchen um 10.34 Uhr in die Linie U 3 in Richtung Olympia-Einkaufszentrum, um das Werk vorzutragen.

SZ: Sie hören nicht die folgenden Gesänge, die Seelen, denen ich die ersten sang…

Leonhard Schülen: … zerstoben ist das freundliche Gedränge, verklungen ach, der erste Wiederklang. Mein Lied ertönt der unbekannten Menge, ihr Beifall selbst macht meinem Herzen bang, und was sich sonst an meinem Lied erfreuet, wenn es noch lebt, irrt in der Welt zerstreuet.

Respekt. Stichprobe bestanden.

Danke. Das war die dritte Strophe der vier Stanzen aus „Zueignung“. Nicht unbedingt die schwierigste Stelle.

Wie lange hat es gedauert, den ganzen „Faust“ auswendig zu lernen?

Sehr lange. Ich habe vor einem halben Jahr angefangen. Die letzten zwei Monate waren sehr intensiv. Vor einer Woche habe ich mit dem Wiederholen begonnen. Das mache ich so zehn bis zwölf Stunden am Tag.

Oh. Und so haben Sie sich alles gemerkt?

Naja, da alles in Reimform geschrieben ist, fällt es gar nicht so schwer. Ich lese eine Szene mehrmals durch, dann lese ich nur die Seite und dann lerne ich eben Zeile für Zeile auswendig. Es hilft übrigens sehr, wenn man beim Auswendiglernen spazieren geht. Ich war bis Juni drei Monate auf dem Jakobsweg unterwegs, da hatte ich genug Zeit.

Wie kommt man überhaupt auf die Idee, den „Faust“ auswendig zu lernen?

Er ist mein Lieblingswerk, ich habe ihn bestimmt sieben oder acht Mal gelesen. Und dann bin ich eine Wette eingegangen…

Die da lautet?

Ich habe ja manchmal eine leicht altkluge Art, das gehört wohl zu meinem Charakter. Wenn ich mit Freunden unterwegs bin, lasse ich ziemlich oft Faust-Zitate fallen. Ein Spezl war irgendwann ein bisschen genervt davon und hat mich herausgefordert. Er meinte, ich könne ohnehin nur mit Fragmenten um mich werfen und werde es nicht schaffen, das ganze Werk auswendig zu lernen.

An diesem Samstag wollen Sie das Gegenteil beweisen. Was passiert, wenn Sie scheitern?

Wir werden bestimmt vier Stunden im ganzen U-Bahn-Netz unterwegs sein. Mein Freund ist dabei und kontrolliert mich anhand der Reclamausgabe — das wird eine Herausforderung. Aber ich werde die Wette natürlich nicht verlieren. Immerhin geht es um zwei Kästen Bier.

Welche Zitate waren das, mit denen Sie die Wette provoziert haben?

Viele! Das Schöne ist ja, dass der „Faust“ unerschöpflich ist. Es gibt Zitate für alle Lebenslagen. Der Klassiker ist natürlich: „Nun steh ich da ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor“. Das habe ich zum Beispiel nach dem Abitur gesagt. „Ich bin der Geist, der stets verneint“, sage ich, wenn ich mit Freunden diskutiere und nicht ihrer Meinung bin. Oder meine Antwort auf ein erstauntes „Ach, echt?“: „Allwissend bin ich nicht, doch viel ist mir bewusst.“

Stört es Sie eigentlich, wenn Sie jemand altklug nennt?

Überhaupt nicht. Stimmt ja durchaus.

Was mögen Sie am „Faust“?

Seine unglaubliche Sprachgewalt. Viele sagen, Deutsch sei eine hässliche, harte Sprache. Das stimmt nicht. Goethes Sprache ist wunderschön. „Selig“ zum Beispiel! Sprechen Sie sich das mal vor! Und: Der „Faust“ enthält alle Themen, die im Leben wichtig sind. Wonach sollen wir streben? Woran sollen wir glauben? Was ist Liebe? Was ist das Böse? Warum leiden wir gerne?

