Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Wie Champagnerschaum das wilde Gelächter (deine Erdbeer- und Himbeerdüfte)

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Update zu Und wenn es hundert schönere gibt,
O süßes Lied und
La feuille s’émeut comme l’aile dans les noirs taillis frémissants:

Die Leute wollen neben der Politik und dem Aktuellen etwas haben, was sie ihrer Freundin schenken können. Sie glauben gar nicht, wie das fehlt.

(Riesenschnörkel) Ernst Rowohlt, in: Kurt Tucholsky: Schloss Gripsholm, 1931.

Sehr richtig, Herr Verleger: Die Leute sollten sich gegenseitig viel mehr Gedichte schenken. Daher kommt heute der literaturwissenschaftliche Teil erst hinterher.

Rimbaud schrieb Les réparties de Nina im Alter von 15 Jahren als 9. Gedicht in seinem 1. Cahier de Douai, die erste Veröffentlichung war in Le Reliquaire 1891. Zitiert wird nach: Arthur Rimbaud: Sämtliche Werke. Französisch und deutsch, übertragen von Sigmar Löffler und Dieter Tauchmann. Mit Erläuterungen zum Werk und einer Chronologie zum Leben Arthur Rimbauds, neu durchgesehen von Thomas Keck, Insel-Verlag Anton Kippenberg, Leipzig 1976, Seite 52 bis 61:

——— Arthur Rimbaud:

Ninas Antwort

15. August 1870:

Er:

Deine Hüfte an meiner Hüfte,
     Na, gehen wir mal,
Die Nasenlöcher voller Düfte,
     Beim frischen Strahl

Der blauen Früh, da uns umflutet
     Tagwein ringsum? …
Dann, wenn der Wald erschauernd blutet,
     Vor Liebe stumm,

Aus jedem Ast als grüne Tropfen
     Den Knospenschwarm!
Man fühlt’s aus allen Poren klopfen
     Wie Fleisch so warm:

Den Morgenrock in der Luzerne
     Gehst du dahin,
Daß rosig sich die Augensterne,
     Statt blau, umziehn.

Verliebt ins grüne Gefilde,
     Säst rundhinaus
Du wie Champagnerschaum das wilde
     Gelächter aus:

Lachst über mich, den ganz Bezechten,
     Der roh dich zwingt,
So, siehst du wohl! – die schönen Flechten,
     Oh! – mich, der trinkt

Deine Erdbeer- und Himbeerdüfte,
     O welch Genuß!
Lachst über die diebischen Lüfte
     Und ihren Kuß,

Über die liebe Heckenrose,
     Die Ärger gibt,
Lachst meistens über ihn, du Lose,
     Der dich so liebt! …

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Oh, siebzehn Jahr! Das wird ein Leben!
     Vom Wiesenkranz,
Vom liebestrunknen Land umgeben!
     – Komm! näher! ganz! …

Deine Hüfte an meiner Hüfte,
     Im Zwiegesang
Erreichen wir langsam die Klüfte
     Am Waldeshang! …

Dann, grad als ob du stürbst, du Tolle,
     Vor Herzenspein,
Sagst du, daß ich dich tragen solle,
     Und blinzelst fein …

Ich trag dich – wie dein Herz klopft, Schöne! –
     Auf schmalem Steig;
Der Vogel spinnt Andantetöne:
     Im Haselzweig

Ich sprech in deine Lippen leise
     Ich drück dich gut
Und wieg dich Kind nach Ammenweise,
     Berauscht vom Blut,

Das färbt die weiße Haut der Glieder
     Mit Rosenton,
Und spreche dann ganz freiweg wieder …
     Na, – du weißt schon …

Die Wälder sind vom Safte trunken;
     Der Sonnenschein
Streut in den Purpurtraum wie Funken
     Sein Gold hinein.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Abends? … Nach Haus die weißen Wege,
     Die schlängelnd gehen
Wie Weisetiere, die sich träge
     Im Kreise drehn.

Die Apfelbäume, Zeil an Zeile,
     Im blauen Gras,
Man riecht sie über eine Meile,
     Wie gut ist das!

