Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

And such a life I wish to live

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Update zu Drum dein Stimmlein lass erschallen:

——— John Milton:

Il Penseroso

1645, Schluss:

And may at last my weary age
Find out the peaceful hermitage,
The hairy gown and mossy cell
Where I may sit and rightly spell
Of every star that heav’n doth show,
And every herb that sips the dew;
Till old experience do attain
To something like prophetic strain.
These pleasures, Melancholy, give,
And I with thee will choose to live.

——— Joseph Giles:

A Parody, upon those Lines of Milton’s,
in the Hermitage at Hagley-Park.

angesichts Hagley Park, aus: Miscellaneous Poems: on various Subjects, and Occasions. Revised and corrected by the late Mr. William Shenstone, 1771:

May I, while health and strength remains,
And blood flows warm within my veins;
Find out some virgin, soft and kind,
Who is to social joy inclin’d;
A nymph who can for me forgo,
The fop, the fribble, and the beau;
From noise and show, content can be,
To live at home with love and me:
Such pleasures Love and Hymen give,
And such a life I wish to live.

Seit 1997 sollte unser aller Karriereziel klar sein: Schmuckeremit.

Seit 1997, weil da bei Matthias Altenburg in Landschaft mit Wölfen die Berufsbeschreibung eines mit neidischem Erstaunen zur Kenntnis gelangten Ziereremiten vorkommt, und weil man Matthias Altenburg ruhig mal einen 160-Seiten-Roman lang zuhören kann.

An English hermitage illustrated in Merlin, a poem, 1735, via Atlas Obscura

Hauptsächlich wird der Schmuck- oder Ziereremit für seine schiere Existenz und Anwesenheit als Druide, Anwärter auf einen Heiligen oder wenigstens malerischer Kauz bezahlt, wie sie in einem romantisch gemeinten Landschaftsgarten oder Park wünschenswert scheint — nach mancherlei Auffassung als gehobener Gartenzwerg an Orten, wo eine leblose Gartenstatue nicht mehr ausreicht. Die Jobbeschreibung enthält: nicht waschen, nicht kämmen, keine Haare und keine Nägel beschneiden; ab und zu was Weises sagen kommt schon nicht mehr ausdrücklich vor, aber ich persönlich würde mich da nicht lumpen lassen. Zum gestellten Arbeitsmaterial zählen gern eine Bibel und eine Katze.

Was so erstrebenswert klingt, relativiert sich durch die übliche Laufzeit der Arbeitsverträge von sieben Jahren mit einmaliger Gehaltsauszahlung zum Ende der Vertragslaufzeit. Im übrigen war kein Wort von einer etwaigen Frauenquote festzustellen, vielmehr das — ebenfalls unausgesprochene — Gebot der Keuschheit. Irgendwas ist ja immer.

Typischerweise wurden Schmuckeremiten von britischen Gutsbesitzern engagiert, die im Laufe des 18. Jahrhunderts vom Barockgarten französischer Bauart auf den genuin englischen Gartenbau umstellten, also mit einer Blüte während des Georgianischen Zeitalters. Erkennbar sind solche ehemaligen Arbeitsplätze im gesamten Europa oft an der erhaltenen Einrichtung einer Eremitage, englisch: Hermitage, die als Stätten der Erholung und Beschaulichkeit, gerne auch der Gastronomie gepflegt werden. Die englische Idiomatik verwendet bis heute den Ornamental Hermit zur Beschreibung malerisch ungepflegter oder exzentrisch lebender Menschen.

Die bisher gängige Coverage über Schmuckeremiten, soweit dieses Phänomen seine Bekanntheit überhaupt in postmoderne Tage retten konnte, steht übersichtlich versammelt bei Edith Sitwell in: Ornamental Hermits of Eccentric Modern England, in: The English Eccentrics, Faber & Faber, London 1933, via Hermitary. Resources and Reflections on Hermits and Solitude; viraltauglicher zusammengefasst von Allison Meier in: Before the Garden Gnome, the Ornamental Hermit: A Real Person Paid to Dress like a Druid, Atlas Obscura, 18. März 2014; dessen erwähnte Auffassung als Gartenzwerg wird unter anderem vertreten durch Patrick Spät in: Schmuckeremiten — die lebendigen Gartenzwerge, Telepolis 15. Mai 2016. Ihren begründeten Widerspruch findet diese allzu modernistische Herabsetzung bei Silvae in: Landschaftsgärten, 26. August 2014:

Allerdings muss man Hans Ost widersprechen, der in Einsiedler und Mönche in der deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts behauptet: Als Staffage haben sie eine ähnliche Funktion wie etwa der Gartenzwerg.