Glauben Sie, dass man leiden muss, um etwas zu erreichen?

Ich habe beim Auswendiglernen sehr gelitten! Aber es ist doch immer so: Je härter man sich etwas erkämpft, desto intensiver freut man sich über den Erfolg.

Wahrscheinlich gibt es auch dafür ein „Faust“-Zitat?

Oh ja. „Freud muss Leid und Leid muss Freude haben.“

„Zwar weiß ich viel, doch möcht ich alles wissen“: Offenbar geht bei den Lokaljournalisten das Gedächtnis dafür verloren, was in Wetten, dass…? einst gewettet wurde. Es muss noch unter Frank Elstner gewesen sein, da konnte ein damals junger Mensch den Faust auswendig, was er bewies, indem er vorgegebene Verse mit dem Folgevers parierte. Er konnte beide Theile.

Ob er gewonnen hat, weiß ich auch nicht mehr, aber wenn, dann bestimmt keine Getränkeeinheiten. Sein unabsichtlicher Nachfolger Leonhard Schülen hat sich am 15. September bis gegen 14.00 Uhr offenbar wacker geschlagen, jedenfalls weiß man nichts Gegenteiliges. Die Biersorte steht leider auch nicht im Bericht von Tobias Dorfer: Goethe im Untergrund. Mitten in München, Stadtviertel-Teil, in: Süddeutsche Zeitung, 17. September 2012, Seite R7:

LS in Wochenanzeiger München, Leonhard Schülen rezitiert Goethes Werk in der U-Bahn, 10. September 2012Der letzte Wagen der U 3 ist ungewöhnlich voll an diesem Samstagvormittag. Viele junge Menschen sitzen in der Bahn, sie lesen in gelben Reclam-Heftchen, trinken Ginger Ale und lauschen einem jungen Mann: Leonhard Schülen, 20 Jahre alt, hat Goethes Faust auswendig gelernt, den ersten Teil zumindest, aber selbst das sind schon 4164 Verse. Sieben oder acht Mal hat der Abiturient den Klassiker gelesen, das macht das Auswendiglernen schon leichter. Zeile für Zeile, Seite für Seite: Es war Schwerarbeit.

Nun trägt er das Gelernte in einem öffentlichen Event vor. Das SZ-Interview, in dem Leonhard Schülen sein Vorhaben ankündigte, hat sich im Internet rasant verbreitet. Innerhalb weniger Stunden wurde der Artikel 600 Mal über Twitter und Facebook geteilt. Ein Besucher hat sich den Text sogar mit Klebeband am Jackett befestigt. Am Olympiazentrum steigt ein älterer Herr in die U 3 ein. „Faust?“, fragt er. Allgemeines Nicken. „Den hab ich gesucht“, sagt er zufrieden, holt sein Smartphone aus der Tasche und will weitere Besucher rekrutieren.

Am Olympia-Einkaufszentrum steigen Schülen und etwa 50 Zuhörer aus. Doch es geht weiter im Text, weiter zum anderen Bahnsteig. Dann in die U 1 bis zur Fraunhoferstraße, von dort in die U 2 bis zur Messestadt. Wer an diesem Vormittag das ganze Drama hören möchte, braucht Sitzfleisch und Durchhaltevermögen. Es ist stickig und heiß im Wagen, aber das stört hier keinen.

Leonhard Schülen trägt den Faust aber nicht nur vor. Er rezitiert. Manchmal singt er sogar. „Christ ist erstanden„, hallt es dann klar durch die U-Bahn oder „Geh aus mein Herz und suche Freud„. Seine Freunde schauen kritisch in ihre Reclam-Heftchen, ältere Beobachter schenken ihm bewundernde Blicke. Ein paar Mal rezitiert das Publikum eingängige Stellen aus dem Text gemeinsam, dann wird der Goethe-Tross zum Chor. Schöner kann U-Bahn-Fahren fast nicht mehr sein.