Zurück ins Dorf, wo schon die Gasse
     Einschläft; der Duft
Von frischer Milch durchzieht die blasse
     Nächtliche Luft.

Es riecht nach dampfend warmen Haufen
     Des Mists im Stall,
Durch welchen zieht das lange Schnaufen
     Der Leiber all,

Die bleichen im Laternenscheine;
     Und voller Ruh
Bedreckt sich stolz die Hinterbeine
     Die letzte Kuh …

– Großmutters Nase, die andächtig
     Die Brillenlast
Ins Meßbuch tunkt; der Bierkrug, prächtig
     In Blei gefaßt,

Der schäumt, dieweil die Pfeifen rauchen,
     Wenn schmatzend sie
Gräßliche Hängelippen schmauchen,
     Die dennoch nie

Aufhören, Schinken zu verschlingen,
     Mehr! immerzu!
Das Feuer, dessen Lichter springen
     Um Licht und Truh,

Das blanke Hinterteil des Knaben,
     Der rosigrund
Kniet, ’s weiße Mäulchen tief vergraben
     Im Tassengrund,

Indes sich knurrend, stupsend eine
     Schnauze aufreckt
Und liebevoll das dicke, kleine
     Gesicht ableckt …

Die starre Alte auf dem Stuhle,
     Die finster sinnt,
Schwarz vor der Glut, und auf die Spule
     Den Faden spinnt;

Was man alles in solchen Katen
     Zu sehen kriegt,
Wenn auf den grauen Steinquadraten
     Der Herdschein liegt! …

– Dann klein und duftend unsre Bleibe
     In frischer Nacht
Des Flieders: die verhängte Scheibe,
     Die drunter lacht …

Du kommst, du kommst, nicht wahr, wir wandern?
     Ich freu mich so!
Du kommst, mein Lieb? Und was die andern …

Sie:

Und mein Büro?

——— Arthur Rimbaud:

Les réparties de Nina

15 août 1870:

Lui.

Ta poitrine sur ma poitrine,
     Hein ? nous irions,
Ayant de l’air plein la narine,
     Aux frais rayons

Du bon matin bleu, qui vous baigne
     Du vin de jour ?…
Quand tout le bois frissonnant saigne
     Muet d’amour

De chaque branche, gouttes vertes,
     Des bourgeons clairs,
On sent dans les choses ouvertes
     Frémir des chairs :

Tu plongerais dans la luzerne
     Ton blanc peignoir,
Rosant à l’air ce bleu qui cerne
     Ton grand oeil noir,

Amoureuse de la campagne,
     Semant partout,
Comme une mousse de champagne,
     Ton rire fou :

Riant à moi, brutal d’ivresse,
     Qui te prendrais
Comme cela, – la belle tresse,
     Oh ! – qui boirais

Ton goût de framboise et de fraise,
     O chair de fleur !
Riant au vent vif qui te baise
     Comme un voleur,

Au rose églantier qui t’embête
     Aimablement:
Riant surtout, ô folle tête,
     A ton amant !….

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

– Ta poitrine sur ma poitrine,
     Mêlant nos voix
Lents, nous gagnerions la ravine,
     Puis les grands bois !…

Puis, comme une petite morte,
     Le cœur pâmé,
Tu me dirais que je te porte,
     L’œil mi fermé…

Je te porterais, palpitante,
     Dans le sentier :
L’oiseau filerait son andante :
     Au Noisetier

Je te parlerais dans ta bouche:
     J’irais, pressant
Ton corps, comme une enfant qu’on couche,
     Ivre du sang

Qui coule, bleu, sous ta peau blanche
     Aux tons rosés:
Et te parlant la langue franche…
     Tiens !… – que tu sais…

Nos grands bois sentiraient la sève
     Et le soleil
Sablerait d’or fin leur grand rêve
     Vert et vermeil.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Le soir ?… Nous reprendrons la route
     Blanche qui court
Flânant, comme un troupeau qui broute,
     Tout à l’entour

Les bons vergers à l’herbe bleue
     Aux pommiers tors !
Comme on les sent tout une lieue
     Leurs parfums forts !