Das trifft zu wie alles, was der Polyhistor Silvae sagt — in diesem Fall aber wohl nur für die wirklich großen, engagiert angelegten und gepflegten Landschaftsgärten, die dann gleich Et in Arcadia ego nachstellen und ausleben wollen. Persönlich gehe ich davon aus, dass der typische beschaulich exzentrische Landadlige sich mit dem Eremiten eine Personifizierung seines darzustellenden Innenlebens buchen wollte. So überliefert Silvae selbst:

Stellenanzeige Hamilton, via Silvae, Landschaftsgärten, 26. August 2014

Wanted — Ornamental hermit to occupy natural cave dwelling under waterfall for seven years. The successful candidate shall be provide with Bible, water, spectacles, camlet robe, hourglass, and food from the house. No hair-, nail-, or beard-trimming permitted. Sum offered: £ 600.

In der täglichen Praxis konnte sich so ein bärtiger, ungewaschener Angestellter doch recht profan benehmen; a. a. O.:

Diese Anzeige, mit der ein Ziereremit gesucht wird, wurde von dem Honourable Charles Hamilton aufgegeben. Der Bewerber wurde allerdings nach drei Wochen gefeuert, da er sich nachts heimlich in die Dorfkneipe zu schleichen pflegte.

Und das mit den einmal 600, einmal 700 kolportierten £, die er, wir erinnern uns, erst am Ende seiner sieben Arbeitsjahre erwarten durfte. Was immerhin lehrt, welchen Kredit so ein Schmuckeremit im Georgianischen Zeitalter bei Gastwirten genoss. Daher war das bei einer bestimmten Klientel zu dergleichen berufener Mannspersonen ein begehrter Job, der seinen Weg auch in den Zeitungsteil mit den Stellengesuchen fand. 1810:

A young man, who wishes to retire from the world and live as a hermit, in some convenient spot in England, is willing to engage with any nobleman or gentleman who may be desirous of having one. Any letter addressed to S. Laurence (post paid), to be left at Mr. Otton’s No. 6 Coleman Lane, Plymouth, mentioning what gratuity will be given, and all other particulars, will be duly attended.

An English hermitage illustrated in Merlin, a poem, 1735, via Atlas Obscura

Die seriösen, in allen Wortsinnen groß gedachten Landschaftsanlagen verstanden oft schon nicht mehr als Teil des vorgefundenen Geländes, sondern als Arkadien. So spielt das formal höchst durchtrieben gebaute Theaterstück Arcadia von Tom Stoppard 1993 nicht nur mit Zeitebenen über eineinhalb Jahrhunderte, sondern auch mit der Auffassung des Schmuckeremiten:

Lady Croom: My lake is drained to a ditch for no purpose I can understand, unless it be that snipe and curlew have deserted three counties so that they may be shot in our swamp. What you painted as forest is a mean plantation, your greenery is mud, your waterfall is wet mud, and your mount is an opencast mine for the mud that was lacking in the dell. (Pointing through the window) What is that cowshed?
Noakes: The hermitage, my lady?
Lady Croom: It is a cowshed.
Noakes: It is, I assure you, a very habitable cottage, properly founded and drained, two rooms and a closet under a slate roof and a stone chimney —
Lady Croom: And who is to live in it?
Noakes: Why, the hermit.
Lady Croom: Where is he?
Noakes: Madam?
Lady Croom: You surely do not supply an hermitage without a hermit?
Noakes: Indeed, madam —
Lady Croom: Come, come, Mr Noakes. If I am promised a fountain I expect it to come with water. What hermits do you have?
Noakes: I have no hermits, my lady.
Lady Croom: Not one? I am speechless.
Noakes: I am sure a hermit can be found. One could advertise.
Lady Croom: Advertise?
Noakes: In the newspapers.
Lady Croom: But surely a hermit who takes a newspaper is not a hermit in whom one can have complete confidence.

John Bigg, the Dinton Hermit, via Atlas ObscuraDie maßgebliche, meines Wissens einzige — und in keiner deutschen Übersetzung vorliegende — Fachliteratur wird abgedeckt durch Gordon Campbell: The Hermit in the Garden: From Imperial Rome to Ornamental Gnome, Oxford University 2013. In mancherlei Hinsicht kann es kein typischer englisches Buch geben: Es handelt in aller wünschbaren Länge, Breite und vor allem Tiefe von einem skurrilen — Campbell selbst nennt es Pythonesque — Thema, das nicht etwa zu Unterhaltungszwecken frei erfunden, sondern aus der eigenen Geschichte recherchiert wurde; am Ende ist es laut Verlagswerbung

[t]he intriguing tale of the craze for ornamental hermits — the must-have accessory for the grand gardens of Georgian England and beyond

geworden.