Das Heldenhafte an Leonhards Leistung war ja eigentlich der Event-Charakter seiner Rezitation, mit der er offensichtlich Schüler mit Reclam-Heften in ihrer Freizeit in den öffentlichen Raum hineinmotiviert hat. Seinerzeit bei Wetten, dass…? wurde doch eher rezeptiv auf dem Sofa gesessen.

Nächstes Jahr den zweiten Theil, wie wär’s? Und zwar eine Woche später, am ersten Wiesn-Wochende. Dann gewinnt das gleich ein ganz anderes Gewicht, was es hinterher für ein Bier gegeben hat.

Michaela Kakuk, Vier Stunden Faust in der U-Bahn, Merkur 16. September 2012

Bilder: Stefan Rumpf für Süddeutsche Zeitung, 14. September 2012;
LS für Wochenanzeiger München, schon vor der Süddeutschen am 10. September 2012;
Michaela Kakuk: Vier Stunden „Faust“ in der U-Bahn, in: Merkur, 16. September 2012.

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Written by Wolf

27. September 2012 um 06:28

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

14 Antworten

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  1. Schönes Event. Könnte man wunderbar ausbauen – so wie Notenstraße oder Märchenallee, Balladenweg oder Goethes Faust unterwegs…..

    Christina Katharina Bockmühl

    27. September 2012 at 20:03

  2. Der auf dem Bild? Das nenn ich doch mal Begeisterung, dem strömt ja die innere Beteiligung aus allen Poren. Einem, der den halben Faust so in ein Stück seiner jungen Lebenszeit inhalliert, muss der Goethe mehr wert sein als zwei Kisten Bier. :o) Eine Freude. – Generation Hoffnung? ;o)

    hochhaushex

    28. September 2012 at 02:48

  3. Die Bahnhöfe der Münchner U3/U6 zwischen Implerstraße und Münchner Freiheit werden seit Jahren von klassischer Musik beschallt. Höhenlastig, damit’s auch ja auffällt; heuer wurde erstmals über die Lokalzeitung „diskutiert“, ob man nicht doch mal die CD auswechseln sollte. Das soll die Penner fernhalten. Da sieht man, was Hochkultur im Vergleich zu den Hefekulturen fürs Bier für einen Stellenwert hat.

    Wolf

    28. September 2012 at 08:31

  4. Nächster Vorschlag: Ich bin für ein Sozialprojekt. Die „Penner“ müssen schließlich auch irgendwohin. Und wenn man zumindest seine Weste insofern sauber halten will, dass man in der Presse nicht wieder lesen muss: „23 Menschen diesen Winter erfrohren, weil sie aus den Bahnhöfen vertrieben wurden“, so bekommt jeder, der sich dort für eine Nacht oder länger niederlassen will, eine Aufgabe.
    Z. B. 1 Stunde laut durch das Mikro vorlesen, wer kann, darf auch singen….
    Wer nichts kann oder will, muss den Bahnsteig kehren. Entweder kommen dann all die „Penner“ nicht wieder oder es wird so voll, dass die alte CD wieder eingelegt wird.
    Und ob man nun meint man gehört zur Hochkultur oder zur Hefekultur – unter den Pennern gibt es bestimmt auch alles.

    Christina Katharina Bockmühl

    28. September 2012 at 10:01

  5. Ohne gleich wieder destruktiv rüberkommen zu wollen: Wie ist bei denn bei … öhm … Personen, die sich in U-Bahn-Bauwerken zu anderen Zwecken denn „als Fußgängerunterführung, Zugang zur U-Bahn und zu den Geschäften“ (MVG) aufhalten, eigentlich so die Heilsarmee angesehen? Wird da das Chorälesingen zur Suppe in Kauf genommen, weil’s besser als Verhungern und Erfrieren ist, oder würden sie da noch eher gegen Bahnsteigkehren tauschen?