Nous regagnerons le village
     Au ciel mi-noir ;
Et ça sentira le laitage
     Dans l’air du soir ;

Ça sentira l’étable, pleine
     De fumiers chauds,
Pleine d’un lent rhythme d’haleine,
     Et de grands dos

Blanchissant sous quelque lumière ;
     Et, tout là-bas,
Une vache fientera, fière,
     À chaque pas…

– Les lunettes de la grand’mère
     Et son nez long
Dans son missel : le pot de bière
     – Cerclé de plomb,

Moussant entre les larges pipes
     Qui, crânement,
Fument: les effroyables lippes
     Qui, tout fumant,

Happent le jambon aux fourchettes
     Tant, tant et plus :
Le feu qui claire les couchettes
     Et les bahuts.

Les fesses luisantes et grasses
     D’un gros enfant
Qui fourre, à genoux, dans les tasses,
     Son museau blanc

Frôlé par un mufle qui gronde
     D’un ton gentil,
Et pourlèche la face ronde
     Du cher petit…..

Que de choses verrons-nous, chère,
     Dans ces taudis,
Quand la flamme illumine, claire
     Les carreaux gris !…

– Puis, petite et toute nichée
     Dans les lilas
Noirs et frais : la vitre cachée,
     Qui rit là-bas….

Tu viendras, tu viendras, je t’aime !
     Ce sera beau.
Tu viendras, n’est-ce pas, et même…

Elle.

Et mon bureau ?

Rimbaud suites, 13. Oktober 2018

Die gedachte Landschaft in Rimbauds, des Ardennensohns, Gedicht dürfen wir uns um Chuffilly-Roche (Stand 2018: 73 Seelen) bei Charleville-Mézières vorstellen: um das Nachfolgeanwesen von Rimbauds Mutter herum — das übrigens 2017 von Patti Smith erworben wurde: als waldiges Mittelgebirge ohne Extreme, aber mit viel Idylle:

Auf Rimbauds Manuskript hieß das Gedicht noch Ce qui retient Nina, das ist: Was Nina zurückhält. Die Insel-Ausgabe von Sigmar Löffler und Dieter Tauchmann 1976 lehrt dazu, Seite 416 f.:

Rimbaud suites, 13. Oktober 2018Aufschlußreich ist das Gedicht in vielerlei Hinsicht: Obwohl das Thema, die Einladung eines Mädchens zum Spaziergang, in der zeitgenössischen Dichtung oft strapaziert war, ist doch die realistische Beschreibung, besonders des Bauernhauses in den Ardennen, poetisch außerordentlich gelungen. Am bedeutsamsten jedoch sind die hier gebrauchten Effekte, das Bemühen nämlich, neue kühne Wortschöpfungen zu finden, wenn z. B. das Gras unter dem Schatten der Bäume blau erscheint. Damit leitet sich eine Entwicklung ein, die im ‚Bateau ivre‚ und in der poetischen Prosa der ‚Illuminations‚ gipfelt.

Und noch etwas ist in diesem Stück bedeutsam! Die am Schluß frappierende Antwort des Mädchens: ‚Et mon bureau?‘ Die herbe Desillusionierung eines schwärmerischen poetischen Aufschwungs des lyrischen Ich durch das profane Nützlichkeitsdenken eines weiblichen Gegenübers erinnert an ähnliche Effekte in Texten Baudelaires (z. B. ‚La Soupe et les nuages‘ aus den ‚Petits Poèmes en Prose‚). In Rimbauds poetischer Terminologie ist ‚Bureau‘ ein symbolkräftiger Schlüsselbegriff für geistige Stupidität. In ‚À la musique‘ charakterisiert er die Bourgeois als ‚gros bureaux bouffis‘, in ‚Les Assis‘ spricht er von ‚fiers bureaux‘.

Images: Rimbaud expliqué, 5. Juni 2021;
Rimbaud suites, 13. Oktober 2018.

Bande sonore: Adaption musicale par Richard Ankri, 2019:

Bonus Track: das vollständige Lied von oben:
Patti Smith: Dancing Barefoot, aus: Wave, 1979:

Written by Wolf

20. August 2021 um 00:01

Veröffentlicht in Impressionismus, Land & See

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