Campbell wendet von seinen 256 Seiten 33 an The Hermitage in the Celtic Lands, womit nicht etwa alle keltischen Kulturen, sondern exklusiv Schottland und Irland gemeint sind — und der Rest des für Schmuckeremiten relevanten Europas wird komplett abgehandelt in einem Appendix 2 namens The Hermit and the Hermitage on the Continent, der genau 6 Seiten umfasst; übrigens im Anschluss an den Appendix 1, einer fünfeinhalb Seiten starken tabellarischen Auflistung sämtlicher im Haupttext erwähnten, immerhin gesamteuropäischen Eremitagen.

Da bleiben für Deutschland in diesem Anhang 2 ab Seite 217 lobende Erwähnungen für Bayreuth, Wörlitz, Luisium, Sieglitzer Berg, Kassel-Wilhelmshöhe und Potsdam — und der Magdalenenklause im Münchner Schlosspark Nymphenburg. Die Seiten 217 bis 219, die innerhalb des europäischen Kontinents Deutschland betreffen, in eigener Übersetzung:

Im späten 18. Jahrhundert kam der englische Landschaftsgartenbau auf dem Kontinent in Mode, wo er jeweils auch als jardin anglais oder giardino inglese bekannt wurde. Einige dieser Gärten beschäftigten Schmuckeremiten. Der folgende kurze Überblick setzt ein mit Deutschland, wo die englische Bauweise den Gartenbau als erstes beeinflusste, und wendet sich dann nach den Niederlanden, Skandinavien, Ungarn (einschließlich Transsilvanien), Russland, Spanien und der Schweiz.

Gordon Campbell, The Hermit in the Garden: From Imperial Rome to Ornamental Gnome, 2013, via SilvaeDas kontinentale Land mit den meisten Eremitagen in „englischen“ Gärten ist Deutschland. Bevor sich die englische Bauweise durchsetzte, herrschte eine Mode für Hoferemitagen wie die Eremitage vor den Toren Bayreuths und das etwas spätere Schloss Nymphenburg, die Münchner Sommerresidenz der bayerischen Kurfürsten. Der ursprüngliche Garten bei Schloss Nymphenburg war italienischen Stils, bis der Landschaftsarchitekt Joseph Effner im frühen 18. Jahrhundert mit der Modernisierung begann. Sein hauptsächlicher Beitrag zum Park bei Nymphenburg war der Aufbau dreier Pavillons (der vierte und erlesenste ist die Arbeit eines anderen Architekten, François de Cuvilliés. Einer von Effners Pavillions war die Magdalenenklause (1725–8), eine als Klosterzellenruine konzipierte Eremitage. Das war eine Struktur, die das Einsetzen des englische Landschaftsstils vorwegnahm, der zuerst in Wörlitz im ostdeutschen Sachsen-Anhalt erschien.

Der große Garten bei Wörlitz wurde zwischen 1764 und 1805 als Teil von Schloss Wörlitz angelegt, der Sommerresidenz von Fürst Franz, Prinz von Anhalt-Dessau. Fürst Franz war Regent von Dessau, aber auch Gartengestalter beträchtlichen Ranges. Auf seinen Reisen durch England hatte er sich mit englischen Gärten vertraut gemacht: Kew, The Leasowes, Stowe und Stourhead — und bezog alle in seine Gartengestaltungen ein: Luisium (1774), Sieglitzer Berg (1777) und Wörlitz. Sein Garten bei Wörlitz ist im Geiste von Rousseaus Ermenonville gestaltet, dem er den Einsatz von Pappeln abschaute; und tatsächlich baute er 1782 eine Kopie von Rousseaus Grabmal ein. In einem angelegenen Teil des Geländes wurde eine Eremitage eingerichtet. Fürst Franz‘ restliche Gärten waren weniger durchkonstruiert, aber für den Bau einer Eremitage am Sieglitzer Berg am Ufer der Elbe zog er den deutschen Gartengestalter Johann Friedrich Eyserbeck hinzu; die Gestaltung lehnt sich deutlich an Stourhead an.