    Konstruktiver: F. Murray Abraham, hab ich mal gelesen (offenbar nicht in Wikipedia, da steht das nicht), hat nach seinem Oscar für den Salieri im 1984er „Amadeus“ vom Big Business zurückgezogen und macht seitdem Theater-Workshops für Obdachlose in Kalifornien. Das find ich ja nun heillos cool, und jedenfalls scheint auf dem Gebiet was zu gehen. Muss man nur noch ein Forum finden, in dem genug Leute für klingende Penunze etwas struppigen Schauspielern zuschauen wollen :o)

    Wolf

    28. September 2012 at 10:27

  6. Was ist schon besser als Verhungern oder Erfrieren? Jeder Mensch, der sich nicht ganz aufgegeben hat, hängt an seinem Leben und wenn er etwas für sein Leben tun muss, so finde ich es besser, als wenn man mit seinem Mitleid Mitleid oder vielleicht auch ein gesellschaftliches Versagen verschenkt.
    Solche Projekte von Einzelnen sind wunderbar, wenn man dazu in der Lage ist – und das nicht nur in finanzieller Hinsicht. Aber auch jede andere Möglichkeit, sich sein täglich Brot selbst zu verdienen, ist genauso gut.
    Vielleicht braucht es genau solche Projekte, welche medienwirksam sind und die Öffentlichekeit wach rütteln um in diesen Menschen nicht nur den „Kleien Penner“ sondern vielleicht auch den struppigen Schauspieler, oder einen Musiker, Maler, Lebenskünstler – einen „Menschen“ zu erkennen.

    Christina Katharina Bockmühl

    28. September 2012 at 12:05

  7. Zweifellos — wenn ein Mensch schon Kapazitäten frei hat, dann immer wieder lieber Kunst treiben als keine Kunst treiben. Wäre so ein gedachtes Projekt dann etwas von sozialen Einrichtungen Angeleiertes oder eine Eigeninitiative von den BISS (Bürger In Sozialen Schwierigkeiten — die einschlägige Zeitung in München) selber?

    Und plane ich da schon wieder zuviel Sachen, die ich voraussichtlich nicht umsetzen werde (schade eigentlich…)?

    Wolf

    29. September 2012 at 11:40

    • Wie wäre es mit mehreren Aufrufen in verschiedenen Zeitungen? Wer liest in München alles die Biss? Erreicht sie ausreichend Menschen mit den Möglichkeiten, solche Projekte umzusetzen? Finden Sie auf politischer Ebene Menschen, die sie unterstützen! Machen Sie so vielen wie möglich ein schlechtes Gewissen. „Aus Hefekultur wird Hochkultur für Lebenskünstler!“

      Christina Katharina Bockmühl

      30. September 2012 at 17:16

      • Puh, das wird mir mehrere Nummern zu groß. So gut kenn ich mich inzwischen, dass ich sowas allenfalls in einem manischen Flash anfangen, aber nie durchziehen werd — und dann ein womöglich noch schlechteres Gewissen davon krieg, als wenn ich gar nicht erst ein Pferd scheu mach. Leider bin ich nicht gestrickt wie die Geschwister Scholl.

        Eine treffliche, treffende Formulierung ist mir aufgefallen: das mit dem Menschen erkennen. Und es stimmt schon: Was außer Kunst wäre es denn wohl, was den Menschen von der Graugans unterscheidet — die menschlichsten aller Äußerungen sind eigentlich wertfrei, und gerade deswegen darf man sie nicht unterlassen.

        Ein schönes Paradoxon. Das will ich aber niemandem preachen müssen, der noch gar nicht converted ist. Eingespannt werden kann ich für sowas eher, das sieht mir viel ähnlicher. Dann werd ich von dem Menschenerkennen ausgehen und kurz den Kalauer mit der Hefekultur darauf abklopfen, ob er ein Stück trägt, und dann kann ich auch was beitragen.

        Wenn sowas von mir ausgeht, liegt da kein Segen drauf — das tu ich der Sache nicht an. Wenn jemand dabei Unterstützung braucht: Ja, hier.