Besuch erhielt Wörlitz unter anderem von Carl August von Sachsen-Weimar in Begleitung von Goethe. Nach Weimar heimgekehrt, kopierten beide etliche Merkmale im heute so genannten Ilmpark, der entlang des Flusses angelegt wurde. Unter den von ihnen errichteten Gebäuden findet sich eine Eremitage, die heute Borkenhäuschen heißt, erbaut 1778.

~~~\~~~~~~~/~~~

John Bigg, the Dinton Hermit, via Atlas ObscuraZwei weitere Englische Gärten in Deutschland beherbergen erhaltene Eremitagen: die eine in Kassel und die andere in Potsdam. Schloss und Park in Kassel seit 1798 als Wilhelmshöhe bekannt, wurde Anfang des 18. Jahrhunderts als italienischer Garten mit reichlichem Wasserbrauch und einer Unzahl von Statuen angelegt. Anfang der 1780er Jahre errichtete der Landgraf innerhalb des Parks eine Chinoiserie namens Mou-lang und leitete damit den Übergang vom italienischen Barockstil zum englischen landschaftsgarten ein. Die Bauten von Mou-lang wurden schnell mit einer ägyptischen Pyramide, einem Tempel des Merkur und einer Anzahl Eremitagen vervollständigt, deren jede einem Philosophen gewidmet war; allein die Eremitage des Sokrates besteht noch.

Der Neue Garten in Potsdam war das Werk von Friedrich Wilhelm II., König von Preußen, der kurz nach seiner Thronbesteigung 1786 Johann August Eyserbeck (den Sohn von Johann Friedrich) beauftragte, seine Pläne zu einem Garten nach englischem Modell ins Werk zu setzen. Am nördlichen Ende des Parks verfällt heute eine Eremitage, die ein Reetdach hatte und mit Eichenrinde verkleidet war.

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Die gegenwärtige Grenzziehung zwischen Deutschland und den Niederlanden ist vergleichsweise modern. Während es Dreißigjährigen Krieges wurde die Stadt Kleve, die heute auf der deutschen Seite der holländisch-deutschen Grenze liegt, von der Republik der Sieben Vereinigten Provinzen regiert. […]

Der inhaltliche Sprung in die holländische Geschichte zeigt, dass ich eigentlich schon zuviel übersetzt hab, soweit es um deutsche Eremitagen gehen sollte. Mehr als die nicht ganz zwei Seiten im allerletzten Textteil des Anhangs ist da nicht.

Insgesamt gestaltet sich die Fachliteratur über Schmuckeremiten spärlich, und auch nach Campbells Monographie erwarte ich schon allein wegen der zu befürchtenden Senkung der Arbeitsmoral potenzieller Arbeit-„Nehmer“ keine Explosion ihrer Popularität. Was vorhanden ist — von John Milton samt seiner Parodie von Joseph Giles über den belletristischen Exkurs bei Matthias Altenburg, aufschlussreicher bei Edith Sitwell, Allison Meier für den Atlas Obscura und Patrick Spät für Telepolis, Tom Stoppards alle Erzählmöglichkeiten des Theaters ausschöpfende Komödie bis hin zu Gordon Campbells überfälliger Monographie — scheint mir, ohne alles vollständig durchstudiert zu haben, interessant genug für uneingeschränkte Empfehlung.

Stand einem Schuckeremiten eigentlich Urlaub zu?

An 18th century hermitage that survives in Manor Gardens Eastbourne, East Essex, photograph by Kevin Gordon

Bilder: Silvae: Landschaftsgärten, 26. August 2014;
Allison Meier: Before the Garden Gnome, the Ornamental Hermit: A Real Person Paid to Dress like a Druid, Atlas Obscura, 18. März 2014:

  1. An English hermitage illustrated in „Merlin: a poem“ (1735) (via British Library);
  2. John Bigg, the Dinton Hermit. Not a garden hermit, but of same era (via Wellcome Library);
  3. John Bigg, the Dinton Hermit (via Wellcome Library);
  4. An English hermitage illustrated in „Merlin: a poem“ (1735) (via British Library);
  5. An 18th century hermitage that survives in Manor Gardens Eastbourne, East Essex (photograph by Kevin Gordon).

Soundtracks: Ornamental Hermit, einmal von William D. Drake, aus: The Rising of the Lights, 2011,
und einmal von David Grubbs, aus: The Plain Where the Palace Stood, 2013:

(Of all the things you did for me
The one most splendid was to christen
A place in me where I can be
A most contented person.)

Bonus Track, weil Musik ja auch Spaß machen soll: Отава Ё: Про Ивана Groove, 2011:

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Written by Wolf

21. Juni 2019 um 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Sturm & Drang

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