        Wolf

        1. Oktober 2012 at 11:52

  8. Ich bin zufrieden. Ich habe Sie aufgemischt. Gefällt mir.
    Das ist immer ein Anfang.

    Christina Katharina Bockmühl

    1. Oktober 2012 at 20:53

    • Gut zu wissen, dass der Sinn schon im Aufmischen liegt .ò)

      Der BISS müsste übrigens ziemlich gut laufen. Da steht nämlich ab und zu noch was anderes drin als dass Obdachlosigkeit keinen Spaß macht. Und Klassik in der U-Bahn, hab ich dieser Tage in anderem Zusammenhang gelesen, richtet sich außer gegen Schläfrige auch gegen Graffitikünstler. Dergleichen in gedeihliche Bahnen zu lenken, müssten in München die Teestube Komm und/oder die Glockenbachwerkstatt zuständig sein.

      Wolf

      2. Oktober 2012 at 06:26

      • Sie können so schön schreiben :), schicken Sie doch dorthin mal ein nette mail!
        Mit lieben Grüßen von Christina Katharina Barbara Bockmühl. :))

        Christina Katharina Bockmühl

        2. Oktober 2012 at 19:09

  9. Der BISS in Berlin heißt „Straßenfeger“, erscheint 14tägig in über zwanzigtausend Exemplaren. Doch Vooorsicht, es wäre irrig und fern der Realität, da eine Affinität von deren Verkäufern und Machern zu wortverwandten Tätigkeiten zu implizieren. Erst recht als Gegenleistung für eine kuschelige Übernachtungsgelegenheit auf zugigen Bahnsteigen. ;o) Da steht a u c h noch was anderes drin als obdachlose Widrigkeiten. Die m a c h e n darin sogar Kunst, ohne dass einer sie ihnen erfinden muss, und sogar Mode, aus der Kleiderkammer. Schon bei dieser Fähigkeit zur Selbstironie verbietet sich eigentlich jegliche Geringschätzigkeit.

    Ich bin ja nicht so die Freundin von sozialer wie sonstiger Missionierung und erhobenem Zeigefinger, auch nicht so von ‚Projekten‘, die an schlechtes Gewissen appellieren. Ein großer Teil dieser besonderen Sozialisation hat durchaus seine eigene innere Würde, erwachsen aus einer Erfahrung, die sie uns fraglos voraus hat: jeden Tag existenziell ein Stück vor die Hunde zu gehen und doch zu überleben. Der legt schon Wert auf gleiche Augenhöhe, kämpft sich für den Teller Suppe zähneknirschend durch die Choräle der Heilsarmee, bringt geniale Lebensphilosophen hervor und beherbergt mehr Künstler (aus sich selbst heraus), als einer von uns nur ahnt. Und bietet dir für die Bezeichnung Penner freundlich eins auf die Zwölf an. Erleb ich jeden Tag am U-Bahn-Bogen vom Nollendorfplatz. ;o)

    Der F. Murray Abraham wird das wissen; vielleicht hat er sich für die Authentizität mancher seiner Rollen gar mal in der Szene aufgehalten und ist da womöglich Originalen und wahren Mimen begegnet, die ihn in den Schatten stellen täten. :o)

    Das Forum gibt es ja auch schon. Struppiges Straßentheater macht einen Mordsspaß. Und wer mit dem Herzen dabei ist und die Leute nicht _unter_schätzt, darf gerne mittun, sogar helfen, glaub ich. Mit dem teilen sie dann sogar gern ihre letzte Pulle Hefekulturen-Elixier… ;o)

    hochhaushex

    3. Oktober 2012 at 08:17

  10. Endlich mal wer mit dem Puls an der Szene. Yay, danke dafür :o)

    Nach einer Perle wie dem Modeartikel müsste man glaub ich auch im BISS ganz schön suchen — liegt’s daran, dass in Berlin sowieso wesentliche Prozentsätze der Künstlerschaft in sozialen Schwierigkeiten sind?

    Heißt das eigentlich, dass für alle gesorgt sein könnte, wenn man erst mal das ausnutzt, was es schon gibt?

    Wolf

    3. Oktober 2012 at 13:48


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